Disaster Report 4: Summer Memories



  • Die doppelte Katastrophe


    Verschoben, eingestellt und wiederbelebt: Disaster Report 4: Summer Memories hat eine rasante Entwicklungsgeschichte voller Höhen und Tiefen hinter sich.


    Fast ein Jahrzehnt nach der Erstankündigung schafft es das Action-Adventure nun endlich auch in deutsche Händlerregale und verfrachtet euch in ein lebensbedrohliches Krisengebiet, das euren Überlebenswillen und eure Menschlichkeit gehörig auf die Probe stellen will.


    Leider macht der Zahn der Zeit diesen hochgesteckten Ambitionen einen gnadenlosen Strich durch die Rechnung. Wieso das ist so ist, das verraten wir euch in unserem Test.



    Lange Reise mit lohnendem Ausgang?


    Unglaublich, aber wahr: Eigentlich sollte Disaster Report 4: Summer Memories bereits am 10. März 2011 für die Playstation 3 erscheinen. Entwicklungsprobleme sorgten jedoch für eine Verschiebung, das tragische Tôhoku-Erdbeben anschließend für die völlige Einstellung des Katastrophentitels.


    Aufgeben wollte Chef-Produzent Kazuma Kujo das Action-Adventure damit aber noch nicht. Kein Wunder also, dass er mit seiner neugegründeten Firma Granzella die notwendigen Rechte erwarb und im November 2015 die Neuentwicklung für die Playstation 4 freudig verkündete.


    Am 25. Oktober 2018 war es dann endlich soweit – zumindest für alle japanischen Fans. Disaster Report 4 Plus: Summer Memories (kein Schreibfehler, das Plus ging in der internationalen Version flöten) erblickte das Licht der Welt, eine Lokalisierung für andere Länder stand allerdings weiter in den Sternen.


    Im Juni 2019 präsentierte sich NIS America in gewohnter Manier als Ritter in strahlender Rüstung und verkündete eine bevorstehende Veröffentlichung für den amerikanischen und europäischen Markt. Knapp ein Jahr mussten sich Fans noch gedulden und durften im April 2020 endlich auf die lokalisierte Fassung in ihre Konsole schieben.


    Das Ende einer langen Entwicklungsreise. Allerhöchste Zeit, ein abschließendes Fazit zu ziehen: Hatte sich das Beschreiten des schweren Pfads wirklich bezahlt gemacht? Das lange Warten sich gelohnt? Leider nein.



    Gefangen in der Vergangenheit


    Das Desaster nimmt dabei bereits früh seinen Lauf, noch bevor die eigentliche Erdbebenkatastrophe den ruhigen Alltag unseres virtuellen Ichs jäh aus jeglichen Fugen reißt.


    Optisch gleicht Disaster Report 4: Summer Memories nämlich eher einem veralteten Last-Gen-Titel, sorgt mit erschreckend lebloser Mimik und stocksteifen Animationen sogar schon in den ersten Minuten für unfreiwillige Lacher. Eine Problematik, die sich leider durch das gesamte Abenteuer zieht.


    Gefühlt mit jedem Schritt wird die Liste gravierender Fehltritte länger und länger: Nervige Ladezeiten, chaotische Kameraführung, eine regelmäßig einbrechende Framerate. Gefühlt lassen die Entwickler kein Manko aus, verwehren selbst kleineren Ansätzen einer packenden Atmosphäre somit jegliche Entfaltungsmöglichkeiten.


    Die Spielwelt entwickelt sich derweil rasant zum enttäuschenden Epizentrum der Problemliste. Anstatt das Katastrophenszenario voll auszuschöpfen und dabei mit Chaos und Zerstörung zu brillieren, herrscht hier ein ebenso statisches sowie auch detailarmes Gesamtbild vor. Der damit in Verbindung stehende Verlust der unverzichtbaren Lebendig- und Glaubwürdigkeit ist somit kaum vermeidbar.


    Wir wollten Disaster Report 4: Summer Memories wirklich ernst nehmen, anfängliche Startprobleme vergessen und ohne Vorurteile vollends in die Atmosphäre eintauchen. Doch wenn ein Hochhaus einstürzt, die anwesende Bevölkerung stocksteif und leblos darauf reagiert, das Spiel gefühlt kurz vor dem Absturz steht und unser Held im Anschluss keinerlei optische Blessuren davonträgt, können wir einfach nur fassungslos den Kopf schütteln.



