Detroit: Become Human



  • Emotionale Daseinsfindung mit Tränen-Garantie


    Videospielentwickler Quantic Dream kann eine Sache sehr gut: Mir mit fiesen Entscheidungen und emotionalen Momenten so richtig den Tag vermiesen. Und gleichzeitig meine Tränendrüsen ordentlich in Anspruch nehmen.


    Mit Detroit: Become Human wollen die Fieslinge mich allerdings erneut in die verzwickte Entscheidungsmühle werfen und neben einer erneut tiefgehenden Handlung gleichzeitig auch an der Gameplay-Front ein neues Level erreichen.


    Ob das wirklich gelungen ist? Ich habe mich mit ausreichend Zeit, emotionalem Panzer und Taschentüchern bewaffnet und liefere euch hier die Antwort!




    Alles begann mit einem Kurzfilm


    2012 veröffentlichte Quantic Dream einen Kurzfilm namens Kara, der die Geburt eines weiblichen Androiden begleitete. Mit der Objektifizierung seines Daseins konfrontiert, zeigte der Android urplötzlich Emotionen und wurde gnadenlos zur Vernichtung freigegeben. Ein Vorgang, der nur durch das emotionale Aufzeigen von Angst, Verzweiflung und Kummer abgewendet werden konnte.


    Noch bis heute kann ich Kara nicht anschauen, ohne mindestens eine Träne zu verdrücken. Eine simple Thematik, unterlegt mit wundervoller Musik, ermöglicht es Quantic Dream spielend leicht, mir einen emotionalen Pfeil mitten durch das Herz zu jagen.


    Dementsprechend groß war meine Freude (und auch ein wenig die Sorge meiner Tränendrüse), als sich Detroit: Become Human, das erste PS4-Spiel der Videospielschmiede, als Weiterentwicklung eben dieser Grundidee präsentierte.


    Sehr zu meiner Freude kann ich bereits jetzt festhalten, dass mich Detroit vor allem an dieser Stelle nicht enttäuscht hat. Denn alle Elemente, die Kara für mich so besonders machten, sind hier in deutlich weiterentwickelter und teilweise sogar perfektionierter Form vorhanden.



    Mensch oder Maschine?


    Keine Sorge: Wir werden euch jetzt nicht gnadenlos mit Spoilern bombardieren. Immerhin hat Quantic Dreams trotz mehrere Trailer angenehm wenig von Detroit vorweggenommen und konnte mich beim Test somit stets überraschen.


    Wir befinden uns in einer Zukunft, in der die Menschheit intelligente Androide geschaffen haben, die gleich einem Diener für jede Aufgabe einsatzbar sind. Straßenfeger, Dienstmädchen, Call Girl, Rezeptionist – der technische Fortschritt macht es möglich.


    Doch ein Umbruch scheint sich anzukündigen. Immer mehr Androide scheinen Emotionen, ja sogar eine Menschlichkeit zu entwickeln und die Fesseln ihrer Robo-Sklaverei abzureißen – wenn nötig auch mit Gewalt. Kein Wunder, dass schnell begründete Ängste durch die Bevölkerung gehen.


    Detroit: Become Human präsentiert euch den nahenden Konflikt zwischen Mensch und Maschine aus der Sicht dreier Androide: Revolutionsanführer Markus, Dienstmädchen Kara und Ermittler Connor. Jeder mit seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Motivation, seinem eigenen Schicksal.


    Dabei springt die Geschichte immer wieder zwischen den drei Helden hin und her und eröffnet euch den immer weiter eskalierenden Kampf zwischen Mensch und Maschine aus verschiedenen Perspektiven, wodurch erzählerische Raffinesse und Spannung regelrecht garantiert wird.




