Metro: Exodus



  • Es fährt ein Zug ins (postapokalyptische) Nirgendwo.


    Die nukleare Vernichtung der Welt hat die letzten Überlebenden in die Metro-Tunnel Moskaus getrieben, in denen jedoch bereits nach kurzer Zeit Tod, Angst und Verderben hausen – in Form machthungriger Mitmenschen und garstiger Mutanten.


    Ein Plot, eigentlich so simpel, dabei aber so atmosphärisch packend erzählt, dass es kein Wunder ist, dass ich die Romane des Autors Dmitry Glukhovsky bereits nach kurzer Lesezeit in mein Herz schließen konnte.


    MitMetro 2033 und Metro: Last Light legte Entwickler 4A Games dann auch an der Videospielfront ordentlich nach und servierte mir zwei hervorragende Adaptionen der düsteren Erzählung, die auch spielerisch zu gefallen wussten.


    Und während Autor Glukhovsky sich bereits neuen Ufern zugewandt hat, bleibt 4A Games der Reihe treu und will mit Metro: Exodus den (bisherigen) Höhepunkt erreichen. Ob ihnen das gelungen ist? Ich habe mich dem Trip durch das nukleare Moskau angeschlossen und liefere euch hier die Antwort.



    Auf der Suche nach Hoffnung


    Zwei Jahre sind seit den Ereignissen von Metro: Last Light vergangen. Protagonist Artjom hat sich entschlossen, die dunklen und gefährlichen Metro-Schächte Moskaus zu verlassen und den Weg gen Osten anzutreten, um für sich, seine Frau Anna und eine Gruppe Sparta-Rangers in einen neuen, hoffentlich sichereren Lebensraum zu finden.


    Per pedes ist solch ein Unterfangen in einen von Mutanten und Banditen verseuchten Russland natürlich ein regelrechtes Kamikaze-Kommando. Dementsprechend dient die Dampflokomotive Aurora als schützendes Gefährt und Hauptquartier, das den Weg gen neue Heimat sicher gestalten soll.


    In der Theorie klingt das Ganze wie ein runder Plan, wird in der Praxis jedoch zum gnadenlosen Kampf ums Überleben. Zahlreiche Hindernisse sorgen nämlich immer wieder für unfreiwillige Notfallstopps, die den tödlichen Gefahren dieser postapokalyptischen Welt die Tore öffnen und die Reisetruppe zu den Waffen bitten.


    Doch am Ende ist es die Hoffnung, die den erbitterten Überlebenskampf, die unruhigen Nächte und die ständige Angst erträglich macht. Denn am Ende des beschwerlichen Weges könnte ja endlich die eine Sache gefunden werden, die in den Tiefen der Metro-Tunnel so viele Jahre fehlte. Hoffnung.



    Postapokalyptischer Roadtrip


    Tatsächlich liest sich die grundlegende Haupthandlung von Metro: Exodus so, wie sie sich spielt. Während es vor allem im Mittelfeld immer wieder beeindruckende Highlights gibt, die die Herzschlagfrequenz gnadenlos in die Höhe treiben, verlässt sich Artjoms mittlerweile dritten Abenteuer eher auf die ruhigen, eindrucksvollen Momente, um den gewünschten Wow-Effekt zu erzeugen.


    Das dürfte vor allem Fans der Reihe freuen, die genau wissen, was die logische Schlussfolgerung aus diesem gewählten Schwerpunkt ist: Ebenso sympathische sowie interessante Haupt- und Nebencharaktere, mit denen man sich zwischen Erkundungszügen immer wieder austauschen, mit Witzen zum Lachen bringen oder einfach nur in den Erinnerungen an eine bessere Vergangenheit schwelgen kann.


    Letztlich fühlt sich Metro: Exodus dadurch wie die Versoftung eines postnuklearen Roadtrip-Movies an. Klar, die Reise bildet die Schienen, die von Anfang bis Ende durch das Erlebnis führen, allerdings liegt das Hauptaugenmerk auf dem Zug, der eben diese abfährt. Epische Showdowns, ständige Super-Explosionen oder unvergessliche Action-Feuerwerke darf man hier dann eben nicht erwarten.


