Scum's Wish Volume 1



  • Wer hier eine simple Love-Story erwartet, der erlebt sein emotional mitreißendes Wunder.


    Nach Außen sind die Elftklässlerin Hanabi und ihr Freund Mugi scheinbar ein perfektes Paar. Doch das Glück trügt, denn eigentlich verzehrt sich Hanabi heimlich nach ihrem Klassenlehrer Narumi Kanai, während Mugi seine Musiklehrerin Frau Minagawa begehrt.


    Wer denkt, das seien die einzigen Schwierigkeiten, die das Liebesleben der beiden aufwirft, der täuscht sich, denn noch weitere Figuren treiben das komplizierte Beziehungskarussell an.




    Es ist witzig, wie uns Erwartungen manchmal gnadenlos auf die falsche Fährte locken. Als ich Scum's Wish in meinen Blu-ray-Player einlegte, erwartete ich eine typische, weichgespülte 0815-Story rund um komplizierte Liebeleien, gespickt mit deplatziertem Humor und kaum ernstzunehmenden Dialogen.


    Wie falsch ich doch lag. Und dafür bekam ich gleich mit der ersten Folge einen emotionalen Hieb mitten in die Magengrube.


    Obwohl sich Scum's Wish zwar um eine Liebesgeschichte dreht, geht diese gegen jegliche Konventionen des Genres und traut sich, einen völlig anderen Pfad zu beschreiten. Anstatt euch einen Blick in die Herzen der beiden Protagonisten zu gewähren und damit trotz einiger Höhen und Tiefen letztlich eine romantische Narrative zu stricken, öffnet euch Hanabi einen Blick in ihre verwirrte, deprimierte Psyche.


    Scum's Wish zeichnet dadurch ein niederschmetterndes, aber eben auch erschreckend reales und nachvollziehbares Bild, dem man sich nur schwer entziehen kann. Obwohl ich nach der ersten Episode am liebsten kurzzeitig abgebrochen und mir mit einem anderen Anime wieder ein wenig gute Laune eingeflößt hätte, konnte ich mich kaum vom Bildschirm lösen und wollte das nächste mitreißende Kapitel dieser tragischen Liebesgeschichte mitverfolgen.


    Besonders hervorzuheben ist aber, dass man sich hier nicht einfach in die Traurigkeit-rockt-Ecke verdrückt und auf eine dauerkalte Erzählung setzt, sondern sich auch immer wieder die Zeit nimmt, die unangenehme Atmosphäre mit humorvollen Momenten aufzulockern. Scum's Wish bleibt der eigentlichen Grundthematik dabei zwar treu, gibt dem Zuschauer aber die Zeit, sich emotional kurz durchzuschütteln und sich auf die nächste, bedrückende Sequenz vorzubereiten.




    Erotik spielt ebenfalls eine große Rolle, wird allerdings ebenfalls sehr gezielt und mit größter Sorgfalt eingesetzt. Hier geht es nicht um das Zeigen nackter Haut, überproportionierte Superkurven oder die animierte Erfüllung sexueller Zuschauerfantasien. Hanabi und Mugi dient die körperliche Nähe als eine Art Füllung einer emotionalen Lücke, eine Flucht in eine fiktive Gedankenwelt, in der man dem tatsächlichen Schwarm näher ist.


    Auch hier setzt Scum's Wish hervorragend auf einen realistischen Grundton. Sicherlich hat jeder schon mal einen perfekten Kuss oder eine unvergessliche Nacht zu zweit erlebt, dennoch gibt es dann eben immer auch die Momente, die man am liebsten direkt wieder vergessen möchte. Diese finden bei der Beziehung zwischen Hanabi und Mugi ebenfalls statt und bringen sie dem Zuschauer somit unfassbar nahe.


    Tatsächlich habe ich mich während meiner Zeit mit Scum's Wish gelegentlich selbst erkannt. Nein, ich habe keine Fake-Beziehung begonnen, um mich von meiner unerreichbaren, wahren Liebe abzulenken. Wenn es um Liebe, Leidenschaft, Sehnsucht gibt, macht man aber nun mal gerne Fehler. Viele Fehler, die man direkt im Anschluss wieder bereut. Und von eben diesen gibt es hier jede Menge.


