Shin Megami Tensei III Nocturne HD Remaster



  • Ein Paradebeispiel für verpasste Remaster-Chancen.


    Shin Megami Tensei? Persona? Atlus?! Für mich 2005 noch völlige Fremdwörter, hatte ich als zarter 15-jähriger Gamer doch nur Augen für eine Sache: Abgedrehte Konsolen-Action! Wer hätte ahnen können, dass genau diese Leidenschaft mir ein völlig neues Genre eröffnen, mich auf die Fährte einer sagenhaften JRPG-Reihe führen würde, die aus der Videospielgeschichte mittlerweile überhaupt nicht mehr wegzudenken ist.


    Eines Tages entdeckte ich im Elektronikhandel nämlich eine skurril anmutende PS2-Neuveröffentlichung mit dem wunderlichen Namen Shin Megami Tensei: Lucifer's Call, die mich mit einer auf dem Cover beworbenen Gastrolle zum direkten Kauf animierte – Dante aus Devil May Cry! Mit dem schießwütigen Dämonenjäger aus dem Hause Capcom ein postapokalyptisches Tokio erkunden und monströse Ungeheuer über den Haufen schießen? Ja, bitte!


    Natürlich ging das eigentliche Abenteuer in eine völlig andere Richtung, verzichtete auf brachiale Action-Einlagen und Explosionen, zog mich aber dennoch in seinen Bann, öffnete mir die Augen für ein bisher übersehenes Franchise, das mein Gamer-Herz im Sturm erobern sollte. Und nebenbei mein Nervenkostüm schwer in Mitleidenschaft zog.


    18 Jahre nach der japanischen Erstveröffentlichung möchte Atlus diesem PS2-Klassiker in Form vom Shin Megami Tensei III Nocturne HD Remaster neues Leben einhauchen, langjährige Veteranen abermals und brandneue Fans erstmalig in das dämonische Endzeitszenario einladen. Und weshalb sich diese JRPG-Erfahrung auch heutzutage noch lohnt, das eigentliche Remaster-Endprodukt aber eher enttäuschend ausfällt, das möche ich euch heute im Test verraten.


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    Die Geburt eines Halbscheusals


    Keine Lust auf eine weitere Weltrettung? Dann seid ihr bei Shin Megami Tensei III Nocturne definitiv an der richtigen Adresse. Anstatt hier nämlich den glorreichen Helden zu mimen und finsteren Bedrohungen mit gezogenem Schwert den Kampf anzusagen, fungiert die Auslöschung der Menschheit als verheerende Einleitung des eigentlichen Abenteuers.


    Der stumme Protagonist, dessen Namen ich zu Beginn frei bestimmen darf, wird vom Dach eines Tokioter Krankenhauses Zeuge dieser apokalyptischen Katastrophe, die als Die Empfängnis in die (nicht mehr existierenden) Geschichtsbücher eingehen sollte. Zu allem Überfluss markiert dieses Desaster nicht nur die verheerende Vernichtung einer, sondern zudem den unerwarteten Aufstieg einer anderen Zivilisation – denn urplötzlich stürmen garstige Dämonen die japanische Hauptstadt und verwandeln einen einst lebendigen Ort schlagartig zur tristen Höllenlandschaft.


    Weshalb der Held dieser Geschichte all diese erschütternden Entwicklungen beobachten kann und nicht das Schicksal seiner Spezies teilt? Gute Frage. Fakt ist jedoch, dass er inmitten dieser neuen Welt seine Wiedergeburt als Dämon feiert, von nun an als Halbscheusal unter seinesgleichen umherwandern soll – und schnell erkennen muss, dass dieses Leben trotz neugewonnener Kräfte alles andere als ein Zuckerschlecken ist.


