No More Heroes 2: Desperate Struggle [Switch]



  • Rückkehr in die wahnwitzige Killerwelt.


    Kreativität ist mit einem hohen Risiko verbunden. Eine Aussage, von der die japanische Videospiellegende Gôichi Suda, Spitzname Suda51, sicherlich ein Lied singen kann.


    Sich mit originellen Ideen vom Mainstream zu entfernen, den Casual Gamer bewusst hinter sich zu lassen und verstärkt passionierte Zocker anzusprechen, mag zwar schlussendlich zu einem von Fans und Journalisten gefeierten und Jahre später vermehrt in Toplisten aufgeführten Werken führen, kommerzielle Erfolge kommen dabei aber eher einem Münzwurf nahe, können sich also auch rasant als finanzieller Rohrkrepierer entpuppen.


    Mit No More Heroes gelang Suda51 nach einem enttäuschen Japan-Launch aber zumindest in Amerika und Europa ein bravouröser Start, der nicht nur alle Erwartungen übertraf, sondern auch den Weg für das SequelNo More Heroes 2: Desperate Struggle ebnete. Zehn Jahre nach Erstveröffentlichung erscheint die gefeierte Fortsetzung als HD-Remaster und Appetizer für den bald erscheinenden Trilogie-Abschluss jetzt auf der Nintendo Switch und entführt Kenner sowie Neulinge auf den blutigen und vollkommen verrückten Pfad der Rache.


    Doch ob sich der zweite Teil ähnlich wie der Vorgänger vortrefflich gegen den Zahn der Zeit behaupten konnte oder mittlerweile hoffnungslos verstaubt daherkommt, das verraten wir euch in unserem Test.



    Rache als blutiger Motivationsfaktor


    Jeden normalen Menschen trennt nur ein einziger Tag davon, gänzlich den Verstand zu verlieren. Okay, verrückt zwar Beam-Katana-Schwinger und (kurzzeitiger) Anführer der Auftragskiller-Rangliste der United Assassins Association Travis Touchdown schon vor den Ereignissen von No More Heroes 2: Desperate Struggle. Doch jetzt wird aus übermütiger Kampfeslust plötzlich blutige Rachelust.


    Nicht nur, dass er drei Jahren nach den Ereignissen des Vorgängers seinen Spitzenplatz abgeben und sich mit der 51. Position begnügen muss, zudem wird auch noch einer seiner besten Freunde gnadenlos umgebracht und der abgetrennte Kopf als abschreckende Botschaft in Travis' Wohnung bugsiert. Eine Kombination, die logischerweise in Tobsucht mündet und die fiktive US-Stadt Santa Destroy blutrot färbt: Denn mit Beam Katana bewaffnet dürstet es Travis nicht nur nach Rache, sondern auch nach dem erneuten Erreichen des ersten Platzes!


    Letztlich serviert uns Suda51 mit dem Sequel seines Überraschungshit von 2007 einen altbekannten Vergeltungsplot, der Videospielveteranen oberflächlich betrachtet höchstens ein müdes Lächeln entlockt. Wie bereits beim Vorgänger liegt auch bei No More Heroes 2: Desperate Struggle die kreative Würze im Detail, handelt es sich bei der persönlichen Vendetta doch nur um den Nährboden für einen abermals wahnwitzigen Action-Comedy-Cocktail, dessen Geschmacksspektrum dank zahlreicher roter Fäden und grandioser Einfälle geradezu explodiert.


    Garniert wird das Ganze mit der unnachahmlichen Suda51-Note, die von fragwürdiger Erotik über Lachattacken garantierende Zwischensequenzen bis hin zu ausschweifenden Gewaltexzessen mit freundlichem Augenzwinkern reichen. Das Vorgängerniveau wird dabei nicht nur gehalten, sondern ab der zweiten Spielhälfte in ungeahnte Höhen (keine Sorge, keine Spoiler an dieser Stelle) katapultiert, wobei der Chaosbogen vehement gedehnt, jedoch zu keinem Zeitpunkt überspannt wird.


    Jedermanns Geschmack wird damit auch in der zweiten Runde nicht getroffen, dazu fallen einige Momente viel zu abschreckend, der Humor stellenweise gnadenlos grotesk aus. Fans des Erstlings erwartet jedoch eine ebenso konsequentes wie auch willkommenes Upgrade der Style- und Handlungskarosserie, die freudig ein bis zwei Gänge höher schaltet und die Japano-Schallmauer der Absurdität rasend durchbricht.



    Laserscharfer Feinschliff


    Auch beim Kampfsystem bleibt No More Heroes 2: Desperate Struggle dem Vorgänger treu und schickt Travis durch lineare Level, in denen fiese Typen unliebsame Bekanntschaft mit seinem schnittigen Beam Katana (ein voll funktionsfähiges Laserschwert, für das beinharte Star-Wars-Anhänger morden würden) machen dürfen.


