The Silver Case


  • Als der Wahnsinn seinen Anfang nahm.


    Wir lieben Goichi Suda aka Suda51. Denn obwohl seine Titel der letzten Jahre (Killer7, No More Heroes, Killer is Dead) sich nicht immer durch spielerische Raffinesse auszeichneten, blieb sich der Videospieldesigner immer treu und lieferte mit seinen verrückten Ideen stets kreative Höhepunkte ab.


    Das Erstlingswerk seiner Spieleschmiede Grasshopper Manufacture, der Playstation-Titel The Silver Case, blieb Gamern außerhalb Japans allerdings unbekannt – immerhin wurde von einer Veröffentlichung abgesehen. Zum Glück lassen sich solche Entscheidungen in der heutigen HD Remaster-Zeit schnell ändern.


    Und so dürfen wir nun endlich die abgedrehten Kreativursprünge von Suda51 in überarbeiteter Fassung auf der Playstation 4 erkunden. Doch ob sich das knapp 17 Jahre nach der Erstveröffentlichung überhaupt gelohnt hat, erfahrt ihr im Test.


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    Die verquere Suche nach der Wahrheit


    Kamui Uehara schien Geschichte zu sein. Ein Mörder, der vor etlichen Jahren mehrere hochrangige Regierungsmitglieder ums Leben brachte, dessen psychischer Zustand seine Mordlust aber gestillt zu haben schien. 1999 scheint er inmitten der futuristischen Stadt Ward 24 aber zurückgekehrt zu sein. Denn die Morde gehen weiter.


    Es folgt eine Reihe packender Ermittlungen, denen man in verschiedenen Szenarien und mit unterschiedlichen Charakteren folgt. Ob nun als Ermittler oder Journalisten, man kommt der Wahrheit immer näher, entdeckt neue Wahrheiten, erfährt aber auch herbe Rückschläge. Ein typischer Krimi, der dank Suda51 eine angenehme Verrücktheitsnote erhält.


    Brandneue Szenarien schließen alte Handlungslücken, können eine schon beim Original vorherrschende Schwäche aber leider nicht verdecken: die teils ausschweifenden Dialoge, bei denen man gerne mal die Augen verdreht. Während die Story an sich nämlich spannend ist, hätte man sich einige Dialogzeilen definitiv sparen können, weshalb langgezogene Passagen besonders stark ausfallen.


    Krimi-Fans wird das eventuell bekannt vorkommen. Man will so schnell wie möglich zu den Enthüllungen kommen, die Wahrheit erfahren, die Täter entlarven. Muss sich zuvor allerdings durch etliche Seiten und Textwellen kämpfen, um ans Ziel zu gelangen. So fühlt sich The Silver Case stellenweise an. Schafft es letztendlich dann aber doch, mit der bereits erwähnten besonderen Note die Motivationskurve nach oben zu drehen.



    Lesen, lesen, lesen


    Der gigantische Handlungs- und Dialogberg wirkt sich auch auf das eigentliche Gameplay aus. Während wir nämlich gefühlt stundenlang Konversationen und Gedanken der verschiedenen Charaktere folgen, hält sich The Silver Case mit aktiven Eingabeforderungen zurück.


    Hauptsächlich bewegt man sich aus der First-Person-Perspektive mit kurzem Knopfdruck von Raum zu Raum, schaut sich gelegentlich mal nach Beweisen und Zeugen um und löst fordernde Kopfnüsse, deren Lösung mit ein wenig Gehirnschmalz dann aber doch recht schnell zu finden sind.


    Diese Abschnitte sind allerdings (bewusst) spärlich gesetzt. Immerhin ist The Silver Case am Ende des Tages ein Visual Novel, das sich primär mit dem Präsentieren einer packenden Geschichte beschäftigt. Somit sind die Gameplay-Momente höchstens als Ruhepausen zu verstehen, die kurzzeitig auflockern und Abwechslung bieten.


    Ein motiviertes Herangehen an The Silver Case ist aber eine richtige Voraussetzung. Denn nicht selten kommt es vor, dass erst nach zehn Minuten Dialog ein kurzer Gameplay-Moment folgt, der direkt an eine weitere langminütige Storysequenz anschließt. Sitzfleisch, Geduld und Visual Novel-Affinität sind also gerade für diese Momente unerlässlich.



    Abgedreht bis zum Kern


    The Silver Case lebt allerdings nicht von der Handlung oder dem Gameplay. Das pochende Herz, das denkende Hirn und die angespannten Muskeln laufen allesamt bei Suda51 zusammen.


    So präsentiert sich jedes Kapitel in seinem völlig individuellen Stil, wodurch Abwechslungreichtum zumindest im optischen Bereich garantiert wird. Und obwohl man bei der altbackenen Technik keinerlei grafische Träume erwarten darf (immerhin ist es der Remaster eines PS One-Titels), hat der Zahn der Zeit zumindest dem typischen Suda51-Stil nicht geschadet.


    Gleiches lässt sich von der musikalischen Untermalung behaupten, die mit teils merkwürdigen Klängen hervorragend zur Handlung und Optik passt und dem ebenso verwirrenden wie auch packenden Gesamtpaket eine ganz besondere Note verleiht, die für die packende Wirkung der Atmosphäre unerlässlich ist.


    Es ist also das typische Suda51-Prinzip, das eigentlich jeder Gamer mittlerweile kennen sollte. Lässt man sich nämlich auf The Silver Case ein, begibt man sich im Endeffekt auf eine vollkommen verdrehte, verwirrende, abgefahrene Abenteuerfahrt, deren Ende kaum vorhersehbar ist. Man muss aber eben auch bereit sein, diese Fahrt anzutreten.


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    Fazit


    Abgedreht, atmosphärisch, einzigartig - The Silver Case ist definitiv ein Suda51-Titel!


    Dank der spannenden Handlung und verrückter Designentscheidungen freuen sich Fans somit über ein unterhaltsames Abenteuer der besonderen Art, während Suda51-Hasser wohl auch durch diesen Titel nicht bekehrt werden. Immerhin bietet das Visual Novel-Erlebnis durch einen langsamen Spielverlauf und viele Texte gerne auch das Potenzial für Langeweile.


    Wer allerdings ein Stück Videospielgeschichte erleben, einem packenden Plot folgen und dabei gleichzeitig Zeuge eines etwas anderen Gameplay werden möchte, der sollte sich The Silver Case zumindest mal anschauen. Der Blick ins verrückte Suda51-Hirn ist es allemal wert!

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