    Der Abschied von den dauer-düsteren Tunneln der Moskauer Metro erweist sich dabei als gelungener Schachzug. Durch die Eröffnung der russischen Oberfläche, die selbst zwei Jahrzehnte nach den nuklearen Angriffen noch von Zerstörung, Chaos und Tod gezeichnet ist, fühlt sich alles offener, freier, größer an. Schafft es durch die beklemmende Atmosphäre aber dennoch, dass man sich eingesperrt und beängstigt fühlt.


    Dann setzt 4A Games aber noch zum ultimativen Schmachtmatt an: Per Zug steuert ihr nämlich nicht nur verschiedene, teils markante Gebiete des Landes an, sondern vollzieht zeitgleich auch eine Reise durch die Jahreszeiten, wobei jeder Halt neue Gegebenheiten und Gefahren präsentiert. Ein perfekter Nährboden für ein kämpferisches Aufeinandertreffen mit unterschiedlichen Mutanten und desillusionierten Menschen, die das Roadtrip-Feeling schlussendlich nochmal unterfüttern.



    Schweigsame Konversationen


    Es sind zahlreiche Elemente, die der Rahmenhandlung von Metro: Exodus einen besonderen Touch verleihen. Tatsächlich kristallisierte sich für mich aber schon nach wenigen Stunden ein entscheidender Faktor heraus, der mich bereits bei den Vorgängern begeisterte: Die emotionale Ebene.


    Ich erinnere mich gerne an die menschlichen Momente von Metro 2033 und Last Light zurück, in denen man einfach nur durch die Stadt flanieren und den Erzählungen der Menschen laufen durfte. Alltägliche Probleme, kurze Gesänge oder eine amüsante Geschichtsstunde verpassten dem düsteren Gesamtbild ein wenig Farbe und füllten die tristen Metro-Tunnel mit Leben.


    Mit der Aurora unterstreicht 4A Games diesen wichtigen Aspekt nochmals und eröffnet unseren Wegbegleitern mehr Raum, um ihre Gedanken, Sorgen und Wünsche mit uns zu teilen und werden so zu unerlässlichen Verbündeten auf der Reise in Richtung Zukunft, Hoffnung und Freiheit. Zum Glück leisten hier dann auch die deutschen Synchronsprecher bis auf wenige Ausnahmen eine solide Leistungen ab und tun der emotionalen Wirkung somit keinerlei Abbruch.


    Mit Anna an Artjoms Seite gewinnt die Handlung zudem einen weiteren Aspekt, der der freundschaftlichen nun auch eine familiäre Ebene hinzufügt und uns damit noch stärker in das Geschehen integriert, uns noch stärker mit unseren Kumpanen zusammenschweißt und uns das Gefühl der eigenen Wichtigkeit inmitten dieses schweren Kampfes vermittelt.


    Einziger Wermutstropfen war, ist und bleibt der schweigende Artjom. Während dieser Zwischensequenzen zum hochtrabenden Vortragen eines bedeutungsschweren Monologs nutzt, hält er seinen Mund beim eigentlichen Spielgeschehen verschlossen und führt dadurch primär bei emotionalen Sequenzen gerne mal zum einen oder anderen merkwürdigen Moment.


    Klar, die designtechnische Entscheidung, den Haupthelden zugunsten der Immersion schweigend durch das Abenteuer rennen zu lassen ist nicht neu und somit auch keinesfalls überraschend. Wenn man mit der narrativen Ebene jedoch so ein hohes Niveau anpeilt, wirkt diese Entscheidung dann doch ein wenig kontraproduktiv.



    Ablenkungen so weit das Auge reicht


    Wie bereits mehrfach ausgeführt, schickt euch Metro: Exodus durch unterschiedliche Schauplätze Russlands, wobei man sich nach den düsteren Metro-Tunnel der Vorgänger vor allem in Kombination mit den Jahreszeiten über jede Menge optische Varianz freuen darf – dazu aber später mehr.


    Zusätzlich fallen die Gebiete nun bedeutend größer aus, verzichten also (fast) gänzlich auf das schlauchige Design der Vergangenheit und laden euch zum ausgiebigen Erkunden ein. Verlassene Häuserruinen, Höhlen und – ja, ganz weg sind sie eben nicht – gelegentlich auch mal schlauchige Untergrund-Bunker sind abseits der Rahmenhandlung immer einen Blick wert, beherbergen sie doch zumeist lebensnotwendige Munition, Herstellungsmaterialien oder auch neue Ausrüstungsgegenstände.


