The Silver Case 2425



  • Gedanklich fordernder Crime-Noir-Mindfuck mit unverkennbarem SUDA51-Charme.


    Abgedreht, atmosphärisch, einzigartig - The Silver Case ist definitiv ein SUDA51-Titel!


    Hinter meinem Fazit zum PS4-Remaster des 1999 veröffentlichten SUDA51-Werks stehe ich bis heute. Immerhin dachte ich, dass ich dieses nach Beenden meines Tests im Juli 2017 gedanklich ad acta legen, mich beruhigt anderen aktuellen Releases widmen könnte. Falsch gedacht: Noch lange kehrte ich zu diesem Visual Novel zurück, ließ das Erlebte Revue passieren, spielte wichtige Ereignisse vor meinem geistigen Auge nochmal durch, um eventuell noch mehr Licht ins verwirrende Dunkel zu bringen.


    Vier Jahre später darf ich abermals in diese Welt eintauchen, nicht nur The Silver Case, sondern auch dessen Nachfolger The 25th Ward: The Silver Case auf Herz und Nieren prüfen und mein Gedankenspiel somit endlich fortsetzen. Doch ob das Handlungskombination im Switch-exklusiven The Silver Case 2425 tatsächlich die alte Faszination entfachen oder mich in einen Abgrund der narrativen Langeweile stürzte, verrate ich euch im Test.


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    Gefangen im SUDA51-Gedankenlabyrinth


    Anfangs war ich mir allerdings unsicher, ob mich auch The Silver Case 2425 in seinen Bann ziehen oder bereits nach kurzer Zeit langweilen, einen vorzeitigen Testabbruch also unvermeidbar machen würde. Dabei versprechen beide inmitten einer dystopischen Welt angesiedelten Titel allerfeinste Krimi-Unterhaltung mit straff gezogenem Spannungsbogen und zahlreichen Wendungen.


    In The Silver Case bringt eine Reihe mysteriöser Mordfälle die Haupthandlung ins Rollen. Diese rufen nämlich die 24-Wards-Crimes-Unit auf den Plan, deren ermittelnden Detektive rasant einen Tatverdächtigen ausmachen: den sagenumwobenen Serientäter Kamui Uehara, der vor 20 Jahren mit kaltblütigen Attentaten auf Regierungsbeamte einen unheilvollen Namen machte. Eigentlich schien seinem grauenhaften Treiben aber ein Ende bereitet worden, das Kapitel Uehara damit endgültig geschlossen zu sein. Ist die Mordlust etwa wieder entfacht? Oder möchte sich ein neuer Killer den namhaften Deckmantel umwerfen, um Teil der tödlichen Legende zu werden?


    The 25th Ward: The Silver Case setzt fünf Jahre nach den Ereignissen des Vorgängers an und entscheidet sich bei der Wahl des narrativen Startschusses ebenfalls für ein grausames Verbrechen. Dieses droht die gesellschaftliche Ordnung aus den Fugen zu bringen, weshalb umgehend eingeleitete Ermittlungen rasch Licht ins Dunkel bringen sollen. Stattdessen scheint dieser Mord jedoch einen blutroten Faden zu entzünden, der weitere schockierende Ereignisse und damit ein kaum kontrollierbares Chaos in Gang.


    SUDA51-Fans verfluchen mich sicherlich gerade im Geiste, trete ich sein komplexes Handlungsgeflecht durch die oberflächlichen Zusammenfassungen doch regelrecht mit Füßen. Tatsächlich versuche ich, das Spoiler-Minenfeld zu umgehen, nur das Nötigste an Informationen in den Ring zu werfen, damit Neulinge vollkommen unberührt in die düstere Welt eintauchen können.