    Abermals nehmen wir einen gewünschten Bösewicht ins Visier, decken ihn mit gnadenlosen Schwerthieben und Tritten ein, versuchen dabei seine eventuelle Abwehrhaltung zu durchbrechen und setzen dem Ganzen schlussendlich mit einem blutigen Finisher ein Ende. Zusätzlich setzen wir auf Ausweichmanöver, neue epische Spezialangriffe (mitsamt Verwandlung zum bissigen Tiger) und wuchtige Wrestling-Moves, woraus sich ein wiederholt abwechslungsreiches Angriffsrepertoire ergibt, das selbst Standardkämpfen eine durchweg erfrischende Note verpasst.


    Höhepunkt bleiben aber natürlich die Duelle gegen die schier unbezwingbaren Auftragskiller, immerhin durften sich Suda51 und das gesamte Grasshopper Manufacture Team hier wieder kreativ austoben und eine Reihe unvergesslicher Boss-Kämpfe präsentieren, die mit allerlei amüsanten Einfällen variantenreicher kaum ausfallen könnten. Spätestens hier wird blindes Knöpfchendrücken auch mit einer unliebsamen Lektion – nämlich einem rasanten Sprung zum Game-Over-Bildschirm – verknüpft. Wer das Schlachtfeld als strahlender Sieger verlassen und die Rangliste gen Spitzenplatz erklimmen möchte, muss geschickt zwischen Offen- und Defensive wechseln und gekonnt auf die Besonderheiten des Rivalen eingehen, um mit passender Taktik den Triump zu feiern.


    Darüber hinaus gibt sich No More Heroes 2: Desperate Struggle redlich Mühe, das oberflächlich betrachtet simple Spielprinzip ein wenig aufzupeppen. Neben den bereits erwähnten neuen Attacken warten beispielsweise auch verschiedene Beam-Katana-Varianten und auch zwei weitere spielbare Charaktere, die das Spielgeschehen mit besonderen Fähigkeiten um weitere Elemente erweitern, deren Identität wir aus Spoiler-Gründen hier allerdings nicht enthüllen wollen.


    Kein Wunder also, dass das Kampfsystem für den Switch-Port angesichts solch eines positiven Fazits nicht nachjustiert werden musste. Über die zusätzliche Steuerungsvariante freuen wir uns trotzdem: Wie bereits beim Vorgänger-Port dürfen wir nämlich erneut zwischen einer Motion-Control- oder einer handelsüblichen Stick-Button-Variante wählen, die sich bei Tests beide als zuverlässig und hervorragend umgesetzt bewährt haben.



    Weniger Freiheit, mehr Komfort


    Im Test zum Vorgänger erwähnten wir lobend, dass sich Suda51 dem Mainstream nicht beugt und zielstrebig seiner eigenen (völlig verrückten) Vision nacheifert. Lautstarke Kritik aus der Fangemeinde nahm die japanische Videospiellegende dennoch wahr und nutzte No More Heroes 2: Desperate Struggle, um eine der gravierendsten Schwachstellen gänzlich auszumerzen: die repetitiven Open-World-Abschnitte.


    Anstatt auf eurem treuen Gefährt Schpeltiger erneut durch ein fast schon gruselig leeres Santa Destroy düsen und auf ungeheuer umständliche Art und Weise Nebenmissionen anzusteuern, verzichtet die Fortsetzung auf eine frei begehbare Spielwelt und lässt euch relevante Schauplätze via Weltkarte direkt ansteuern. Ein regelrechter Segen, werden dadurch die monotonen Passagen doch effektiv vermieden und eröffnen motivierendem Spielspaß somit bedeutend mehr Raum.


    Auch an den eigentlichen Minijobs wurde gehörig geschraubt. Dieses Mal erwarten euch nämlich liebevoll designte und ungeheuer amüsante 8-Bit-Spiele, in denen ihr beispielsweise köstliche Stakes nach Kundenwunsch zubereitet, warme Pizza ausliefert oder euch unliebsamer Skorpione entledigt. Zwar sind die Aufgabenstellungen und -abläufe grundlegend simpel gehalten, versprühen dadurch jedoch einen nostalgischen Charme, der euch direkt in seinen Bann zieht und zum Erreichen neuer Bestleistungen animiert.


    Positiver Nebeneffekt: Ihr verdient euch mehr Kohle, die ihr erneut für neue Klamotten, Krafttraining oder Upgrades auf den Kopf hauen dürft. Sparfüchse dürfen übrigens ebenfalls beruhigt tiefer in die Geldbörse greifen, immerhin spart sich No More Heroes 2 die nervige Gebühr für Auftragskillerkämpfe gänzlich und verpasst dem Spielfluss somit keinerlei Abbruch.


