MediEvil



  • Totgeglaubte leben länger.


    Zuerst feierte Crash Bandicoot sein großes Comeback. Dann war Drache Spyro dran. Pünktlich zu Halloween feiert nun das nächste Playstation-Relikt seine triumphale Rückkehr in die Gaming-Welt: der knochige Ritter Sir Daniel Fortesque!


    Mit MediEvil kommt sein erstes Abenteuer aus dem Jahr 1998 im Remake-Gewand auf die Playstation 4 und will alte sowie neue Fans gleichermaßen begeistern.


    Doch ob sich die aufgemotzte Rückkehr von den Toten wirklich bezahlt macht oder nur Nostalgiker an diesen Remake-Knochen nagen sollten, verraten wir euch im Test.



    Wie vor 20 Jahren


    Bereits das Intro von MediEvil verfrachtete mich gnadenlos ins Jahr 1998 zurück. Konfrontierte mich Sir Daniel Fortesques erstes Abenteuer damals noch mit mittelschweren Albträumen (ich war acht Jahre alt, da ist das noch erlaubt), wurde mir beim Remake jedoch direkt ein Lächeln auf die Lippen gezaubert.


    Obwohl sich die Entwickler von Other Ocean Emeryville beim optischen Aspekt des Action-Adventures nicht für eine Zellenkur, sondern für einen vollständigen Neuaufbau entschieden haben, blieben Kamerafahrten, grundlegende Charaktermodelle sowie Leveldesigns förmlich unberührt. Fans des Originals freuen sich somit über einen nostalgischen Trip durch bekannte Szenarien, die dem heutigen Grafikanspruch gelungen angepasst wurden.


    Mit zusätzlichen Details und stärkeren Farben ergibt sich ein wundervolles Atmosphäre-Paket, das vor allem zu Beginn stark an einen Tim-Burton-Film erinnert. Auf unheimlichen Friedhöfen steigen die Toten aus ihren Särgen, im Mausoleum greifen euch Gargoyles an, in einem gruseligen Dorf wollen euch die verzauberten Dorfbewohner mit grell-grünen Augen ans Leder. Beetlejuice, Sweeney Todd oder Jack Skellington sind da gefühlt nicht weit weg.


    Begleitet wird das Ganze von einem nicht minder atmosphärischen Soundtrack, der direkt aus der Feder von Tim-Burton-Hauptkomponist Danny Elfman stammen könnte. Düstere Orchestertöne ergeben mit einem schaurigen Chor eine grandiose Grusel-Kulisse, die zwar niemandem Albträume bescheren dürfte, aber leichten Horror-Elemente hervorragend trägt und die bereits 1998 Grafik-Sound-Kombi mehr als 20 Jahre später somit erstklassig auf ein modernes Niveau hebt.



    Erste Risse in der Knochenstruktur


    Neue Optik geht jedoch auch mit der steten Gefahr neuer Schwächen einher. Auch MediEvil bleibt hiervon leider nicht verschont.


    Zwar läuft das Action-Adventure weitgehend flüssig, erlaubt sich gelegentlich dann aber doch einige Ruckler, die sich vor allem in effektreichen Momenten unschön bemerkbar machen. Schwerwiegende Framerate-Einbrüche braucht man zwar nicht zu erwarten, dennoch bekommt man mehrfach das Gefühl, dass diese Problematik mit etwas mehr Feinschliff ausgemerzt hätte werden können.


    Deutlich schwerwiegender fällt jedoch die Kamera-Problematik aus. Kenner des Originals werden sich an das Perspektivenchaos erinnern und werden auch beim Remake wieder damit konfrontiert. Offene Gebiete bleiben dank der freien Kameraführung zwar verschont, sobald ihr jedoch Gebäude oder engere Gänge betretet, ist das Chaos oftmals regelrecht vorprogrammiert.


    So schaltetet die Kamera beispielsweise im Mausoleum, das ihr zu Beginn des Abenteuers erkunden dürft, in den automatischen Modus, sorgt dadurch beim Kampf gegen pfeilschnelle Kobolde oder der Flucht aus einem einstürzenden Gang für eine erschwerende Unübersichtlichkeit, die rasant zu unfreiwilligen Bildschirmtoden führen kann. Eine Altlast, die MediEvil scheinbar nicht los wird.



    Sir Daniel Fortesque, wie er leibt und… tot ist


    In Sachen Gameplay fühlen sich Fans des Originals ebenfalls direkt heimisch. Wie bereits 1998 steht Sir Daniel Fortesque nämlich auch 2019 von den Toten auf, um Zauberer Zarok und seinen üblen Plänen einen Strich durch die Rechnung zu machen.


    Dafür kämpfen wir uns mit dem Knochen-Ritter durch zahlreiche, insgesamt recht linear gestaltete Level, erledigen allerlei monströse Kreaturen mit Schwert, Hammer, Dolchen und Armbrust, halten Gegenangriffe mit unserem treuen Schild fern und lösen hier und da auch mal ein kleines Rätsel. Gute, alte Action-Adventure-Aufgaben anno 1998.