    Zu allem Überfluss scheint der Fragenkatalog mit jedem Schritt länger zu werden. Wer ist für den verheerenden Weltuntergang verantwortlich? Inwieweit ist Yuko Takao, die Lehrerin des Protagonisten, involviert, machte sie sich vor der Katastrophe mit merkwürdigem Verhalten und bedeutungsschwangeren Aussagen doch stark verdächtig. Und gibt es nicht vielleicht doch eine Möglichkeit, Die Empfängnis rückgängig zu machen, die Höllenkreaturen vom Antlitz der Erde zu tilgen und damit den einstigen Status Quo der Menschheitsgeschichte wiederherzustellen?


    Dämonendäumchen drehend auf dem Dach zu verweilen, verspricht natürlich keinen Erfolg, weshalb sich das neugeborene Halbscheusal auf der Suche nach den erhofften Antworten einen Weg durch das zerstörte Tokio bahnt – und schon bald erkennen muss, dass es inmitten dieser diabolischen neuen Welt eine ganz besondere Rolle spielt.



    Bizarre Sightseeingtour durch Tokios Ruinen


    Shin Megami Tensei III Nocturne verspricht einen durchaus spannenden Postapokalypse-Plot, der aufgrund seiner eigentümlichen Erzählweise dann allerdings doch aus der JRPG-Reihe tanzt und somit einigen Genre-Fans viel Akzeptanz und Geduld abverlangt.


    Handlungstechnisches Dauerfeuer sucht man hier nämlich vergebens, wird stattdessen vermehrt Zeuge erzählerischer Ereignislosigkeit, die nach etlichen Spielstunden von narrativen Nadelstichen unterbrochen wird. Doch eben diese helfen mir dabei, das fragwürdige, mitunter wahrhaft verteufelte Pacing zu verzeihen, mich lieber auf die nächste Story-Welle zu freuen, die mich früher oder später überrollen wird.


    Geheimnisvolle Mysterien, offene Fragen und eine kalte, auf eine unerklärliche Art und Weise aber dennoch faszinierende Spielwelt zogen mich bereits während der kurzen Eröffnungssequenz in ihren Bann und wollten mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Was steckt hinter der Halbscheusal-Wiedergeburt des Protagonisten? Wer ist dieses merkwürdige Kind, das ständig meinen Weg kreuzt? Und werde ich Tokio, vielleicht sogar die ganze Welt, tatsächlich retten oder nur Zeuge des endgültigen Untergangs jeglicher Hoffnungen sein?


    Obwohl Shin Megami Tensei III Nocturne die ermüdenden Abschnitte damit nicht vergessen macht, erfährt meine Motivationskurve durch unvorhergesehene Wendungen und überraschende Charaktertiefe dennoch ausreichend Aufwind, um mich zum epischen Finale zu führen, das ich mit meinen Entscheidungen sogar in eine bestimmte Richtung lenken darf. Der Weg dorthin mag sicher steinig, gelegentlich sogar langweilig sein, JRPG-Fans mit Story-Faible möchte ich an dieser Stelle aber wärmstens empfehlen, sich durch diese Tiefen durchzukämpfen – es lohnt sich!



    Kartenpflicht beim Erkundungsspaß


    Dass nennenswerte Veränderungen am Gameplay bei einem Remaster eher Mangelware sind, dürfte keinen erfahrenen Gamer vom Hocker hauen. Dementsprechend entführte mich Shin Megami Tensei III Nocturne bereits nach kürzester Zeit auf einen netten Nostalgietrip, durfte ich dieses höllische JRPG doch bereits 2005 in einer ähnlichen Form erleben.


    Erneut steuere ich mit meinem Helden die verschiedenen Tokioter Stadtteile über eine minimalistische Weltkarte an, um mich hier durch linear gestaltete Dungeons zu kämpfen und der Entschlüsselung aller Geheimnisse dieser unheilvollen Welt stetig näher zu kommen.