    Wer diese nämlich unvorbereitet betritt, verfängt sich rasant in einem wahren Story-Spinnennetz, aus dessen unliebsamen Griff man sich – richtige Erwartungshaltung vorausgesetzt – allerdings kaum befreien möchte. Auf Verwirrung folgt Faszination, auf Überforderung Begeisterung, auf Erschöpfung Motivation. Gegensätzliche Ströme, die den Spieler durch einen rapiden Wechsel in eine atmosphärische Gefangenschaft nehmen, diese durch ein starkes Drehbuch und niemals versiegen wollende Quelle erzählerischer Einfälle aber unverhofft komfortabel gestaltet.



    Die ersten ermüdenden Schritte


    Nun stolpert man natürlich unweigerlich über die Frage, weshalb ich dem Gesamtkonstrukt The Silver Case 2425 eine starke Haupthandlungskombi attestiere, gleichzeitig allerdings meine eigene Motivation für einen erneuten Durchlauf in Frage stelle. Die Antwort ist denkbar einfach: Weil ich mir dank meines ersten Tests über die teils schwerwiegenden Schwachstellen vollends bewusst bin.


    Zum einen erinnerte ich mich direkt an den relativ missglückten Einstieg, der bereits während der ersten Runde spürbar an meinem Nervenkostüm zehrte. Wird man nämlich zunächst von einer überfrachteten Textwelle gnadenlos in die verschachtelte Welt geschubst, vollkommen überhastet mit Namen, Orten und Begriffen bombardiert und somit unvorbereitet in das fiktionale Gesellschaftsgefüge entlassen, folgt im direkten Anschluss eine ermüdende Leerlaufphase, die unnötig in die Länge gezogen wird. Sicherlich mag das gemächliche Tempo zu Beginn meiner Ermittlungen einen gewissen atmosphärischen Mehrwert mit sich bringen, bereits zu diesem frühen Zeitpunkt solch eine Hürde nehmen und sich regelrecht durchbeißen zu müssen, gleicht schon einer kleinen Herausforderung.


    Zum anderen greift The Silver Case 2425 nicht verständnisvoll nach meiner Hand, um mich durch das teils unglaublich verwirrende Labyrinth an Namen, verschachtelten Informationen und rätselhaften Aussagen zu lotsen, sondern schlägt diese schmerzhaft zur Seite und spuckt mir anschließend noch ins Gesicht. Gemütlich auf dem Sofa zurücklehnen und sich von der Story berieseln lassen? Fehlanzeige. Wer hier mithalten möchte, muss stets am Ball bleiben, um vor lauter Konfusion nicht den Faden zu verlieren.


    Dass SUDA51 das Wort Simplizität bereits vor etlichen Jahren aus seinem Wortschatz gestrichen hat, Gamer liebend gerne aus ihrer Komfortzone lockt und mit abstrusen Ereignissen und Dialogen freudig vor den Kopf stürzt, dürfte Kennern von Killer Is Dead, No More Heroes oder killer7 kaum überraschen. Die frühen Werke sind aber oftmals die irritierendsten – eine Aussage, die das japanische Videospiel-Mastermind mit The Silver Case bravourös unterstreicht und an die mit The 25th Ward: The Silver Case gefühlt nahtlos angeschlossen wird.


    Es erfordert also viel Konzentration, gelegentlich sogar Anstrengung, den zu den herbeigesehnten Antworten führenden Spuren genauestens zu folgen, dabei keinerlei Hinweise aus den Augen zu verlieren und somit zu einer kurzen Zwangspause und Google-Suche zwecks Auffüllens der Verständnislücken genötigt zu werden.



    Visuelle Anziehungskraft


    Es mag wie eine elendig lange Liste an Schwächen klingen, klaren Gründen, weshalb man The Silver Case 2425 lieber im Regal stehen. Tatsächlich verbirgt sich hinter der Crime-Kombo weiterhin ein kleines Stück Videospielgeschichte, ein digitaler Fiebertraum, dessen eigensinnige Art nur mit der richtigen Erwartungshaltung akzeptiert und in langanhaltende Motivation umgewandelt werden kann.


