Hitman 3



  • Schöne neue Welt der Attentate.


    Seit über zwei Jahrzehnten gelingt es dem dänischen Videospielentwickler IO Interactive bravourös, die um den schweigsamen, stets haarlosen und ohne Anzug mit ikonischer roter Krawatte kaum mehr vorstellbaren Auftragskiller Agent 47 neues Leben einzuhauchen, die Fangemeinde trotz einer simpel anmutenden Gameplay-Formel gezielt auszubauen und (abseits kleinerer Rückschläge) durchweg Erfolge zu feiern.


    Hitman 3 spielt dabei eine wichtige Rolle, handelt es sich hierbei doch nicht nur um eine einfache Fortsetzung, sondern um den Abschluss einer vom Studio seit 2016 unermüdlich aufgebauten, mit zahlreichen Zusatzinhalten erweiterten und stetig verbesserten Trilogie, die auf den Namen Welt der Attentate hört und der Reihe als episches Oeuvre eine fundamentale Neudefinition spendieren, die Serienzukunft somit nachhaltig prägen soll.


    Ist der erhoffte Volltreffer geglückt? Oder wurde das gewünschte Ziel schlussendlich doch meilenweit verfehlt? Die Antwort liefere ich euch im Test!


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    Erste Schritte auf dem virtuellen Killerpfad


    Mit der Hitman-Reihe verbinde ich zwei herrliche Anekdoten, an die ich mich noch heute – zwei Jahrzehnte später – gerne zurückerinnere.


    2001 bekam ich im zarten Alter von elf Jahren von meinen Eltern meinen ersten eigenen Computer geschenkt. Dieser sollte zwar primär für eventuelle Recherchen zwecks effektiver Hausaufgabenerledigung genutzt werden, mein (recht naiver und in solchen Dingen recht unerfahrener) Vater wollte mir aber auch noch mein erstes PC-Game schenken, um das Gerät gebührend einzuweihen. Mit der Materie gänzlich unvertraut, ließ er sich vom coolsten Cover überzeugen – damals waren überdimensionierte FSK-Symbole höchstens auf der Rückseite der Hülle zu finden – und entschied sich für Hitman: Codename 47, auf dem sich ein glatzköpfiger Auftragskiller im schicken Anzug bereitmachte, sein Opfer mit einem Scharfschützengewehr auszuschalten.


    Anfängliche Freude wandelte sich schnell zu regelrechter Überforderung. Schließlich verzichtete Entwicklerstudio IO Interactive bereits beim Erstlingswerk auf stupide Rambo-Ballereien, animierte vielmehr dazu, den aktuellen Auftrag durch Auskundschaften der Umgebung sowie mehrfach modifizierter Strategie möglichst lautlos, stellenweise sogar ungesehen zu bewältigen. Kaum hatte ich mein damals noch erschreckend kindliches Gamer-Verhalten (blindes Knöpfchendrücken und gelegentliche Blicke ins aktuelle Cheat-Heftchen standen an der Tagesordnung), ergriff mich die packende Faszination dieser komplexen Stealth-Granate – und animierte mich, diesen zum damaligen Zeitpunkt bockschweren Titel mit viel Ruhe, Geduld und Aufpolierung meiner Fähigkeiten zu beenden.


    Dementsprechend lagen Freude und Enttäuschung beim Erreichen des Abspanns nah beieinander. Sicherlich hatte ich alle fordernden Aufträge gemeistert, enormen Wiederspielwelt bot 47 bei seinem ersten Auftritt allerdings nicht. Zum Glück stand Hitman 2: Silent Assassin bereits in den Startlöchern, sollte schon 2002 auf den Markt kommen. Nun machten sich bei mir jedoch erste Sorgen breit: Wie sollte ich als Zwölfjähriger an die Fortsetzung herankommen? Leider hatte ich meinem Vater freudig die (für meine Begriffe) realistischen Einschusslöcher in leblosen Körper präsentiert, diese Brücke war also definitiv niedergebrannt. Und alleine in den Laden marschieren und das spielerisch anspruchsvolle, oberflächlich aber weiterhin brutale Videospiel erwerben? Die Erfolgschancen gingen gegen Null.