    Um das langweilige Ablaufen eines gradlinigen Hauptpfads zu vermeiden, laden mich zahlreiche Abzweigungen zur optionalen Schatzsuche ein, münden dabei gelegentlich zwar auch in ernüchternde Sackgassen, belohnen mich im Gegenzug aber manchmal auch mit hilfreichen Items. Kleiner Nachteil: Viele Schauplätze gleichen einem Labyrinth, kurzzeitige Orientierungslosigkeit ist somit vorprogrammiert. Zum Glück werden bereits erforschte Räume direkt auf der jederzeit aufrufbaren Karte verewigt, wodurch ich noch unerforschtes Terrain besser ausmachen kann.


    Allerdings handelt es sich bei Shin Megami Tensei III Nocturne nicht um ein teuflisches Indiana Jones, weshalb solche Erkundungsausflüge eher als empfehlenswerte Nebenbeschäftigung abgestempelt werden dürfen, die Gefechte gegen garstige Unterweltschergen dagegen das Tagesgeschäft ausmachen. Dass wir unsere potenziellen Widersacher in der Spielwelt nicht zu sehen bekommen, kommt dabei nicht von ungefähr, immerhin drehen wir die JRPG-Uhr um einige Jahre zurück und werden dadurch alle paar Schritte lang von guten alten Zufallskämpfen aufgehalten.



    Rundenbasiertes Taktieren


    Da fulminante Echtzeitprügeleien während der weit zurückliegenden Erstveröffentlichung noch in den Kinderschuhen stecken, dementsprechend also eher eine Ausnahme der Genre-Regel darstellen, setzt Shin Megami Tensei III Nocturne auf klassische rundenbasierte Duelle. Ich lege mit einer Nahkampf-, Spezial- oder Magieattacke vor, wehre den unvermeidlichen Konter ab und wiederhole diese Prozedur anschließend so lange, bis ich meine dämonischen Rivalen (hoffentlich) bezwingen konnte.


    Stupides Angreifen wird nur selten von Erfolg gekrönt, vielmehr muss ich aufmerksam die feindlichen Schwächen studieren und gezielt ausnutzen, um mir einen oftmals siegbringenden Vorteil zu verschaffen. Hierbei handelt es sich nicht nur um erhöhten Schaden, sondern vor allem um die taktische Nutzung des ausgeklügelten Press-Turn-Systems.


    Die Regeln dieser Mechanik sind denkbar simpel: Jede Runde kriegt ein Team für alle aktiven Mitglieder jeweils ein Aktionssymbol spendiert, das symbolisch für ein einzelnes Manöver steht. Entscheide ich mich für einen Angriff, einen Zauberspruch oder einen Item-Einsatz, verschwindet ein Symbol. Sind alle aufgebraucht, gilt mein Zug als beendet, woraufhin die gegnerische Truppe zum Gegenschlag rufen darf.


    Lande ich allerdings einen kritischen Treffer, bremse ich den Schmelzvorgang meiner Aktionsleiste ab und gewinne eine zusätzliche Handlungsmöglichkeit, die bei einigen erbitterten Fights spielentscheidend ausfallen können. Hier eröffnet mir Shin Megami Tensei III Nocturne den strategischen Spielraum, den ich bei JRPGs liebe: Nehme ich nun nämlich mit durchdachter Planung meiner kommenden Attacken durchweg die Schwachstellen meiner monströsen Rivalen aufs Korn, wird meine aktuelle Runde nicht etwa durch das Verschwinden des letzten Symbols, sondern durch meinen vorzeitigen Sieg beendet. Eine Vorgehensweise, die spätestens ab der Halbzeit zum Pflichtprogramm wird.



    Magatama weckt den Dämonen in dir


    Neben dem Austüfteln ausgefeilter Taktiken empfiehlt es sich natürlich auch, die eigenen Statuswerte und das aktuelle Level im Auge zu behalten. Kein Wunder, handelt es sich bei Shin Megami Tensei III Nocturne doch um ein waschechtes JRPG, bei dem das Sammeln von Erfahrungspunkten unvermeidlich ist.