    Falsche Konsolengeneration


    Wer nun den Sound als eventuellen Retter an der technischen Front ausmachen möchte, der hat sich leider geschnitten. Denn auch hier hat sich frühzeitig eine dicke Staubschicht angesetzt.


    Dabei fallen primär die durchwachsenen Sprecherleistungen sowie altbackenen Soundeffekte negativ auf, letztere verfrachteten uns stellenweise sogar gedanklich zur guten, alten PSOne-Zeit zurück. Kein Witz!


    Doch was sehen wir da? Einen Lichtblick? Einen kleinen Hoffnungsschimmer? Tatsächlich kann Disaster Report 4: Summer Memories in puncto Musikuntermalung mit gelungenen Kompositionen aufwarten – leider werden diese nur sehr spärlich eingesetzt, verkommen inmitten der Technik-Katastrophe somit zum marginalen Pluspunkt.


    Ein Leitmotiv für das gesamte Abenteuer. Immerhin lässt das anfängliche Erdbeben mit all der Zerstörung und des menschlichen Dramas zumindest die hohen Ambitionen, die zahlreichen Ideen erkennen, mit denen die Entwickler ans Werk gingen. Die rasant folgende Lawine technischer Todsünden macht allerdings deutlich, dass sie damit eine Konsolengeneration zu spät waren.



    Nach und nach in Richtung Sicherheit


    Nun hatten wir den technischen Schlag in die Magengrube verkraftet, freuten uns jetzt erst recht auf das eigentliche Gameplay. Immerhin verspricht Disaster Report 4: Summer Memories auf dem Papier ein packendes Erlebnis: Sich als Überlebender einer Katastrophe den Weg durch die zerstörte Stadt bahnen und auf dem Weg über das Schicksal zahlreicher Mitmenschen entscheiden. Herrlich!


    Bereits die Charaktererstellung sorgte jedoch für erste Ernüchterung. Abseits des Geschlechts, des Gesichts sowie der Frisur blieb uns nur die Beantwortung einiger psychologischer Fragen, die für die nachfolgenden Ereignisse keinerlei spürbare Relevanz hatten.


    Den eigentlichen Startschuss unseres Abenteuers bildete jedoch eine Busfahrt, die von der verheerenden Erdbebenkatastrophe jäh unterbrochen wurde. Direkt im Anschluss übernahmen wir die Kontrolle über unser virtuelles Ich und erkundeten das überschaubare Startgebiete nach Anhaltspunkten zum Voranschreiten.


    Tatsächlich handelt es sich hierbei um das Kernelement von Disaster Report 4: Summer Memories. Wir hangeln uns von einem Schauplatz zum nächsten, sprechen mit allen anwesenden Mitüberlebenden und versuchen alle notwendigen Schritte zu tun, um den nächsten Bereich betreten zu können.


    Klingt in der Theorie recht sinnig und bildet in der Praxis auch einen nachvollziehbaren roten Faden, der zum Weiterspielen motiviert. Man will überleben, hat den nächsten Zwischenschritt stets vor Augen, sehnt sich nach Freiheit und Sicherheit. Ein Gefühl, das leider viel zu schnell verfliegt – immerhin haben die Entwickler alle damit in Verbindung stehenden Aspekte nur oberflächlich behandelt.



    Theoretische Freiheit


    Disaster Report 4: Summer Memories verzichtet auf Wegweiser oder andere Hilfestellungen. Wer das Krisengebiet also lebend verlassen möchte, der sollte seinen Überlebensinstinkt aktivieren und sich gewieft von einem Schauplatz zum nächsten kämpfen.


    Spannende Aussichten, die durch den vollständigen Mangel spielerischer Freiheiten geradewegs in niederschmetternder Enttäuschung münden. Hatten wir anfangs noch die Hoffnung, dass der Verzicht auf hilfreiche Markierungen auf die Vielzahl unterschiedlicher Vorgehensweisen zurückzuführen ist, mussten wir schnell erkennen, dass wir einen vorgegebenen, verschachtelten Weg gehen müssen.