    Dennoch entschied ich mich, am Veröffentlichungstag mit breiter Brust in den nächsten Elektronikfachhandel zu marschieren, Hitman 2 völlig sorgen- und angstfrei auf die Kasse zu werfen und mit einem tiefen „Dieses Game, bitte!“ zu beweisen, dass ich alt genug für Agent 47 bin. Ein Plan, der zum Scheitern verurteilt war, jedoch zum erhofften Ziel führte: Der ebenfalls recht junge Kassierer wollte sich das Sequel ebenfalls holen, lobte rasant den Vorgänger und wünschte mir nach abgeschlossenem Bezahlvorgang viel Freude. Ein Hoch auf die Vergangenheit, in der eine Killerspiele lautstark verteufelnde Medienland- und Gesellschaft gefühlt in weiter Ferne lag.


    Doch es waren diese beiden Geschichten, die der Hitman-Reihe einen besonderen Platz in meinem Gamer-Herz verschafften. Wenig überraschend also, dass jeder neue Ableger für mich zum Pflichtprogramm wurde, selbst kleinere Enttäuschungen wie Hitman: Absolution mich nicht vom (virtuellen) Killerpfad abbringen und meinen Status als Fan der ersten Stunde nur kurzzeitig ins Wanken brachten.



    Frühe Skepsis weicht reger Begeisterung


    Mit Hitman (2016) stellte IO Interactive mich und mein Vertrauen in das geliebte Franchise allerdings auf eine besonders harte Probe. Anstatt auf ein umfangreiches Mörder-Abenteuer mit zahlreichen Aufträgen zu setzen, setzte der Startpunkt der Welt-der-Attentate-Trilogie verstärkt auf Qualität statt auf Quantität. Die Folge: Eine recht überschaubare (und für mich anfangs enorm enttäuschende) Gesamtanzahl von insgesamt acht Aufträgen, darunter zwei Tutorial-Missionen, die über mehrere Monate verteilt als einzelne Episoden veröffentlicht wurden und mit etwas Übung und Können jeweils in knapp einer Stunde beendet werden konnten.


    Zugegeben: Bei der Erstankündigung sah ich die Reihe in eine vollkommen falsche Richtung abdriften, war überzeugt, dass die neue Release-Politik gemeinsam mit einem augenscheinlich abgespeckten Umfang dem namhaften Agenten tatsächlich das Genick brechen und geplante Fortsetzungen zu einer Unmöglichkeit machen würden. Natürlich hatte ich das Experiment damit noch nicht abgeschrieben, gewann während meiner ersten mörderischen Schritte auf einem Testgelände der aus zahlreichen Auftragskillern und Attentätern bestehenden Geheimorganisation ICA (International Contract Agency) sogar ein kleines Fünkchen Hoffnung, dass mich Agent 47 eventuell doch erneut überzeugen könnte.


    Spätestens mit der ersten vollwertigen Mission – inmitten einer gut besuchten Modenschau in Paris sollte ich zwei Zielpersonen beim vorzeitigen Ableben unter die Arme greifen – belohnte IO Interactive mein Vertrauen und pulverisierte jegliche Bedenken. Dank eines weitläufigen Schauplatzes und unzähligen Vorgehensweisen wurde ich direkt an meine ersten Schritte als Agent 47 erinnert, fühlte mich in dieser familiären Welt urplötzlich dazu animiert, taktische Stealth-Grundkenntnisse geschickt zu überdenken, um die Aufgabe noch schneller, noch effektiver, noch lautloser zu absolvieren.


    Nun konnte ich den Nachfolger gar nicht mehr erwarten, freute mich auf neue gigantische Level und zahlreiche Möglichkeiten, meinem unheilvollen Namen alle Ehre zu machen. Zwei Jahre später wurden mit Hitman 2 all meine Wünsche und Hoffnungen erfüllt, orientierte man sich doch direkt am Vorgänger und verzichtete zudem auf den theoretisch gut gemeinten, in der Praxis jedoch relativ nervigen episodischen Ansatz. Wie hätte ich ahnen sollen, dass die zunächst skeptisch betrachtete Trilogie nun tatsächlich das Zeug hatte, mein bisher unerreichbares Hitman: Blood Money von der Spitzenposition abzulösen?