    Damit auch diese Genre-Tradition zumindest ansatzweise aufgebrochen und mit frischem Wind ein wenig aufgepeppt wird, spendiert Atlus meiner Heldenevolution noch sogenannte Magatama, die ich dem Protagonisten einverleiben und ihm somit neue Fähigkeiten beibringen kann. Vorsicht ist allerdings geboten, bringen neue Stärken doch auch neue Schwächen mit sich, die einen erhofften Vorteil auf dem Schlachtfeld rasant zum tödlichen Nachteil drehen können.


    Zum Glück darf ich eingesetzte Magatama jederzeit austauschen, mein eigenes Skill- und Mängelset somit rasant anpassen, um den eventuellen Widrigkeiten des nächsten Kampfes vorbereitet entgegenzutreten. Und da ich das Halbscheusal mit mehreren Zauberkügelchen gleichzeitig versehen darf, eröffnen sich mir verschiedenste Kombinationsmöglichkeiten, die natürlich regelmäßig auf die Probe gestellt werden wollen.


    Nüchtern betrachtet handelt es sich hierbei um ein typisches Ausrüstungssystem, das dank einladender Simplizität, aber auch einer fordernden Vielschichtigkeit einen individuellen Charakter mitbringt, den Entwicklungsprozess meines Halbscheusals ebenso zugänglich wie auch variantenreich gestaltet. Potenzielle Vor- und Nachteile auszuloten, erfolgreiche Zusammenstellungen ausgiebig zu perfektionieren oder Magatama-Fehlschläge rückgängig zu machen bringt vor allem Tüftlern viel Freude und gibt mir die Chance, noch tiefer in die verzweigten Systeme von Shin Megami Tensei III Nocturne einzutauchen.



    Höllische Sammelsucht


    Leider musste ich schnell feststellen, dass auch ein gestähltes Halbscheusal alleinstehend kaum gegen den Schrecken dieser neuen Höllenwelt bestehen kann, wodurch sich die händeringende Suche nach loyalen Verbündeten direkt an die Spitze meiner Aufgabenliste katapultierte. Zum Glück gibt mir Shin Megami Tensei III Nocturne die Chance, hartgesottene Feinde mit dem richtigen Verhandlungsgeschick zum Seitenwechsel zu bewegen.


    Von netten Komplimenten lassen sich die Dämonen immerhin kaum beeindruckend, verlangen stattdessen ein großzügiges Geldgeschenk, kostbare Items oder die korrekte Antwort auf eine teils überraschend tiefsinnige Frage. Bleibe ich hartnäckig, darf ich mich über hilfreichen Zuwachs für mein Team freuen, das aus drei höllischen Kreaturen und meinem Helden besteht, während ich potenzielle Austauschkandidaten auf die Reservebank setzen darf. Diese darf ich in der Kathedrale der Schatten dann sogar fusionieren (oder mit ausreichend Kaltherzigkeit sogar opfern), um einen noch mächtigeren Mitstreiter zu kreieren – der mein momentanes Level allerdings nicht übersteigen darf.


    Könnte man die Dämonenjagd anfangs noch als vernachlässigbares Gimmick abstempeln, entpuppt sich das Ganze rasant als grandioses Kernelement von Shin Megami Tensei III Nocturne, das mich aufgrund eines enormen Suchtpotenzials regelmäßig von der aktuellen Hauptaufgabe ablenkt. Immerhin warten weit über 185 Monster (die genaue Anzahl halte ich aus Spoilergründen lieber geheim) darauf, meine besten Freunde zu werden – und dank meiner Pokémon-Kindheit bin ich förmlich dazu gezwungen, sie mir alle zu schnappen!


