Neu The Outer Worlds



  • Fallout in Space


    Seit Jahren besteht die Fallout-Community lautstark darauf, dass sich Entwickler Obsidian Entertainment eines weiteren Ablegers der namhaften Reihe annehmen sollte. Immerhin wurde mit New Vegas ein gefeierter Titel abgeliefert, der zahlreiche Stärken des RPG-Genres gezielt ausspielte.


    Der erhoffte Nachfolger sollte zwar nicht kommen, aber immerhin erwartete die Fans ein Hoffnungsschimmer am galaktischen Horizont: Mit The Outer Worlds versprach Obsidian ein brandneues RPG-Erlebnis, das den Spieler mitsamt Fallout-Spirit in die weiten Tiefen des Weltalls befördert und in Puncto Freiheit beinahe grenzenlos ausfallen soll.


    Nun darf man diese Reise endlich antreten. Stellt sich nur noch die Frage: Lohnt sich der Trip tatsächlich? Wir haben uns ins Raumschiff gewagt und liefern euch im Test die Antwort!



    Wenn Pläne sich ändern


    Auf dem Papier las es sich so simpel. Raumschiff betreten, per Kyrokammer in den Tiefschlaf begeben und ausgeruht auf einem Planeten des Halcyon-Systems erwachen, um mit anderen führenden Genies der Menschheitsgeschichte für Recht, Ordnung und ein wirtschaftlich aufschwingendes Leben zu sorgen.


    Natürlich sieht die Realität wieder anders aus. Aus unerklärlichen Gründen kommt euer Schiff vom Kurs ab, verschwindet vom Radar und schwebt etliche Jahrzehnte unentdeckt durch das All. Mission fehlgeschlagen, Spiel vorbei? Zum Glück nicht: Denn der geheimnisvolle Phineas Welles hat andere Pläne mit euch.


    Mitsamt eigens entwickelter Hilfsmittel befreit er euch aus eurem Tiefschlaf und schickt euch mit einer eigentlich simplen Aufgabe auf den ersten Planeten: Finde eine Möglichkeit, alle anderen Mitreisenden aus ihrem eiskalten Gefängnis zu befreien, um mit ihrer Hilfe das hochgesteckte Ziel einer revolutionären Zukunft zu erfüllen.


    Klingt simpel, wird durch den momentanen Zustand der Galaxie jedoch ungemein erschwert. Zeit eurer Abwesenheit kamen nämlich verschiedene, machthungrige Fraktionen an die Macht, wodurch sich nach und nach ein spürbarer, gesellschaftlicher Bruch ergabt. Die Folge: Während einige Leute reich und fröhlich immer mehr Geld und Rohstoffe anhäufen, herrschen auf der anderen Seite Alkohol, Drogen, Raub und Mord vor.


    Es beginnt eine etliche Planeten umfassende Odyssee, die mit schusswütigen Räubern, intergalaktischen Monstern und gesellschaftlichen sowie politischen Intrigennetzen durchzogen ist. Und deren Ende sprichwörtlich in den Sternen steht: Immerhin lädt The Outer Worlds euch ein, einen völlig individuellen Weg zu gehen.



    Prügelknabe oder redegewandter Casanova


    Ohne eine ordentliche Charaktererstellung darf ein richtiges RPG aber nicht beginnen. Und so lädt euch The Outer Worlds zunächst ein, euer virtuelles Ich mitsamt Geschlecht, Aussehen sowie körperlichen Alleinstellungsmerkmalen (die Augennarbe darf niemals fehlen!) zusammenzustellen.


    Hauptaugenmerk liegt jedoch auf euren Hauptattributen. Diese dürft ihr mit einigen Punkten zu Beginn entweder steigern oder gar senken und somit bereits die ersten Weichen für die grundlegende Entwicklungen eures Helden (oder Bösewichts) stellen. Je nachdem, wie ihr Stärke, Intelligenz oder Charme einstellt, fallen logischerweise auch die daraus resultierenden Fähigkeiten grundverschieden aus – die Attribute lassen sich nachträglich nämlich nicht mehr anpassen.


