The Last of Us Part II



  • Das kontroverseste Meisterwerk der Videospielgeschichte!


    The Last of Us markierte 2013 ohne Frage einen PS3-Meilenstein. Optisch, atmosphärisch sowie erzählerisch wuchs das zum damaligen Zeitpunkt bereits renommierte Entwicklerstudio Naughty Dog mit dem dramatischen Postapokalypse-Abenteuer rund um Joel und Ellie abermals über sich hinaus und hing nicht nur die eigene, sondern auch die Qualitäts-Messlatte der gesamten Videospiel-Industrie schier unerreichbar hoch.


    Dennoch entschied man sich für ein Sequel, dessen Ankündigung von Fans weltweit gefeiert, gleichzeitig aber auch mit einer gewissen Skepsis beäugt wurde. Kann man tatsächlich in die Fußstapfen des Meisterwerks treten, ohne dessen Wirkung zu mindern oder gar in dessen Schatten gänzlich zu verschwinden? Berechtigte Sorgen, denen sich Naughty Dog mit altbekanntem Perfektionsdrang und gefeierter emotionaler Tiefe mutig entgegenstellte.


    Doch wer hätte ahnen können, dass sich es sich hierbei um die geringste Sorge während des Entwicklungsprozesses handeln sollte. Auf zwei Verschiebungen (eine davon Corona-bedingt) folgten massive Leaks, die grundlegende Handlungspunkte enthüllten und einen tobenden Shitstorm ungeahnter Ausmaße hervorriefen.


    Entgegen aller Widerstände und gefährlichem Virus und giftiger Kritikerstimmen zum Trotz erblickt The Last of Us Part II sieben Jahre nach Veröffentlichung des Vorgängers endlich das Licht des heimischen Videospielregals und lässt uns in eine tiefschwarze Vergeltungswelt eintauchen, der höchstens einige Blutfontänen farbtechnische Varianz verpassen.


    Ist es nun das erhoffte Meisterwerk? Oder war die lautstarke Vorabkritik berechtigt? Mit zwei Durchgängen und über 50 Stunden Spielzeit im Gepäck liefere ich euch in unserem Mega-Test die ausführliche Antwort!



    Der blutige Rachepfad


    Ich befinde mich hier auf ganz dünnem Review-Eis. Gerne würde ich mit euch alle wichtigen Elemente der seit Jahren sehnlichst erwarteten Fortsetzung besprechen, eine einseitige Diskussion eröffnen und mich dabei an den grundlegenden Handlungsfäden entlang hangeln.


    Doch keine Sorge: Das werde ich nicht tun. The Last of Us Part II macht mit Blick auf die verfügbaren Pressematerialien und vor allem auf die veröffentlichten Trailer deutlich, dass der Plot definitiv eine existenzielle Rolle spielt, jedoch nicht schon im Voraus ausgiebig erörtert werden soll. Dementsprechend halte ich meine kurze Zusammenfassung sehr oberflächlich, hier herrscht also KEINE SPOILERGEFAHR!


    Fünf Jahre sind seit den dramatischen Ereignissen des Vorgängers vergangen. Gemeinsam mit Joel, dessen Bruder Tommy und vielen weiteren Überlebenden verlebt Ellie ihren Alltag in einer kleinen Siedlung inmitten der Stadt Jackson im US-Bundesstaat Wyoming, die den Horror der letzten Jahrzehnte mit gezielter Arbeitsteilung, strengen Regeln und einem friedlichen Zusammenleben scheinbar gekonnt verarbeiten konnte.


    Das Auftauchen geheimnisvoller Fremde markiert jedoch einen schwerwiegenden Wendepunkt, der Ellies Leben vollends aus der Bahn und direkt ins Chaos stürzt. Auf das eigentliche Ereignis möchte ich gar nicht eingehen, allerdings dürft ihr es euch als gnadenloser Schlag in die Magengrube vorstellen, dem einige heftige Tritte folgen.


    Die Gruppe ungestraft davonkommen lassen und deren schreckliche Taten einfach vergessen? Für Ellie unmöglich. Von Hass und Rachegelüsten getrieben, tritt sie die beschwerliche Reise in Richtung Seattle an, wo sie ihre Ziele vermutet. Doch damit betritt sie erneut eine von Mord und Unmenschlichkeit gezeichnete Welt, die sie nicht nur an ihre physischen, sondern auch an ihre seelischen Grenzen bringt.



    Ein Kampf, der keine Sieger kennt


    Nüchtern betrachtet erzählt The Last of Us Part II eine Geschichte, die in unzähligen Filmen und Videospielen bereits mehrfach durchgekaut wurde: Dass die Hauptfigur Rache üben und dafür sogar über zahlreiche Leichen gehen würden, darf sogar als eines der Leitmotive etlicher Erzählungen gesehen werden, reißt prinzipiell also niemanden vom Hocker.


    Naughty Dog verpasst dem Ganzen jedoch nicht nur eine unangenehm düstere und schonungslose Ebene, sondern verschiebt die Perspektive gekonnt in eine ungeahnte Richtung, wodurch selbst diese altbekannte Thematik plötzlich wieder spannend wird. Die Grenzen zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß verschwimmen mit fortlaufender Spieldauer immer mehr, verwandeln ein eingangs nobles Vorhaben in ein fragwürdiges Unterfangen, das eher einem stetigen Versinken im Treibsand der Schuldgefühle gleichkommt.