    Überhaupt empfiehlt es sich, der eigenen experimentierfreudigen Natur freien Lauf zu lassen und mit ungebremstem Sammeleifer und Kombinationsfreude einen breiten Kader mit vielfältigen Elementarkräften auf die Beine zu stellen. Kann ich nämlich spontan auf die Achillesfersen anstürmender Feinde reagieren, durch eine schnelle Teamanpassung die Oberhand behalten, erhöhe ich nicht nur meine Überlebenschancen, sondern halte mir auch den unliebsamen Game Over-Bildschirm von der Pelle.



    Der Nähkasten für mein zerrissenes Nervenkostüm


    Ich möchte ehrlich sein: Als stolzer Besitzer der Originalfassung stieg mein Stresslevel beim Verfassen dieser Zeilen spürbar an, hatte die Erwähnung des vorzeitigen Bildschirmtodes doch direkt Erinnerungen an den gnadenlosen Schwierigkeitsgrad geweckt. Denn bei der Entwicklung schien Atlus das Wort Gnade aus dem Vokabular gestrichen zu haben, verwandelte neben Bossbegegnungen auch zunächst harmlos anmutende Duelle mit Standardgegnern zu bockschweren Herausforderungen, bei denen kleinste Fehler schnurstracks bestraft wurden, strategisches Vorgehen also unumgänglich war.


    An dieser Stelle versorgte mich der HD Remaster von Shin Megami Tensei III Nocturne mit willkommenem Seelenbalsam in Form der wohl bedeutsamsten Neuerung, einer zusätzlichen Schwierigkeitsstufe mit dem wohlklingenden und beruhigenden Namen Gnädig. Endlich darf ich mich auf Wunsch gänzlich auf die Handlung konzentrieren, brauche keine vernichtenden Superangriffe von einer wahnwitzigen Dämonengruppierung zu befürchten, erspare mir also lautstarke Wutausbrüche.


    Ein logischer Schritt, wird dadurch immerhin die wohl schwerwiegendste Problematik des Originals optimal ausgehebelt. Versteht mich nicht falsch, eine knackige Herausforderung ist immer willkommen, das erfolgreiche Bewältigen eben dieser ein wundervoller Ritterschlag für jeden Gamer. Sich bei der Konfrontation mit einem schier unbesiegbaren Oberboss aber alternativlos seinem Schicksal ergeben zu müssen, wurde rasant zum unliebsamen Spielspaßkiller, den ich durch eine schnelle Anpassung in den Einstellungen nun aber direkt entwaffnen kann.


    Überhaupt scheint der HD Remaster primär im Zeichen des Nutzerkomforts zu stehen. Beispielsweise muss ich mich auf der verzweifelten Suche nach dem nächsten Speicherraum nicht mehr durch ein wahres Meer an nervigen Zufallskämpfen bemühen, sondern darf mir diesen nervenaufreibenden Akt dank der neuen Zwischenspeicherfunktion direkt sparen. Ein wahrer Segen, wenn ich meinen abenteuerlichen Marsch durch einen verzweigten Dungeon spontan unterbrechen muss.


    Zusätzlich darf ich mich zu Beginn meines Abenteuers entscheiden, ob ich mich lieber mit Devil Summoner-Held Raidou Kuzunoha XIV oder mit Devil May Cry-Legende Dante messen möchte. Zwei hervorragende Gastauftritte, die meisterhaft in den generellen Spielfluss von Shin Megami Tensei III Nocturneeingeflochten wurden, somit zu keinem Zeitpunkt erzwungen fühlen und mir somit frühzeitig die Qual der Wahl überlassen. Ärgerlich: Anstatt bereits im HD Remaster inkludiert zu sein, wird Capcoms Dämonenjäger erst via kostenpflichtigem DLC zugänglich – außer man greift direkt tiefer in die Geldbörse und gönnt sich die Digital Deluxe Edition.



