Karas



  • Mit dem Raben in die Tokioter Unterwelt.


    In Shinjuku, Tokios turbulentes Verwaltungs- und Vergnügungszentrum, existiert eine von Monstern bevölkerte Parallelwelt, die von den Menschen längst vergessen wurde.


    Schon seit ewigen Zeiten sorgen Yurine und ein Karas (Rabe) für die Aufrechterhaltung der Ordnung zwischen beiden Welten. Ein ehemaliger Karas ist jedoch dabei, die Balance zu stören. Er hat eigenmächtig den Namen Ekou angenommen und beginnt nun einen Rachefeldzug gegen die Menschen.


    Eine Serie von rätselhaften Mordfällen hält die Polizei in Atem.




    Ich muss zugeben, dass mich die ersten zwei Episoden von Karas verwirrt zurückgelassen haben. Aus Sorge, dass mich meine geistigen Fähigkeiten langsam verlassen haben und ich einfach nicht mehr im Stande bin, einer komplexen Handlung zu folgen, durchforstete ich auf der Suche nach gedanklicher Hilfe das Internet.


    Und ich schien nicht der Einzige zu sein, der mit einigen Fragezeichen konfrontiert wurde. Allerdings schien das alles Teil eines großen Plans von Regisseur Keiichi Sato – vielen sicherlich dank Inuyashiki, Wolf’s Rain oder Ninja Resurrection bekannt – zu sein: immerhin solle der Zuschauer zunächst in diese Welt geschubst werden, vollkommen in diese eintauchen, bevor wissenswerte Details diese verständlich und greifbar machen.


    Mit diesem Wissen im Hinterkopf setzte ich meinen Marathon fort und stellte schnell fest, dass es sich hierbei nicht um eine aus der Luft gegriffene Verteidigung, sondern um den tatsächlich geplanten Ablauf von Karas handelt. Denn schon mit der dritten Episode wurden erste Fragen geklärt, die Anime-Welt für mich verständlicher, der eigentliche Plot endlich durchschaubar und klarer strukturiert.


    Falsch verstehen darf man diese Zusammenfassung meines Sehvergnügens nicht: Dank einer filmreifen Inszenierung, spannender Kämpfe sowie eines interessanten Grundkonzepts kann Karas trotz aller Verwirrung früh punkten und etwaige Probleme zunächst in den Hintergrund verbannen. Ein kleines Kunststück, immerhin wurde anderen Animes mit solch einem verwirrenden Start schnell das Genick gebrochen.




    Die grundlegende Problematik liegt bei Karas in der eigenen Überambition. Während der komplexe Plot rund um Otoha und Yurine nämlich problemlos auf zahlreiche Episoden aufgeteilt hätte werden können, muss man sich mit (letztlich mageren) sechs Folgen begnügen.


    Auf das eigentliche Gesamtkonstrukt hat die Anzahl keinerlei Auswirkung: Das Ende lässt nur wenige Fragen offen, fühlt sich zu keinem Zeitpunkt überstürzt an und entlässt den Zuschauer mit einem guten Gefühl, maximal mit einem ungestillten Drang nach mehr. Einzig der holprige und verwirrende Beginn zeugt von einer gewissen Sehnsucht nach einer längeren Laufzeit, wirkt dadurch im Endprodukt einfach deplatziert.


    Was sich nun aber wie eine langwierige Kritik-Triade liest, ist schlussendlich nur ein überzogener Abzug in der B-Note. Karas erzählt eine durchweg packende Handlung, die ohne jede Frage viel mehr Zeit verdient hätte. Immerhin hat man schnell etliche rote Fäden in der Hand, taucht immer tiefer in Themen ein, die am Ende zwar ausreichend beleuchtet wurden, gefühlt aber noch lange nicht ihr Potential ausgeschöpft hatten.


    Wer also bereit ist, die vergleichsweise schwächelnde erste Hälfte zu akzeptieren, den erwartet im zweiten Part von Karas eine deutliche Steigerung. Beides mündet letztlich in eine starke, leider aber nicht perfekte Erzählung über eine monströse Parallelwelt, die den Nährboden für epische Kämpfe bietet. Und zudem eher die Bühne für einen völlig anderen Aspekt zu sein scheint, den Animationsstudio Tatsunoko von Anfang bis Ende ins Rampenlicht drückt.




    Bild

    Karas macht kein Geheimnis daraus, dass eine imposante Optik das Herzstück ist: Immerhin gibt der Anime in dieser Rubrik von der ersten bis zur letzten Minute Vollgas und leitet den Zuschauer von einem beeindruckenden Szenenbild zum nächsten.


    Hierbei wurde ich sogar eines Besseren belehrt: Obwohl ich eigentlich ein großer Feind von 2D-3D-Hybriden bin, muss ich zugeben, dass die Kombination beider Stile bei Karas hervorragend umgesetzt wurde. Durch den gezielten und qualitativ hochwertigen Einsatz können beide Looks ihr vollstes Potential entfalten und sich gegenseitig ergänzen, anstatt sich im Weg zu stehen.


    Besonders offensichtlich wird das bei den zahlreichen Kämpfen, die allesamt grandios in Szene gesetzt wurden und dabei nicht dank entfesselter Hybrid-Kräfte, sondern auch dank abwechslungsreicher Kameraeinstellungen einen cineastischen Look erhalten. Einige Szenen habe ich mir sogar mehrmals angeschaut, um die Vielfalt an Details komplett zu erfassen und genießen zu können – denn in einigen Einstellungen gibt es tatsächlich so viel zu sehen, dass das Auge gerne mal in der völlig falschen Ecke verweilt.