    Scum's Wish erzeugt eine merkwürdige Art der Faszination, wie ich sie bei einem Anime nur selten erlebt habe. Eigentlich tut es weh, Hanabi bei dieser niederschmetternden, schmerzenden, emotionalen Reise zu begleiten. Dennoch will man ihre Hand nehmen und sie dabei begleiten, kann sich dieser eiskalten, aber doch so realen Faszination kaum entziehen.


    Das wirklich Schockierende ist jedoch, dass das meine Gedanken nach Sichtung der ersten vier Episoden ist. Und ich die Veröffentlichung der zweiten Volume gar nicht mehr erwarten kann, um zu sehen, welche weiteren, schmerzhaften Schritte dieser Anime bereit ist, zu gehen.




    Bild

    Jeder Anime-Fan weiß allerdings, dass es mit einer atmosphärisch ansprechenden Inszenierung der grundlegenden Handlung noch lange nicht getan ist. Wenn nämlich Optik und Sound plötzlich einen völlig anderen Weg einschlagen, wird selbst ein mit Bedacht zusammengestricktes Handlungsgeflecht gnadenlos in seine Einzelteile zerrissen.


    Scum's Wish tappt nicht in diese Falle und passt das optische Gesamtbild dem emotionalen Tenor des Plots gezielt an. Überraschend für mich: Hierfür verantwortlich ist das Animationsstudio Lerche, das ich dank solcher Veröffentlichungen wie Danganronpa, Assassination Classroom oder Undefeated Bahamut Chronicle zwar oftmals loben durfte, ihm solch eine beeindruckende Leistung aber tatsächlich nicht zugetraut hätte.


    Studio Lerche setzt nicht auf übertriebene Farbgebungen, pseudo-modernde Computergrafiken oder anderen überzogenen Schnickschnack. Hier ist weniger mehr - und das zahlt sich aus! Charaktere sowie Hintergründe sind wundervoll gezeichnet und erhalten durch eine hervorragend gewählte Farbgebung einen realistischen Touch, der Hand in Hand mit der Handlungsebene geht und durch gewählte Kameraeinstellungen, liebevoll eingepflegte Details und optische Abwechslung beim Etablieren, Stabilisieren und Stärken der dichten Atmosphäre unterstützt.


    Raum für Kritik eröffnete sich für mich hierbei nicht. Vielmehr spulte ich gelegentlich sogar schnell zurück, um visuell besonders ansprechende Momente erneut zu erleben und vollends schätzen zu können. Bahnbrechende und wegweisende Optik-Revolutionen bietet Scum's Wish zwar nicht, dafür aber ein durch und durch ehrliches und eindrucksvolles Kunstwerk, das ich in dieser Form bisher nur selten erleben durfte. Und selbst beim Schreiben dieser Zeilen noch nicht wirklich aus dem Kopf bekommen habe.




    Sound


    Zugegeben: Anfangs hat mich das japanische Intro Uso no Hibana ein wenig aus der Bahn geworfen. Während die Handlung (zumindest in den ersten vier Episoden) nämlich einen insgesamt sehr ruhigen Grundton beibehält, wirkt der rockig-angehauchte, leicht romantische Song im ersten Moment fast schon deplatziert.


    Allerdings verfliegt dieses verwirrende Gefühl direkt nach Erklingen der letzten Note. Ja, zu Beginn dreht Scum's Wish die Lautstärke ein wenig nach oben, siedelt diese beim Wechsel zur narrativen Ebene jedoch gleich wieder in den unteren Klangsphären an. Selbst der wundervolle Soundtrack von Komponist Masaru Yokoyama hält sich zumeist im Hintergrund und tritt nur bei emotional besonders geladenen und relevanten Momenten wirklich ins Rampenlicht.


