NEO: The World Ends with You



  • Back to Shibuya: Das stylishste Todesspiel der JRPG-Geschichte geht in die zweite Runde!


    Erweist sich der Erstling einer brandneuen Gaming-IP als unverhoffter Verkaufsschlager, darf man die Ankündigung eines Nachfolgers mit hoher Wahrscheinlichkeit alsbald erwarten. Zumindest empfand ich diesen Ablauf als Selbstverständlichkeit, durfte ich das Ganze im Laufe meiner mehrjährigen Videospielkarriere doch bereits oftmals beobachten, wurde 2007 von The World Ends with You allerdings eines Besseren belehrt.


    Obwohl der grandiose DS-Titel weltweit journalistisches Lob einheimste und rasant die Charts stürmte, hüllte sich Square Enix erstaunlicherweise in Schweigen. 2012 und 2014 durften Fans kurzzeitig die Luft anhalten, schien sich doch ein Sequel-Reveal anzubahnen, schlussendlich handelte es sich dabei jedoch nur um die (zugegeben gelungenen) iOS- und Android-Umsetzungen des ersten Abenteuers.


    2018 schüttelten die Entwickler dann aber heftiger am Hoffnungsbaum, brachten das JRPG mit der erweiterten Final Remix-Variante für die Nintendo Switch doch wieder auf den Radar, weckten in mir mit Blick auf vorherige Erfahrungen dadurch aber eher vorsichtige Skepsis. Zum Glück wurde ich auch an dieser Stelle eines Besseren belehrt: Denn Ende 2020 wurde nach der endlos erscheinenden Wartezeit dann endlich NEO: The World Ends with You angekündigt, mein zweiter Trip ins virtuelle Shibuya besiegelt.


    Auf anfängliche Euphorie folgte aber eine gewisse Unsicherheit. Konnten meine enorm hohen Erwartungen nach 14 Jahren des Ausharrens tatsächlich erfüllt werden oder war die Fortsetzung dazu verdammt, an den Erfolgsklippen des starken Vorgängers zu zerschellen? Im Test möchte ich euch diese Frage ausführlich beantworten, kann aber jetzt schon soviel verraten: In puncto Erwartungshaltung und Unsicherheit lehrte mich Square Enix erneut eines Besseren und machte das Triple somit voll.


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    Der etwas andere Tokio-Trip


    Fashionbewusste und erkundungsfreudige Reise-Abenteurer kommen an einem Abstecher in das Tokioter Szeneviertel Shibuya kaum vorbei, wird man dank zahlreicher Sehenswürdigkeiten, Shops und Aktivitäten doch von einer facettenreichen Vielfältigkeit regelrecht erschlagen.


    Gespannt kann man den Menschenmassen beim Passieren der legendären Kreuzung beobachten, der Statue des treuen Hundes Hachiko einen Besuch abstatten oder sein hart Erspartes im angesagten Klamottenladen für ein fesches Outfit auf den Kopf hauen. Oder sich in eine höllische Parallelwelt verirren und in einem gnadenlosen Spiel um Leben und Tod gegen finstere Kreaturen antreten.


    Okay, potenzielle Shibuya-Touristen brauchen sich nun nicht zu fürchten, immerhin wird solch ein gefährliches Erlebnis in der Realität (zumindest meines Wissens nach) nicht auf dem Tagesprogramm auftauchen. NEO: The World Ends with You-Hauptheld Rindo kann von dieser einschneidenden Erfahrung allerdings ein Lied singen – denn ohne Vorwarnung wird er gemeinsam mit seinem besten Freund Fret zum neusten Teilnehmer!


    Die gute Nachricht: Auf ein komplexes Regelwerk verzichtet das sogenannte Spiel der Reaper, als Team muss man in der geheimnisvollen Nebendimension im Laufe einer Woche einfach nur möglichst viele Aufgaben erledigen und als Noise gefürchtete Horror-Kreaturen vermöbeln, um die Konkurrenz abzuhängen und sich an die Spitze zu setzen – und dafür sogar eine fette Belohnung zu kassieren. Die schlechte Nachricht: Wer auf dem letzten Platz landet, segnet das Zeitliche.