    Der finale Akt


    Hitman 3 markiert nun das große Finale, das ultimative Aufeinandertreffen zwischen Agent 47 und der geheimnisvollen Organisation Providence. Dabei schaltet IO Interactive im Vergleich zu den Vorgängern einen inszenatorischen Gang höher, verzichtet auf undynamische Standbilder und setzt stattdessen auf filmreife Zwischensequenzen, garniert mit einer Prise emotionalem Tiefgang, vielschichtigen Charakteren und hervorragenden Wendungen.


    Fans werden sicherlich ihre Freude haben, immerhin nutzt der Trilogie-Abschluss einen auf dem Papier recht simpel anmutenden Thriller-Plot geschickt, um alten (und oftmals eher wortkargen) Bekannten neue Facetten zu verpassen und das mittlerweile recht komplexe Hitman-Universum um einige Handlungspfeiler zu erweitern. Leider scheinen die Entwickler beim Zusammenführen der zuvor liebevoll ausgelegten roten Fäden die Kontrolle, vielleicht sogar die notwendige Motivation oder gar Zeit verloren zu haben. In Richtung Zielgerade geht dem Ganzen nämlich spürbar die Puste aus, wodurch zahlreiche Elemente des anspruchsvollen Story-Aufbaus der letzten fünf Jahre größtenteils ungenutzt bleiben, eher in einem geringfügig enttäuschenden Abschluss als in einer fulminanten Highlight-Explosion münden.


    Nun mögen mir kritische Leser mahnend auf die tippenden Finger hauen und energisch darauf hinweisen, dass die Reihe in dieser Kategorie generell eher selten narrative Meisterleistungen vollbrachte, ein solider Gesamteindruck also das traditionelle Maß aller Dinge ist. Prinzipiell möchte ich solch einem Urteil auch nicht widersprechen, verteufele Hitman 3 somit auch nicht als erzählerischen Totalausfall, stelle jedoch eine gewisse Diskrepanz zwischen meiner Erwartungshaltung sowie dem eigentlichen Endresultat fest.


    Mit der Welt der Attentate vermittelte mir IO Interactive den Eindruck, die hauseigene Messlatte bedeutend höher hängen zu wollen, pendelte sich schlussendlich allerdings eher auf altbekanntem Niveau ein, ließ mich also mit geplatzten Hoffnungen, aber immerhin einem zufriedenstellenden Endpunkt zurück.



    Famose Weltreise


    Überhaupt geraten Rahmenhandlung sowie Hauptakteure trotz spannender Ansätze rasant in den Hintergrund, müssen sie doch der abermals unerreichbaren Brillanz der sechs brandneuen Schauplätze weichen – eine weitere Franchise-Besonderheit, die jahrelange Anhänger des Killers mit Strichcode im Nacken kaum überraschen dürfte.


    Das Entwicklerteam scheint hier frei von jeglichen Restriktionen ans Werk gehen, den ungezügelten Kreativitätsfluss zum Kreieren erschreckend lebendiger sowie verblüffend weitläufiger Spielwelten nutzen und alle relevanten Komponenten in feinster Kleinarbeit aufeinander abstimmen zu dürfen. Da verlieren sich gar Genre-Muffel liebend gerne und stolpern gefühlt an jeder Ecke über faszinierende Besonderheiten.


    Als Agent 47 werde ich um den gesamten Globus geschickt, erklimme das höchste Gebäude der Welt in Dubai, erkunde ein mysteriöses Anwesen im englischen Dartmoor, verpasse der südamerikanischen Weinregion Mendoza einen weiteren blutroten Farbton, bewege mich durch die verwinkelten Gassen der chinesischen Millionenstadt Chongqing und mache partyfreudigen Besuchern eines Berliner Clubs einen gnadenlos tödlichen Strich durch die Feier-Rechnung – über den finalen Ort breite ich aus Spoilergründen lieber den Mantel des Schweigens aus.