    Vollkommen im Nichts verschwinden tun die variantenreichen Kompositionen allerdings nicht. Ob nun bei einem ruhigen Dialog, einer ebenso erotischen wie auch leicht unangenehmen Liebelei oder einer gedanklichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Liebeskummer, eine passende Melodie ist stets zur Stelle und kann selbst bei einer Positionierung in der zweiten Reihe ihr vollstes Potenzial entwickeln.


    Die japanische sowie deutsche Sprachausgabe befinden sich derweil beide ebenfalls auf einem enorm hohen Niveau. Ich war skeptisch, ob die Sprecher solch ein massives, emotionales Gewicht tatsächlich durchweg tragen und glaubhaft rüberbringen können, wurde jedoch im Laufe der ersten vier Episoden zu keinem Zeitpunkt enttäuscht. Ganz im Gegenteil: Immer wieder wurde mir bewusst, wie stark meine Faszination für diesen Anime mit der glanzvollen Leistung der Sprecher zusammenhängt.


    Eine klare Empfehlung kann ich somit dieses Mal kaum aussprechen, sondern gänzlich auf eure eigene, subjektive Vorliebe verweisen. Denn ob ihr nun Option A oder B wählt, einen Fehler macht ihr damit definitiv nicht.




    Extras / Aufmachung


    Booklet

    Sticker

    Wendecover


    Bei Scum's Wish schmerzt das bereits erwartete Fehlen jeglicher Bonusvideos auf der Blu-ray-Disc natürlich besonders. Immerhin wäre es sehr spannend gewesen, den Entstehungsprozess dieses faszinierenden Animes mitzuerleben und beim Blick hinter die Kulissen wissenswerte Infos zu ergattern.


    Letztlich ist es dann aber wieder die elegante Aufmachen von Nipponart selbst, die den Anime in dieser Kategorie ein wenig rettet. Denn ob nun das wirklich hübsche Cover, das auch in Stickerform beiligt, oder das etwas dünn geratene, dafür aber künstlerisch trotzdem anschauliche Booklet, alles scheint gemeinsam mit der Handlung, der Optik und dem Sound aus einem Guss zu kommen.


    Ich strafe Anime-Veröffentlichungen an dieser Stelle ja gerne ab - immerhin drückt ein Fehlen jeglicher Extras die Gesamtlaufzeit der Disc, was bei der Preispolitik von Animes in deutschen Gefilden dann natürlich ziemlich relevant wird. Wenn eine Serie selbst aber bereits so viel Qualität und Klasse mitbringt, bleiben selbst mir die kritischen Worte im Halse stecken.




    Fazit

    Es fällt mir selbst viele Stunden nach der Erstsichtung schwer, klare Worte zu Scum's Wish zu finden.Selten hat mich ein Anime so überrascht und sprachlos zurückgelassen.


    Anstatt sich einfach auf simple Liebeserzählungen zu konzentrieren, wird hier ein gnadenlos ehrliches, emotional kaltes und oftmals schmerzendes Bild gezeichnet, das von malerischer Optik und melancholischen Klängen perfekt unterfüttert wird. Aus so einem vorsichtig zusammengesetzten und erstklassig ineinandergreifenden Geflecht gibt es für den Zuschauer kaum ein Entkommen.


    Wer vollkommen übertriebene Liebesgeschichten aus der Klischee-Kiste sucht, der ist bei Scum's Wish definitiv an der falschen Adresse. Hier steht gnadenloser Realismus in einer schmerzhaften Beziehungskonstellation im Mittelpunkt. Und zeigt eindrucksvoll, wie viel emotionale Macht dieses Medium in den richtigen Händen haben kann.


    Name: Scum's Wish Volume 1 [Blu-ray]

    Verleih: Nipponart

    Bild: 16:9 1080p

    Ton: DTS-HD MA 5.1 (Deutsch), PCM Stereo (Japanisch)

    Untertitel: Deutsch

    Laufzeit: ca. 100 Minuten

    Freigegeben ab: 16 Jahren


    Mehr Infos findet ihr hier!

    Für alle Bilder in unserem Test gilt:
    ©mengo yokoyari/SQUARE ENIX,Scum’s wish Committee

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