    Drei Helden, ein Konflikt


    Ähnlich wie bei Heavy Rain hat mich der Wechsel zwischen den drei Androiden hervorragend in das Spielgeschehen gezogen. Denn obwohl Markus, Kara und Connor vom Typ, der Situation sowie dem Charakter her grundverschieden sind, eint sie eine Sache – die Frage nach ihrer Menschlichkeit.


    Kara sorgte dabei stets für die emotionale Note, während Markus im Laufe seiner Handlung verstärkt den Konflikt mit den Menschen thematisiert. Und Connor lässt uns mit seinen analytischen Fähigkeiten und Auseinandersetzung der Taten lebendig gewordener Androiden noch stärker in die Gedankenwelt der eigentlich gefühlslosen Wesen hineintauchen.


    Wie man es mittlerweile von Studiogründer David Cage gewohnt ist, verstecken sich auch in Detroit einige 0815-Dialoge sowie Stereotype Akteure, deren Handlungen relativ eindeutig dem gezielten Handlungsschubser in die gewünschte Richtung dienen. Dieses Mal beschränken sich diese hier auf ein Minimum, fallen zudem fast nur zu Beginn des Abenteuers wirklich auf.


    Was bleibt ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die in den ersten Kapiteln nur langsam in Fahrt kommt, in Richtung Finale aber immer schneller wird und schlussendlich in einem dramatischen Showdown endet, bei dem ich den Controller nicht selten aus der Hand legen musste, um mir schnell einige Tränen aus den Augen zu wischen.


    Zumindest war es so bei dem Pfad, den ich gewählt hatte.




    Viele Wege, viele Enden


    Es wäre kein Quantic Dream-Titel, wenn wir das Schicksal unserer Helden nicht in den Händen halten würden. Und logischerweise stellt Detroit: Become Human hier keine Ausnahme dar.


    Fast jedes der insgesamt 32 Kapitel konfrontiert uns mit etlichen Entscheidungen. Einige von ihnen sind unwichtiger Natur und eröffnen vielleicht ein kosmetisches Highlight oder einen optionalen Dialog. Andere fallen jedoch gravierend aus und können somit sogar das gesamte Finale komplett auf den Kopf stellen.


    Ein wichtiges Element drückt euch Detroit bereits während des Hauptmenüs gnadenlos ins Gesicht: Wer die falschen Entscheidungen trifft (und auch noch den höheren Schwierigkeitsgrad auswählt), der muss das Ableben eines Androiden fürchten. Ein erschreckendes Schicksal, das ich beim Test zum Glück nicht erfahren musste.


    Besonders klasse: Die Entscheidungen fühlen sich allesamt gewichtig an, stellten mich gelegentlich sogar vor ein moralisches Dilemma. Wie weit würde ich gehen, um mein Ziel zu erreichen? Da nicht nur das eigene Wohlergehen, sondern auch die Beziehung zu anderen Charakteren bei Fehlentscheidungen leiden können, überlegt man sich das Ganze mehrmals. Hat dank eines Timers aber leider auch nicht unendlich Zeit.


    Beim meinem Finalen erkannte ich dann, wie stark mein bisheriger Pfad das Endresultat beeinflusst habe. Plötzlich erinnerte ich mich an Momente vor fünf Stunden, die plötzlich wieder Relevanz hatten. Und war überrascht, wie die einzelnen roten Fäden plötzlich ein erkennbares Bild ergaben. Keine Frage: Hier hat Quantic Dream das bisher komplexeste Handlungsnetz gesponnen.



    Das Flowchart der ungenutzten Möglichkeiten


    Das gigantische Möglichkeitsspektrum macht sich durch ein neues Feature deutlich bemerkbar: auf Wunsch können wir via Pausenmenü jederzeit ein Flowchart öffnen, das unseren Pfad durch das Level sowie ungenutzte Entscheidungswege präsentiert.


    So können wir detailliert verfolgen, welchen Pfad wird in Richtung Levelende gewählt haben, sehen aber auch gleichzeitig, an welchen Stellen wir einen völlig neuen Weg hätten gehen können. Oder an welcher Stelle wir optionale Gespräche oder auffindbare Items übersehen haben.


