Story of Seasons: Friends of Mineral Town



  • Eine Farm voller wundervoller Erinnerungen


    März 2004 servierte Entwicklerstudio Marvelous europäischen Fans mit Harvest Moon: Friends of Mineral Town eine unvergessliche Farmsimulation, die nicht nur zu einem wahren Gameboy-Advance-Highlight, sondern gleichzeitig zu einem der beliebtesten Ableger der zu diesem Zeitpunkt bereits namhaften Reihe werden sollte.


    16 Jahre später folgt nun das sehnsüchtig erwartete 3D-Remake, das euch mit neuem Namen, aber altbekanntem Charme erneut wochenlang in seinen Bann ziehen und an die Nintendo Switch fesseln möchte. Doch ob der Videospielschmiede dieses ambitionierte Vorhaben mit Story of Seasons: Friends of Mineral Town tatsächlich gelingt?


    Wagemutig haben wir uns in das geschäftige Farmleben gestürzt und Mineralstadt ausgiebig erkundet, um euch nach einem regelrechten Test-Marathon (eine schlaflose Gaming-Nacht inklusive) die Antwort zu liefern!




    Die Geschichte zweier Namen


    Bevor wir jedoch mitten ins virtuelle Farmleben eintauchen, steht zunächst eine kurze Unterrichtsstunde an. Das heutige Thema: Wie wurde aus Harvest Moon Story of Seasons? Keine Sorge, wir halten uns kurz und ersparen euch eine ausufernde 40-Seiten-Präsentation, immerhin fällt die gesamte Geschichte unglaublich verwirrend aus.


    Hierfür drehen wir die Uhren zum Jahr 2003 zurück. Mit Friends of Mineral Town feiert Entwicklerstudio Marvelous nach einer Reihe von Firmenübernahmen den Einstieg in die Harvest-Moon-Welt und fungiert nun gleichzeitig auch als Publisher für den japanischen Markt.


    Die Suche nach einem passenden Vertriebspartner in westlichen Gefilden war zum Glück gar nicht notwendig. Immerhin kümmerte sich Natsume Inc. bereits seit der Veröffentlichung des ersten Serienablegers 1996 um diesen Part und hatte der in Japan als Bokujô Monogatari bekannten Reihe gleich noch ihren griffigen und mittlerweile bekannten Titel verpasst: Harvest Moon.


    Doch nach einigen Jahren beäugte Marvelous diese Zusammenarbeit zunehmend kritisch. Immerhin hatte man mit Xseed Games im eigenen Firmengeflecht einen eigenen Publisher für Auslands-Releases parat, wäre in dieser Veröffentlichungsgleichung letztlich also überhaupt nicht auf Natsume angewiesen.




    Diese Überlegung sollte 2012 zum offiziellen Bruch zwischen Marvelous und Natsume führen, der wiederrum für anfängliches Chaos und unter weltweiten Fans sogar für viel Verwirrung sorgen sollte. Immerhin hatte sich Natsume bereits früh die Namensrechte gesichert und wollte diese mit Blick auf eine selbstständige Fortführung der profitablen Simulationsserie natürlich auf gar keinen Fall nehmen lassen.


    Ein Problem, dessen sich Marvelous rasant entledigte. 2014 erblickte der neuste 3DS-Ableger Bokujō Monogatari: Tsunagaru Shin Tenchi das Licht der japanischen Videospielwelt und bekam mit der amerikanischen Veröffentlichung 2015 das brandneue Namensgewand Story of Seasons umgelegt, das sich mit der Zeit und Fortsetzungen sowie Spin-Offs langsam in der Fangemeinde etablierte.


    Allerdings handelt es sich hierbei um eine einseitige Erfolgsgeschichte, immerhin zog Natsume parallel den Harvest-Moon-Karren gnadenlos in den Dreck. Titel wie The Lost Valley, Skytree Village oder Light of Hope entpuppten sich als fehlgeschlagene Versuche, die fantastische Qualität der zahlreichen Vorgänger mit einem neuen Entwicklungsstudio einzufangen. Die Folge: Harsche Kritik zahlreicher Journalisten und lautstarker Unmut der Harvest-Moon-Community, die sogar gänzlich vom Kauf neuer Ableger abraten, sofern das Natsume-Logo auf dem Cover vorzufinden ist.