    Besonders spannend wird das Ganze allerdings, wenn man tapfer die Augen offenhält und Notizen oder Postkarten ausfindig macht. Diese eröffnen euch weitere Einblicke in die liebevoll ausgearbeitete Spielwelt – ob nun in deren Vergangenheit oder Gegenwart – und versorgen euch mit teils wirklich wissenswerten Story-Elementen, die sich elegant in das starke Gesamtbild einfügen.


    In Metro: Exodus kann man sich gerade deshalb binnen weniger Sekunden verlieren. Obwohl ich eine Hauptmission abschließen will, möchte ich dann doch lieber dieses Haus da drüben durchsuchen, dieses Camp von Feinden befreien oder einfach nur die Umgebung näher unter die Lupe nehmen. Wer weiß, vielleicht finde ich irgendwo dann ja doch mal eine Waffe, die mir das Leben bedeutend einfacher macht?



    Jeder Schuss hoffentlich ein Treffer


    Doch nicht nur beim Leveldesign setzt 4A Games auf mehr Freiheit, auch in puncto Missionen gönnt man dem Spieler etwas mehr Freiheit. Während die Vorgänger optionalen Nebenbeschäftigung nämlich eine fast schon vernachlässigbare Rolle spielen ließen, wird dieses Element bei Metro: Exodus deutlich größer gefahren.


    Zwar darf man nun keine epischen Super-Quest mit ausufernden Sub-Plots erwarten, bekommt hin und wieder dann aber doch die Bitte eines Verbündeten mit auf den Weg. Oftmals handelt es sich hierbei um die Wiederbeschaffung eines verlorenen Gegenstands, was zwar nicht sonderlich begeisternd klingt, den Motivationsdrang der Weltenerkundung aber nur noch steigert und in dieser Kombination erstklassig funktioniert.


    Doch ob man nun der eigentlichen Hauptaufgabe hinterherjagt oder einen verlorenen Gegenstand ausfindig macht, einer Sache kann man sich jederzeit bewusst sein: Die Gefahr lauert an jeder Ecke, einem ruhigen Moment kann direkt der Angriff einer feindlich gesinnten Bande oder eines lebensbedrohlichen Mutanten folgen.


    Zum Glück stehen euch eine Reihe wuchtiger Ballermänner zur Verfügung, mit denen man sich lästiger Angreifer entledigen kann. Ob nun Pistole, Revolver, Kalaschnikow oder Schrotflinte, die Auswahl ist umfangreich genug, um sich beim Drücken des Abzugs niemals zu langweilen und jede Situation passend angehen zu können.


    Und während das Ganze auf der Konsole erstklassig von der Hand geht, werden Schmalspur-Rambos schnell bestraft. In Metro: Exodus schnell bestraft. Munition gibt es nicht wie Sand am Meer, sinnloses Umherballern endet schnell im unfreiwilligen Ableben. Letztlich ist ein Carpe-Diem-Ansatz in Bezug auf den eigenen Vorrat wärmstens zu empfehlen.


    Schätzt man die Situation nämlich richtig ein, lässt sich die eine oder andere Patrone mit viel Fingerspitzengefühl und Stealth-Kills nämlich oftmals vollkommen sparen. Und dadurch wird das Überleben gleich bedeutend einfacher.



    Der Blick in alle Richtungen


    Anstatt die Schussgefechte als explosives Action-Feuerwerk zu feiern, nutzt Metro: Exodus eben diese, um zu entschleunigen. Munitionsknappheit ist dabei nur der Anfang. Oftmals gesellen sich nämlich noch schlecht einsichtbare Schauplätze sowie eine enorme Überzahl an schwer bewaffneten, feindlichen Soldaten hinzu, wodurch man ohne strategisches Vorgehen schnell ins nukleare Gras beißt.