    Suda51 beweist somit, dass weniger tatsächlich mehr sein kann. Theoretisch betrachtet mag man diese Aspekte des Action-Adventure-Sequels nämlich definitiv als spielerischen Rückschritt sehen, bekommt in der Praxis jedoch ein insgesamt viel runderes und dadurch ohne jede Frage unterhaltsameres Gesamtpakets geboten, das dank angenommener Kritik und zu Herzen genommenen Learnings über sich hinauswachsen konnte.



    Der Suda51'sche Balance-Akt


    No More Heroes 2: Desperate Struggle stellt den Vorgänger in vielerlei Hinsicht in den Schatten. Das erweiterte Kampfsystem, die ansprechenderen Schauplätze oder um Welten zugänglicheren Nebenbeschäftigungen präsentieren sich dabei in erstklassig ineinandergreifende Zahnräder, die den insgesamt deutlich angenehmeren Flow des Action-Adventures-Sequels antreiben und durchgängig auf Hochtouren halten.


    Schlichen sich beim ersten Part noch vermehrt ruhige, gelegentlich gar langweilige, Passagen in das ansonsten anschauliche Gesamtbild, gönnen uns Suda51 und Grasshopper Manufacture bei der Fortsetzung nur selten eine Verschnaufpause und führen uns von einem Highlights zum nächsten – ob nun mit einer spannenden Wendung, einem actionreichen Duell, einem aberwitzigen Dialog oder einem unterhaltsamen Abstecher in die vergnügliche Nebenmissionswelt.


    Gönnten wir uns beim Test des Franchisedebüts noch kurze Trinkpausen, wollten wir die Nintendo Switch bei No More Heroes 2 gar nicht mehr zur Seite legen, verloren uns rasant in der stilistisch abgefahrenen und spielerisch ungeheuer unterhaltsamen Spielwelt. Dieser Umstand ist allerdings auch dem gelungenen Port zu verdanken, der ebenfalls auf schicke HD-Optik sowie eine den eben erwähnten Flow zusätzlich befeuernde 60fps-Framerate setzt und sogar auf die vereinzelten Ruckler des ersten Teils verzichtet.


    Suda51 dirigiert Travis Touchdown in seinem zweiten Ausflug in die Killerwelt zwar näher an den gefürchteten Mainstream, wandelt dabei jedoch auf einem akzeptablen Mittelweg, der seinem kreativen Schaffen und für Normalsterbliche ungeheuer abstrus erscheinenden Gedankenwelt keinerlei Abbruch tut. No More Heroes 2: Desperate Struggle kommt dem allgemeinen Bild eines modernen Action-Adventures deutlich näher, enthüllt sich bei näherer Betrachtung dann aber doch als verrückter Videospiel-Fiebertraum, der die Brillanz des Vorgängers zu Recht übertrumpfen kann.


    Ein Sequel-Indikator, der unsere Erwartungen und Hoffnungen an den sehnlichst erwarteten dritten Teil logischerweise in ungeahnte Höhen katapultiert, könnte Suda51 hiermit nämlich tatsächlich ein originelles Meisterwerk abliefert und die Hauptreihe mit einem (vorläufigen) Schlusspunkt zur gefeierten Super-Trilogie avancieren lassen. Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass sich die Killer schon bald erfolgreich gegen eine Pandemie behaupten können.


    Immerhin haben wir bis dahin ein schickes Trostpflaster in Form beider Vorgänger als erstklassige Switch-Ports. Auf Suda51 kann man sich eben verlassen.


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    Fazit


    Sequels können das Original nur selten übertreffen? Das mag zwar stimmen, doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel – und Suda51 serviert uns mit No More Heroes 2: Desperate Struggle eine aussagekräftige Ausnahme allererster Güte!


    Mit einer abermals herrlich-überdrehten Handlung (inklusive fantastischer Haupt- und Nebencharaktere), einem aufpolierten Kampfsystem und dem willkommen Austausch der gähnend abwechslungsarmen Open-World-Abschnitte mit schnell ansteuerbaren 8-Bit-Nebenmissionen avanciert Travis Touchdowns zweiter Auftritt zu einer rundum gelungenen Fortsetzung, die dem einzigartigen Charme des Vorgängers dabei jedoch durchgängig treu bleibt und keinerlei Kompromisse eingeht. In Kombination mit einem dank schicker HD-Optik, stabiler 60fps-Framerate und zwei Steuerungsvarianten hervorragenden Switch-Port also ein regelrechter Homerun, den Fans sowie Neulinge nicht verpassen dürfen.


    Einziger Wermutstropfen: Während des Abspanns wurde uns schmerzlich bewusst, dass nun das lange Warten auf No More Heroes III beginnt. Bleibt zu hoffen, dass Travis auch Corona mit seinem Beam Katana in die Knie zwingen und möglichst bald seine von Fans lautstark herbeigesehnte Rückkehr in den Killer-Ring feiern kann.

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