    Somit setzt die Bokujō-Monogatari-Reihe ihren harmonischen Franchise-Marsch seit 1996 gemütlich fort, erlebte in der westlichen Hemisphäre jedoch einen markanten Umbruch, der die beliebte Serie zu einer zweigeteilten Parallel-Existenz verdammte.




    Unsere kleine Farm


    Seien wir aber ehrlich: Namen sind eh nur Schall und Rauch. Denn im Herzen ist Story of Seasons: Friends of Mineral Town ein wahres Harvest Moon – und lädt vor allem jahrelange Fans schnell zu einem idyllischen Farmleben voller nostalgischer Erinnerungen ein.


    Bevor wir diese Reise aber antreten dürfen, steht erst die (übersichtliche) Charaktererstellung an. Ausschweifende Kreativität wird hier allerdings nicht von euch erwartet: Junge oder Mädchen? Design A oder B? Hautfarbton 1, 2 oder 3? Dann noch einen schicken Namen und wir sind startklar!


    Auch das grundlegende Handlungsfundament feuert wenig überraschend keine Innovationsfeuerwerk ab. Wir sollen unsere sieben Sachen packen und nach Mineralstadt reisen, um hier die verwahrloste Farm unseres vor vielen Jahren verstorbenen Großvaters zu übernehmen und ihr zu altem Glanz verhelfen. Und da unsere Kindheit von diesem magischen Ort geprägt wurde, können wir das Angebot kaum abschlagen… wobei uns diese Option tatsächlich zur Auswahl steht und das Abenteuer frühzeitig beendet.


    Zu Testzwecken haben wir die Aufgabe jedoch freudig angenommen – und wurden direkt positiv überrascht! Anstatt euch im Anschluss ein Ohr abzukauen, dürfen wir nach einem kurzen Wortwechsel mit Bürgermeister Thomas bereits ans Werk gehen. Selbst auf langwierige Tutorials verzichtet Story of Seasons: Friends of Mineral Town völlig und hält diese kurz und knackig. Serienkenner dürfen diese sogar direkt überspringen und sich direkt ins Farmleben stürzen.




    Bis zum Rand der Ohnmacht


    Gemütlich in den Schaukelstuhl pflanzen, zufrieden auf das eigene Land schauen und das Landleben genießen? Fehlanzeige! Immerhin beginnt eure Erfolgsgeschichte als Farmer in Story of Seasons: Friends of Mineral Town beim Nullpunkt: Und da gibt es ausreichend zu tun!


    Wenn man mit einem von Unkraut, Baumstämmen und gigantischen Felsen heimgesuchten Geld konfrontiert wird, bekommt die Redewendung „Aller Anfang ist schwer“ dann auch eine völlig neue Bedeutung. Doch mit hilfreichen Utensilien aus unserer Werkzeugkiste – darunter Hammer, Axt und Sichel – bewaffnet begegneten wir unserer ersten Herausforderung mit erhobenem Haupt und hatten bereits am ersten Abend anschauliche Erfolge zu verbuchen.


    Zum Arbeitstier konnten wir dabei jedoch nicht mutieren. Zum einem hat auch unser virtueller Tag nur 24 Stunden, diese laufen zudem bedeutend rasanter ab und setzen unserer Arbeitszeit klare Grenzen. Gleiches lässt sich von unserer Ausdaueranzeige behaupten, die sich mit jeder kraftintensiven Bewegung langsam entleert und sich bei übertriebenen Worksessions durch Erschöpfung ausgelöste Ohnmacht auszeichnet.