    Für Rindo Grund genug, seine neue Lebensaufgabe ernst zu nehmen und an der Seite seiner Verbündeten Vollgas zu geben, um am Ende einer beschwerlichen Woche der King of Shibuya und somit Sieger des Reaper-Spiels zu werden. Klingt ähnlich simpel wie die grundlegenden Regeln, ist in der Regel aber leichter gesagt als getan: Denn nicht nur die erbittert um das Überleben kämpfenden gegnerischen Teams, sondern auch die eine oder andere unvorhergesehene Überraschung bringen Rindo und Co. ordentlich ins Schwitzen. Und damit nicht selten an den Rand der Auslöschung.



    Nostalgischer Blick in die Vergangenheit


    Eigentlich vermutete ich hinter NEO: The World Ends with You einen Soft-Reboot, maximal einen spirituellen Nachfolger, der die aus dem Original bekannte Rahmenhandlung mitsamt all ihrer narrativen Weichen aufnimmt und mit neuen Charakteren, Elementen und Twists bestückt. In gewisser Weise hatte ich damit (zunächst für eine kurze Zeit) recht.


    Das Spiel der Reaper als Rindo zu erleben weckte einerseits Erinnerungen an den mittlerweile weit über ein Jahrzehnt alten JRPG-Klassiker, fühlte sich dank fantastischer Pro- und Antagonisten, schockierender Wendungen sowie einer Reihe unvergesslicher Momente andererseits dann aber doch frisch und unverbraucht an, bot mir ausreichend Alleinstellungsmerkmale, um nicht als billiger Abklatsch verteufelt, sondern als vollwertiges Sequel anerkannt zu werden.


    Komplett scheinen Square Enix und h.a.n.d. diese brandneue Route dann allerdings doch nicht einschlagen zu wollen. Nach und nach lädt NEO: The World Ends with You nämlich doch noch alte Bekannte zur erneuten Shibuya-Sause ein, greift offene Storyfäden des Erstlings (und auch des Zusatzkapitels A New Day der Final-Remix-Variante) auf und setzt diese fort, um auch zur erzählerischen Fortsetzung zu avancieren. Für elendig lang nach Antworten lechzende Fans logischerweise ein wahrer Segen, für völlige Neueinsteiger zuweilen ein wenig verwirrend.


    Zwar wird bei nostalgischen Throwbacks und (Fan-)herzerwärmenden Situationen durch kurze Erklärungen händeringend versucht, auch die Reaper-Anfänger an Bord zu holen, dieses Unterfangen stellt sich zumeist jedoch als ein wenig holprig und infolgedessen als unzureichend heraus. Die Folge: Wer tatsächlich versucht, sich aus den komprimierten Erläuterungsdialogen das komplette Puzzle zusammenzubauen, wird schnell überfordert und versteht unterm Strich eh nur einen Bruchteil. Der Griff zum Vorgänger, alternativ aber auch zur gelungenen Anime-Umsetzung, ist also Pflicht.


    Solche Bemühungen lohnen sich aber, wird man anschließend doch von einer phänomenalen Fortführung des ebenso charmanten wie auch verrückten JRPG-Rakete begrüßt, die mir auf den Weg in Richtung Abspann regelmäßig ein beeindruckendes Handlungsfeuerwerk präsentiert. Ausschweifende Konversationen und sporadische Leerläufe verkommen dabei zur Randnotiz, bremsen meiner Unterhaltungsfahrt also nur kurzzeitig ab.



    Standbild-Overkill


    Moment, ausschweifende Dialoge werden von mir als Negativpunkt angekreidet? Dabei handelt es sich gerade bei diesen – gekonnte Umsetzung vorausgesetzt – doch um ein Kernelement eines jeden JRPGs!


    Dieser Annahme möchte ich auch gar nicht widersprechen, sondern ausdrücklich unterstreichen, dass auch NEO: The World Ends with You von den (vor allem anfangs) über mich hereinbrechenden Gesprächslawinen profitiert. Zu keinem Zeitpunkt wirkt der Aufbau der abgedrehten Welt überhastet, das Spiel der Reaper, das Setting sowie die zahlreichen Charaktere werden vielmehr mit reichlich Ruhe und Sorgfalt vorgestellt und um neue Facetten erweitert, wirken erst dadurch angenehm greifbar und glaubhaft.


    Eine dynamische Inszenierung ist hierbei das A und O: Und genau an dieser Stelle setzt meine Kritik an. Anstatt nämlich primär auf Zwischensequenzen zu setzen, dem Geschehen somit eine nötige Lebendigkeit zu verpassen, liegt der Fokus klar auf statischen Standbild-Dialog, die durch visuell künstlerische Einfälle zwar aufgepeppt werden, sich im gelegentlichen Dauerfeuer dann aber doch in einer gewissen Monotonie verlieren.