    Eingebettet wird der Vergeltungsplot in eine gewohnt facettenreiche Erweiterung der spannenden postapokalyptischen Welt, in die uns der Vorgänger entführte und diese trotz vorherrschendem Chaos mit ausreichend Leben füllte. The Last of Us Part II zeigt uns neue Städte, neue Gruppierungen, neue Ideologien und neue Charaktere, die sich allesamt erstklassig in das zuvor präsentierte Handlungspuzzle einfügen, wobei vor allem die menschlichen Neuzugänge nicht nur als treibende Kraft für dramatische, sondern auch als angenehme Wundsalbe in Form humorvoller Szenen dienen.


    Eine Gute-Laune-Reise durch die Häuserschluchten Seattles darf man logischerweise nicht erwarten. In gewohnter Manier wiegt euch Naughty Dog gerne in Sicherheit, reicht euch lachend eine Tasse köstlichen Kakao, um euch diese ohne jegliche Vorwarnung aus der Hand zu schlagen, euch an die nächstgelegene Wand zu drücken und anschließend einige Schläge in die Magengrube zu versetzen. Beruhigende Genesungsmomente folgen nur selten, der emotionale Absturz wird konsequent fortgesetzt und mit immer wieder neuen Spitzen besonders schmerzhaft gestaltet.


    Mit altbekannten Stärken und einer neuen, fast schon unangenehm umgesetzten Thematik hat mich The Last of Us Part II rasant in die Mangel genommen, mich zum hilflosen Begleiter einer selbstzerstörerischen Rache-Reise gemacht, deren Ausgang mit jedem gelaufenen Schritt düsterer, unheimlicher, blutiger, tödlicher erscheint. Auf Lichtblicke wurde zwar nicht verzichtet – Fans dürfen sich also auf die Seele balsamierende Momente à la Giraffen-Treffen aus dem Vorgänger freuen –, die fungieren jedoch als Blitz inmitten der finstersten Dunkelheit, dessen erhellende Funktion von kurzer Dauer ist. Ein aufwühlendes Erlebnis, das ich in dieser Form noch bei keinem Videospiel erleben durfte.



    Gewagte Handlungsschritte


    Es fällt jedoch schwer, den Plot von The Last of Us Part II durchweg zu loben, die seit Release lautstark vernehmbare Kritik seitens der Fans dabei aber vollends auszublenden. Versteht mich nicht falsch, hierbei justiere ich meinen persönlichen Eindruck nicht nach, um mich dieser Wut anzugleichen, sondern möchte die beiden Sichtweisen eher gegenüberstellen.


    Naughty Dog ist sich dessen bewusst, dass Sequels oftmals einer festen Formel folgen. Sicherlich kann man neue Wege einschreiten, bisher unwichtige Charaktere ins Rampenlicht rücken oder sogar eine tonale Anpassung vornehmen. Letztlich erwarten vor allem Fans des Vorgängers jedoch einige klar erkennbare Ankerpunkte, die das Neue mit dem Alten verknüpfen und somit einen möglichst angenehmen Wiedereinstieg in die altbekannte Spielwelt ermöglichen.


    The Last of Us Part II scheint diesen Grundsätzen zunächst folgen zu wollen, wirft dieses Vorhaben nach wenigen Stunden dann aber urplötzlich völlig über den Haufen und schlägt einen gänzlich unerwarteten Weg ein. Letztlich tut das der gewohnt enorm hohen Naughty-Dog-Qualität keinerlei Abbruch, entpuppt sich mit fortschreitendem Spielverlauf jedoch als enormes Wagnis heraus – immerhin legt man sich bewusst mit den Fans an, die den Erstling bis heute regelrecht anbeten.


    Zur Halbzeit vollführt Naughty Dog dann allerdings eine weitere Kehrtwende, die jahrelangen Joel- und Ellie-Anhängern ein weiteres Messer zwischen die Rippen stößt. Diese Stiche fallen zwar nicht tödlich aus, erwarten von euch aber viel Offenheit, Akzeptanz und stellenweise sogar Durchhaltevermögen. Zum Ende der Reise fällt das Gesamtbild erschreckend stimmig und befriedigend aus, der Weg dorthin ist jedoch beschwerlich und sogar schmerzhaft.



    Subjektive Meinungsfindung


    Wie sehe ich nun den ganzen Sachverhalt? Im Vorfeld stolperte ich bereits über einige Leaks, konnte mich mit einigen Ereignissen also frühzeitig auseinandersetzen und schlussendlich auch anfreunden. Anstatt Part IInämlich als direkte Fortsetzung zum Vorgänger zu sehen, sehe ich Ellies Abenteuer als thematisches Neuland im bereits etablierten Universum an. Sicherlich werden einige rote Fäden wieder aufgegriffen und zu einem blutroten Ende geführt, letztlich steht nun aber der Umgang mit Rachegefühlen an oberster Stelle, der Bruch mit der gewohnten Narrative macht also Sinn – auch wenn er gnadenlos und destruktiv ausfällt.


    Mit The Last of Us Part II spielt Naughty Dog mit den Erwartungen der Fans, wirft diese ohne jegliche Vorwarnung in ein erschütterndes Story-Netz, das man sich seit der Erstankündigung definitiv anders vorgestellt hatte. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass es besonders positive, gleichzeitig jedoch auch enttäuschend negative Stimmen zu Ellies Abenteuer gibt.


    Anstatt den simplen Sequel-Weg zu gehen und einfach alte Stärken mit zusätzlichem Feinschliff auf den Markt zu werfen, wird bewusst der schwere, kontroverse und auf den ersten Blick oberflächliche Pfad gewählt, der mit vielen Tugenden und Traditionen bricht und dadurch im Nachhinein noch effektiver im Kopf zurückbleibt. Sofern man aber bereit ist, eben diesen Pfad mutig zu beschreiten und auf den starren Vorgängerblick zu verzichten, ergibt sich ein komplexes Konstrukt, das sich nicht zwanghaft mit dem Erstling messen, sondern diesen um neue Facetten erweitern möchte.