    Setzt man also beispielsweise mehr auf Muskelkraft, kann man im Nahkampf zwar besser austeilen, donnert bei alltäglichen Konversationen aber auch mal gerne gegen die Wand. Oder man wird zum Profi bei verbalen Auseinandersetzungen und Schleicheinsätzen, kann dafür aber nicht mal mit einer einfachen Laserpistole umgehen. Alles Anlagen, die man zwar nachträglich entschärfen kann, den grundlegenden Fortlauf allerdings früh selbst bestimmt hat.


    The Outer Worlds setzt auf eine hervorragende Vernetzung des Entwicklungssystems, wodurch das Herumexperimentieren enorm viel Freude bereitet. Mit jedem Stufenanstieg verdienen wir uns Erfahrungspunkte, die wir in die einzelnen Fähigkeiten investieren und unsere Skills damit ausbalancieren dürfen. Investieren wir in die richtige Rubrik, schalten wir neue Zusatzkräfte frei, die unseren gewünschten Spielstil entgegenkommen.


    Oftmals wird hohes Risiko dann auch entlohnt. Für unseren Test entschieden wir uns beispielsweise für einen auf Schleichen sowie Sprach-Skills angelegten Walkthrough, der uns in puncto Angriff und Verteidigung allerdings zu einer kleinen Zielscheibe machte. Lügen, Überzeugen oder gar Bedrohen wurde zu unserer schärfsten Waffe, ein schmerzhafter Stealth-Angriff zur Trumpfkarte. Und tatsächlich konnten wir viele Situationen mit dem richtigen Vorgehen und dem Ausspielen unserer Stärken so erfolgreich entschärfen.


    Erfreulicherweise birgt jedes Vorgehen seine Vor- und Nachteile, wodurch Obsidian Entertainment keinen Spielstil deutlich abstraft oder bevorteilt. Immer wieder wurden wir mit Momenten konfrontiert, in denen sich unsere sprachlichen Kenntnisse als Retter in der Not oder auch als vollkommen nutzlos herauskristallisierten. Den unschlagbar goldenen Weg gibt es also definitiv nicht.



    Stetiger Wandel


    Hier enden die Entwicklungsmöglichkeiten von The Outer Worlds allerdings noch nicht. Kein Wunder also, dass wir beim Test wirklich zahlreiche Pausen eingelegt haben, um uns über unsere gewünschten Verbesserungen ausreichend Gedanken zu machen.


    Neben dem steten Erhöhen unterschiedlicher Fähigkeiten und dem damit verknüpften Freischalten hilfreicher Sonder-Skills erhalten wir nämlich auch Perk-Punkte, die zum Eröffnen besonderer Vorteile dienen. Mehr Gesundheit, verbesserte Traglast oder erhöhte Geschwindigkeit möchten hier von euch aktiviert werden, sollten allerdings zu eurem Stil kompatibel sein.


    Eine amüsante Zusatzidee stellen auch die Schwächen darf, die sich bei uns erschreckend schnell zeigen. Durch ungestüme Bewegungen kassierten wir relativ oft unangenehmen Fallschaden, wodurch uns The Outer Worlds mit einem erhöhten Gesundheitsverlust für Stürze ausstattete. Der Clou: Ihr dürft frei entscheiden, ob ihr diese Schwäche wirklich annehmen wollt. Eine Ablehnung hat keinerlei Konsequenzen, ein Akzeptieren belohnt euch mit einem weiteren Perk-Punkt.


    Obsidian gelingt es mit all diesen unterschiedlichen Aspekten bravourös, bereits die Charakterentwicklung zu einem dauerhaft motivierenden Teil eures Abenteuers zu machen. Immer wieder eröffnete sich uns neue Fähigkeit, deren Freischalten und Einsetzen wir gar nicht mehr erwarten konnten. Dadurch wurde unser anfänglich angedachter Spielplan immer präziser, unsere Strategie mit neuen Alternativen versehen, klare Schwächen gezielt durch richtigen Punkteeinsatz ausgehebelt.



    Planeteneroberer


    Dreh- und Angelpunkt von The Outer Worlds ist die Unreliable, ein nach dem erfolgreichen Abschließen der anfänglichen Missionen zugängliches Raumschiff. Kein Wunder, immerhin setzt Obsidian anders als bei Fallout: New Vegas nicht auf eine einzelne gigantische Spielwelt, sondern präsentiert uns gleich mehrere Planeten zum freien Erkunden.