    Es ist sicherlich nicht ausgeschlossen, dass IO Interactive der Gaming-Industrie eines Tages den Rücken zukehrt und sich mit einem Architekturbüro ein finanziell sicherlich bequemeres Sicherheitskissen schafft. Grandiose Einfälle werden mit exemplarischen Abwechslungsreichtum gepaart, bestehen den anschließenden Plausibilitätstest gemeinsam spielend leicht und garantieren somit ein vollkommen glaubwürdiges, da erschreckend echtes Endprodukt, bei dessen Erforschung man die eigentliche Profession kurzzeitig vergisst und vom Sensenmann zum Touristen wird.



    Zwischen den Generationen gefangen


    Nun wollten die Umgebungen den Platz im Rampenlicht gar nicht mehr aufgeben, avancierten auch bei der grafischen Komponente zum heimlichen Star. Kein Wunder, markiert Hitman 3 doch einen Generationswechsel, lässt mich die letalen Erlebnisse des grimmigen, schick gekleideten Glatzkopfs auch auf der Playstation 5 erleben.


    Ein grafischer Quantensprung war natürlich nicht zu erwarten, hatte IO Interactive doch bereits mit dem zeitgleichen Xbox- und Xbox360-Release von Hitman: Blood Money gezeigt, dass sich optische Verbesserungen eher auf einem oberflächlichen Niveau bewegen, mit gravierenden Upgrades erst beim potenziellen Nachfolger zu rechnen ist. Dennoch kann sich das PS5-Debüt sehen lassen: Allein Dubai wartet mit einem überwältigenden Detailreichtum auf, spielt elegant mit anschaulichen Lichteffekten, sorgt dank abermals beeindruckender Menschenansammlungen für volle Räume und garantiert mit der Summe all dieser herausgeputzten Elemente eine enorm dichte Atmosphäre, die in butterweichen 60fps eine besonders kraftvolle Wirkung entfacht.


    Wer nun befürchtet, dass all das kreative Pulver bereits in der ersten Mission verschossen und anschließend von visueller Monotonie abgelöst wird, darf beruhigt aufatmen. Dubai mag einen frühen Glanzpunkt markieren, Dartmoor, Mendoza, Chongqing und Berlin präsentieren allesamt ein persönliches Alleinstellungsmerkmal, halten das enorm hohe Niveau somit einwandfrei und brauchen einen direkten Vergleich mit den gefeierten Kulissen der Reihe nicht zu scheuen. Ich könnte stundenlang über all die fantastischen Einzelteile sinnieren, mit denen IO Interactive zum wiederholten Male unvergleichliche Spielwelten erschaffen hat.


    Trotz aufwendiger Technik-Tarnung kann Hitman 3 seine wahre Identität als Cross-Generation-Titel aber leider kaum verbergen, eröffnet mit altbackenen Animationen und zahlreichen Bugs oftmals einen Blick auf das veraltete Engine-Gerüst, das ebenfalls eine gehörige Generalüberholung verdient hätte. Sicherlich darf man dem Entwicklerteam dieses Versäumnis nicht ankreiden, steckte die aktuelle Konsolengeneration doch noch in den Kinderschuhen, wodurch eine ausführliche Auseinandersetzung mit technischen Optimierungsmöglichkeiten sowie eine tiefgründige Zellenkur zu einem Ding der Unmöglichkeit wurden – und auch die Pandemie, mitsamt der damit in Verbindung stehenden erschwerten Arbeitsbedingungen, darf nicht vergessen werden.


    Letztlich handelt es sich hierbei um Meckern auf mittlerem Niveau, präsentieren sich die technischen Mängel doch maximal als visueller Störfaktor, der die eigentliche Spielbarkeit nur marginal einschränkt, beim Test beispielsweise weder zu erzwungenen Neustarts oder gar unfreiwilligen Abstürzen führte. Implementiert man diese unwesentlichen Probleme allerdings in die prunkvollen Schauplätze, ergibt sich zuweilen ein starker Kontrast, der mich gelegentlich aus dem dichten Spielgefühl herauszerrte, die eindrucksvolle Immersion somit zunichtemachte. Hoffentlich gelingt es IO Interactive, zukünftige Hitman-Titel (und die bereits angekündigte 007-Versoftung) mit mehr Current-Gen-Erfahrung von diesen verbliebenen Mängeln zu befreien.


