Dragon Quest XI: Streiter des Schicksals



  • Zurück zu den JRPG-Wurzeln als ultimative Erfolgsformel!


    Deutsche Fans mussten sehr lange warten, bis sie einen vollwertigen Hauptableger der weltweit bekannten und beliebten Dragon Quest-Reihe endlich wieder auf einer Heimkonsole spielen durften. Immerhin folgten nach dem Playstation-2-Release von Dragon Quest VIII im Jahr 2006 entweder 3DS-Titel, Musou-Spin-Offs (beide mit deutscher Veröffentlichung) oder gar ein MMO-RPG (Japan only).


    Mit Dragon Quest XI: Streiter des Schicksals endet jetzt nicht nur die Konsolen-Durststrecke, gleichzeitig feiert Square Enix auch die Rückbesinnung auf traditionelle JRPG-Tugenden, die viele Zocker bereits seit frühster Kindheit mit sich tragen.


    Geglücktes Vorhaben oder katastrophaler Rückschritt in angestaubtes Terrain? In unserem Test verraten wir es euch!



    Das kennen wir doch?


    Ein ganz normaler Dorfbewohner? Mitnichten! Denn der stumme Hauptheld von Dragon Quest XI: Streiter des Schicksals ist – wie sollte es bei einem typischen JRPG auch anders sein – der wiedergeborene Lichtbringer, der laut einer uralten Legende des Böse vom Planeten tilgen soll.


    Eigentlich eine recht coole Sache. Leider wird unser auserwählter Protagonist nicht automatisch von der Welt gefeiert, sondern gerät gleichzeitig in das Visier mächtiger Leute, die mitsamt ihrer Armee dafür sorgen wollen, dass er in einem Kerker schmort. Immerhin ruft das Auftauchen des Lichtbringers die dunkle Bedrohung überhaupt erst auf den Plan – so zumindest die Prophezeiung.


    Was folgt ist eine ebenso gefährliche wie auch abenteuerliche Reise durch das gesamte Land, auf der der Held sich nicht nur einer Vielzahl schlagkräftiger Gegner entgegenstellen muss, sondern gleichzeitig auch auf treue Gefährten trifft, die mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen haben und somit regelrecht auf der Suche nach Leidensgenossen sind.


    Kommt euch bekannt vor? Kein Wunder – Dragon Quest XI macht kein wirkliches Geheimnis daraus, sich hier und da an gängigen RPG-Klischees zu bedienen. Allerdings kombinieren die Entwickler zwei wichtige Aspekte, die ein augenscheinliches Manko zu einer großen Stärke verwandeln: Fantastische Hauptakteure und zahlreiche Wendungen.




    Eine liebenswerte Bande


    Nach einem insgesamt recht gemächlichen Prolog schaltet Dragon Quest XI handlungstechnisch einige Gänge höher und präsentiert uns eine liebevoll inszenierte Erzählung, die uns gekonnt bei Laune hält.


    Mit vielen Wendungen und bewegenden Schicksalen unserer Wegbegleiter bleibt die Spannungskurve immer angenehm hoch und begibt sich nur im Mittelfeld gelegentlich mal auf ein niedriges, insgesamt aber weiterhin akzeptables Niveau.


    Ein völliger Absturz wird durch die wirklich hervorragende Gruppe, mit der wir das Abenteuer bestreiten dürfen, verhindert. Denn es ist lange her, dass wir in einem RPG solch einer sympathischen Truppe begegnet sind: Ob nun unserer Jugendfreundin Gemma, unserem Partner-in-Crime Erik oder dem wahrhaft sonderlichen Sylvando, jeder Charakter fällt herrlich facettenreich aus und fügt sich fantastisch in das Team ein.


    Selbst kurze Nebengespräche werden dadurch zu einem interessanten Zeitvertreib und sind zudem mit viel Humor und stellenweise auch Dramatik behaftet. Trotz einer Handlungsdauer von knapp 70 Stunden fühlten wir uns zu keinem Zeitpunkt gelangweilt. Ganz im Gegenteil, zum Abspann waren wir sogar ein wenig deprimiert, dass wir nicht noch weitere Abenteuer mit unseren Kumpanen erleben konnten.


    Dragon Quest XI folgt somit zwar ab der ersten Spielminute der altbekannten und zunächst altbacken anmutenden Handlungsformel eines jeden JRPGs, schafft es dann aber auch, diese bis zum Ende motiviert, gezielt und unterhaltend fortzuführen – und sie hier und da sogar noch mit etwas Moderne zu füllen, um nicht ganz der altmodischen Vergangenheit zu verfallen.




    Dringend gesucht: Ein episches Orchester


    Besonders toll: Die zahlreichen Dialoge fallen nicht nur enorm spannend aus, sondern wurden auch fast komplett vertont, weshalb man sich nur selten durch stille Textwüsten drücken muss. Ein doppelter Genuss, immerhin hat Square Enix bei der Sprecherwahl ein erstklassiges Händchen bewiesen.