    Hilfreich: Beim zweiten Durchgang konnte ich jederzeit schauen, wo sich bisher verschlossene Wege befinden und diese gezielt ansteuern, um wirklich jeden noch so kleinen Winkel von Detroit: Become Human zu erleben.


    Und wenn man bereits nach den ersten paar Kapiteln merkt, wie stark sich die Handlung schon ab einem frühen Zeitpunkt verändern kann, kann man sich von einem zweiten (und eventuell sogar dritten) Playthrough kaum mehr abbringen. Bei Beyond fiel dieser Drang noch deutlich geringer aus.




    Seichtes Gameplay mit kleineren Upgrades


    Spielerisch orientiert sich Detroit: Become Human nahtlos an den letzten Titeln aus dem Hause Quantic Dream und bleibt in puncto Gameplay somit ziemlich oberflächlich.


    Letztlich steuern wir unsere Helden durch oftmals recht linear gestaltete Umgebungen, nehmen wichtige Orte und Gegenstände unter die Lupe, wählen bei Gesprächen via Button eine bestimmte Antwort und verlassen uns in actionreichen Momenten (beispielsweise Verfolgungsjagten oder Kämpfe) auf insgesamt recht simple Quick-Time-Sequenzen.


    Wer also ein spielerisch anspruchsvolles Game wie beispielsweise God of War oder gar einen kräftigen Fortschritt im Vergleich zu Beyond: Two Souls erwartet, der wird leider enttäuscht. Der Fokus liegt weiterhin auf einem cineastischen Erlebnis, bei dem ausschweifende Steuerungsmöglichkeiten keinen Raum finden.


    Dennoch hat sich Quantic Dream nicht lumpen lassen und ein neues Element hinzugefügt, mit dem man trotz fehlender Gameplay-Möglichkeiten tiefer in die Spielwelt eintauchen kann. Per Schultertaste können wir bei der Umgebungserkundung jederzeit den Analyse-Modus aktivieren und wichtige Gegenstände, Gesprächspartner oder Orte frühzeitig anzeigen lassen. Ein Element, das vor allem Connor beim Untersuchen von Tatorten hervorragend nutzen kann.


    Das Interface sorgt nicht nur für angenehmen Komfort, sondern gleichzeitig für viele, coole Entwicklerideen. Angezeigte Missionsziele, die ausführliche Analyse unseres weiteren Vorgehens (mitsamt eventueller Gefahrenquellen) sowie die Erfolgschance bei Dialogen – hier begegnete ich nicht selten spannenden Einfällen, die mich zum Schmunzeln brachten.




    Erschlagende Detailverliebtheit


    Tatsächlich waren anfängliche Meckereien bezüglich des Gameplays meinerseits sehr schnell weggeblasen, was primär dem insgesamt atemberaubenden, grafischen Gesamteindruck zu verdanken ist.


    Vor allem die Gesichter aller Haupt- und Nebenakteure haben es mir angetan. Lebendige Augen, kleinere Hautunreinheiten, lebensnahe Zähne, kleinste Härchen, die man nur während einer Nahaufnahme wirklich auffallen – da vergisst man gerne mal, dass man eigentlich an einem Videospiel sitzt. Vor allem, wenn man während Dialoge jede kleinste Gefühlsregung am Gesichtsausdruck ablesen kann.


    Aber ich will euch gar nichts vormachen: Mein klares Highlight ist Detroit selbst. Jeder Schauplatz, den wir im Laufe des Abenteuers erkunden dürfen, wartet mit einer unglaublichen Anzahl kleinerer sowie größerer Besonderheiten auf und scheint die PS4 damit eigentlich fast schon an ihr Limit zu bringen.