    Welcher Feind entfernt sich von der Gruppe und kann so ungesehen ausgeschaltet werden? Oder sollte ich vielleicht doch lieber aus der Distanz agieren und zum Scharfschützengewehr greifen? Moment... habe ich überhaupt ausreichend Munition in den Taschen?


    Während man sich solche Fragen durch den Kopf gehen lässt, sollte man gleichzeitig einen Blick auf Artjoms Handgelenk werfen. Hier werden nämlich Strahlungs- und Sauerstoffmesser angezeigt, aufblinkende Warnleisten sucht man hier vergebens. Auch in puncto Gesundheit sind es nur dezent in euer Blickumfeld eingebaute Visualisierungen, die vor dem bevorstehenden Tod warnen.


    Metro: Exodus zwingt euch so zu einer optimalen Mischung aus Planung und vorsichtigem Vorgehen und wird dabei stellenweise sogar bockschwer. Oftmals kosteten mich kleinere Patzer das Leben und zwangen mich zu einer völligen Umstellung meines Plans. Unfairness ist dabei selten der entscheidende Faktor, jedes Mal war mir völlig bewusst, an welcher Stelle ich einen Fehler gemacht hatte.


    Somit endete meine Spiel-Session aufgrund eines gegen die Wand geworfenen Controllers nicht etwa frühzeitig, sondern wurde mit einer effektiven Verfeinerung meiner Taktik gelungen fortgesetzt. Eine perfekte Balance aus Herausforderung und Motivation, die nur durch gelegentlich unglücklich gesetzte Checkpoints ein wenig ins Straucheln kommt.



    Noch nicht am Ende des Planens


    Mit „Schleichen oder Ballern“, steter Munitionsarmut und fehlenden Warnanzeigen ist es bei Metro: Exodus jedoch noch lange nicht getan. 4A Games hat noch weitere Elemente eingebaut, um das Überleben in der russischen Atom-Wildnis abwechslungsreich zu gestalten.


    Wir alle erinnern uns gerne an die schier unaufhaltbare Mutanten-Horde der Vorgänger. Während menschliche Gegner mit platzierten Schüssen schnell über den Jordan zu schicken waren, konnte ein mutiertes Supermonster gerne auch mal einige Kugeln einstecken und uns mit einer schmerzhaften Racheaktion in den Himmel schicken. Bei Metro: Exodus sieht das nicht anders aus.


    Einige Mutanten lassen sich nur mit einer bestimmten Taktik ausschalten. Diese zu finden und gekonnt ausnutzen ist eure Aufgabe, ansonsten sind die Lebenslichter schnell ausgeknipst. Zum Glück lässt sich eure Ausrüstung nun auch unterwegs anpassen, wodurch man sich neuen Herausforderung – die richtige Planung vorausgesetzt, natürlich – geschwind anpassen kann.


    Gleichzeitig könnt ihr euch dank eines dynamischen Tag-Nacht-Ablaufs auch überlegen, zu welcher Tageszeit ihr agieren wollt. Am helllichten Tag mit optimaler Sicht einen Feind nach dem anderen niedermähen oder lieber in tiefster Dunkelheit leise und ungesehen heranpirschen? Eine sehr wichtige Entscheidung, die bei meinem Testdurchlauf oftmals den entscheidenden Faktor für meinen Sieg darstellte.


    Metro: Exodus bombardiert euch regelrecht mit taktischen Möglichkeiten, erschlägt euch mit eben diesen aber zu keinem Zeitpunkt. Wer sich von Erinnerungen an rasant inszenierte Super-Ego-Shooter mit viel Tempo und Bumm-Bumm verabschiedet, sich zu Beginn mit viel Ruhe ein wenig Zeit nimmt und alle spielerischen und taktischen Faktoren unter die Lupe nimmt, wird schnell Herrscher über die Ödnis und läuft immer seltener in ärgerliche Fallen.



    Auch Zerstörung kann eine Geschichte erzählen


    Dabei fiel es mir vor allem während der ersten Spielstunden schwer, mich vollends auf das vielschichtige Gunplay zu konzentrieren. Immerhin kann auch die optische Seite von Metro: Exodus überzeugen und wird mit einer Reihe anschaulicher Augenschmäuse somit zur ernstzunehmenden Gefahrenquelle für konzentrierte Überlebenskämpfer.