    Eine ärgerliche Soundtrack-Blamage


    Natürlich belässt es Atlus nicht nur bei spielerischen Nachjustierungen, auch das optische Gesamtbild wurde mit feinem HD-Pulver bestäubt und somit elegant in das moderne Gaming-Zeitalter geführt. Bedauerlicherweise ein augenscheinlich halbherzig durchgeführter Prozess, der Fan-Augen dank sichtbar aufgehübschter Umgebungen und optimierter Charakter- sowie Dämonenmodelle definitiv erfreuen kann, unberührte Altlasten dabei aber noch offensichtlicher macht.


    Mochte die bedrückende Leere der postapokalyptischen Welt damals noch einen atmosphärischen Charme besitzen, fällt sie heutzutage durch eine fast schon unangenehme Tristesse eher negativ auf, bietet zudem kaum nennenswerte visuelle Highlights. Im Kontext der Rahmenhandlung mag das nach einer sinnvollen Designentscheidung klingen, die in der Praxis jedoch zusätzliche Details, ausgewählte Besonderheiten und zumindest ein Fünkchen mehr Leben benötigt, um vom eintönigen Hintergrund zur immersiven Kulisse zu werden. Somit mag das Gesamtbild sicherlich schicker aussehen, fühlt sich dabei aber irgendwie falsch an. Ebenso falsch wie die (zum Glück spärlich eingesetzten) Zwischensequenzen, die direkt im 4:3-Format belassen wurden und jeglichen Auffrischungseffekt direkt zunichtemachen.


    Nun gut, dachte ich mir. Phänomenale Grafik ist nicht alles. Immerhin kann ich mich bei Atlus auf einen Killer-Soundtrack freuen! Prinzipiell lag ich damit auch nicht falsch, beeindruckte doch bereits das Original mit einer facettenreichen Musikuntermalung, die zwischen düsterem Unheil und fetzigen Rockklängen wechselte, die anmutigen Kompositionsflügel aufgrund einer auf Hardware-Einschränkungen zurückzuführende, grausame Qualitätskomprimierung aber nur selten gänzlich ausbreiten konnte.


    Die perfekte Chance für einen HD Remaster, diese Problematik endgültig aus der Welt zu schaffen – nur leider wird diese nicht genutzt! Stattdessen muss ich mich erneut mit vereinzelten Audio-Albträumen zufriedengeben, musste die Lautstärke während einiger Kämpfer sogar herunterdrehen, um nicht wahnsinnig zu werden. Absolut unverständlich, liegt der Soundtrack doch sogar in einer qualitativ astreinen Variante vor (sogar als stolzer Teil meiner Sammlung, der hoch- und runtergehört wurde), deren Einbau sicherlich keine allzu große Hürde dargestellt hätte.


    Ist die technische Komplettenttäuschung damit besiegelt? Nicht ganz, präsentiert sich ein beachtlicher Rundumschlag bei den zur Verfügung stehenden Sprachausgaben doch als Retter in scheinender Sound-Rüstung. Blieben die Charaktere bei der Urfassung nämlich noch stumm, darf man sich nun über eine erstklassige englische und japanische Tonspur freuen, die beide mit passenden Sprechern und glaubhaft vorgetragenen Dialogen bestechen – und der trostlosen Szenerie zumindest ein wenig Lebendigkeit verpasst.



    Die Retter des halbgaren Remasters


    Anstatt bei der Restaurierung in die Vollen gehen, die glorreiche Spitze des Renovierungsberg erreichen zu wollen, scheint Atlus den bequemsten Weg gewählt zu haben, um der Neuveröffentlichung von Shin Megami Tensei III Nocturne mit einem halbwegs guten Gewissen auf die Schnelle das HD-Remaster-Siegel zu verpassen. Sehr zum Leidwesen der Fans!