    Ich tat mich zunächst schwer, den Controller nicht in die Ecke zu werfen und das Experiment The Last of Us Part II als beendet zu erklären. Das Durchhalten machte sich jedoch bezahlt, mein Vertrauen in Naughty Dog wurde letztlich belohnt. Hätte ich mir eventuell doch lieber den sicheren Sequel-Weg gewünscht? Schwer zu sagen, immerhin wäre dieser im direkten Vergleich zum meisterhaften Vorgänger einfach verblasst.


    Eines möchte ich jedoch allen Skeptikern auf den Weg geben: Während viele Leaks tatsächlich stimmen, zeigen sie nur einen Bruchteil des Gesamtbilds und werden diesem somit nicht mal ansatzweise gerecht. Konnten sie bei mir zunächst noch Unwohlsein und Sorge erwecken, stellten sie sich im Kontext mit anderen Szenen als vollkommen nichtig, stellenweise sogar als völlig falsch interpretiert heraus.


    The Last of Us Part II nimmt euch also sicherlich nicht mit einer Hey, das werdet ihr lieben-Garantie in den Arm, scheint sich sogar dessen bewusst zu sein, dass es einerseits als erzählerisches Meisterwerk, andererseits aber auch als fehlgeschlagenes Wagnis mit hohem Enttäuschungsgrad verstanden werden kann. Dieses Fazit sollte man jedoch nicht mit sturem Blick auf Leaks, Journalisten oder Influencer ziehen, sondern Naughty Dog zumindest die Chance geben, ihren mutigen Ansatz vorher komplett und ohne Vorurteile erlebt zu haben.




    Der Kritiktropfen auf den heißen Begeisterungsstein


    Die Handlung von The Last of Us Part II hat mich schockiert, begeistert, abgestoßen, erzürnt, mich zum Lachen gebracht, mir aber auch die Tränen in die Augen getrieben. Naughty Dog nahm mein Gamerherz und drehte es immer wieder gnadenlos durch den erzählerischen Fleischwolf. Kein Wunder also, dass ich mich unvoreingenommen gegen die kritische Userwelle stellen und mit gutem Gewissen behaupten kann: Diese Handlung knüpft in puncto Wucht, Emotionalität und Brillanz direkt an den legendären Vorgänger an!


    Dennoch kann ich dem Sequel in dieser Kategorie nicht die Höchstpunktzahl verpassen. Obwohl ich mich nämlich schnell mit den neuen Charakteren anfreunden, mich trotz einiger krasser Fehlentscheidungen durchweg mit den Hauptakteuren identifizieren und ihren Schmerz teilen sowie die emotionale Achterbahnfahrt in vollen Zügen genießen konnte, kann ich nur schwerlich über die gewöhnungsbedürftige Erzählstruktur und die sich dadurch ergebenden handlungstechnischen Längen hinwegsehen.


    Naughty-Dog-Anhänger wissen bereits, dass sich das Entwicklerstudio nicht unbedingt auf chronologische Abfolgen besteht und gerne auf Flashbacks und sich parallel abspielende Alternativperspektiven zurückgreift. Auch die zeitlichen Sprünge bei The Last of Us Part II sind nicht willkürlich gewählt, sondern folgen einem genauestens durchgeplanten Angriffsplan auf die Gedankenwelt des Spielers, dessen Blick auf eine Situation sich durch plötzlich in den Raum geworfene Zusatzinformationen schlagartig ändern kann.


    Grundlegend sehe ich in dieser Art des Storytellings keinerlei Probleme, immerhin hat sie sich bereits in früheren Titeln als äußerst effektives Instrument zum gezielten Ausbau der eigentlichen Narrative bewiesen. Ellies Rache-Odyssee macht jedoch die Gefahren eines solchen Aufbaus deutlich: Mitunter wirkt das Geschehen zu verschachtelt, verliert den roten Faden kurzzeitig völlig aus dem Blick und kann den erhofften Wow-Effekt damit nur teilweise erzielen.


    Gleichzeitig ergibt sich hieraus ein insgesamt gemächlicheres Erzähltempo, vor allem im direkten Vergleich mit dem Vorgänger. Vor allem zur Halbzeit sowie in den finalen Spielstunden stolperte ich über einige Abschnitte, deren Existenzberechtigung ich nachträglich tatsächlich in Frage stellen musste. Naughty Dog wollte mir eine klare Botschaft vermitteln, vehement sicherstellen, dass diese auch wirklich bei mir ankommt und ich keinerlei Rückfragen stellen muss – doch ich bin mir sicher, dass das auch mit einigen Kürzungen möglich gewesen wäre.


    Die Abstrafung eines hochpolierten Vollpreistitels aufgrund einer ausschweifenden Spielzeit muss man natürlich letztlich unter Meckern auf höchstem Niveau verbuchen. The Last of Us Part II stellt den erzählerischen Aspekt jedoch bewusst ins Rampenlicht, lässt damit in Verbindung stehende Schwächen somit noch stärker funkeln. Diese bringen das hervorragende Story-Schiff zwar nicht ins Schwanken, stellen sich in einem Meer an Perfektion dann aber doch als auffällige Wellen heraus, auf die man sich vor der wilden Fahrt einstellen sollte.



    Bis ans Konsolenlimit


    Nach dem kontroversen Part haben wir uns allerdings definitiv ein wenig Abkühlung verdient. Zum Glück liefert The Last of Us Part II nun eine regelrechte Welle positiver Aspekte, deren Anfang die Grafik – immerhin eines der größten Steckenpferde von Naughty Dog – macht.