    Ganz wichtig: Hinter SUDA51s frühem Werk verbirgt sich kein heftiger Action-Kracher mit erbitterten Hack-and-Slay-Gefechten, sondern ein textlastiges Visual Novel, das sich gerne Zeit nimmt und aktive Eingaben höchstens in Form kleinerer Rätsel oder kurzer Erkundungszüge implementiert. Nettes Beiwerk, das definitiv als willkommene Abwechslung bezeichnet werden darf, im Gesamtwerk jedoch nur ein winziges Zahnrad darstellt und somit höchstens eine kurze Erwähnung, keine ausschweifenden Erklärungen oder Analysen verdient.


    Eine wirkliche Problematik stellt das – wenn man sich zuvor mental auf das richtige Genre vorbereitet hat – allerdings nicht dar. The Silver Case 2425 präsentiert sich nämlich etliche Jahre nach Erstveröffentlichung als visuelles Feuerwerk, das die genutzten Raketen und ständig austauscht und optische Redundanz somit gekonnt vermeidet. Regelmäßig werde ich Zeuge kreativer Einfälle, an denen ich mich einfach nicht sattsehen kann und dafür bereit bin, über die eindeutigen Alterserscheinungen hinwegzusehen.


    Mich durch den zähen Start zu kämpfen, fast schon mühselig meine Gedanken zu ordnen, um in dieser dystopischen Welt überhaupt den Überblick behalten zu können, entpuppt sich somit als steinige Startetappe für ein ungewöhnliches Erlebnis, dessen Stärken nicht unbedingt im qualitativen Niveau der einzelnen Elemente, sondern im ungebrochenen Mut zum Anderssein liegt.


    Bereits damals beugte sich SUDA51 nicht dem Mainstream, folgte fast schon engstirnig seinem eigens gewählten Weg, die exzeptionelle Vision stets vor Augen. Dass weder The Silver Case noch das sechs Jahre später erschienene The 25th Ward: The Silver Case die breite Gaming-Community ansprechen konnten, es auch gar nicht wollten. Wer allerdings explizit nach eben diesem Anderssein sucht, einem eindringlichen Visual-Novel-Abenteuer seine volle Aufmerksamkeit schenken möchte und den Inbegriff der Worte Besonders und Abgedreht erleben möchte, für den führt auch viele Jahre nach Erstveröffentlichung beider Titel kein Weg an The Silver Case 2425 vorbei.


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    Fazit ohne Punktewertung


    Ich bereue es, dem PS4-Remaser von The Silver Case 2017 eine Gesamtpunktzahl verpasst und diese sogar noch im wertungstechnischen Mittelfeld angesiedelt zu haben. Immerhin spiegelt diese das eigentliche Herz des außergewöhnlichen Visuals Novels kaum wider, zeigt eher die logischen Schwächen des Altersprozesses auf, die Schöpfer SUDA51 allerdings bewusst nicht ausmerzen, sondern durch minimale Anpassungen und Optimierungen höchstens gezielt kaschieren wollte.


    The Silver Case 2425 vereint zwei ambitionierte Erzählungen, die ihre Komplexität nicht verbergen, sondern stolz zur Schau stellen, den Spieler förmlich einladen, sich wach, motiviert und konzentriert in sie hineinzustürzen und mit einem skurrilen Geflecht an verwirrenden Mysterien und schockierenden Wendungen zu stellen.


    The Silver Case und The 25th Ward: The Silver Case werden also definitiv nur einen vergleichsweise kleinen Gamer-Kreis ansprechen, sogar einige SUDA51- und Visual-Novel-Fans der heutigen Zeit abschrecken. Wer sich allerdings für eben diese Art von Text-Abenteuern interessiert, wird mit zwei irrsinnig-grandiosen Erfahrungen belohnt, die den Genre-Thron zwar nicht erobern, sich als wichtige Bestandteile der Videospielgeschichte aber dennoch einen wohligen Platz im Gedächtnis sichern und noch lange nach Beenden hier herumkreisen. Ich bin das beste Beispiel.

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