    Zwar ist und bleibt das postapokalyptische JRPG im Kern nämlich ein einzigartiger Höllenritt für die Ewigkeit, wurde aber vom Zahn der Zeit trotz aller individuellen Stärken unliebsam in die Mangel genommen. Eigentlich die perfekte Chance, die daraus resultierenden Altersdellen mit einem Remaster-Bügeleisen zu glätten – und diese ungenutzt zu sehen, lässt mein Dämonenherz bluten.


    Im Ansatz wurden die richtigen Schritte unternommen, Shin Megami Tensei III Nocturne in eine neue Gaming-Generation zu tragen, die potenzielle Zielgruppe durch geschickte Eingriffe zu erweitern, ohne dem Original respektlos den Rücken zu kehren. Die Zielgerade verlor Atlus dabei fatalerweise aus den Augen, legte beim ersten Checkpoint der zu laufenden Strecke eine Pause ein und warf dann lieber gleich das Handtuch.


    Dass ich solche Versäumnisse mit viel Wohlwollen ignorieren und mein Wiedersehen mit dem Halbscheusal uneingeschränkt genießen kann, ist dementsprechend nicht etwa dem Remaster-Neuanstrich, sondern in erster Linie der qualitativen Grundgewalt des umfangreichen JRPGs zu verdanken. Handlung, Kampfsystem und Sammelwahn können selbst nach vielen Jahren noch auf ganzer Linie punkten, bilden gemeinsam also erneut den eigentlichen Unterhaltungsmittelpunkt, dessen Wirkungskraft durch kleinere Verbesserungen und eine gnädige Nachjustierung wertvoll gesteigert wird.


    Dadurch bleibt Shin Megami Tensei III Nocturne auch im schwächelnden HD-Remaster-Gewand ein wahrer Klassiker, ein Must-Play für jeden JRPG-Anhänger, der das zerstörte und von Dämonen überrannte Tokio noch nicht erkunden, bisher noch kein Superteam auf die Beine stellen und die perfekte Magatama-Kombi finden konnte. Ob man dafür allerdings den geforderten Vollpreis hinblättern, somit de facto unzulängliche Optimierungsbemühungen belohnen sollte, liegt schlussendlich im Auge des Betrachters.


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    Fazit


    Shin Megami Tensei III Nocturne HD Remaster hätte die glorreiche Revitalisierung eines faszinierenden JRPG-Klassikers werden können, entpuppt sich letztlich jedoch höchstens als nettes Update, dessen gigantisches Verbesserungspotenzial kaum ausgeschöpft wurde.


    Zweifelsohne ging Atlus hier nicht leidenschaftslos ans Werk, spendiert dem atmosphärischen Abstecher in das postapokalyptische Tokio mit überarbeiteten 3D-Modellen und Hintergründen, zwei qualitativ enorm hochwertigen Sprachfassungen sowie einer willkommenen Gnädig-Schwierigkeitsstufe gelungene Neuerungen, die über die dicke Staubdecke auf vielen weiteren spielerischen Aspekten jedoch nur schwerlich hinwegtäuschen können – und für einen Vollpreistitel zudem recht überschaubar ausfallen.


    Sicherlich können die wendungsreiche Handlung, das überraschend vielschichtige, rundenbasierte Kampfsystem sowie die motivierende Dämonenjagd im Pokémon-Stil trotz ihrer individuellen Altersschwächen auch heutzutage noch bestens unterhalten, stellen Fans und Franchise-Neueinsteiger dennoch vor ein regelrechtes Dilemma: Empfiehlt sich nun das Zurückschrauben der eigenen Ansprüche, eine Rückbesinnung auf die JRPG-Vergangenheit, um Shin Megami Tensei III Nocturne HD Remaster in vollen Zügen genießen zu können? Oder sollte der Fokus lieber auf das (hoffentlich) bald erscheinende Shin Megami Tensei V gelegt, die Remaster-Reise somit direkt storniert werden?


    Eine schwere Entscheidung, die selbst einem hartgesottenen Halbscheusal schwerfallen würde.

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