Marvel vs. Capcom: Infinite



  • Wenn legendäre Helden beim epischen Zusammentreffen volle Kanne gegen eine Wand rennen...


    Endlich ist es wieder soweit: namhafte Kämpfer aus dem Marvel- und Capcom-Universum stehen sich gegenüber und liefern sich mitsamt ihrer einzigartigen Fähigkeiten bildschirmfüllende Battles, bei denen die Erde zum Beben gebracht wird.

    Ein Erfolgskonzept, das eigentlich direkt volle Brillanz verspricht. Dieses Versprechen bei Marvel vs. Capcom: Infinite aber leider nicht ganz einhält.


    Zwei Universen gegen eine Bedrohung

    Wenn zwei Bösewichter sich zusammenschließen, folgt sicherlich nichts Gutes. Bestes Beispiel: Ultron und Sigma, die ihre Universen (Marvel und Capcom) mit der Macht der Infinity-Steine vereinen und als alleinige Herrscher jegliches Leben ausmerzen wollen.


    Bei solch einer Bedrohung müssen die vielen Helden aus beiden Welten – Dante, Captain America, Chris Redfield, Spider-Man und Co. – zusammenarbeiten, um den Fieslingen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ein Vorhaben, das angesichts der unglaublichen Macht der geheimnisvollen Infinity-Steine nicht einfach ausfällt.


    Seien wir ehrlich: Auch wenn die auf knapp drei Stunden ausgelegte Handlung von Marvel vs. Capcom: Infinite eigentlich recht cool klingt, präsentiert sich das Gesamtwerk letztendlich als durchschnittliches Trash-Erlebnis, das mit überhasteten Ereignissen und teils schrecklichen Dialogen unausgereift wirkt.


    Gelungene Interaktionen zwischen den einzelnen Helden verwandeln das Ganze allerdings zu einem erträglichen Abenteuer, das mit einigen Lachern und coolen Momenten gespickt ist. Sicherlich hätten wir uns hier etwas mehr episch gewünscht, können aber letztendlich auch mit guter Unterhaltung leben.



    Gesichter aus einer anderen Welt


    Marvel vs. Capcom 3 wirkte wie ein Videospiel im Comic-Gewand und machte mit farbenfrohem Cel-Shading-Look und cool designten Menüs einen starken Gesamteindruck. Ein Fazit, das man bei Marvel vs. Capcom: Infinite leider nicht ziehen kann. Denn dieser Ableger macht leider einen sichtbaren Schritt zurück.


    Während sich die zahlreichen Arenen noch sehen lassen können, sind viele Charaktermodelle einfach nur misslungen. Vor allem die Gesichter menschlicher Helden fallen vor allem beim direkten Vergleich mit dem Vorgänger teils erschreckend aus und lösen bei uns nur Kopfschütteln aus.


    Zusätzlich fallen auch anatomische Ungereimtheiten unschön auf und sorgen vor allem bei Zwischensequenzen für unfreiwillige Lacher. Und ja, Comichelden müssen hier und da ein wenig überzogen aussehen und eher einem Muskelberg als einem menschlichen Wesen ähneln. Aber ein gewisser Grad anatomischer Korrektheit sollte schon gegeben sein.


    Immerhin können sich die rasant in Szene gesetzten Kämpfe weiterhin sehen lassen und bestechen zusätzlich mit fantastisch aussehenden Spezialmoves, die mit knalligen Farben und etlichen Effekten definitiv eine kräftige Epilepsie-Warnung rechtfertigen.


    In puncto Sound hält sich Marvel vs. Capcom: Infinite auf einem soliden, aber kaum nennenswerten Niveau. Der Soundtrack greift altbekannte Themes auf und verpasst ihnen neuen Pepp, die englischen Synchronsprecher leisten einen ordentlichen Job. Keinerlei Raum für Kritik an dieser Stelle.



    Mehr Freiheit für mehr Tempo


    Drei Kämpfer? Schon lange out – jetzt sind zwei Kämpfer wieder in! Denn auch beim Kampfsystem von Marvel vs. Capcom: Infinite setzt Capcom auf Veränderung. Im Gegensatz zur Grafik gelingt ihnen hier allerdings ein richtiger Volltreffer.


    Während sich augenscheinlich zunächst wenig getan hat – wir stehen uns weiterhin in 2D-Arenen gegenüber und prügeln uns mit heftigen Schlag-Tritt-Waffen-undwasweißich-Kombos sowie explosiven Superattacken die Seele aus dem Leib –, liegen die Feinheiten im Detail. Nämlich der gekürzten Anzahl der Teammitglieder sowie der Möglichkeiten in der Arena.


    Nun ist der Kämpfertausch nämlich jederzeit möglich. Ja, jederzeit! Selbst inmitten einer heftigen Kombo dürfen wir den Austausch vornehmen und die Angriffsserie somit nämlich in eine völlig andere Richtung fortführen. Je nach Kämpferkombination ergeben sich somit beeindruckende Angriffsfeuerwerke, bei denen nicht selten der Kiefer gen Boden klappt.


    Allein hier wird man schon zum Ausprobieren und Experimentieren eingeladen. Welche zwei Helden harmonieren am besten miteinander? Wo befindet sich die Schnittstelle für den optimalen Austausch, um eine möglichst lange und effektive Kombo auf die Beine zu stellen?

    Leider haben wir darauf selber noch keine Antwort gefunden. Aber alleine die Suche animiert uns zum Weiterspielen und verpasst unserem strategischen Vorgehen immer mehr spielerische Raffinesse. Und vielleicht finden wir dann ja auch irgendwie das Duo, das optimal zu uns passt.