    Meine Begeisterung in passende Worte zu verfrachten fällt mir allerdings enorm schwer. Was Naughty Dog zum Ende der PS4-Ära aus der Hardware herauskitzeln konnte, ist wahrlich beeindruckend: Zwischensequenzen werden gewohnt filmreif, Schusswechsel (fast schon unangenehm) blutig und dreckig in Szene gesetzt, stellen neben malerischen Landschaften, umfangreicher Detailverliebtheit und oftmals erschreckend realitätsnahen Gesichtsanimationen aber nur die Spitze des technischen Eisbergs dar.


    Gefühlt an jeder Ecke der (logischerweise) verlassenen, aber dennoch unglaublich lebendig wirkenden Spielwelt entdeckt ihr ein neues Highlight, das den leidenschaftlichen Schaffungsprozess sichtbar macht. Das Zusammenspiel aus erstklassiger Inszenierung, grandiosen Effekten und fantastischen Animationen garantiert nicht nur jederzeit stimmiges und in sich geschlossenes Gesamtbild, sondern serviert euch zusätzlich den visuell besten Titel dieser Videospielgeneration (Stand Juni 2020, immerhin folgen noch Ghost of Tsushimaund Cyberpunk 2077).


    Dabei setzt vor allem die atmosphärische Immersion neue Maßstäbe, muss somit als größte Stärke mehrfach unterstrichen werden. Durch im Wind wiegendes Gras, vom Blut unserer Feinde getränkte Kleidung, durch deplatzierte Schüsse zerspringende Autoscheiben oder von unseren blutigen Fußabdrücken beschmutze Böden verweilen wir bei The Last of Us Part II nicht als simpler Beobachter, sondern fühlen uns in die postapokalyptische Welt, in der jede Bewegung, jede unbedachte Handlung weitreichende Konsequenzen haben kann, hineingezogen.


    Naughty Dog hat allein an dieser Stelle sicht- und spürbar viel Herzensblut und Zeit investiert, um die optische Messlatte einige Zentimeter höher anzubringen. Technische Limitationen bleiben mitsamt gelegentlich aufploppender Objekte sowie seltener Ruckler zwar nicht aus, lassen sich umzingelt von optischer Perfektion allerdings problemlos ignorieren.



    Verloren im musikalischen Atmosphäre-Traum


    Grafik hui, Sound pfui? Nicht mit Naughty Dog, der technischen Speerspitze der Videospielentwickler! Denn auch an der auditiven Front wird ordentlich Vollgas gegeben: Ob nun mit Heimkinoanlage, Kopfhörern oder handelsüblichen TV-Lautsprechern, die brachiale Klangkulisse macht euch The Last of Us Part II zum Teil der atmosphärischen Spielwelt und garantiert somit ein unvergessliches Akustik-Erlebnis. Hierbei sind es drei starke Säulen, die dem Sound als unverzichtbares Fundament dienen und ihn in ungeahnte Qualitätshöhen tragen.


    Der Soundtrack. Erneut zeichnet sich der argentinische Komponist Gustavo Santaolalla für die musikalische Untermalung der postapokalyptischen Höllenfahrt verantwortlich und fungiert – ähnlich wie bereits beim Vorgänger – als wichtiger Grundpfeiler für die emotionale Urgewalt der Handlungsebene. Seine minimalistisch anmutenden, tatsächlich aber enorm vielschichtigen Klänge verleihen jedem Dialog, jeder Erkundungstour, jedem tödlichen Duell einen unglaublichen Nachdruck, der euch nicht selten schockiert, in gnadenlosen Stress versetzt oder gar zu Tränen rührt.


    Die Sprecher. Dass Ashley Johnson und Troy Baker als Ellie und Joel abermals wegweisende Leistungen darbieten würde, war regelrecht vorprogrammiert. Umso erfreulicher, dass sie scheinbar als strahlende Vorbilder dienten und auch den restlichen Cast zu Meisterleistungen animierten. Weder Haupt- noch Nebendarsteller leisten sich unliebsame Ausrutscher und gehen hörbar leidenschaftlich ans Werk, immerhin gehen lockere Smalltalks, lautstarke Auseinandersetzung oder röchelnde Todesschreie stets perfekt über die Lippen. Die deutsche Sprachausgabe kann dieses hohe Niveau zwar nur ansatzweise erreichen, präsentiert sich aber immerhin als akzeptable Alternative für Englischmuffel.


    Die umhüllende Atmosphäre. Da sich meine PS4 Pro in einigen Passagen gerne in einen kleinen Düsenjet verwandelte, bot sich der Einsatz eines Sorround-Sound-Headsets besonders an. Tatsächlich war das mit einem weiteren Vorteil verknüpft: einem klangstarken Feuerwerk aus starken Bässen und direktionalen Effekten, die mich regelrecht verfolgten und mir vor allem beim Kampf gegen bissige Infizierte den Angstschweiß auf die Stirn trieben.


    Mein Tipp: Ein dunkler Raum, klangstarke Kopfhörer und The Last of Us Part II. Spätestens in einem düsteren Wald oder einem langsam in sich zusammenfallenden Hochhaus werdet ihr wissen, woher meine tiefe Begeisterung rührt.



    Postapokalyptische Superkulisse


    Nun könnte ich stur meiner typischen Review-Struktur folgen und mich nach dem technischen Aspekt von The Last of Us Part II direkt dem grundlegenden Gameplay annehmen, wandle aber lieber auf einem alternativen Pfad und befasse mich zunächst mit einem der wichtigsten Akteure des postapokalyptischen Rache-Abenteuers: Der Spielwelt!