    Kaum hatte sich aufgrund der schwächelnden inhaltlichen Aspekte eine gewisse Enttäuschung in mir breitgemacht, erwies sich die optische Aufbereitung der zahlreichen Plaudereien als Retter in der Not und fing den Dämpfer gekonnt auf. Hier verlässt sich NEO: The World Ends with You nämlich auf einen schicken Comic-Stil, platziert agierende Haupt- und Nebencharaktere also in einzelnen Comic-Panels, verpackt deren gesprochene Worte in Sprechblasen und bringt somit dringend benötigten Pepp ins Spiel.


    Diesen hätte ich mir zwar auch für die eigentliche Gesprächsführung gewünscht, freue mich jedoch auch über das herrliche Eye Candy, das mich durch langgezogenes Palaver trägt und dabei immer wieder neue Highlights, manchmal dann sogar tatsächlich auch einige schmerzlich vermisste Zwischensequenzen zu bieten hat.



    Achtung! Dieser Soundtrack verursacht hartnäckige Ohrwürmer!


    Überhaupt scheint bei NEO: The World Ends with You primär der künstlerische Aspekt im Vordergrund zu stehen. Dementsprechend überrascht es kaum, dass sich auch die visuelle Präsentation oberflächlich betrachtet insgesamt eher im soliden Mittelfeld ansiedelt, eine genauere Betrachtung dann aber doch den überraschend kreativen Kern eröffnet.


    Hauptproblem stellte für mich hierbei der eindeutig fehlende Feinschliff dar, der sich gefühlt bei jedem Schritt bemerkbar machte und dem Setting somit oftmals einen unschönen Anstrich verpasste. Teils grässliche Texturen, nervige Framerate-Einbrüche sowie der ultimative Spielspaßkiller in Form abrupter Abstürze weckten in mir bereits während der ersten Stunden meines Testmarathons den Wunsch nach einem rettenden Patch, der sich dem Glattbügeln dieser kaum zu ignorierenden Mängeln effektiv annimmt.


    Gebe ich mir dann aber doch redlich Mühe und schiebe diese Ungereimtheiten zur Seite, erblicke ich ein durchgestyltes, knallbuntes und fantasievolles Anime-Bonbon, das trotz aller übernatürlicher Elemente einen unwiderstehlichen Japano-Charme ausstrahlt und dem virtuellen Shibuya eine umwerfende Seele verleiht. Schade nur, dass das technische Drumherum diesem positiven Beispiel nicht folgen, sondern ihm eher lahmend hinterherhinkt.


    Komplikationen, mit denen sich der göttliche Soundtrack nicht herumschlagen muss. Dieser rastet nämlich komplett aus, sprengt unaufhaltsam jegliche Genre-Grenzen und kredenzt mir eine leidenschaftlich zusammengestellte Musikauswahl, die abwechslungsreicher kaum ausfallen könnte. Aus der Reihe tanzende Nullnummer sucht man hier vergeblich, sondern freut sich über eine regelrechte Ohrwurmarmee, die selbst nach Beenden der Gaming-Session im Gehörgang herumturnt. Wenig überraschend, dass diese herausragende Songzusammenstellung schnurstracks in meiner eigenen Playlist gelandet ist.


    Auf die akustische Bremse drückt NEO: The Worlds Ends with You nun aber nicht, sondern landet dank passend besetzter Synchronsprecher auch mit der englischen und japanischen Sprachausgabe einen weiteren qualitativen Volltreffer ab – wobei ich auch hier ruhigen Gewissens meiner Linie treublieben und euch wärmstens die japanische Variante empfehlen möchte, da diese vor allem in humorvollen Situationen einen winzigen, aber dennoch hörbaren Vorteil genießt.


    Normalerweise wäre damit meine technische Evaluierung abgeschlossen, der Weg zur Gameplay-Analyse somit eröffnet. Zuvor möchte ich allerdings noch die deutsche Übersetzung loben, in die augenscheinlich viel Zeit, Mühe und auch Überlegung eingeflossen sind. Beim Lokalisieren der vornehmlich auf coolem Jugendslang und moderner Umgangssprache basierenden Texte hat das deutsche Übersetzungsteam nämlich tunlichst darauf geachtet, überwiegend auf deutsche Äquivalente zu setzen, durch den Verzicht auf zwanghafte 1:1-Interpretationen unangenehm peinliche Dialoge zu vermeiden. Ein wahres Lesevergnügen, das höchstens durch seltene Rechtsschreibfehler ein wenig getrübt wird.