    Die Feldsäuberung wird dadurch zu einem willkommenen Tutorial, das uns spielerisch an die wichtigsten Grundpfeiler unseren neuen Farmlebens heranführt. Unkraut entfernen, Steine zerkloppen, Baumstämme fällen – und dabei immer die Ausdauer und die Zeit im Auge behalten, den Alltag also möglichst effektiv gestalten. Bereits im Frühstadium unseres Abenteuers ein großer Spaß, der durch Zusatzelemente schnell auf völlig neue Ebenen gehoben werden sollte.




    Faulenzen ist strengstens verboten


    Kaum ist das Feld nämlich von den Zeichen der Zeit befreit, stehen die nächsten Aufgabe an: Denn Story of Seasons: Friends of Mineral Town öffnet euch früh etliche Pforten und präsentiert euch zahlreiche Möglichkeiten, mit eurer Farm erste Gewinne einzustreichen.


    Und was wäre eine richtige Farm ohne ertragreiche Ernte? Also schnappen wir uns allerlei Samen, pflanzen diese in unser gesäubertes Feld und kümmern uns mit Gießkanne, Liebe und Leidenschaft um unser schmackhaftes Obst und Gemüse. Haben diese nach einigen Tage köstliche Reife erreicht, verfrachten wir sie in unsere Lieferkiste und kassieren direkt einige Münzen.


    Logischerweise handelt es sich hierbei nur um den ersten Schritt. Haben wir ausreichend Ersparnisse gesammelt, dürfen wir uns immerhin auch einige Tiere ins Haus holen, beispielsweise Hühner, Kühe oder sogar Alpakas. Diese können unsere Finanzen zusätzlich pushen, fordern aber auch mehr Aufmerksamkeit von euch – immerhin wollen sie auch gefüttert und geliebt werden!


    Gleichzeitig müssen wir natürlich auch darauf achten, unsere Produktivität und Effizienz gezielt zu steigern, um mit weniger Aufwand mehr Geld in die Kasse zu spülen. Zum Glück dürfen wir eingesammelte Materialien wie Holz, Steine oder verschiedene Erze investieren, um unseren Werkzeugen schicke Upgrades zu verpassen oder unsere Farm gehörig aufzupeppen.


    Auch das stark verbesserte Interface gestaltet sich als unverzichtbare Hilfestellung für Neu-Farmer. Dieses ermöglicht euch rasanten Zugriff auf eure gewünschten Werkzeuge und eingesammelten Items, macht einen langwierige Menü-Sprünge also obsolet. Klare Empfehlung unsererseits: Möglichst schnell ein wenig Kohle zur Seite legen und die große Tasche gönnen, um bei der Feldarbeit regelrechten Luxus in puncto Handhabung zu erleben.


    Wer mit diesen Bausteinen nun seine festen Tagesabläufe in Stein meißeln möchte, sollte hierbei die notwendige Flexibilität und spontanes Umdenken nicht vergessen. Immerhin stellt Story of Seasons: Friends of Mineral Town die Rahmenbedingungen durch verschiedene Jahreszeiten und Wetterlagen gerne komplett auf den Kopf.


    Da wird ein zuvor wundervoll gefülltes Feld über Nacht gerne in eine ausgedörrte Erntewüste verwandelt. So standen wir zum Sommerbeginn urplötzlich vor den Scherben unseres durchdachten Finanzplans und musste schlussendlich wieder am Anfang beginnen. Übrigens kassierten wir an diesem Tag auch unseren ersten Ohnmachtsanfall.




    Rauchender Planungskopf


    Klingt alles (trotz wandelbarer Wetterlage) recht simpel, fällt durch die enorme Vielfalt strategischer Vorgehensweisen jedoch angenehm fordernd aus. Story of Seasons: Friends of Mineral Town animiert euch nämlich, mehrere Baustellen zur gleichen Zeit in Angriff zu nehmen – und euch hierfür den ultimativen Schlachtplan zusammenzustellen.


    Wie strukturieren wir den Tag? Kümmern wir uns erst ums Feld, Samenkauf, anschließende Einpflanzung und Bewässerung inklusive? Oder doch lieber erst ein kurzer Plausch mit unseren Tieren? Wann sollen wir uns dann um das Aufrüsten unseres Hammers kümmern? Und wann die Mine und den Wald besuchen, um neues Material für die geplante Hauserweiterung zu sammeln? Moment, haben wir eigentlich noch ausreichend Futter für die Hühner da?