    Dass diese optisch opulent umgesetzt und mit allerlei akustischen Kunststückchen in ein unglaublich dichtes Atmosphäre-Gewand gehüllt wurde, dürfte nach den letzten beiden Test-Abschnitten niemanden verwundern. Zusätzlich erfüllt sie jedoch auch eine narrative Rolle, die in den ersten Spielstunden eher nebensächlich wirkt, sich spätestens bei eurem ersten Erkundungszug durch das weitläufig gestaltete Seattle aber bemerkbar macht.


    Anstatt mit versteckten Items und Geheimnissen einfach nur euren Erkundungsdrang zu wecken und die Gesamtspielzeit möglichst strecken zu wollen, erzählt Naughty Dog durch verlassene Geschäften und Wohnhäusern teils dramatische Geschichten, die euch mit dem gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Verfall in einer vom Chaos zerfressenen Welt konfrontieren.


    Hinterlassene Botschaften und Notizen eröffnen uns einen Blick in die Gedankenwelt anderer Überlebender, zeigen uns ihre Hoffnungen, ihre Sorgen, das Aufbäumen gegen ihr tragisches Schicksal und gelegentlich sogar ihre endgültige Resignation. Storytechnische Nebenschauplätze in Form ausschweifender Sidequests eröffnet The Last of Us Part II damit zwar nicht, verpasst der Welt jedoch eine tiefgehende Lebendigkeit, die im klaren Kontrast zu den verkommenen und leergefegten Häuserschluchten steht.


    Optionale Ausflüge abseits das Handlungspfads wurden für mich somit schnell zum Pflichttermin, wurden durch die erzählerische Tiefe aber keineswegs mit nervtötendem Zwang, sondern eher mit spielerischer Freude behaftet. Da werden selbst Erkundungsmuffel urplötzlich zum akribisch vorgehenden Überlebenskünstler.



    Wer braucht schon den direkten Weg?


    Wer nun weitläufige Open-World-Auswüchse erwartet, der täuscht: Naughty Dog orientiert sich weiterhin am Vorgänger und setzt auf ein letztlich recht lineares Leveldesign, das durch allerlei Deko und Nebenschauplätze jedoch angenehm kaschiert wird.


    Wir steuern Ellie also von einem Gebiet zum nächsten und bekommen beim Betreten eines neuen Areals oftmals direkt gezeigt, in welche Richtung der Ausgang liegt. Gelegentlich ist dieser auf direktem Weg nicht zu erreichen und muss zunächst durch das Bewältigen eines simples Kisten- oder Seilrätsels zugänglich gemacht werden, geübte Gamer werden hier jedoch zu keinem Zeitpunkt mit wirklichen Kopfnüssen konfrontiert.


    Zahlreiche Areale erweitern den Levelbaum jedoch um einige kletterfeste Äste und laden euch in Form optional erkundbarer Geschäfte und Wohnungen zum postapokalyptischen Schnelleinkauf ein. Oftmals verlor ich dabei sogar mein eigentliches Ziel gänzlich außer Augen und musste via L3-Taste einen Kompasstrip in Anspruch nehmen, um wieder auf die richtige Fährte zu kommen.


    Das bereits erwähnte, offen gestaltete Seattle markiert hierbei das Erkundungshighlight. Hier greift Naughty Dog nämlich auf die in Uncharted 4 und dem Stand-Alone-Abenteuer Uncharted: Lost Legacy angeeigneten Tugenden zurück und präsentiert euch ein wahrhaft weitläufiges Areal, das definitiv als kleiner Open-World-Ausflug bezeichnet werden darf.


    Durch die Gegend wandern, die Spielwelt verinnerlichen und beim Abklappern verlassener Gebäude die zahlreichen Design-Besonderheiten begutachten wird somit zum regelrechten Genuss, bei dem sich die ausgiebige Nutzung des bereits zum Launch verfügbaren Foto-Modus bezahlt macht. Zahlreiche im offenen Seattle-Gebiet verbrachte Stunden und über 100 aufgenommene Fotos sprechen bei meinem Test-Durchgang Bände.




    Legt euch nicht mit Ellie an


    Nein, bei The Last of Us Part II handelt es sich trotz einer Vielzahl ruhiger Momente auch nicht plötzlich um einen aufpolierten Walking-Simulator. Immerhin stehen nervenaufreibende Gefechte gegen angriffslustige Infizierte und schwer bewaffnete Überlebende an Ellies Tagesplan mindestens an zweiter Stelle. Naughty Dog hat sich beim Kampfsystem am Vorgänger orientiert, dieses allerdings um einige Facetten erweitert und zuvor scharfe Kanten des prinzipiell erstklassig funktionierenden Gesamtkonzepts zusätzlich abgerundet.


    Oftmals werden euch für den Überlebenskampf zwei Vorgehensweisen zur Verfügung gestellt: Ihr könnt lautlos und unentdeckt oder als Mini-Rambo blutig und chaotisch die Gegnerzahlen dezimieren. Dafür stehen euch allerlei Waffen, darunter beispielsweise Hammer, Baseballschläger, Revolver, Schrotflinten, Pfeil und Bogen oder auch Tretminen zur Auswahl, wovon einige erst im späteren Spielverlauf freigeschaltet oder nur durch optionale Streifzüge in eure Taschen gesteckt werden.