    Das Freiheitsgefühl wird dadurch allerdings nicht geschmälert. Obwohl die Umgebungskarten nun deutlich überschaubarer ausfallen, wird euch weiterhin ausreichend Raum zum Erforschen eröffnet, zahlreiche Orte und versteckte Geheimnisse gezielt als Motivator genutzt. Da kann man sich in den Unweiten eines fremden Planeten schon gerne mal verlieren.


    Oftmals kamen wir vom eigentlichen Handlungspfad ab, weil leerstehende Gebäude, verlassene Forschungseinrichtungen oder dunkle Höhlen unsere Neugier weckten. Belohnungen winken hier zuhauf: Besiegte Gegner versorgen uns mit neuen Ballermännern, Truhen, Schubladen, Schränke und Co. verbergen Geld und nützliche Hilfsgegenstände und Computer lassen sich wissenswerte Geheimnisse entlocken – manchmal aber erst nach einem geübten Hack.


    Obsidian fängt spielend leicht das altbekannte Fallout: New Vegas-Feeling ein. Jeder Winkel der Spielwelt wird zum kleinen Spielplatz für erkundungsfreudige Weltraumentdecker mit leeren Taschen. Immerhin kann man ja hier eine wuchtige Waffe oder dort ein notwendiges Passwort übersehen haben. Oder eventuell ja sogar gleich über eine neue Quest stolpern?



    Rettende Konsequenzen


    Apropos Quests! Diese sind vom Aufbau im typischen RPG-Gewand gehüllt. Letztlich laufen wir von Questgeber A zu Zielort B, lösen Aufgabe C und laufen zu A zurück, um eine nette Belohnung zu kassieren und gleichzeitig einen Weg in Richtung Auftraggeber D (und eventuell auch E und F) zu eröffnen. Für Kenner nun keine gigantische Überraschung.


    Ähnlich simpel geht es auch beim eigentlichen Quest-Design weiter. The Outer Worlds hält sich mit wegweisenden Ideen zurück und verdonnert uns oftmals zu einfachen Bringe mir X Stück davon-, Erledige diese fiese Räuberbande- oder Hacke diesen Computer und bring mir die Geheimnisse-Aufgaben, die man bereits gefühlt tausend Mal über sich ergehen lassen musste.


    Nun mag bei einigen Lesern die Ernüchterung einsetzen, immerhin hatte man bei einem ambitionierten Entwicklerstudio wie Obsidian an allen Fronten beeindruckende Weiterentwicklungen erwartet. Tatsächlich gestaltet sich das Quest-Design trotz altbackener Aufgaben nicht als vernichtender Genickbruch, sondern wird durch inhaltliche Qualität und folgeschwere Weichenumstellungen auf ein hervorragendes Niveau erhoben.


    The Outer Worlds folgt nämlich nicht blind einem früh festgelegten Plot, sondern formt sich gänzlich nach euren Entscheidungen. Dementsprechend werden auch die Quests mit ausreichend Spannung gefüllt: Einerseits durch die involvierten Charaktere und Handlungsstränge, andererseits durch die verschiedenen Ausgänge, die ihr mit euren Aktionen und Vorgehensweisen erreichen könnt.


    Und natürlich auch mit den dadurch resultierenden und teils katastrophalen Konsequenzen.



    Viele Wege führen zum intergalaktischen Rom


    Bereits die kleinen Entscheidungen machen The Outer Worlds zu etwas Besonderem. Fast jede Quest eröffnet uns eine Vielzahl unterschiedlicher Abschlussmöglichkeiten und lässt uns dabei frei, ob wir als gutmütiger Samariter, neutraler Vagabund oder gnadenlos bösartiger Attentäter agieren wollen.


    Die Konsequenzen eures Handelns beschränken sich dabei nicht immer nur auf die jeweilige Mission, sondern können auch für nachfolgende Aufgaben gravierende Folgen haben. Logisch, wer sich mit Diebstahl und kaltblütigem Mord einen Namen macht, wird nicht nur von freundlichen Gesichtern empfangen, verwehrt sich damit also gerne auch mal die Möglichkeit auf ein friedliches Vorgehen. Glaubt uns, wir haben es versucht und dabei ganze Kolonien zu unseren Feinden gemacht.