    Entwicklerstudio Marvelous versteht es jedoch bravourös, den schmalen Grat zwischen Herausforderung und Zugänglichkeit zu wandern. Trotz all dieser zu bedenkender Faktoren artet eurer Farmleben nämlich niemals in unübersichtlichem Chaos aus, sondern motiviert euch eher zum Erreichen neuer Höchstleistungen durch stetige Nachjustierung eures eigenes zusammengestellten Masterplans.


    Primär ist dieser Umstand dem Ausbleiben schwerwiegender Konsequenzen zu verdanken. Gerade in den ersten Spielstunden schleichen sich kleinere bis mittelschwere Fehler, oftmals vergaßen wir beispielsweise einen kurzen Besuch im Hühnerstall oder eine abendliche Wässerungstour für unser Gemüsefeld. Story of Seasons: Friends of Mineral Town dreht euch hieraus aber nicht direkt einen Strick, sondern gibt euch ausreichend Zeit, den Fehler eigenständig zu erkennen, ihn zu beheben und direkt daraus zu lernen.


    Der Unterhaltungsfaktor erfährt dadurch eine konstante Steigung, die von unliebsamen Enttäuschungen oder nervigen Rückschlägen zu keinem Zeitpunkt gestört wird. Ganz im Gegenteil: Wer nach langer Tüftelei endlich sein System gefunden, einen Arbeitstag erfolgreich (und vor allem fehlerfrei) bewältigt und dann auch noch eine stattliche Summe für abgegebene Farmerzeugnisse einkassiert, verbucht ein freudiges Highlight, das am virtuellen Folgetag für spürbar mehr Elan sorgt.




    Hauptablenkungsquelle Mineralstadt


    Sollte es euch dann aber doch mal nach Unterhaltung abseits des Farmlebens dürsten, hat Story of Seasons: Friends of Mineral Town die perfekte Nebenbeschäftigungsquelle parat, die für tüchtige Arbeitswütige jedoch gleichzeitig eine ernstzunehmende Bedrohung darstellt.


    Dank zahlreicher Bewohner, Geschäfte und versteckter Geheimnisse präsentiert sich Mineralstadt nämlich als wundervoller Spielplatz, der ausreichend Raum für ausgiebige Erkundungszüge bietet und sich somit als herrlich verführerische Ablenkung herausstellt. Kein Wunder also, dass zuvor akribisch zusammengestellte Arbeitspläne da gerne mal vollends aus den Fugen geraten.


    Prinzipiell lassen sich Stadtbesuche überhaupt nicht vermeiden, schließlich gebt ihr hier euer hart verdientes Geld für neue Tiere, Werkzeuge, Samen oder andere lebensnotwendige Gegenstände aus. Dabei entdeckt ihr dann aber eben auch den Strand, die Bibliothek oder die Kirche, kommt mit neuen Leuten ins Gespräch und werdet eingeladen, das Handwerk doch mal einige Stunden ruhen und euch anderweitig unterhalten zu lassen.

    Wen alltäglicher Small-Talk jedoch kalt lässt, der wird spätestens mit den verschiedenen Festlichkeiten auf den Hauptplatz von Mineralstadt gelockt. Im Jahresverlauf finden hier immerhin Kochwettbewerbe, Pferderennen, Flausch-Contests oder (humorvolle und definitiv nicht blutige) Hühnerkämpfe statt, bei denen Teilnehmer sogar schicke Preise gewinnen können.


    Vor allem während des ersten Jahres werdet ihr zwar oftmals in die Rolle des Beobachters verbannt – zu diesem frühen Zeitpunkt darf das Können eurer Tiere halt noch nicht als wettbewerbsfähig bezeichnet werden –, dennoch fungieren die Feierlichkeiten als vortreffliche Auflockerung eures Alltags. Bevor dieser nämlich in Dauerschleifen-Monotonie abdriftet, sorgt festliche Ablenkung rechtzeitig für willkommene Abwechslung.