    Hier müssen JRPG-Fans aber stark sein: Eine japanische Sprachvariante ist nämlich nicht vorzufinden, man muss sich mit den englischen Sprechern anfreunden. Und der Grund ist mangelnde Fan-Liebe seitens Square Enix, sondern die japanische Fassung an sich. Hier liefen die Dialoge nämlich noch sang- und klanglos ab, eine aufwändige Tonspur folgte erst bei der Lokalisierung des Titels.


    Abseits einiger Dorfbewohner, die in Zwischensequenzen dann doch nicht ganz motiviert klingen, leisten alle Sprecher eine hervorragende Arbeit und verleihen vor allem unseren Haupthelden glaubhafte Wesenszüge, die bei emotionalen Gesprächen besonders anschaulichen zur Geltung kommen.


    Gravierender Wermutstropfen in puncto Sound ist allerdings die musikalische Untermalung. Diese mag zwar wieder von Serienkomponist Koichi Sugiyama eingespielt und mit vielen altbekannten Klängen vermengt worden sein, liegt derzeit jedoch nur in einem befremdlichen MIDI-Format vor, wodurch die malerische Atmosphäre oftmals eher gestört als unterstützt wird.


    Wir hoffen, dass ein in Japan bereits eingeflochtener Orchester-Soundtrack bald via Patch zur Verfügung gestellt wird. Momentan fühlt man sich musikalisch nämlich eher an ein nostalgisches Handheld-Abenteuer ohne notwendige Wucht erinnert.




    Gute alte RPG-Luft


    Es dürfte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein, dass Dragon Quest XI sich in vielerlei Hinsicht auf die alten RPG-Tugenden zurückbesinnt. Kein Wunder also, dass auch das Abenteuer an sich an die guten alten Zeiten erinnert.


    Keine überfüllte Open-World, sondern eine Aneinanderreihung weitläufiger Gebiete will von Euch erkundet werden. Hierbei folgt man streng genommen immer dem derzeitigen Missionsziel und wird dadurch in düstere Höhlen oder belebte Städte geführt, darf sich allerdings auch gegen die Haupthandlung stellen und auf eigene Faust erkunden.


    Square Enix hat sich dabei aber auch redlich Mühe gegeben, die Spielwelt für Abenteurer ansprechend zu gestalten. Neben einer wirklich stattlichen Größe (ohne Pferd ist man hier stellenweise wirklich aufgeschmissen) motiviert auch die Anzahl versteckter Schätze, geheimer Wege und umfangreicher Nebenmissionen zum stetigen Erkunden abseits des eigentlichen Plots.


    Je mehr sich die Spielwelt für uns öffnete, desto schwerer fiel es uns, auf dem Pfad Richtung Abspann zu bleiben. Und das lag nicht etwa an einer lahmen Story, sondern an unserem (ja, okay, kindlichen) Drang, wirklich jedes versteckte Item in unseren Besitz bringen zu wollen.




    Rundenbasiertes Schnetzeln


    Auf der Weltkarte bricht Square Enix jedoch ein wenig mit den alten Traditionen. Anstatt euch unvorbereitet in Zufallskämpfe zu werfen, sind Gegner jederzeit sichtbar, wodurch clevere Köpfe bereits vor Kampfbeginn einen ersten Hieb platzieren und sich damit einen kostbaren Vorteil verdienen können.


    Kaum auf dem Schlachtfeld angekommen, werden wir dann aber wieder direkt in die JRPG-Vergangenheit katapultiert: Rundenbasierte Kämpfe! Echtzeit-Freunde mit zuckendem Daumen müssen also brav auf ihren Zug warten, um einen Angriff, eine Spezialfähigkeit oder einen Zauber vom Stapel zu lassen.


    Anfangs waren wir fast ein wenig enttäuscht. Ja, jeder Held hat unterschiedliche Angriffsmöglichkeiten und gibt somit ausreichend Spielraum, um nicht jedes Duell identisch ablaufen zu lassen. Allerdings fühlten wir uns fast schon unterfordert und konnten uns fast gänzlich auf einen simplen Nahkampfangriff verlassen.


    Doch dank einer stetig ansteigenden Schwierigkeitskurve stand schon nach wenigen Stunden Taktik auf dem Tagesprogramm. Welchen Schwachstellen hat unser Gegner? Welcher unserer Helden kann diese am besten ausnutzen? Und wie schütze ich meine HP-Leiste am Effektivsten?


    Wer sich zu diesen Fragen keine Antwort findet, das Sammeln von Erfahrungspunkten auf der Strecke lässt und einfach prinzipiell auf jeglichen taktischen Anspruch pfeift, der wird spätestens beim ersten Endboss mit einem nur schwer überwindbaren Problem konfrontiert. Wildes Drücken der Angriffstaste hilft da leider auch nicht mehr.