    Ob es nun die unterschiedlichen Schauplätze oder Jahreszeiten sind, 4A Games bietet euch allerlei optische Varianz und spielt dabei zusätzlich gekonnt mit Licht- und Schatteneffekten, um dem Gesamtbild eine realistische Note zu verpassen und eure Erkundungszüge mit unvergesslichen Bilder auszuschmücken.


    Damit bin ich aber noch gar nicht bei meinem persönlichen Highlight angelangt. Nachdem ich mich nämlich an den Auswirkungen des nuklearen Fallouts, den teils malerisch anmutenden Sonnenstrahlen sowie den unfassbar grotesken Mutanten temporär sattgesehen hatte, fiel mir der verboten hohe Detailreichtum ins Auge.


    Triste Bereiche sind kaum vorzufinden, immerhin hat sich 4A Games gefühlt an jeder Ecke ausgetobt und mit Dekorationsgegenständen um sich geworfen, um die Schauplätze realistischer darzustellen. Trümmeransammlungen, Wandschmierereien oder die (teils schockierenden) Überbleibsel bereits ins Jenseits übergetretener Ex-Überlebenskämpfer sind dabei nur die Spitze des Eisbergs.


    Oftmals scheinen sogar Geschichten erzählt zu werden, deren struktureller Ursprung zunächst im optischen Gesamtbild liegt und der durch auffindbare Notizen anschließend inhaltlich gefüllt wird. Logische Konsequenz: Die Spielwelt fühlt sich greifbar, facettenreich, echt an und zieht euch gnadenlos in ihren Bann, dem man gar nicht mehr entkommen kann.



    Sicherheit ist eine Illusion


    Nun bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob Metro: Exodus die unfassbar dichte, düstere Atmosphäre der Vorgänger tatsächlich einfangen kann, obwohl die Oberfläche nun eine deutlich übergeordnetere Rolle spielt.


    Zum einen muss man natürlich anmerken, dass die unheimlichen Untergrundgänge trotz eindeutiger Abgabe des Rampenlichts wie bereits angedeutet nicht aus der Welt sind. Gerade beim freien Erkunden musste ich mich immer wieder durch die unangenehme Dunkelheit kämpfen und wurde dabei erfreulicherweise Zeuge des altbekannten und geliebten Horror-Feelings, das zur richtigen Metro-Experience einfach dazugehört.


    Allerdings haben sich die Entwickler von 4A Games darauf nicht ausgeruht und haben sich spürbar viel Mühe gegeben, euch auch beim Marsch durch Russland durchweg einen Schauer über den Rücken zu jagen. Schnell wird euch klar, dass völlige Sicherheit ein sehr spärlich gesäter Luxus ist, immerhin kann die Gefahr in einer postapokalyptischen Welt um jede Ecke lauern, euch ohne Vorwarnung anfallen und die Kehle rausreißen.


    Das Verlassen der sicheren vier Wände der Aurora wurde somit zu einem regelrechten Härtetest für mein Nervenkostüm. Könnte sich im hohen Gras nicht eventuell ein Mutant verstecken? Verdammt, habe ich überhaupt noch ausreichend Luft oder kippe ich gleich um? Hey, war da nicht gerade ein Geräu... Hat sich da nicht gerade jemand oder etwas bewegt?!


    Besitzer einer Heimkinoanlage freuen sich dank einer erstklassigen Soundkulisse über das ultimative Mittendrin-Gefühl, sollten jedoch wirklich sicherstellen, dass sie dem heimischen Mobiliar beim spontanen Aufspringen keinen Schaden hinzufügen. Denn wenn völlige Stille plötzlich zu einem Crescendo des Horrors wird und der atmosphärischen Musikuntermalung immer mehr Wirkungsraum eröffnet, wird das beklemmende Gefühl kaum erträgt. Vor allem, wenn man sich gerade durch einen dunklen Tunnel kämpft.


    Metro: Exodus kann somit nicht nur das altbekannte Horrorpaket abliefern, sondern es als festes Fundament nutzen, das brandneue und geschickt aufgebaute Atmosphäre-Säulen trägt und somit ein gekonnt erweitertes Gesamtwerk bildet, das die Vorgänger tatsächlich in den Metro-Schatten stellt. Da sollte man unbedingt regelmäßige Pausen einplanen, um die Nerven zumindest kurzzeitig beruhigen zu können.