    Obsidian belässt es allerdings nicht bei kleinen Abzweigungsmöglichkeiten, sondern präsentiert euch eine Reihe umfangreicher Quest-Reihen, deren Ausgänge wirklich grundverschieden ausfallen können und vollständig auf euren Entscheidungen beruhen. Primär handelt es sich hierbei um die Frage, welcher Fraktion man sich eher hingezogen fühlt. Hilft man Team A oder Team B? Oder pfeift man komplett auf beide und spielt für Team ICH?


    Hierbei brauchen RPG-Skeptiker keine simplen Dialogänderungen befürchten, sondern dürfen sich auf grundlegend unterschiedliche Abläufe und gar klar erkenn- und teilweise sogar spürbare Änderungen in der Spielwelt freuen. Wenn man sich mit den falschen Leuten anlegt, wird man eben gerne auch mal zum Gejagten. Und wenn man eine kleine Stadt protestierender Firmenarbeiter vom lebenserhaltenden Strom trennt, gerne auch mal als emotionsloses Monster abgestempelt.


    Diese Momente machen die Handlung von The Outer Worlds zum kleinen Highlight. Während die Rahmenhandlung nämlich höchstens als zweckmäßig bezeichnet werden darf und im Mittelteil sogar gefühlt auf der Stelle tritt, bringen die Quests mit all ihren Aufgabenstellungen und Entscheidungen viel Charakter, Inhalt und Tiefe in die Spielwelt, konfrontieren euch mit schweren Schicksalen und jahrzehntealten Rivalitäten, in denen ihr nun den Entscheider spielen dürft.


    Wem würde die Macht da nicht rasant zu Kopf steigen?



    Die perfekte Space-Crew


    Die narrative Raffinesse, mit der Obsidian den eigentlich simplen Plot von The Outer Worlds mit Leben und Spannung füllt, lässt sich auch bei weiterem Aspekt deutlich erkennen: Nämlich bei euren KI-Begleitern.


    Mit fortschreitendem Handlungsverlauf begegnet ihr ausgewählte Charaktere, die ihr – sofern ihr euch ihnen gegenüber korrekt verhaltet und die richtigen Entscheidungen trefft – auf die Unreliable einladen, sie somit zum Teil eurer Crew machen und bis zu zwei Helfer sogar auf Erkundungszüge mitnehmen dürft.


    Dass mehr Waffengewalt immer besser ist, dürfte niemanden wirklich überraschen. Die eigentliche Magie liegt vielmehr bei der Interaktion mit euren Freunden/Untergebenen (je nachdem, wie ihr es handhaben wollt). So erwarten euch teils amüsante Zwischenrufe beim Planetenspaziergang, optionale (und teils sehr persönlicher) Verbündeten-Aufgaben oder auch kleinere Auseinandersetzungen auf dem Schiff, die ihr entweder verfolgen oder gezielt auflösen könnt.


    Schnell wachsen euch eure Begleiter ans Herz, sind in ihrer eigentlichen Entwicklung dann aber auch von euren Entscheidungen abhängen. Primär natürlich durch das Verteilen von Perk-Punkten, um weitere Fähigkeiten freizuschalten und auch gegen größere Gegnertruppen bestehen zu können, sekundär allerdings auch von eurem grundlegenden Verhalten.


    Beispielsweise schmeckt es nicht jedem Verbündeten, wenn ihr anstatt einem leidenden Stadtbewohner anstatt einer helfenden Hand eine gleich explodierende Granate reicht. Plötzliche Wutausbrüche oder gar ein kompletter Freundschaftsbruch können die Folge sein und euch rasant wieder allein durch die Galaxie schwirren lassen.


    Doch das sind eben die schweren Bürden der Entscheidungsfreiheit.



    10 Arten in der Galaxie aufzuräumen


    Unseren ersten Marsch durch The Outer Worlds verfolgten wir einen möglichst pazifistischen Weg, um die Tiefe der verbalen Möglichkeiten wirklich auszukosten. Und hier hat sich Obsidian wirklich viel Mühe gegeben: Wer auf in gewandte Sprach-Skills investiert, kann viele Situationen per geschickter Lüge oder Überzeugungskraft elegant meistern und damit die Gesundheitsleiste und den Munitionsvorrat schonen.