    Und spätestens ab dem zweiten Jahr treibt euch der kompetitive Aspekt euch dann zu neuen Höchstleistungen an, dürft ihr hier schließlich unter Beweis stellen, dass die schnellsten, flauschigsten und besten Tiere immerhin von eurer Farm kommen.




    Bauer sucht Frau... oder Mann!


    Damit sind wir allerdings noch nicht beim wahren Highlight von Story of Seasons: Friends of Mineral Town angekommen: den zwischenmenschlichen Beziehungen! Denn in Mineralstadt dürft ihr nicht nur Geschäfte besuchen, am Strand relaxen oder an Festen teilnehmen, sondern euch gleichzeitig mit den vielen Bewohnern anfreunden.


    Wer nun lieblos am Wegrand platzierte und rund um die Uhr den gleichen Spruch herausposaunende NPCs erwartet, hat sich geschnitten. Mit individuellen Tagesabläufen, charakterlichen Besonderheiten sowie eigenen Hintergrundgeschichten strahlen die Mineralstädtler viel Lebendigkeit aus, wachsen euch dadurch überraschend schnell ans Herz und werden tatsächlich sogar zu (virtuellen) Freunden.


    Anstatt es nämlich bei einigen kurzen Worten zu belassen, nimmt sich Story of Seasons: Friends of Mineral Town an dieser Stelle ähnlich viel Zeit wie beim Aufbau eurer Farm und animiert euch, regelmäßig das Gespräch mit den Mitmenschen zu suchen. Als Dank winken euch nicht nur ein Anstieg der Freundschaftsleiste und hilfreiche Geschenke, zusätzlich werdet ihr gelegentlich Zeuge kurzer Zwischensequenzen, die euch in die Gedanken- und manchmal auch Problemwelt einzelner Akteure eintauchen lassen und somit rote Fäden für unterhaltsame, wenn auch oftmals eher spärlich in Szene gesetzte Nebenschauplätze spinnen.


    Mit ausgewählten Personen dürft ihr dann noch einen Schritt weitergehen und mit anfänglicher Freundschaft den Startpunkt einer wundervollen Liebesgeschichte markieren, die sich über romantische Dates, eine tränenreiche Heirat oder sogar die Familiengründung erstreckt. Grenzen werden euch dabei wenige gesetzt, selbst gleichgeschlechtliche Romanzen stehen euch zur Verfügung. Dennoch müsst ihr das Herz eurer großen Liebe zunächst mit netten Worten, kleinen Geschenken und viel Aufmerksamkeit gewinnen – und das neben all der Farmarbeit unter einen Hut zu bekommen, das ist die wahre Herausforderung!


    Schnell verloren wir unsere eigentliche Hauptaufgabe, die Farm unseres verstorbenen Großvaters, komplett aus den Augen, weil wir unbedingt das Herz der süßen Bibliothekarin Marie für uns gewinnen und gleichzeitig dem schweigsamen Cliff dabei helfen wollten, seine introvertierte Art abzulegen und tapfer das Gespräch mit anderen Leuten zu suchen. Story of Seasons: Friends of Mineral Town verpasst vielen Nebensträngen eine überraschende Tiefe und übt dadurch eine beeindruckende Faszination aus, wodurch ihr regelrecht zum unfreiwilligen Verlängern eurer Aufgaben- oder gar Verschieben eurer Prioritätenliste (steht heute Arbeits- oder Liebesleben an oberster Stelle?) verdonnert werdet.




    Knapp am monotonen Abgrund vorbei


    Zugegeben: Ebenso wie das Original vor über 15 Jahren überforderte uns auch Story of Seasons: Friends of Mineral Town regelmäßig. Gefühlt jeder neue Tag warf eine spannende Neuerung ins Rennen, die unseren Alltag zwar bereicherte, gleichzeitig jedoch auch als gemeine Ablenkung fungierte, die unseren eigentlichen Tagesablauf gnadenlos gegen die Wand donnern ließ.