    Immerhin kann sich das Team solche Modifikationen bei der englischen Sprachausgabe sowie dem grandiosen Soundtrack gänzlich sparen. Während die Synchronsprecher nämlich erneut eine erstklassige Leistung abliefern und vor allem während der Zwischensequenzen durchweg cineastisches Niveau erreichen, serviert uns der dänische Komponist Niels Bye Nielsen erneut eine atmosphärische Musikuntermalung, die neben einem herrlich düsteren Touch vor allem mit einer fantastischen akustischen Varianz punkten und die Trilogie somit auch musikalisch superb abrunden kann. Zwar kann Nielsen die gigantischen Fußstapfen von Altmeister Jesper Kyd nicht gänzlich ausfüllen, lässt hierzu wahrhaft ikonische Kompositionen leider vermissen, verdient für seine Arbeit aber dennoch die Bestnote.


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    Facettenreiche Klaviatur des Todes


    Während Hitman 3 mit zusätzlicher Hardware-Power im Nacken grafische Fortschritte verzeichnen kann, setzt IO Interactive bei der spielerischen Komponente auf gemütlichen Stillstand, verzichtet also auf gewichtige Neuerungen und verlässt sich lieber auf die altbekannte, weiterhin herrlich zugängliche Killer-Mechanik. Ein Traum für Kenner beider Vorgänger, spart man sich doch eine längere Eingewöhnungszeit und darf als gefühlter Vollprofi direkt ans Werk gehen.


    Ein kurzes Briefing, ein Bild unserer Zielperson und schon finden wir uns inmitten eines weitläufigen Schauplatzes wieder, dürfen nun frei jedweder Restriktionen ans unheilvolle Werk gehen. Zum lautlosen Geist werden und sich langsam an sein Opfer heranpirschen? Eine passende Tarnung ausfindig machen und als Wachmann, angesagter DJ oder hipper Fotograf schwer bewachte VIP-Bereiche fröhlich pfeifend betreten? Vielleicht dann lieber doch die Umgebung genauestens unter die Lupe nehmen und unscheinbare Alltagsgegenstände manipulieren, um das vorzeitige Ableben durch einen bedauerlichen Unfall hervorzurufen. Oder auf langwierige Planungen sowie komplizierte Strategien pfeifen und direkt zum gnadenlosen Schmalspur-Rambo werden, den eigenen Pfad also buchstäblich mit Leichen pflastern.


    Abermals schaffen es die sechs neuen Missionen erstklassig, sich trotz ähnlicher Aufgabenstellungen inhaltlich grundlegend voneinander zu unterscheiden, mich trotz der einfachen „Erledige Zielpersonen A, B und C“-Formel stets auf Neue zu motivieren und meine virtuellen Fähigkeiten als kaltblütig agierender Attentäter mit analytischer Evaluation auf ein ungeahntes Level zu heben. Mit ihren individuellen Besonderheiten zwingen mich Dubai, Berlin oder Dartmoor, zunächst das gesamte Spielfeld zu begreifen, aus beobachteten Chancen sowie defensiven Schwächen eine ausgeklügelte Taktik auf die Beine zu stellen und diese im Anschluss konsequent umzusetzen.


    Hierbei überraschte mich Hitman 3 oftmals mit unvorhergesehenen Gameplay-Momenten – keine Sorge, diese werde ich ebenfalls nicht spoilern, dürfte einer davon doch rasant zum kleinen Fan-Highlight avancieren –, sabotierte meinen hieb- und stichfesten Plan somit komplett und forderte mich gefühlt auf, die haarige Situation mit einer Prise Spontanität und viel Ruhe zu kippen, um den Auftrag schlussendlich dennoch erfolgreich zu absolvieren. Langeweile bleibt also definitiv ein Fremdwort, garantiert doch schon allein die enorme Fülle an experimentellen Möglichkeiten sowie eine Reihe wahrhaft ikonischer Kills ein echtes Unterhaltungsparadies.