    Die Folge: Haben wir ein neues Gebiet erreicht, stürzen wir uns ziellos auf einen anwesenden Mitmenschen nach dem anderen, starten eine Konversation und hoffen, dass wir damit eine kurze Zwischensequenz starten. Immerhin schaffen wir erst dadurch eine neue Stufte in Richtung Weiterkommen, alles andere ist nur vergeudete Zeit.


    Oftmals verlieren wir uns dabei in einer lustlos anmutenden Verkettung unterschiedlicher Aufgaben, deren erfolgreiche Erfüllung unserem eigentlichen Endziel zugutekommt. Besonders teuflisch: Oftmals suchten wir beim Test einen gewünschten Gegenstand endlos lang vergebens, nur um festzustellen, dass dieser erst nach Beenden eines weiteren Gesprächs überhaupt erst auffindbar wurde.


    Unterhaltungsfaktor? Pustekuchen! Immerhin macht uns Disaster Report 4: Summer Memories zur Geisel eines streng geordneten Ablaufs ohne Raum für erkundungsfreudige Überlebensgeister. Das Freiheitsversprechen wird somit an dieser Stelle noch nicht eingelöst.



    Entscheidungen ohne Konsequenzen


    Versprochen ist allerdings versprochen, das wird auch nicht gebrochen! Immerhin erinnert sich Disaster Report 4: Summer Memories an dieses Motto und stellt euch beim Erfüllen einiger Aufgaben sowie zahlreichen Konversationen grundverschiedene Reaktionsmöglichkeiten zur Verfügung, mit denen ihr euren moralischen Kompass auf die Probe stellen dürft.


    Hierbei lässt das Action-Adventure auch tatsächlich unsere Hand los und gibt uns die freie Entscheidung, wie wir mit einer Situation umgehen wollen. Fungieren wir als motivierender Schutzengel? Halten wir uns bedeckt und konzentrieren uns darauf, zumindest unseren Hintern in Sicherheit zu bringen? Oder pflastern wir unseren Weg mit Leichen und pfeifen auf jegliche Chance, unseren Mitmenschen zu helfen?


    Doch leider müssen wir auch hier direkt die Hoffnungshandbremse ziehen. Obwohl Disaster Report 4: Summer Memories hier spielerische Freiheit eröffnet, besitzen die daraus resultierenden Konsequenzen nur selten wirkliche Tragweite, donnern oftmals sogar direkt im Anschluss ungefiltert in die Bedeutungslosigkeit.


    Moralpunkte verkommen dadurch zur künstlich aufgedrückten Farce. Wirkliche Relevanz hat diese Anzeige nie, letztlich dient sie als Spiegel aller bisherigen Entscheidungen, ändert an der grundlegenden Stellung der Handlungsweichen jedoch herzlich wenig. Diese sind immerhin bereits fest in den Boden einzementiert und erlauben höchstens auf der Zielgeraden eine gravierende Neujustierung.


    Somit wird Disaster Report 4: Summer Memories erneut Opfer des eigens auferlegten Freiheitsmangels, fühlt sich selbst im Angesicht vieler Entscheidungsmöglichkeiten zu konstruiert, unglaubwürdig, sogar unrealistisch an. Immerhin fällt es schwer, sich in solch eine Atmosphäre hineinzuversetzen, wenn das eigene Handeln nur selten mit wirklichen Konsequenzen belohnt oder bestraft wird.



    Wir pfeifen auf Pflege


    Überhaupt wirkt Disaster Report 4: Summer Memories wie eine Sammlung wirklich vielversprechender Ideen, die im langwierigen Entwicklungsverlauf jedoch nicht weiterverfolgt werden konnten und somit nur oberflächlich auf das Gesamtwerk geklebt wurden.


    Das zunächst ambitioniert anmutende Pflegesystem fungiert als weiterer Beweis dieser These, scheint es theoretisch immerhin erstklassig in die angedachte Spielwelt zu passen: Um euren Charakter am Leben und bei Laune zu halten, müsst ihr regelmäßig dessen Hunger, Durst sowie Harndrang stillen, werdet also stets ermahnt, die jeweiligen Statusleisten im Auge zu behalten.