    Zeitschriften, Poster, Werbungen, ihrem Alltag nachgehende Zivilisten, Graffitis, wunderschöne Skylines, fotorealistische Parks und Gärten – Detroit: Become Human lädt oftmals zum entspannten Erkunden der Spielwelt ein und belohnt dieses Vorhaben mit etlichen Augenschmäusen, die für mehr Leben, mehr Atmosphäre, mehr Mittendrin-Gefühl sorgen.


    Selbst Runde 2 eröffnete mir bei genauerem Hinsehen (und ja, auch dem Hinzuziehen des Flowcharts) viele bisher unentdeckte Kleinigkeiten, die das eh schon grandiose Gesamtbild zusätzlich polierten. Ein Wunder, dass das Ganze auf der PS4 Pro ohne jegliche Ruckler abläuft.




    Teil des Ganzen


    Detroit: Become Human schafft etwas, das Beyond: Two Souls nur mäßig geschafft hat. Anstatt in der simplen Rolle des Beobachters zu verweilen, werden wir direkt ins Geschehen gezogen, zum Teil des Abenteuers, zum Entscheider des eigenen Schicksals.


    Beyond konzentrierte sich auf einen Charakter. Zeigte uns sein Leben, seine Gedankenwelt, seine Entwicklung. Detroit öffnet sich, baut eine gigantische, lebendige Welt auf. Zeigt uns drei verschiedene Charaktere, die aufgrund ihres Daseins als Android kein Geburt-Leben-Tod-Zyklus durchmachen, sondern aus dem Nichts entstehen und nun ihre Zukunft bestehen müssen.


    Kaum hatte ich den Controller in der Hand, ließ mich das Abenteuer nicht mehr los. Wie wird es jetzt mit Kara weitergehen? Hat meine letzte Entscheidung mit Connor eventuell alles in die falsche Richtung gelenkt? Und wie wird mein nächster Schritt mit Markus aussehen? All das hielt mich nachts wach und zwang mich zu einem unterhaltsamen Wochenend-Marathon – und machte die emotionale Reise mit sagenhafter Atmosphäre und wundervollem Soundtrack perfekt.


    Oberflächliches Gameplay und gelegentliche Drehbuch-Aussetzer werden dabei gerne übersehen. Denn Detroit: Become Human hat abermals ein neues Niveau dessen, was sich Quantic Dream schon seit etlichen Jahren vorgenommen hat, erreicht. Ein interaktives, mitreißendes Erlebnis, das die Grenze zwischen Film und Spiel verwischt.


    Was nun der nächste Schritt ist? Keine Ahnung. Keine Zeit, nachzudenken. Ich muss noch einen dritten Durchgang starten und auch die letzten, noch verschlossenen Pfade erkunden. Und diesen Drang hat ein Spiel nur selten bei mir ausgelöst.



    Fazit


    Detroit: Become Human hat mich mit atemberaubender Atmosphäre, tollen Charakteren sowie einer ebenso vielschichtigen wie auch emotional wuchtigen Handlung gnadenlos in seinen Bann gezogen.


    Jede Entscheidung fühlt sich wichtig an, jeder Schauplatz lädt zum Erkunden ein, jede Sequenz besticht durch erstklassige Gesichtsanimationen sowie einen wundervollen Soundtrack. Ich werde zum Teil dieser ausgearbeiteten Spielwelt und fühle mich nach erstmaligem Beenden direkt eingeladen, alternative Pfade zu erkunden.


    Gelegentliche Unstimmigkeiten in puncto Dialoge sowie Charakterausrichtung sowie das abermals sehr oberflächlich gehaltene Gameplay werden zwar erneut einige Spieler abschrecken, tangieren mein Fazit dennoch nur peripher.


    Detroit: Become Human ist eine emotionale Achterbahnfahrt allererster Klasse – erzählerisch sowie atmosphärisch. Und für mich ohne jede Frage der beste Titel aus dem Hause Quantic Dream.

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