    Gerade hatten wir all unsere Samen eingepflanzt und diese mit Mühe und Not komplett bewässert, mussten uns dann allerdings noch um unsere Kühe, Hühner und Alpakas kümmern. Viel Zeit blieb uns dafür aber nicht, mussten wir doch noch vor 16 Uhr zum Ingenieursbüro, um eine Scheunenvergrößerung in Auftrag zu geben. Leider fiel aus auf dem Weg dorthin auf, dass uns die notwendigen Holz- und Stein-Ressourcen fehlten, so mussten wir also noch die Gegend abgrasen, um diese mit Hammer und Axt zu schöpfen.


    Am Folgetag wird’s ruhiger? Pustekuchen! Denn schon um 10 Uhr sollte das jährliche Muh-Festival stattfinden, zuvor mussten wir allerdings noch alle grundlegenden Farmarbeiten erledigen. Wie sollten wir da noch ein Date mit unserem Schwarm Marie hinbekommen? Oder uns in der Erzmine mehrere Ebenen in die Tiefe graben, um an wertvolle Mineralien zu kommen? Oder eine ruhige Angelzeit einlegen, um gigantische Fische in die Lieferkiste oder unseren heimischen Teich zu bekommen?


    Überforderung in Produktivität zu wandeln, die ellenlange To-Do-Liste mit gezielter Planung und konsequenter Umsetzung zu meistern, stets einige Stunden für zusätzliche Nebenaufgaben oder gar ein romantisches Rendezvous zu finden und den eigenen Fortschritt in Form einer stets wachsenden Farm und dickeren Geldbörse zu beobachten wird somit zum leitenden Hauptmotivator, der den nährreichen Boden für den unvergleichlichen Spielspaß darstellt. Selbst im dritten Jahr animierte uns Story of Seasons: Friends of Mineral Town, unseren eigenen Standard aufzuwerten und mit Investitionen und optimierter Tierpflege ein völlig neues Lebens- und Arbeitsniveau zu erreichen.


    Eine gewisse, serientypische Monotonie kann diese sich nach und nach eröffnende Aufgabenvielfalt allerdings nicht gänzlich aus der Welt schaffen. Vor allem beim aufwändig Präparieren unseres Feldes oder dem Ansparen notwendiger Finanzen und Materialien für teure Renovierungen und Werkzeugupgrades fühlten wir uns in einer regelrechten Dauerschleife gefangen, die uns zum strikten wiederholen eingeübter Arbeitsprozesse verdonnerte. Wirklich fordernd wird das Gameplay dann auch zu keinem Zeitpunkt, die Schwierigkeit liegt wie bereits bei den zahlreichen Vorgängern eher im Zeitmanagement als im spielerischen Aspekt versteckt.


    Gähnende Langeweile stellt sich dabei aufgrund der temporären Natur dieser Phasen zum Glück nicht ein, vor allem tüchtige Videospielfarmer nutzen diese sogar gezielt, um eingefahrene Handgriffe nachhaltig zu optimieren und für kommende Festivals und Verabredungen bestens gewappnet zu sein. Völlige Neueinsteiger sollten sich derweil auf in der Anfangsphase temporär ereignislos ablaufende Tage einstellen und sich auf die schon bald einrollende Unterhaltungslawine freuen, während Story of Seasons: Friends of Mineral Town Genre-Muffel hiermit wohl eher nicht bekehrt werden.




    Eine Spielwelt zum Verlieben


    Dabei sollten vor allem Nicht-Kenner unbedingt einen Blick riskieren. Eventuell werden sich diese zwar zunächst an den ungewöhnlichen Gameplay-Zyklus gewöhnen müssen, werden dabei aber von einer wundervoll harmonischen Spielwelt begrüßt, die direkt zur ausgiebigen Erkundung einlädt.