    Funkelnde Steinchen mit großer Power

    Ein weiterer Neufaktor wird bereits im Titel des neusten Prügelabenteuers angeteasert: die Infinity-Steine. Von den insgesamt sechs Kraftsteinen dürfen wir uns vor jedem Duell nämlich einen aussuchen und seine individuelle Macht für unseren Vorteil nutzen.

    Dabei dürfen wir entweder auf einen Spezialangriff zugreifen oder – nach einigem Aufladen – einen kurzzeitigen Effekt aktivieren. So können wir unsere Hyper-Combo-Leiste schneller füllen, einen gefallenen Kameraden wiederbeleben, die Bewegungsfreiheit unseres Rivalen einschränken oder unsere Angriffsstärke maximieren.


    Welcher Stein passt zu eurem Kampfstil? Beim Beantworten dieser Frage haben wir während unseres Tests viele Spielstunden investiert und dabei bemerkt, dass die richtige Wahl wirklich einen Unterschied macht. So konnten wir mit einem Infinity-Stein beispielsweise gar nichts anfangen, während der andere unsere Taktik definitiv unterstütze.


    Und obwohl die Infinity-Stones im ersten Moment nach einem regelrechten Gamebreaker klingen, wurden sie hervorragend in das Kampfsystem von Marvel vs. Capcom: Infinite integriert und so ausgewogen konzeptioniert, dass keinerlei Übermacht entsteht. Jeder Stein lässt sich gezielt auskontern, jeder Effekt mit ein wenig Können überleben und gar zum eigenen Vorteil nutzen.


    In Kombination mit dem rasanten Austausch des Kämpfer-Duos ergeben sich gekonnt beschleunigte Duelle, die weit über simples Knöpfchendrücken hinausgehen und selbst nach etlichen Spielstunden zum Ausprobieren, Umstellen und strategischen Umdenken animieren. Klasse!



    Das Beste aus zwei Welten

    Natürlich liegt die Würze des Kampfsystems nicht nur in der taktischen Tiefe, sondern auch der spielerischen Varianz der insgesamt 30 Kämpfer. Die Helden (und auch Schurken) aus dem Marvel- und Capcom-Universum wurden nämlich spielerisch abwechslungsreich gestaltet, damit keinerlei Langeweile aufkommen kann.


    Zwar gibt es bei einigen Charakteren kleinere Schnittstellen – so ähneln sich flink agierende und langsam, aber wuchtig austeilende beispielsweise ein wenig –, elegant eingeflochtene Feinheiten, spezielle Angriffe und eine ausgewogene Stärke-Schwäche-Balance ermöglichten uns eine große Experimentierfreudigkeit und sorgten für dein einen oder anderen Testdurchlauf.


    Ob nun Dante mit seinen Knarren, Doctor Strange mit seiner Magie oder Nemesis mit seinen Tentakeln, zu entdecken und ausprobieren gab es viel. Tatsächlich dauerte es dadurch eine Weile, bis wir unsere favorisierte Truppe zusammengestellt und spielerische Raffinesse in unseren Test gebracht haben.


    Positiv hervorzuheben ist auch das (zumindest aus unserer Sicht) Fehlen wirklich auffälliger Exploits, mit denen man Duelle unfair zu seinen Gunsten drehen kann. Auch endlose Superkombos lassen sich mit der richtigen Taktik aushebeln, weshalb wir hier keine nervigen Multiplayer-Chaos-Matches wie beim direkten Vorgänger befürchten.



    Von Anfänger hin zum Experten


    Story-, Arcade- und Online-Modus sind perfekt für das Verbessern des spielerischen Könnens geeignet und präsentieren Anfängern und Profis dank des zugänglichen, aber gleichzeitig vielschichtigen Kampfsystems die perfekte Spielwiese zum ausgiebigen Austoben.


    Besonders fordernd fällt hierbei der Missionen-Modus aus, in dem wir mit jedem Kämpfer eine Reihe verschiedener Challenges bestehen und dabei unterschiedliche Angriffskombinationen zur Schau stellen müssen. Der Clou: Was recht simpel und gut schaffbar beginnt, mündet in eine kaum schaffbare Aneinanderreihung wuchtiger Moves.


    Allerdings fiel und dabei wieder die große Stärke von Marvel vs. Capcom: Infinite auf. Während wir beim ersten Streifzug durch den Missionen-Modus nämlich noch eher mäßig abgeschnitten haben, stellen wir uns einige Spielstunden später erheblich besser an. Zugängliches Kampfsystem und perfekte Lernkurve sei Dank.


    Und dann sind Handlung und Optik plötzlich egal. Denn wenn man solch einen Titel in seine Sammlung aufnimmt, stehen zwei Sachen im Vordergrund: Kampfsystem und Langzeitmotivation. Und hier liefert die Marvel-Capcom-Klopperei eben auf ganzer Linie ab. Wie es am Ende des Tages halt eben auch sein sollte.



    Fazit


    Marvel vs. Capcom: Infinite ist DIE perfekte Videospiel-Verbildlichung einer zweischneidigen Klinge. Immerhin halten sich Stärken und Schwächen beim neusten Fighting-Titel aus dem Hause Capcom stets die Waage.


    Während die trashige Handlung und teils höllisch missratenen Characterdesigns nicht jedem schmecken werden, fängt das Kampfsystem diese kritischen Punkte mit zahlreichen, taktischen Elementen sowie einer schicken Kämpferauswahl gekonnt auf. Und sorgt somit letztendlich doch für eine gelungene, wenn auch nicht weltbewegende, Portion Prügelunterhaltung.


    Wer also mit Dante, Iron Man, Ultron, Captain Marvel und Co. die Fäuste schwingen möchte, der sollte sich auf eine Mankowelle gefasst machen, an deren Ende dann die wirklichen Highlights warten. Zum Glück.

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