    Pin-Punches auf die Noise-Nase


    Unverständliches Kauderwelsch brauche ich aber nicht zu befürchten. Definitiv ein Grund zum Aufatmen, würde solch eine grammatikalische Unachtsamkeit das Verstehen und erfolgreiche Absolvieren der wichtigsten Tagesaufgaben doch ungemein erschweren – in NEO: The Worlds Ends with You stellt dieser Prozess nämlich den effektivsten Weg in Richtung Siegertreppchen dar. Also turne ich mit meinen Verbündeten durch die überschaubaren Schauplätze Shibuyas und bewältige kleinere, nur selten wirklich fordernde Reaper-Knobelaufgaben, darf die grauen Zellen dementsprechend getrost auf Sparflamme laufen lassen.


    Dass beim Spiel der Reaper allerdings nicht nur gemütliches Sightseeing und das Lösen simpler Rätsel auf dem Tagesprogramm stehen, dürfte nicht nur Kenner des Vorgängers überraschen, lässt doch bereits der Name eine tödliche Komponente erahnen. Kein Wunder, wer nämlich den erhofften Spitzenplatz erklimmen und somit einem tödlichen Schicksal entfliehen möchte, muss auch in dieser Runde wieder eine Vielzahl garstiger Noise-Kreaturen in die Knie zwingen – und bekommt dabei ein völlig neues Kampfsystem zur Verfügung gestellt, das auf den ersten Blick erschreckend simpel anmutet.


    Jeder meiner Helden ist mit einem übernatürliche Fähigkeiten aktivierenden Anstecker, hier einfach nur Pin getauft, ausgestattet, dessen individuelle Kräfte ich per Eingabetaste entfesseln kann. Damit kombiniere ich einzelne Angriffe raffiniert zu heftigen Kombos, muss aber parallel auch eine gewisse Cooldown-Phase für jeden Pin einkalkulieren. Sind die paranormalen Kräfte nämlich abgefeuert, müssen sie sich zunächst regenerieren, bevor sie mir wieder zur Verfügung stehen. Wollt ihr also nicht wehrlos in der Gegend herumstehen, ist ein offenes Auge unverzichtbar.


    Dem richtigen Timing kommt ebenfalls eine wichtige Rolle zu. Achte ich beim Malträtieren meiner bestialischen Widersacher nämlich auf den korrekten Rhythmus, fülle ich nach und nach die am oberen Bildschirmrand angezeigte Groove-Leiste. Erreicht diese 100%, entfessle ich einen schmerzhaften Team-Angriff. JRPG-Standard, der aus innovationstechnischer Sicht keinen Gamer mit einem Fünkchen Genre-Erfahrung aus den Latschen kippen dürfte.


    Dennoch handelt es sich beim Kampfsystem von NEO: The Worlds Ends with You nicht um eine lieblose Kopie geläufiger Echtzeitgefechte, sondern präsentiert vor allem bei der Mobilität einen spannenden Ansatz. Anstatt eine Truppe wie in Kingdom Hearts oder Persona 5: Strikershektisch über das Schlachtfeld zu bewegen, beschränken sich die Steuerungseingaben hier auf ein Minimum, hauptsächlich auf das Bewegen meines aktuell ausgewählten Helden und der Kamera sowie der rechtzeitige Einsatz eines rettenden Ausweichmanövers. Die Kontrolle meiner Verbündeten und das Anvisieren meiner Feinde nimmt mir derweil der Computer ab und sorgt dafür, dass ich mich vollends auf die Offensive konzentrieren kann.


    Ein gewagtes Experiment, hätte mich der Einbau solcher Automatismen doch genauso gut in die Passivität drücken, notwendigen Anspruch also vollends vermissen lassen können. Doch das Gegenteil ist der Fall: Blitzschnelle Charakterwechsel und geschmeidige Pin-Einsätze ergeben in Kombination mit einem erhöhten Tempo einen prächtigen Flow, der meine volle Konzentration erfordert und mich kaum durchatmen lässt. Da werden kleine Fehler gerne gnadenlos bestraft – auf etwaige Hilfestellungen durch die Steuerungsübernahme darf man sich hier also definitiv nicht verlassen.