    Die vielen Äste des Talentbaumes


    Leveln ist somit ebenfalls ein unverzichtbarer Faktor. Wer viel kämpft, kriegt viele Erfahrungspunkte. Und wer viele Erfahrungspunkte kriegt, der steigt rasant im Level auf, bekommt einen Boost auf alle wichtigen Attribute und gleichzeitig noch einige kostbare Fertigkeitspunkte.


    Während Angriffskraft und Co. aufpoliert werden, eröffnen uns Fertigkeitspunkte personalisierte Verbesserungsmöglichkeiten. Anstatt nämlich stur einem geraden Weg zu folgen, hat jeder Held einige Alternativen zu bieten. Perfektioniere ich den Umgang mit einem Einhand- oder einem Zweihandschwert? Gibt es einen zusätzlichen HP- oder MP-Boost? Und welche der zur Verfügung stehenden Fähigkeiten wird in den nächsten Spielstunden wohl wichtiger sein?


    Dragon Quest XI eröffnet damit einen wichtigen taktischen Faktor – immerhin ist kaum eine Fähigkeit unnütz, am liebsten würde wir alle auf einmal freischalten. Taktikfreunde mit experimentellem Hang bei Kampfesfragen kommen also auch hier vollends auf ihre Kosten und dürfen im Austausch gegen einige Goldstücke dann auch alles wieder auf Null setzen, um eine neue Kombination auszuprobieren.


    Apropos Goldstücke: Diese sollte man natürlich auch für neue Waffen und Rüstungen ausgeben, um die Abenteuertruppe gegen kommende Gefahren zu wappnen. Oder man greift kurzerhand auf die Schmiede zurück, um hier aus erbeuteten Ressourcen brandneue Gegenstände zu schmieden.


    Wer ausreichend Bestandteile bei sich trägt und die wichtigsten Techniken erlernt hat, der kann mithilfe seines Hammers rasant das neue Superitems erstellen und direkt ausrüsten. Klingt nach einem simplen Minispiel, das im späteren Spielverlauf jedoch schnell ein forderndes Niveau erreicht und somit ausreichend Ruhe und Konzentration erfordert. Immerhin soll am Ende ja auch ein hilfreiches Item allererster Güte bei herauskommen!




    Verloren im Abenteuerwahn


    Ohne jegliche Gnade überrollte uns Dragon Quest XI bereits während der ersten Spielstunden mit einer gigantischen JRPG-Welle, aus der wir uns bis zum Abspann – mit Umwegen über einige optionale Heldentaten und Dungeons – nicht mehr befreien konnten. Okay, und gar nicht erst befreien wollten. Das hat ein JRPG schon lange nicht mehr geschafft.


    Die farbenfrohe, detailreiche Spielwelt gepaart mit dem altbekannten Akira-Toriyama-Charakterlook (Dragon-Ball-Fans dürfen sich also wieder freuen) baut bereits früh eine ebenso angenehme wie auch dichte Atmosphäre aus, in der man sich einfach wohl fühlt und gerne 70 bis 100 Stunden verbringt.


    Diese werden dank der packenden Handlung, liebenswerten Charaktere und massenhaft optionalen Nebenbeschäftigungen dann auch zu keinem Zeitpunkt langweilig, wobei selbst hartgesottene RPG-Veteranen bei altbackenen Aufgaben wie „Besiege Gegner X“ oder „Bringe mir Y Gegenstände“ gelegentlich schon mal die Augen verdrehen könnten.


    Sobald man mit seiner Truppe jedoch einen geheimen Schatz ausfindig macht, einen hartnäckigen Boss erlegt oder einfach nur durch eine belebte Großstadt flaniert, sind solche Probleme direkt vergessen. Denn spätestens dann ist man im JRPG-Magiebann von Dragon Quest XI gefangen.



    Fazit


    Mit Dragon Quest XI: Streiter des Schicksals pfeift Square Enix auf moderne Rollenspielentwicklung und präsentiert ein konsequent traditionelles JRPG – und punktet damit auf ganzer Linie!


    Letztlich ist alles an Bord, was man als jahrelanger RPG-Fan erwarten kann. Eine ebenso packende wie auch wendungsreiche Handlung, durch und durch sympathische Charaktere, ein herrlich tiefgründiges, rundenbasiertes Kampfsystem sowie eine mit Nebenaufgaben und versteckten Schätze gefüllte Spielwelt, die uns binnen weniger Minuten in ihren Bann zieht und stets den Abenteuerdrang aufs Neue entfacht.


    Zwar pusten uns der enttäuschende MIDI-Soundtrack sowie oftmals uninspirierte Sidequests hin und wieder mal eine kleine Staubwolke entgegen, diese werden von den unzähligen Stärken dieses JRPG-Meisterwerks allerdings gekonnt entschärft.


    Wer also auch nur ein Fünkchen RPG-Liebe verspürt, der kommt an Dragon Quest XI: Streiter des Schicksals nicht vorbei. Immerhin wird hier brillant unterstrichen, dass man für ein packendes Rollenspiel-Abenteuer manchmal eben die alten Tugenden und nicht den modernen Mainstream braucht.

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