    Mut zur Oberfläche


    Eigentlich ist Metro: Exodus ein Gegensatz in sich. Einerseits laden die Umgebungen, die liebevoll eingepflegten Details sowie wissenswerten Storyfetzen dafür, dass wir gerne mal vom Hauptpfad abweichen und kurzzeitig träumen. Andererseits fordert 4A Games ständige Konzentration von, weshalb solche abschweifenden Umwege schnell tödlich enden können.


    Doch es ist genau diese eigenverantwortlich zusammenzustellende Kombination aus Vorsicht und Neugier, die meine Spielzeit am Ende auf knapp 30 Stunden trieb. Tatsächlich hatte ich jedoch das Gefühl, bedeutenden kürzer an Artjoms Seite gestanden zu haben, so sehr war ich von der dichten Atmosphäre gefesselt. Die Zeit verging wie im Flug, eigentlich will ich mich von der postapokalyptischen Welt gar nicht verabschieden.


    Und während wir frühere Gebiete selbst nach Beenden der Hauptkampagne nicht mehr ansteuern dürfen und übersehene Geheimnisse somit auf ewig unentdeckt bleiben, laden verschiedene Enden direkt zu einem erneuten Durchgang ein. Immerhin dürfen auf diese Weise nicht nur neue Verstecke gefunden und Banditen-Camps ausgehoben werden, gleichzeitig kann man seinen spielerischen Stil auch anpassen, um am Ende des Weges eine völlig andere Zwischensequenz präsentiert zu bekommen.


    Jedoch will ich anmerken, dass es nicht die unterschiedlichen Enden waren, die mich zur weiteren Runde einluden. All die optisch beeindruckenden Details, spielerischen Möglichkeiten, unentdeckten Orten und Fehler, die mich beim Umsetzen meiner katastrophalen Planung wertvolle Ressourcen kosteten, ließen mir selbst nach Ausschalten der Konsole keine Ruhe mehr und zwangen mich regelrecht, eine weitere Nachtschicht einzulegen.


    Und wenn ich nach dieser umfangreichen, abenteuerlichen Test-Session eine wichtige Sache von Entwickler 4A Games gelernt habe, dann folgende: Wenn man einen klaustrophobischen Metro-Albtraum auf ein ungeahnt hohes Niveau heben möchte, ist der Weg an die nuklear-verseuchte Oberfläche die völlig richtige Entscheidung. Metro: Exodus ist der beste Beweis dafür.



    Fazit


    Hut ab vor dem Mut der Entwickler von 4A Games. Nicht nur, dass sie mit ihrer namhaften Metro-Reihe die düsteren Tunnel verlassen und sich an die Oberfläche begeben, gleichzeitig weigern sie sich weiterhin gekonnt, sich vor typischen Ego-Shooter-Konventionen zu beugen.


    Mir wird kein Händchen gereicht. Ich muss meine Ressourcen und Vitalparameter stets im Blick haben, meine Taktik immer wieder aufs Neue überdenken, jeden noch so kleinen Winkel nach Munition und Ausrüstungsgegenständen durchsuchen und werde dann trotz größter Anspannung und Konzentration dennoch von der düsteren Atmosphäre, packenden-emotionalen Handlung und den optisch ebenso imposanten wie auch abwechslungsreichen Schauplätzen abgelenkt.


    Wie bei einem in mühsamster Kleinarbeit zusammengebauten Uhrwerk greifen bei Artjoms Abenteuer wirklich alle wichtigen Elemente perfekt ineinander und lassen sich selbst durch minimale Mankos kaum aus dem kontrollierten Ablauf bringen. Dazu ist das postapokalyptische Bollwerk in seinem Wirken einfach viel zu eindrucksvoll.


    Es kommt selten vor, dass man sich in der heutigen Gaming-Zeit so mutig aus der Komfortzone wagt wie 4A Games. Und dann ist es natürlich umso schöner, wenn eben dieser Mut belohnt wird. Und ich mit Metro: Exodus den definitiv besten Teil der Reihe in meinen Händen halten darf.

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