Kare Kano



  • Handlung


    Wenn die Neon Genesis Evangelion-Macher einen auf Liebe machen.


    Auf Yukino Miyazawa lastet ein enormer Erfolgsdruck. Bislang hatte sie ein perfektes Image und war durch harte Arbeit immer die Klassenbeste und bei jedem beliebt.


    Im neuen Schuljahr sollte sich dies aber ändern. Sie bekommt plötzlich Konkurrenz von Soichiro Arima, einem Jungen aus gutem Hause. Yukino kann ihn vom ersten Augenblick an nicht ausstehen, da er sie in allen Bereichen mit Leichtigkeit übertrumpft. Um sich ihre Position zurückzuerobern, sinnt sie nach Rache.


    Doch aus Rache wird schnell Liebe...




    Bei damaliger Erstsichtung von Kare Kano waren wir skeptisch. Kein Wunder: Zwar war das Animationsstudio dank einer regelrechten Anime-Legende wie Neon Genesis Evangelion bereits ein bekannter Name, einen bodenständigen Shôjo-Anime aus ihrer Feder konnten wir uns aber nur schwerlich vorstellen.


    Doch bereits nach wenigen Minuten wurden wir eines Besseren belehrt. Kare Kano darf man auch heute noch problemlos als eine der Speerspitzen des Genres bezeichnen, die mit einer grandiosen Stärken vieler mächtiger Elemente einen ebenso wohlschmeckenden wie auch nachhaltigen Cocktail liefert und somit definitiv nicht nur Freunde romantischer und herzerwärmender Romanzen anspricht.


    So fallen zunächst die sympathischen Charaktere sowie der stets vorherrschende, jedoch durchweg gezielt und dezent eingesetzte Humor auf. Nur selten driften alltägliche Situationen ins Dämliche ab, sondern halten sich auf einem realistischen und nachvollziehbaren Level. Ausufernde Lacher sind damit zwar nicht vorprogrammiert, dafür aber mitfühlende Schmunzler – und bei einem Anime wie Kare Kano sind gerade diese die Königsdisziplin.


    Primär beeindruckt waren und sind wir allerdings von der emotionalen Macht dieses Animes. Anstatt lahme Liebesmomente und schmalzige Klischees serviert zu bekommen, gewährt uns Gainax einen Blick in die Köpfe der Charaktere und präsentieren uns somit Beweggründe und Motivationen sowie einschneidende Entwicklungen auf eine ebenso beeindruckende wie auch eindringliche Art und Weise. Definitiv ein Learning, das man aus Neon Genesis Evangelion gezogen hat.


    So mag Kare Kano auf dem Papier eine recht simple Geschichte rund um Liebe, Eifersucht und Schulfreundschaften erzählen, geht bei der eigentliche Analyse und Verarbeitung eben dieser Aspekte so tief, dass man sich direkt mit den Charakteren identifizieren kann und regelrecht mit ihnen mitfiebert. Klar, immerhin wird sichergestellt, dass man die Gründe für ihr Handeln stets mitverfolgen kann.




    Gainax schafft es, die altbekannte Realität mit einer tiefgehenden Erzählebene zu versehen. Und fürchtet sich dabei auch nicht, die negativen und erschreckenden Seiten aufzuzeigen, was natürlich umso mehr schmerzt, wenn man sich zuvor vollends auf die einzelnen Akteure eingelassen hat.


    Fans werden somit direkt an Neon Genesis Evangelion erinnert. Hier gab es zwar zusätzlich eine ordentliche Portion Action, letztlich standen die Pro- und Antagonisten jedoch im Vordergrund und präsentierten ihre innere Zerrissenheit, ihr emotionales Dilemma, als visuelle Bühne für den Zuschauer.


    Während Kare Kano dieses deprimierende Level (zum Glück) nicht erreicht, fühlten wir uns spätestens ab der zweiten Episode sehr stark daran erinnert. Im Endeffekt öffnen Yukino, Soichiro und Co. nämlich ihre Herzen, um sie bei ihrer emotionalen Achterbahnfahrt des Lebens zu begleiten und dabei alle Höhen und Tiefen erfreut und schmerzend zu erleben.


    Wir hätten niemals gedacht, dass Gainax auch bei solchen bodenständigen Erzählungen das emotionale Messer gnadenlos in unser Herz stechen würde. Und können nach 26 grandiosen Episoden, deren Qualitätskurve sich stets auf einem konstant starken Level hält, mit Fug und Recht behaupten: wir freuen uns sehr, dass wir uns geirrt haben.




    Bild


    Allerdings kann sich die Wucht einer emotionalen Handlung nur bedingt entfalten, sofern der optische Aspekt nicht als romantischer Begleiter zur Seite steht. Ein Fakt, der sich bei Kare Kano von Anfang bis zum Ende bemerkbar macht.