    Klingt nach einem übertriebenen Ausrüstungsüberfluss, wird dem aggressiven Auftreten eurer Feinde jedoch wahrlich gerecht. Immerhin flankieren euch diese nicht nur heimtückisch, sondern greifen gelegentlich auch auf Hunde zurück, die eure Fährte aufnehmen und somit selbst das beste Versteck zunichte machen können. Doch auch gegen fiese Wauwaus und Axt schwingende Gegner weiß Ellie sich zu wehren: Auf Knopfdruck kann sie nämlich nicht nur den Instinkt-Modus aktivieren und feindliche Silhouetten damit sogar durch Wände sichtbar machen, zusätzlich verfügt sie über ein Ausweichmanöver, das brachiale Konterattacken ermöglicht.


    Grundlegend laufen alle kämpferischen Auseinandersetzungen zunächst aber nach einem festen Schema ab. Wir folgen brav dem Story-Pfad, lauschen einigen Dialogen und werden anschließend in ein offen gestaltetes Areal mit vielen Schleich- und Deckungsmöglichkeiten gelotst, das wir erst nach Entledigung unliebsamer Fieslinge verlassen dürfen. Ab diesem Zeitpunkt nehmen jedoch wir das Heft in die Hand und bestimmen mit unserer eigenen Taktik das weitere Geschehen.


    Aus offenem Leveldesign, umfangreichem Waffenarsenal und intelligent (Menschen) oder rasend gnadenlos (Infizierte) agierenden Gegnern ergeben sich ebenso abwechslungsreiche wie auch unterhaltsam-fordernde Schlachten, die euer strategisches Denkvermögen stetig auf die Probe stellen. Immer wieder musste ich meinen Plan spontan umwerfen, vom Ninja zu Rambo werden, blitzschnell den Rückzug hinter schützende Deckungspositionen aufsuchen, um nach einer kurzen Ruhephase einen neuen Angriff zu starten. Zeit zum Durchatmen bleibt da selten.



    Bastelfreunde leben länger


    Kenner des Vorgängers wissen, dass The Last of Us Part II vor allem auf einem höheren Schwierigkeitsgrad keineswegs zur locker-flockigen Ballerorgie verkommt. Ganz im Gegenteil: Wer blind seine Vorräte verbrät, sieht sich schnell mit dem virtuellen Bildschirmtod konfrontiert.


    Munition ist in der postapokalyptischen Welt rar gesät, eine unbedacht angegangene Auseinandersetzung kann zuvor gut gefüllte Tasche vollends leeren. Dementsprechend ist ein ausgiebiges Erkunden der Umgebung wärmstens zu empfehlen, immerhin lassen sich damit nicht nur lebenswichtige Patronen, sondern auch hilfreiche Baumaterialien und Pillen ausfindig machen.


    Ebenso wie Joel nutzt Ellie diese, um rasant neue Utensilien zusammenzubauen oder besondere Fähigkeiten freizuschalten. Beispielsweise basteln wir uns so einen Schalldämpfer, einen Molotowcocktail oder gar einen Erste-Hilfe-Koffer zusammen, während die Einnahme von Tabletten unsere Sinne schärft, die Gesundheitsleiste ausbaut oder unsere Hände beim Anvisieren spürbar beruhigen, wodurch gezieltere Treffer ermöglicht werden.


    Waffenupgrades dürfen bei The Last of Us Part II natürlich auch nicht fehlen. Zuvor eingesammelte Upgrade-Teile dürfen an Werkbänken in den Ausbau unseres Arsenals investiert werden. Dass schnelleres Nachladen, gesteigerte Feuerkraft und erhöhte Munitionskapazität beim erbitterten Überlebenskampf einen unverzichtbaren Vorteil eröffnen, dürfte niemanden überraschen, stetiges Modifizieren des Waffenrepertoires somit regelrecht verpflichtend.


    Zugegeben: Das Rad neu erfunden hat Naughty Dog mit den zahlreichen Craft- und Upgrade-Möglichkeiten definitiv nicht, immerhin wurden diese letztlich nur leicht aufgepeppt aus dem Vorgänger übernommen. Eine nennenswerte Problematik ergibt sich dadurch allerdings nicht, denn auch in der zweiten Runde unterfüttern diese Elemente das Survival-Feeling vortrefflich und lassen vor allem das Herz von Loot-Freunden höherschlagen – immerhin könnten sich überall wichtige Hilfsmittel verstecken, ausschweifende Suchaktionen sind also vorprogrammiert.



    Keine Gnade für schwache Herzen


    Zwar fallen die Gameplay-Neuerungen überschaubar aus, dennoch avanciert jeder blutige Konflikt zu einem kleinen, spielerischen Highlight, das heftig an eurem Nervenkostüm knabbert und die Anzahl der Herzschläge pro Minute in ungeahnte Höhen treibt.


    Trotz durchdachten Vorgehens werdet ihr entdeckt, rettet euch in letzter Sekunde hinter der nächsten Deckungsmöglichkeit, bekommt etliche Schüsse um die Ohren gefeuert, werdet ohne jegliche Vorwarnung in einen Nahkampf verwickelt und müsst euch dann auch noch gegen eine bissige Schar Infizierter behaupten. Nicht selten musste ich den Controller nach einem hart erkämpften Sieg kurzzeitig zur Seite legen, um meinen Puls senken, einen Schluck trinken und die Beine vertreten zu können. In puncto Inszenierung und Immersion sucht The Last of Us 2 auch hier seinesgleichen, kann euch dadurch auch nach Ausschalten der Konsole noch verfolgen.


    Dieser Umstand ist allerdings auch der schonungslosen Gewaltdarstellung zu verdanken. Köpfe platzen, Gliedmaßen werden abgetrennt, röchelnde Hilferufe unterstreichen den langsamen Todeskampf eurer virtuellen Kontrahenten. Natürlich wurde ich als alter Videospielhase oftmals Zeuge solcher Blutfontänen, Naughty Dog kombiniert die realistische Darstellung hier geschickt mit der lebensnahen Grafik und verpasst mir einen besonders schmerzhaften Leberhaken, der nach jedem Betätigen des Abzugs nachwirkt.