    Leider bleibt dieses Paradies vor einigen negativ geladenen Wolken in Form gewohnter Schwachstellen nicht verschont, schließlich kann auch der mittlerweile neunte Serienableger (exklusive Hitman: Go und Hitman: Sniper) die gelegentlich irrational agierende KI nicht gänzlich glattbügeln und verwandelt eine fast schon unheimlich realistische Killer-Simulation temporär zu einer kleinen Comedy-Show. Wahrhaft desaströse Ausfälle mögen sich zwar in Grenzen halten – oftmals stehen schwer nachvollziehbare Reaktionen auf unser kaltblütiges Treiben im Mittelpunkt –, dennoch bleibt weiterhin zu hoffen, dass IO Interactive den obligatorischen NPCs eines schönen Tages den finalen Realismus-Pfiff verpassten kann.



    Rettungsanker Wiederspielwert


    Bedauerlicherweise ist die Gewitterfront damit noch nicht überstanden: Konzentriert man sich nämlich komplett auf die eigentliche Haupthandlung und lässt nebensächliche Spielereien und alternative Routen gänzlich unbeachtet, kann der Abspann bereits nach wenigen Stunden erreicht werden. Letztlich eine Trilogie-Problematik, konnten doch bereits die beiden Vorgänger als intensives, aber leider sehr kurzes Vergnügen bezeichnet werden.


    Für diese Problematik trägt Hitman 3 allerdings das richtige Gegenmittel im Anzugärmel: Den enormen Wiederspielwert! Zwar mag das Ausschalten unterschiedlicher Zielpersonen das Kernelement einer jeden Mission sein, zusätzlich warten jedoch noch unzählige optionale Herausforderungen darauf, angegangen und von der Liste abgehakt zu werden. Beispielsweise muss ich gut versteckte Gegenstände ausfindig machen, meine Beute auf eine vorgegebene Art und Weise ins Jenseits befördern oder meinen Auftrag ohne einen einzigen Alarm oder Tarnungswechsel vollenden.


    Den gesamten Katalog in einem überambitionierten Durchgang abzuarbeiten ist ein Ding der Unmöglichkeit, weshalb erneute Besuche bereits abgeschlossener Schauplätze zwingend erforderlich sind. An dieser Stelle greift der von IO Interactive perfide zusammengetüftelte und sich hervorragend geschlossene Gameplay-Kreislauf, der meine Gesamtspieldauer in der Welt der Attentate bereits vor Beginn des dritten Teils in ungeahnte Höhen trieb.


    Absolvierte Herausforderungen werden nämlich mit Erfahrungspunkten belohnt, die uns früher oder später zum erhofften Rangaufstieg verhelfen. Dieser füllt unsere Instrumententasche mit einigen netten Spielzeugen – darunter schicke Wummen, eine verbesserte Dietrich-Variante oder explosive Golfbälle – und schaltet gleichzeitig neue Startpunkte frei, eröffnet uns also die Möglichkeit, einen Auftrag aus einer völlig anderen Perspektive zu betrachten und bisher unmöglich erscheinende Strategien auf die Probe zu stellen, dabei direkt die nächsten Sonderaufgaben von meiner langen Liste zu streichen.


    Ich kassiere Erfahrungspunkte, schalte damit neue Vorgehensweisen frei, nutze diese zum Erfüllen weiterer Nebenziele und kann den Prozess nun freudestrahlend wiederholen – eine einwandfreie Abfolge, die auch in Hitman 3 vortrefflich funktioniert und über den ernüchternden Umfang tatsächlich hinwegtrösten kann. Bereits Dubai entfachte in mir einen ungestümen Freischaltwahn, dessen Flammen durch neue Waffen, Items und Locations stets neu entfacht wurden, meiner Motivationskurve dröge Tiefpunkte somit ersparte.