    Jedes Level verbirgt zudem einige Geheimnisse, die mit ausreichend Erkundungsfreude und der richtigen Bewaffnung schnell enthüllt werden. Als Belohnung winken Gold oder Lebensflaschen, mit denen wir Dan länger in der Welt der Lebenden halten und bedeutend besser gegen teils hartnäckige Bosse auskommen. Es lohnt sich also, jeden Winkel genauestens unter die Lupe zu nehmen.


    Brav jeglichen Kontrahenten über den Jordan zu schicken lohnt sich übrigens auch. Habt ihr nämlich ausreichend besiegt, füllen deren Seelen einen im Abschnitt versteckten Kelch. Ist dieser vollständig gefüllt, könnt ihr ihn in euren Besitz bringen und in der Halle der Helden, die ihr nach jedem Level betretet – gegen neue Waffe und Upgrades eintauschen. Und dadurch gleichzeitig selbst zum stolzen Helden werden.



    Angestaubt bis auf die Knochen


    Das Gameplay und der Aufbau mögen zwar unglaublich bekannt vorkommen, gänzlich unberührt ist MediEvil aber keinesfalls: Mit zusätzlichen Herausforderungen in Form verlorener Seelen oder einer Dan Cam getauften, neuen Kameraperspektive hat Other Ocean Emeryville inhaltlich für spielerischen Zuwachs gesorgt. Leider wurde dabei aber das Entfernen der dicken Gameplay-Staubschicht vergessen.


    So mag das Kampfsystem prinzipiell noch gut funktionieren, lässt allerdings zuverlässige Visier-Möglichkeiten sowie Treffer-Feedbacks vermissen, womit vor allem Duelle gegen größere Gegnergruppen schnell in blindem Herumfuchteln münden und ein gezieltes Vorgehen beinahe unmöglich wird.


    Ähnliches lässt sich auch von den gelegentlichen Sprungpassagen behaupten. 1998 konnte man das Ganze mit einem Besser geht es derzeit halt nicht akzeptieren, versucht man beim Remake jedoch einen Hügel zu besteigen und dabei durch gezielte Sprünge heranrollenden Felsen auszuweichen, sind schmerzhafte Fehler kaum vermeidbar.


    Der gemeinsame Nenner ist die Steuerung, die sich somit direkt zum Hauptkritikpunkt entwickelt. Zwar hat man diese fühlbar am Original angelehnt, anschließend aber sämtliche steuerungstechnischen Entwicklungen der nachfolgenden 20 Jahre missachtet, wodurch sich eine durchweg spürbare Ungenauigkeit in Dans Kontrollfeld einschleicht. Besonders nervig, wenn der Schwierigkeitsgrad ab der Halbzeit aus dem Nichts stark anzieht und vor allem bei den Boss-Fights aus Lust schnell Frust macht.


    Kenner des Originals gewöhnen sich nach einigen Leveln an das bekannte Schema und greifen schnell auf alte Tugenden zurück, Neueinsteiger erwartet jedoch eine deutlich steilere Lernkurve, die spielerische Motivation alles andere als fördert. MediEvil macht damit deutlich, dass ein klarer Kurs im Visier war: Optisches Gesamtkonstrukt in die Moderne tragen, das Gameplay möglichst nach am nostalgischen Original belassen. Ein Vorhaben, das zwar für einen Teil der Gamerschaft aufgeht, den anderen Part aber eher gefrustet zurücklässt.



    Fazit


    MediEvil ist ein wundervoller Nostalgie-Traum, der uns mit aufgefrischter Optik, düsterem Soundtrack und nahezu unangetastetem Gameplay und Leveldesign zurück ins Jahr 1998 befördert und an Sir Daniel Fortesques Seite ein durchweg unterhaltsames Abenteuer voller fantasievoller Kreaturen und antiker Waffen erleben lässt.


    Gleichzeitig muss man jedoch mit der zweischneidigen Nostalgie-Klinge leben: Die fast vollständige Besinnung auf die Originaltugenden führen nämlich zu einem antiquierten Kampfsystem, nicht existenten Checkpoints, sowie einem rasant ansteigenden Schwierigkeitsgrad, die vor allem im letzten Drittel zu einigen unfairen Momenten führen.


    Anhänger der ersten MediEvil-Stunde lassen sich davon wahrscheinlich eh nicht stören, werden die unverfälschten Grundpfeiler der Serie sogar eher begrüßen – Nostalgie-Faktor sei Dank. Alle anderen sollten vorher lieber den Demo-Umweg gehen und sicherstellen, dass zeitlose Atmosphäre und liebevolles Design tatsächlich ausreichen, um über deutlich anstaubte Gameplay-Knochen hinwegzusehen.


    Dennoch lässt sich trotz klarer Schwächen erkennen, dass Sir Daniel Fortesque weiterhin austeilen kann, eine vollwertige Rückkehr auf das Playstation-Gaming-Schlachtfeld sich also definitiv anbieten würde. Ein Schritt, den ich als ein MediEvil-Fan der ersten Stunde direkt befürworten würde.

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