    The Last of Us Part II möchte euch nicht zur blind agierenden Killermaschine verwandeln, sondern mit der Vermenschlichung eurer Feinde durchweg ein schlechtes Gewissen erzeugen, euch animieren, euren moralischen Kompass zu prüfen. Hier tretet ihr nicht gegen seelenlose Schießbudenfiguren an, sondern gegen andere Überlebenskämpfer, die gelegentlich sogar einen Namen verpasst bekommen und deren frühzeitiges Ableben von ihren Freunden betrauert werden.


    Eine Situation, die bei mir sogar nach einigen Tagen nachhallt: Eine kurze Unachtsamkeit meinerseits wurde eiskalt für einen Überraschungsangriff genutzt, den ich mit zwei unplatzierten Schüssen zum Glück abwenden konnte. Meine Treffer waren jedoch nicht tödlich, konnten meinen Gegner jedoch entwaffnen und schwer verwundet in die Knie zwingen. Bevor ich zum erlösenden Schlag mit meinem Brecheisen ansetzen konnte, forderte mich mein Opfer lautstark auf, ihm dabei zumindest in die Augen zu schauen.


    Sicherlich muss ich nun keinen Termin beim Psychologen buchen, schlussendlich spielten sich meine Taten virtuell ab, Gewissensbisse darf ich somit konsequenzfrei ausblenden. Dennoch gelingt Naughty Dog es vortrefflich, die Vergeltungsthematik nicht nur beim Plot, sondern auch beim Gameplay anzuwenden und diesem somit eine weitere, wahrhaft beeindruckende Facette zu verpassen, die tatsächlich zum Nachdenken anregt und ein Abdriften zum sinnbefreiten Gewaltporno gänzlich vermeidet.



    Marginal über das Ziel hinausgeschossen


    Letztlich wandelt The Last of Us Part II stets zwischen zwei Gameplaywelten – ausgiebiges Erkunden mündet in ein Stelldichein mit Menschen oder Infizierten, das Ganze dann in Dauerschleife. Gelegentlich gibt es kleinere Abwechslungsspitzen, diese fallen insgesamt jedoch übersichtlich aus.


    Anderen Titeln könnte solch ein fester Ablauf gerne das Genick brechen, Naughty Dogs einzigartigem Fingerspitzengefühl ist es jedoch zu verdanken, dass ihr euch bereits nach wenigen Spielminuten in der atemberaubenden Welt verliert, solch kritisch zu beäugende Punkte gar nicht mehr wahrnehmt und euch voller Elan und Überlebenswillen in jede Passage hineinkniet.


    Ob ich nun frei die verlassenen Wohnungen und Geschäfte Seattles nach Vorräten durchsuchen, meine Waffen und Spezialfähigkeiten aufwerten oder gegen eine weitere Meute wahnsinniger Mordlustiger antreten darf, The Last of Us Part II langweilt zu keinem Zeitpunkt, motiviert mich dank des enormen Unterhaltungsfaktor also zum fortlaufenden Weiterspielen und ebnet somit den Weg für den einen oder anderen Videospielmarathon. Tatsächlich wurde eine Test-Session zum All-Nighter, der erst durch den morgendlichen Frühstücksdrang unterbrochen wurde.


    Bekanntermaßen gehen Handlung und Gameplay aber gerne Hand in Hand, wodurch das spielerische Gesamtkonzept zum Finale hin ebenso wie der Plot einige Ermüdungserscheinungen zeigt, gelegentlich sogar unnötig gestreckt wirkt – ein Manko, dass ich bereits zum Beginn des Tests ausführlich darlegen durfte und dass sich auch bei diesem Aspekt wieder bemerkbar macht.


    Katastrophale Level erreicht die Übersättigung ebenso wie bei den narrativen Längen zum Glück nicht, zu keinem Zeitpunkt wollte ich den Controller weg- oder eine Pause einlegen. Allerdings überspannt Naughty Dog den Spannungsbogen auch an der Gameplayfront zwischenzeitlich spürbar, teast uns einen fulminanten Abschluss an, der mit immer wieder neuen Schauplätzen und Feinden plötzlich in weite Ferne rückt. Hier wäre weniger eventuell mehr gewesen.



    Umfangreicher Überlebenskampf


    Ihr vergöttert den Mehrspielermodus des Vorgängers? Da hatte Naughty Dog bereits ein Jahr vor Release eine vernichtende Meldung für euch parat: The Last of Us Part II wird ohne Online-Komponente auskommen müssen, allein Ellies Rachefeldzug steht im Rampenlicht. Und obwohl auch ich mich einem leichten Enttäuschungsanflug nicht erwehren konnte, fungierte der stattliche Gesamtumfang als willkommenen Trostpflaster.


    Am Ende meines ersten Durchgangs zeigte mein Speicherstand mir knappe 31 Stunden an. Zugegeben: Gefühlt jeder Winkel wurde von mir untersucht, jede noch so marginal erscheinende Ablenkung von mir mit Kusshand angenommen. Doch auch mit zielstrebigem Vorgehen hätte ich die 20-Stunden-Marke problemlos geknackt, eine Hausnummer, die man bei einem qualitativ astreinen AAA-Titel definitiv nicht kritisieren darf.