    Fakt ist allerdings, dass man auf all dieser Werte getrost pfeifen kann. Sicherlich hebt das Action-Adventure dann gerne mal den warnenden Zeigefinger und möchte uns für unser unbedachtes Verhalten abmahnen, ernsthafte Folgen brauchen wir allerdings nicht zu befürchten.


    Disaster Report 4: Summer Memories gibt euch alle notwendigen Zutaten für ein amüsantes Rollenspiel-Abenteuer inmitten eines Katastrophengebiets zur Hand, weigert sich aber vehement, diese eigenständig ins Spielgeschehen zu implementieren.


    Ihr wollt das perfekte Atmosphäre-Paket? Dann haltet einfach eure Moralpunkte und Pflegewerte im Auge und bastelt euer eigenes Überlebensszenario zusammen. Vom Titel selbst dürft ihr das nicht erwarten.



    Zwei Welten kollidieren


    Mangelnde Ideenvielfalt und Ambitionen kann man den Entwicklern von Disaster Report 4: Summer Memories definitiv nicht vorwerfen. Einzig die Umsetzung eben dieser wandelt beim Endprodukt leider zwischen Oberflächlich bis hin zu Katastrophal.


    Überhaupt gewinnt man den Eindruck, dass bei der Entwicklung einfach alle Einfälle, Konzepte und Gedanken in einen Hut geworfen wurden, man sich schlussendlich aber nicht auf eine Mindestanzahl an Zügen geeinigt und einfach jeden einzelnen Zettel bedacht hat.


    Allein der oben verlinkte Choices-Trailer veranschaulicht das Ganze erstklassig. Von dramatischer Musik begleitet wird man Zeuge schrecklicher Ereignisse, muss Überlebende aus den Trümmern retten und schwerwiegende Entscheidungen treffen… aber immerhin darf man das nun auch als Weihnachtsmann, Ninja oder Superheld verkleidet hinter sich bringen!


    Ein absurder Stilbruch, der mit dem richtigen Grundkonzept definitiv funktionieren könnte, bei Disaster Report 4: Summer Memories allerdings nicht wirklich zünden möchte. Immerhin unterstreichen die Entwickler stets, dass der Ernst der Lage nicht verkannt wird, Dramatik klar im Vordergrund steht. Wie genau verrückte Charaktere, humorvolle Aufgaben oder skurrile Kostüme hier hineinpassen sollen, diese Antwort bleibt man uns leider schuldig.


    Nur eine der vielen Fragen, mit denen uns Disaster Report 4: Summer Memories zurückgelassen hat. Denn selten haben wir so ein erschreckend dysfunktionales, aber gleichzeitig so eigenartig faszinierendes Action-Adventure, solch ein wahlloses Sammelsurium oberflächlicher Gameplay-Elemente, solch eine absurde Drama-Slapstick-Kombo erlebt.


    Kein Wunder, dass die übergeordnete Hauptfrage hier lautet: Was ist da nur schief gegangen?!



    Fazit


    Technisch, atmosphärisch und spielerisch hoffnungslos veraltet: Disaster Report 4: Summer Memories macht die schwierige Entwicklungsgeschichte an jeglicher Front erschreckend erkennbar und wird dadurch zum meterdick angestaubten Action-Adventure mit gelegentlichem Fremdschäm-Faktor.


    Dabei verstecken sich unter all den Handlungs- und Gameplay-Trümmern definitiv einige spannende Ansätze, gerade die ersten Spielstunden werden dadurch zu einem unterhaltsamen (virtuellen) Überlebenskampf. Leider münden diese rasant in eine von Stolpersteinen gespickte Talfahrt, von der sich der Titel bis zum Abspann nicht mehr erholt.


    Beinharte Action-Adventure-Fans mit besonders dicker Haut dürfen nach der ersten Preisreduzierung sicherlich mal reinschnuppern – mit der richtigen Einstellung und nach unten geschraubter Erwartungshaltung besitzt Disaster Report 4 ohne Frage ein gewisses Unterhaltungspotenzial. Alle anderen können auf dieses Survival-Szenario mit gutem Gewissen verzichten.

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