    Hier orientiert sich Gainax nämlich stark an der bedeutungsstarken Bildsprache von Neon Genesis Evangelion und formt sie elegant um, damit sie auch als zarte Ummantelung für eine romantische Erzählung funktioniert. Lange, von ruhigen Momenten begleitete Standbilder, gezielt eingesetzte Texteinblendungen sowie das Überschneiden zweier Bilder – alles Techniken, die hervorragend eingesetzt werden, um den Handlungsmoment emotional stark zu unterstreichen.


    Besonderes Highlight: Stellenweise wird sogar auf Zeichnungen aus dem Manga zurückgegriffen, die hervorragend in das Gesamtbild eingefügt und emotionale Höchstmomente eingesetzt werden. Stilistisch wird somit eine abwechslungsreiche Bandbreite an optischen Leckerbissen geboten, die trotz ausbleibender Actionsequenzen mitreißende Bilder garantieren.


    Einziger (kleiner) Wermutstropfen: Anstatt auf eine aufwändige Blu-ray-Optimierung zu setzen, handelt es sich bei der Gesamtausgabe um ein DVD-Set, bei dem sich das hohe Alter stellenweise bemerkbar macht. Den bereits erwähnten, stilistisch starken Momenten tut das keinen Abbruch, hier und da hätten wir uns jedoch über kräftigeren Farben sowie mehr Schärfe gefreut. Vielleicht ja eines Tages...




    Sound


    Zum Glück setzt sich die qualitative Höchstleistung auch in der deutschen Variante fort. Anstatt die Kare Kano-Synchronisation nämlich auf die leichte Schulter zu nehmen, wurden mit Rubina Kuraoka und Constantin von Jascheroff zwei starke Sprecher für die Hauptcharaktere verpflichtet, die gemeinsam mit einem starken Synchro-Ensemble dem japanischen Original definitiv das Wasser reichen können.


    Vor allem die ruhigen, emotional höchst anspruchsvollen Momente werden mit hörbar viel Liebe und Leidenschaft vortragen, wodurch man einen qualitativen Abfall nicht zu befürchten braucht. Im Gegenzug beeindrucken dann aber auch die lauteren Sequenzen, in denen mehr Power, Lacher und Freude gefragt sind. Selten hatten wir bei der Wahl der deutschen Fassung ein so gutes Gewissen.


    Begleitet wird das Ganze von einem erstklassigen Soundtrack aus der Feder von Komponist Shirô Sagisu, der mit seinen gefühlvollen orchestralischen sowie einfühlsamen Piano-Klängen jede Situation perfekt untermalen kann und dabei nicht selten für wichtigen Nachdruck sorgen kann, der uns vor allem während der letzten Folgen regelrecht die Tränen in die Augen trieb.


    Sicherlich könnte man bei solch einer hervorragenden Chance für eine raumfüllende Atmosphäre nun das Fehlen eines 5.1-Formats monieren. Hierbei würde es sich allerdings nur um Meckern auf höchstem Niveau handeln – immerhin können wir vor solch einem starken Gesamteindruck nur den Hut ziehen.




    Extras


    Poster

    Sticker


    Es ist der Wermutstropfen, den wir bei einem Anime mit solch einem beträchtlichen Alter bereits befürchtet hatten. Neben einem schicken Poster und einem Sticker sucht man als Kare Kano-Fan nämlich leider vergeblich nach weiteren Bonusinhalten.


    In Anbetracht der vielschichtigen Handlung, die das emotionale Innenleben der Protagonisten beeindruckend detailliert vorstellt und auf unterschiedliche Art und Weisen zum Leben erweckt, hätten wir sehr gerne einige Interviews mit den Autoren spendiert bekommen.


    Kein Beinbruch. Aber dennoch ein leichter Riss in unserem Fan-Herz, das nach den 26 wundervollen Episoden mehr möchte.




    Fazit


    Emotional. Ergreifend. Echt.


    Selbst 20 Jahre nach Erstveröffentlichung darf sich Kare Kano dank sympathischer Charakter, einem ergreifenden Blick in die menschliche Psyche sowie einer überzeugenden Liebesgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen spielend leicht als ein Meisterwerk des Shôjo-Genres bezeichnen, das kein Anime-Fan verpassen darf.


    Sicherlich mögen optische (oftmals altersbedingte) Unzulänglichkeiten sowie das insgesamt gezügelte Grundtempo nicht jedem schmecken, dennoch sollten selbst Romanze-Muffel einen Blick riskieren. Denn Kare Kano beweist eindrucksvoll, dass das Leben zweier liebender Menschen jeden in seinen Bann ziehen kann, sofern es auf die richtige Art und Weise präsentiert wird.


    Der beste Beweis, dass Gainax definitiv mehr kann als nur Neon Genesis Evangelion.


    Name: Kare Kano Gesamtausgabe [DVD]

    Verleih: Nipponart

    Bild: 4:3

    Ton: Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Japanisch)

    Untertitel: Deutsch

    Laufzeit: ca. 650 Minuten

    Freigegeben ab: 6 Jahren


    Mehr Infos findet ihr hier!


    Für alle Bilder in unserem Test gilt:
    © 1998 M.TSUDA·HAKUSENSHA/GAINAX·KAREKANO-DAN·TV TOKYO·MEDIANET

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