    Anstatt mit 25 kleinen Leveln überschüttet zu werden, warteten auf mich eben „nur“ sechs Schauplätze, finde dank einer ellenlangen Liste an zu erledigenden Challenges und freischaltbaren Gadgets hier jedoch ausreichend To-Dos vor, um noch Wochen später einen weiteren Versuch zu starten und meinen bisherigen Rekord zu knacken. Sehr cool: Auch die Escalation Contracts sind wieder am Start und konfrontieren mich auf bekanntem Terrain auch abseits der Hauptkampagne mit neuen, teils herrlich fordernden Missionszielen. Nicht cool: Der grandiose Ghost-Modus wurde Ende August tatsächlich abgeschaltet, feiert also kein erhofftes Revival.



    Willkommen in der vollendeten Welt der Attentate


    Den eingangs erwähnten Qualität-statt-Quantität-Ansatz frühzeitig zu begreifen und sich mit diesem anzufreunden bleibt also unerlässlich, um Hitman 3 in all seiner Pracht genießen und den gewählten Entwicklerpfad vollends wertschätzen zu können.


    Ein Risiko, das IO Interactive mit der Welt der Attentate bewusst eingegangen ist, lässt man Gamer mit fehlendem Interesse an alternierenden Lösungswegen doch mit einem mageren Umfang zurück, bietet zwar einen wilden, durchweg unterhaltsamen Ritt, der den hohen Preis allerdings kaum rechtfertigt. Doch es ist eben nicht der Mainstream, kein Action-Publikum, das Hitman 3 ansprechen soll, sondern die virtuellen Hobby-Auftragskiller, die das tödliche Handwerk eher als malerisches Kunstwerk sehen und problemlos mehrere Stunden in die Perfektionierung dieses einen, unwichtig erscheinenden Pinselstrichs investieren möchten.


    Alleinstehend mag Hitman 3 für einige Gamer somit einer kleineren Enttäuschung gleichkommen. Spielerisch hat IO Interactive hier zwar ohne jede Frage den (aktuellen) Höhepunkt der Reihe erreicht, öffnet langjährigen Fans abermals die Tore zu einem mörderischen (und dem bisher sogar unterhaltsamsten) Spielplatz, dennoch fühlt sich das Ganze aufgrund fehlender Innovationen sowie einer – oberflächlich betrachtet – enorm kurzen Handlung nur eben selten wie ein wahrer Vollpreistitel, vielmehr wie ein optisch leicht aufpolierter DLC an.


    Das Erscheinungsbild verändert sich jedoch grundlegend, sobald Hitman 3 nicht mehr einzeln, sondern im Kontext beider Vorgänger betrachtet wird. Bei Agent 47s Abstecher nach Dubai, Dartmoor oder Berlin handelt es sich eben nicht um ein brandneues Abenteuer der Marke Silent Assassin, Contracts oder Blood Money, sondern um den finalen Baustein einer ambitionierten Trilogie, deren Veröffentlichungsweg mit viel Skepsis, anfänglicher Kritik und entwicklungstechnischen Anpassungen geebnet war, aber die als nun vollendetes Gesamtkunstwerk ihr volles Potenzial entfalten und einen ungemein frischen Wind in das mittlerweile über zwei Jahrzehnte alte Killer-Franchise bringen kann.


    Noch bevor ich überhaupt in den finalen Part eintauchen konnte (und nachdem ich einige Installationen sowie einen leicht komplizierten, schlussendlich aber dennoch gut zu bewältigenden Übertragungsprozess hinter mich gebracht hatte), stand mir die gesamte Welt der Attentate offen. Erfreulicherweise durfte ich dabei nicht nur meinen bisherigen Fortschritt, also alle gesammelten Erfahrungspunkte, absolvierten Herausforderungen und freigeschalteten Belohnungen importieren, sondern erhielt zudem Zugriff auf sämtliche Missionen beider Vorgänger-Titel, die optisch sowie spielerisch spürbar aufpoliert wurden und sich dem Gesamtbild des fulminanten Finales somit angenehm anpassen – eine Option, die logischerweise nur Vorbesitzer zur Verfügung stellt.