    Optische Super-Bäume kann Story of Seasons: Friends of Mineral Town aufgrund eines insgesamt minimalistisch gehaltenen Knuddel-Looks dabei zwar keine ausreißen, orientiert sich aber sicht- und spürbar am liebevollen Harvest-Moon-Charme. Jeder Dialog mit Dorfbewohnern wird von schicken Charakterzeichnungen begleitet, die unterschiedlichen Jahreszeiten und Festivals hüllen die Stadt in ein neues Gewand und die Tiere würden bei einem Cuteness-Contest problemlos die Goldmedaille abstauben.


    Auf der Switch läuft das Ganze dann auch herrlich stabil und erlaubt sich selbst bei einem rasanten Ritt durch Mineralstadt höchstens vernachlässigbare Ruckler. Einzig die Kollisionsabfrage sorgte regelmäßig für kleinere Wutausbrüche, vor allem beim Absteigen von unserem Pferd blieben wir oftmals in der Luft hängen und konnten uns erst nach einigen Sekunden wieder frei bewegen.


    Ihr wollt noch einen Lob-Eisbecher mit Kritik-Kirsche? Kein Problem: Denn auch die musikalische Untermalung weiß mit variantenreichen Kompositionen zu gefallen und agiert gekonnt als willkommener Atmosphäre-Boost für malerische Abendspaziergänge und tüchtige Feldarbeit. Im direkten Kontrast dazu stehen jedoch die musikfreien Regentage, die sich mit einem eigenen Track deutlich passender in das Gesamtbild eingefügt hätten. Und wer auch immer für die eintönigen und dadurch unglaublich nervigen Lauf-Sounds verantwortlich war: Wir verfluchen dich!


    Doch es sind die nostalgischen Gefühle, das friedliche Landleben, die ebenso fordernde wie auch belohnende Feldarbeit, mit denen uns Story of Seasons: Friends of Mineral Town spielend leicht über diese vermeidbaren, letztlich jedoch hinnehmbaren Mankos hinwegsehen lässt. Hat man sein Haus ausgebaut, mit der großen Liebe eine Familie gegründet und die Farm zur wirtschaftlichen Goldgrube verwandelt, lässt man sich von kritisch zu beäugenden Kleinigkeiten kaum mehr stören. Zu diesem Zeitpunkt hat das Suchtmonster Harvest Moon nämlich bereits gnadenlos zugeschlagen, uns in seinen Bann gezogen und zu vielen weiteren (virtuellen) Jahren auf der Farm verführt.


    Nun müssen wir uns nur noch daran gewöhnen, dieses Monster mit seinem neuen Namen anzusprechen: Story of Seasons. Wir möchten hoffen, dass ihn uns Marvelous in den kommenden Jahren noch oft aussprechen lässt. Beispielsweise mit einem brandneuen Ableger!




    Fazit


    Neuer Name, alte Faszination! Story of Seasons: Friends of Mineral Town fängt die Brillanz des Originals aus dem Jahr 2004 erstklassig ein und präsentiert sich somit als fantastisches 3D-Remake, das vor allem jahrelangen Harvest-Moon-Fans ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern wird.


    Die Farm zu wirtschaftlichem Erfolg führen, alle versteckten Geheimnisse von Mineralstadt entdecken, sich mit den Bewohnern anfreunden, die große Liebe finden und an unzähligen Festivals teilnehmen: Die Aufgabenvielfalt ist überwältigend, der Umfang dementsprechend stattlich. Und dank optimiertem Interface spielerisch zugänglicher und komfortabler denn je zu bewältigen. Technische Mini-Mängel und marginale Monotonie-Leerläufe dürfen da getrost als simple Zeichen der Zeit abgetan und ignoriert werden.


    Mit Story of Seasons: Friends of Mineral Town beweist Marvelous eindrucksvoll, dass die legendäre Farming-Simulation auch nach zwei Jahrzehnten noch lange nicht am spielerischen Unterhaltungsende angekommen ist und neben der damaligen auch die heutige Gaming-Generation mit einem gemütlichen, virtuellen Landleben vollends begeistern kann. Nur halt eben mit neuem Namen. Aber definitiv mit altbekanntem Charme.

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