    Ein friedlicher Freifahrtschein war das allerdings nicht: Immer wieder wurden wir gezwungen, dann doch zur Waffe zu greifen und Auseinandersetzungen mit schlagfertigen (und schmerzhaften) Argumenten aus der Welt zu schaffen. Fallout-Fans werden sich dabei direkt heimisch fühlen, immerhin hat sich Obsidian hier eindeutig inspirieren lassen und das Kampfsystem leicht modifiziert übernommen.


    Aus der Ego-Perspektive nehmen wir Räuber, Monster und Roboter mit allerlei Pistolen, Schrotflinten und Nahkampfwaffen ins Visier und freuen uns sogar über eine kurzzeitig einsetzbare Zeitlupen-Funktion als V.A.T.S.-Ersatz. Und wer den richtigen Skill-Weg gegangen ist, der kann sogar auf Stealth setzen, sich also klangheimlich anschleichen und mit einem beherzten Schlag einen Feind nach dem anderen ausschalten. Trotz umfangreicher Waffenauswahl solltet ihr stets mit einer Strategie aufs Schlachtfeld wandern: Bereits nach kurzer Zeit nutzen sich eure Waffen nämlich ab und müssen im Austausch mit eingesammeltem Material an Werkbänken repariert werden.


    Hier eröffnet sich euch gleichzeitig die Möglichkeit, eure liebsten Stücke zusätzlich zu optimieren oder via Mods mit wuchtigen Zusatzfähigkeiten auszustatten, darunter beispielsweise elementare Schäden oder dauerhaft an der Lebensleiste knabberndes Gift. Auch beim Zusammenstellen des eigenen Equipments gibt es ausreichend Möglichkeiten, Taktiker kommen also ebenfalls vollends auf ihre Kosten.


    Leider scheint beim Entwicklungsprozess der Aspekt des Treffer-Feedbacks über Bord gefallen zu sein. Während eure eigenen Angriffe sich nämlich schön wuchtig anfühlen, werden gegnerische Kontern kaum registriert, weder durch eine Controller-Vibration noch durch visuelle Besonderheiten. Die Folge: Oftmals segnet man urplötzlich das Zeitliche, weil man im Trubel die Gesundheitsleiste aus den Augen verloren und sich umsonst auf sonstige Meldungen verlassen hat.


    Nimmt man diesen schmerzhaften (aber eben nicht sichtbaren) Aspekt heraus, ergibt sich ein nennenswerte Neuerungen vermissendes, in der Praxis aber hervorragend funktionierendes Gunplay, das mit eventuellen Patches sogar zu einem mehr als guten Gesamtergebnis ausgebessert werden kann.



    Technischer Schluckauf


    Dass sich Obsidian bei The Outer Worlds alle kreativen Freiheiten genommen und sich gezielt ausgelebt hat, zeigt sich in fast jedem Aspekt des RPG-Abenteuer. Ganz besonders deutlich wird dieser Fakt aber beim gemütlichen Spaziergang über die unterschiedlichen Planeten des Halcyon-Systems.


    Abwechslungs- und Detailreichtum ist hier stets vorherrschend, erkundungsfreudige Weltraumforscher erwartet also ein anschaulicher Augenschmaus nach dem anderen. Hierbei beeindrucken allerdings nicht nur futuristische Gebäude, malerische Sternenhimmel oder anmutige Landschaften, sondern auch die vielen Charakter- und Monstermodelle, die sich allesamt unzähliger Besonderheiten erfreuen und somit erstklassig in das starke Gesamtbild hineinpassen.


    Wie bei ausschweifenden Open-World-Titeln mit enormem Tiefgang aber üblich, präsentiert sich der grafische Aspekt als zweischneidige Klinge. Neben all den glanzvollen Momenten wirft uns The Outer Worlds nämlich auch oftmals erschreckend leblose und detailarme Gesichter entgegen, was vor allem in Kombination mit hölzernen Animationen gelegentlich einige unschöne Situation hervorruft.


    Auch die Framerate-Probleme konnte Obsidian nicht vollends in den Griff kriegen. Keine Sorge, grauenhafte Ruckelorgien oder gar zeitweilige Unspielbarkeit braucht ihr nicht zu befürchten, angesichts des insgesamt recht flüssigen Ablauf waren die doch heftigen Tiefpunkt dann ganz besonders negativ auf. Ebenso wie die Ladezeiten, die stellenweise enorm lang ausfallen.