    Mit dieser mörderischen Zusammenführung ließ IO Interactive alle Möglichkeitsdämme brechen, machte mir schlagartig bewusst, welch grandioses Umfangmonster mit dieser Trilogie erschaffen wurde. Nicht nur, dass die Anzahl der Schauplätze nun endlich eines vollwertigen Hitman-Titels würdig war, gleichzeitig wurde mir mit Blick auf meine bisherigen Erfolge bewusst, dass ich zahlreiche Vorgehensweisen überhaupt nicht entdeckt, einige Ausrüstungsgegenstände zu keinem Zeitpunkt eingesetzt, optionale Bereiche einiger Level komplett übersehen hatte. Die Konsequenz: Anstatt den neuen Aufträgen meine volle Konzentration zu widmen, stattete ich zwischendurch der Rennstrecke in Miami oder Küstenstadt Sapienza erneute Besuche ab, um offene Rechnungen zu begleichen, taktische Umstellungen auszuprobieren und neue Ränge zu erreichen.


    Nach über 20 Jahren schafft es Agent 47 weiterhin spielend leicht, mich ohne weltbewegende Gameplay-Neuerungen um seinen Abzugsfinger zu wickeln, das motivierende Gefühl mörderischer Freiheit zur effektiven Waffe umzufunktionieren und mich damit zum mehrmaligen Angehen einer scheinbar geradlinigen Mission zu animieren. Hitman 3 mag dabei sicherlich nicht sein kreativstes, aber dennoch äußerst wirkungsvolles Instrument sein, konnte er mich binnen weniger Minuten doch abermals in seinen kaltblütigen Bann ziehen. Und in mir die Hoffnung wecken, dass das Rentenalter für diesen legendären Auftragskiller noch in weiter, weiter Ferne liegt.


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    Fazit


    Hitman 3 ist das fehlende Glied einer passionierten Gaming-Gleichung, die mustergültige Vollendung einer leidenschaftlich umgesetzten Vision, mit der IO Interactive nicht nur ein grandioses Stealth-Highlight, sondern gleichzeitig auch einen frühen Anwärter auf das Spiel des Jahres präsentiert.


    Immerhin wurde die Welt der Attentate mit dem finalen Baustein nun endlich komplettiert und eröffnet jahrelangen Agent-47-Anhängern sowie experimentierfreudigen Schleich-Profis zahlreiche unvergessliche Schauplätze voller erbarmungsloser Vorgehensweisen und versteckter Geheimnisse, die nicht nur einen enorm hohen Wiederspielwert und feinste Unterhaltung garantieren, sondern zugleich den grandiosen Höhepunkt der legendären Reihe markieren.


    Sicherlich könnten die knapp bemessene Spielzeit, technische Mängel sowie eine durchaus spannende, unterm Strich jedoch leicht blutleere Handlung den Status als Vollpreistitel für einige Gamer doch spürbar ins Wanken bringen. Allerdings spielt die richtige Erwartungshaltung und Herangehensweise eine entscheidende Rolle: Sobald man nämlich auf einen rasanten Sprint gen Abspann verzichtet und sich der spielerischen Vielschichtigkeit öffnet, Hitman 3 dabei als letzten Teil eines komplexen Killer-Puzzles erkennt, kann man sich der tödlichen Faszination des daraus resultierenden Gesamtwerks kaum mehr erwehren, den Controller bis zum Erfüllen der letzten Herausforderung gar nicht mehr zur Seite legen und den zunächst überschaubaren Umfang somit um ein Vielfaches erweitern.


    Entgegen all meiner Befürchtungen hat sich IO Interactive mit dieser Trilogie selbst übertroffen, dem Franchise dabei nicht nur die bisher kreativste Levelauswahl, sondern auch eine formidable Revitalisierung spendiert. Und damit wirkungsvoll bewiesen, dass Agent 47 das Rentenalter noch lange nicht erreicht hat, sondern der Gaming-Landschaft auch in den kommenden Jahren als Garant für mörderische Unterhaltung dienen wird – ich freue mich darauf!

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