    Doch damit war ich noch nicht am Ende meines Abenteuers angekommen. Immerhin fehlten mir noch einige Sammelgegenstände (Spielkarten, Münzen, Safes und Dokumente), auch auf die besten Waffen- und Skill-Upgrades musste ich aufgrund mangelnden Materialvorrats verzichten. Zwei erstklassige Gründe also, via New Game+ eine erneute Runde zu wagen, mit meinem Charakter-Fortschritt einen höheren Schwierigkeitsgrad in Angriff zu nehmen und die losen Enden meiner Sammlerwut endgültig zu verknoten.


    In Kombination mit freischaltbaren Konzeptzeichnungen und Charaktermodellen ergibt sich also trotz Fehlens jeglicher Online-Modi ein beachtliches Umfangmonster, das euch lange an die Konsole fesseln wird. Multiplayer-Veteranen wird das den Schmerz sicherlich nicht nehmen, die Hoffnung sollten sie allerdings nicht aufgeben: Immerhin dementierte Naughty Dog vor kurzem jegliche Story-DLC-Pläne, ein nachträglich abgelieferter Mehrspielermodus dürfte also keine Unmöglichkeit sein.


    Ob man diesen nach Beenden der Haupthandlung tatsächlich braucht, wage ich jedoch stark zu bezweifeln. Bereits in dieser Form halten wir nämlich ein weiteres Meisterwerk in Händen, das sicherlich nicht göttliche Perfektion erreicht, trotz kleinerer Schwächen aber zumindest an deren Oberfläche kratzen kann. Dass die Meinungen hier allerdings stark auseinandergehen und hitzige Diskussionsgefechte in Gaming-Foren die kommenden Jahre bestimmen werden, zeigt nur einen weiteren Punkt, der The Last of Us Part II für mich so besonders macht.


    Anstatt nach dem größten gemeinsamen Teiler zu suchen und ein bodenständiges, erzählerisch sicheres Sequel auf die Beine zu stellen, balancierte Naughty Dog auf einem schmalen Grat zwischen ausschweifenden Lobeshymnen und tiefenanalytischen Wutkritiken, der bereits ins Rollen geratenen Kontroverse wurde somit Tür und Tor geöffnet. Für mich hat sich dieses Experiment jedoch bezahlt gemacht, selbst beim Schreiben dieser Zeilen lässt mich Ellies düsterer Rachefeldzug nicht mehr los, verfolgt mich sogar bis in den Schlaf.


    Ist The Last of Us Part II somit mein Game of the Generation, mein persönlicher Super-Schwanengesang auf die PS4-Ära? Schwer zu sagen, das wird wohl die Zeit zeigen. Eines steht allerdings jetzt schon fest: Naughty Dog fügt der hauseigenen Spieleliste ein weiteres wegweisendes Highlight hinzu, das wirklich niemand verpassen darf. Ob er nach Beenden nun weiterhin Super-Fan oder Super-Kritiker sein wird.



    Fazit


    Naughty Dog hat das Unmögliche geschafft: The Last of Us Part II tritt mutig und selbstbewusst in die gigantischen Fußstapfen des Vorgängers und kann diese mit erstklassiger Optik, atmosphärischem Sound, fast schon unangenehm brutalem Gameplay und einer ebenso malerischen wie auch unheimlichen Spielwelt mit Immersionsgarantie problemlos ausfüllen.


    Dennoch ist es ein Meisterwerk, das nicht nur mit perfekten Wertungen und Lobeshymnen, sondern auch mit viel Kritik und Kontroverse in die Videospielgeschichte eingehen wird. Dieser Umstand ist allerdings nicht nur den Leaks, sondern auch der Handlung zu verdanken, bei der sich die Gamer-Geister scheiden. Schnell wird klar, dass Naughty Dog mit ihrer Rache-Story nicht blind den Fanwünschen folgen, dem Mainstream-Strom entkommen wollten, um ihre eigene, gnaden-, kompromiss- und schonungslose Geschichte zu erzählen.


    Bei der Vielzahl wagemutiger und zunächst auch fragwürdiger Entscheidungen war der Shitstorm regelrecht vorprogrammiert, auch ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich mich mit dem eingeschlagenen Pfad noch anfreunden oder The Last of Us Part II nun in alle Ewigkeiten verteufeln würde. Am Ende des emotional beschwerlichen Weges wurde mir erneut bewusst, wieso dieses Entwicklerstudio in meiner Top-Liste weit oben steht. Denn selbst mehrere Tage nach Beenden der Haupthandlung sitze ich hier, schreibe diese Zeilen und denke weiterhin über Dialoge, Motive, Taten und der schlussendlichen Botschaft nach.


    Zugegeben, mit einer teils überverschachtelten Erzählstruktur sowie gelegentlichen Längen gerät das Sequel vor allem im Mittelfeld und auf der Zielgeraden kurzzeitig ins Straucheln, kann das phänomenale Qualitätsniveau des Vorgängers dadurch nicht über die gesamte Spielzeit von knapp 30 Stunden halten. Mit Blick auf tragische Ereignisse, blutige Showdowns und erschütternde Dialoge verblassen diese Mankos jedoch gänzlich und verweilen höchstens als leises Kritikerstimmchen im Hinterkopf.


    Ob es schlussendlich ein bahnbrechendes Meisterwerk oder eine gravierende Enttäuschung ist? Diese Frage muss man sich während des Abspanns selber beantworten. Meine Antwort habe ich mittlerweile gefunden: The Last of Us Part II ist ein wegweisendes Glanzstück der PS4-Ära, das die gesamte Industrie für die kommenden Jahre prägen und der weltweiten Gamer-Community in den Köpfen bleiben wird. Und eindrucksvoll beweist, mit welch dramaturgischer und erzählerischer Wucht dieses Medium die Emotionsklaviatur durchspielen kann.


    Bravo, Naughty Dog. Bravo!

Teilen