    Neben den actionreichen Passagen kann Karas aber auch die friedlichen Momente erstklassig einfangen. Vor allem das Design der unterschiedlichen Schauplätze weiß dabei zu gefallen und beeindruckt primär mit einer Vielzahl kreativer Einfälle, die aus einem real existierenden Ort eine ansprechende, fantasievolle Kulisse formen.


    Im direkten Vergleich wird deutlich, dass Tatsunoko eher die optischen Muskeln spielen lassen als mit einer längeren Handlung beeindrucken wollte und sollte. Dieses Ziel wurde bravourös erreicht: Karas liefert auf ganzer Optik-Linie ab und könnte dabei sogar den einen oder anderen 3D-Animationshasser bekehren.




    Sound


    Mit seinen wundervollen Kompositionen zu Blood: The Last Vampire und Saint Seiya: Legend of Sanctuary hat Yoshihiro Ike bereits früh mein Herz erobert. Dementsprechend groß war meine Freude, als ich von seiner Beteiligung an Karas erfuhr. Und noch größer, als ich Zeuge seines Könnens wurde.


    Die musikalische Untermalung wird vom seichten Hintergrundbegleiter schnell zum unverzichtbaren Element verwandelt, das gemeinsam mit der beeindruckenden Optik ein famoses Team bildet und den Zuschauer somit gnadenlos in seinen Bann zieht. Dabei werden ruhige sowie actionreiche Momente gleichermaßen passend begleitet und besitzen dabei eine elegante Varianz, wodurch sich das Ohr immer wieder über neue Eindrücke freuen darf.


    Die hervorragende Sprecherauswahl – in der japanischen sowie der deutschen Fassung – sorgt dafür, dass sich auch an dieser Stelle keine Enttäuschung breit machen und das hohe Qualitätsniveau problemlos gehalten werden kann. Dabei musste man bei der Synchronisation nicht mal zu den namhaften Top-Playern zurückgreifen, sondern konnte diesen positiven Gesamteindruck auch mit weniger bekannten, aber dennoch starken Sprechern auf die Beine stellen.


    Die wuchtigen und gekonnt abgemischten Soundformate runden diesen Bereich dann elegant ab und heimsen ebenso wie der optische Part locker die Höchstwertung ein.




    Extras / Aufmachung


    Karas Project K Part 1 & 2

    Youkai-Design

    Charakter-Design

    Figuren und Schauplätze

    Karas Pressekonferenz

    Making-Of Part 1 – 5

    Zwei Sticker

    Wendecover


    Anime-Veröffentlichungen sind teuer. Das ist ein Manko, das die deutschen Verleihe schwer umgehen können – wenn man die Preise senken würde, wäre eine Gewinnspanne kaum erreichbar, eine Veröffentlichung somit von Beginn an sinn- und vom Erfolgsstandpunkt aus gesehen aussichtslos.


    Dementsprechend ist ein Mehrwert beim Kauf einer teuren Blu-ray-Disc existenziell. Erwerbe ich für einen stolzen Preis „nur“ die Episoden oder kriege ich noch stattliches Bonusmaterial, womit die eigentliche Laufzeit länger und der Unterhaltungswert somit auch länger ist? Im Falle von Karas schien zunächst ersteres der Fall zu sein – immerhin präsentiert uns die Hülle nur zwei Sticker und ein Wendecover als Extras. Sechs Episoden, knapp drei Stunden, für 39,95€ und eher enttäuschende Boni, das tut schon weh.


    Die große Überraschung folgt jedoch, als ich im Hauptmenü dennoch eine Extras-Rubrik fand: Und diese mit umfangreichem Bonusmaterial regelrecht vollgestopft war. Eine Pressekonferenz, mehrere spannende Blicke hinter die Kulissen, sowie detaillierte Konzeptionierungsprozesse der Charaktere, Schauplätze und Youkai. Letztlich alles, was man sich nach dem Genuss eines visuell opulenten Animes wünschen kann.


    Das Material liegt zwar nicht im auf Hochglanz polierten HD vor, erfüllt seinen Zweck jedoch erstklassig: Der Unterhaltungswert der gekauften Blu-ray wird immens gesteigert und hält euch auch nach den sechs Episoden problemlos am Bildschirm fest. Nipponart: In Zukunft sollte solch ein umfangreiches Bonuspaket definitiv auf der Hülle verewigt werden!




    Fazit


    Karas beweist eindrucksvoll, dass 2D-3D-Hybriden mit kreativem Know-How und Liebe vom Detail einen Platz in der Animationszukunft verdient hat – hier wird man nämlich von einem Augenschmaus zum nächsten gelotst und darf sich dabei über epische Kämpfe sowie malerische Schauplätze freuen.


    Die Handlung muss sich dabei in den ersten beiden Episoden zwar mit einem Platz im Hintergrund begnügen, kann nach einer Welle der Verwirrung dann aber doch Fuß fassen und einen spannenden Parallelwelt-Plot erzählen, dem zusätzliche Episoden dennoch gut getan hätten.


    In Kombination mit einem rundum gelungenen Sound sowie umfangreichem Bonusmaterial wird Karas trotz kleinerer Mankos dann aber doch problemlos zur klaren Kaufempfehlung für Fans visuell ansprechender Animes. Denn allein die beeindruckenden Actionsequenzen dienen als klarer Garant für offene Münder und strahlende Augen.


    Name: Karas [Blu-ray]

    Verleih: Nipponart

    Bild: 16:9

    Ton: DTS-HD MA 5.1 (Deutsch), PCM Stereo (Japanisch)

    Untertitel: Deutsch

    Laufzeit: ca. 180 Minuten

    Freigegeben ab: 16 Jahren


    Mehr Infos findet ihr hier!

    Für alle Bilder in unserem Test gilt:
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