    Wer sich aber bereits durch Fallout: New Vegas kämpfen durfte, wird mit The Outer Worlds in dieser Hinsicht eher eine Überraschung als eine Enttäuschung erleben – immerhin wurde in puncto Details und Kreativität ein neues Studio-Level erreicht, während das Framerate-Grauen der Vergangenheit nicht wiederholt wurde.



    Eine neue Raketenrunde


    Eigentlich sind wir beim Testen den indirekten Zeitdruck gewohnt. Zwar wurden wir noch nie ermahnt, uns beim Verfassen unserer Review zu beeilen, dennoch weiß man genau, dass der Erhalt eines Rezensionsexemplars nun auch mit einer gewissen Verpflichtung verbunden ist.


    Bei The Outer Worlds war aber alles anders. Gemeinsam mit unserem Review-Key wurden wir gebeten, uns beim Testen viel Zeit zu nehmen, die Spielwelt zu erkunden, unterschiedliche Stile auszuprobieren und doch gerne auch mal einen zweiten Anlauf versuchen sollen. Ein Vorschlag, den wir uns direkt zu Herzen genommen haben. Zum Glück!


    Kaum kannten wir die Story und hatten uns mit dem grundlegenden Gameplay, unseren Verbündeten und der Charaktererstellung auseinandergesetzt, konnten wir im zweiten Testdurchgang vollkommen grenzenlos die Weltraum-Sau loslassen und schauen, wie variantenreich das Abenteuer tatsächlich ausfallen kann.


    Und in diesem Moment verwandelte sich The Outer Worlds für uns von einem sehr guten RPG zu einem der besten des Jahres. Zahlreiche wagemutige Experimente wurden mit fantastischen Konsequenzen belohnt – beispielsweise die Wahl des niedrigsten Intelligenzlevels, wodurch Konversationen zu einem herrlichen Genuss mit vielen Lachern wurden.


    Obsidian mag zwar narrativ sowie technisch nicht gänzlich überzeugen können, liefert beim neusten Weltraum-Abenteuer dafür an jeder anderen Front ordentlich ab. Hier erwartet euch ein galaktischer Spielplatz, der auf eure Entscheidungen reagiert, zu erneuten Anläufen animiert und somit etliche Spielstunden feinster RPG-Unterhaltung garantiert.


    Ob Obsidian mit The Outer Worlds Fallout: New Vegas übertreffen konnten? Darüber lässt sich streiten. Dass sie sich mit ihrer brandneuen IP und frischen Welt aber auf gleicher Augenhöhe bewegen, das steht für uns definitiv fest.



    Fazit


    Houston, wir haben kein Problem! Denn mit The Outer Worlds liefert Obsidian Entertainment den erhofften RPG-Hit im futuristisch-kreativen Weltall-Gewand ab.


    Hierbei ist es vor allem die schier grenzenlose Freiheit, die uns nach den ersten Spielminuten eröffnet wird. Setzen wir auf tödliche oder verbale Durchschlagskraft? Helfen wir Team A oder B? Sind wir gut oder böse? Oder pfeifen wir einfach auf alles und lösen jegliche Problematik gleich mit einer geladenen Knarre. The Outer Worlds öffnet uns alle Pforten und bietet dadurch feinste Unterhaltung, die selbst im dritten Anlauf weiterhin motiviert.


    Technische Ungereimtheiten, kleinere Kampfsystemprobleme sowie gelegentliche Leerläufe im Handlungsbereich und an der Quest-Front müssen wir zwar als starke Abzüge in der B-Note anrechnen, diese verpassen dem ebenso umfangreichen wie auch kreativen Abenteuer letztlich aber nur vernachlässigbare Schnitzer, die in Ausnahmefällen leicht schmerzen.


    Wer Fallout: New Vegas verschlungen hat und sich mal wieder wirklich in einem fantasievollen RPG verlieren möchte, der kommt an The Outer Worlds gar nicht vorbei. Sobald man nämlich mit seinem Handeln die galaktischen Zahnräder in eine bestimmte Richtung bewegt und die (entweder wundervollen oder desaströsen) Folgen seines Handelns erlebt habt, kann man sich nur schwer von der Konsole lösen.

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