    Per strategischer Nachjustierung in Richtung kämpferischer Perfektion


    Mit über 300 Pins, die ich vollkommen unkompliziert käuflich erwerben, sie aber auch durch das erfolgreiche Absolvieren fordernder Duelle und dem Erreichen bestimmter Handlungsmomente meiner Sammlung hinzufügen darf, lädt mich NEO: The World Ends with You zum Experimentieren ein, bietet mir unzählige Möglichkeiten, meine Strategie nach jeder kämpferischen Noise-Begegnung zu überdenken und zu verfeinern.


    Erfreulicherweise erweist sich bereits diese Anpassungsoption als hervorragender Schutzwall gegen drohende Monotonie, die ich aufgrund recht ähnlich ablaufender Gefechte anfangs noch für unvermeidbar gehalten hatte. Zwar mag ich (stumpf zusammengefasst) mit simplem Knöpfchendrücken rasant durch mein zur Verfügung stehendes Angriffsrepertoire hüpfen, beiße mir ohne taktisches Vorgehen aber spätestens an den hartnäckigen Bossen, auf höheren Schwierigkeitsstufen gelegentlich sogar an harmlos erscheinenden Standardmonstern die Zähne aus.


    Die liebevoll erzwungene Auseinandersetzung mit dem Kampfsystem verpasst der augenscheinlich vorherrschenden Simplizität einen gewissen Tiefgang, sorgt dafür, dass ich auch nach unzähligen Spielstunden noch bestens unterhalten werde und Anflüge ermüdender Langeweile optimal abwehren kann. Gänzlich ausradiert werden diese zwar leider nicht – vor allem seltene Offensivwellen gleicher Gegnertypen reißen dabei unnachgiebig an meinem Geduldsfaden und verpassen diesem leichte Risse –, sorgen jedoch höchstens für einen marginalen, kaum spürbaren Abfall der Unterhaltungskurve.


    Zum Totalausfall wird das neue Kampfsystem von NEO: The World Ends with You dadurch aber definitiv nicht, zeigt allerhöchstens marginale Ermüdungserscheinungen, gegen die sich nur wenige JRPGs mit monströser Gesamtspielzeit erwehren können. Steige ich nämlich engagiert ins Pin-Game ein und tobe mich hier ordentlich aus, erarbeite ich mir nicht nur grandiose Killerstrategien, sondern erzeuge gleichzeitig einen nicht zu unterschätzenden Motivations-Boost, der mich durch eher weniger fesselnde Fights trägt – eine geglückte Balance.



    Voller Bauch + cooler Style = Neue Power!


    Verhelfen mir dann aber selbst ausgeklügelte Pin-Kombinationen nicht zum glorreichen Erfolg, greifen mir zumindest meine altbekannten, zuverlässigen JRPG-Freunde tatkräftig unter die Arme: die Erfahrungspunkte! Diese sorgen nämlich nicht nur für einen regelmäßigen Stufenanstieg meines Teams, sondern peppen zudem meine ausgerüsteten Pins auf, verwandeln eine anfangs schier unbesiegbare Noise-Herausforderung schnell wie eine winzige Hürde erscheinen.


    Dabei belässt es NEO: The World Ends with You allerdings nicht, sondern spendiert mir eine weitere Upgrade-Möglichkeit, die durch den erstklassigen Einsatz der lebendigen Spielwelt nicht nur die grandiose Atmosphäre ungemein dichter, sondern auch das Mittendrin-Gefühl bedeutend packender gestaltet. Lechze ich nämlich nach neuer Stärke, möchte dabei aber auf langwierige Grind-Ausflüge verzichten, greife ich mir einfach meine Geldbörse und gehe im virtuellen Shibuya auf ausgiebige Shoppingtour.


    Und da das Spiel der Reaper für ordentlich Kohldampf sorgt, handelt es sich bei meiner ersten Station logischerweise um einen Burgerladen, in dem ich mir ein schmackhaftes Fischbrötchen mitsamt Pommes und Limo gönne. Ein ultimatives Menü, das nicht nur meinen Hunger stillt, sondern gleichzeitig auch meinen Style-Level in die Höhe treibt. Und je höher dieser ausfällt, desto mehr Fähigkeiten meiner ausrüstbaren Kleidungsstücke kann ich aktivieren. Sprich: Hier kann man sich guten Gewissens den Bauch vollschlagen!


    Wer nun schnurstracks alle kulinarischen Etablissements des Tokioter Bezirks abklappern und zur unersättlichen Fressmaschine mutieren möchte, um möglichst rasant die Kräfteleiter zu erklimmen, wird durch die Sättigungsanzeige rasant ausgebremst. Sind die Bäuche eurer Helden nämlich gefüllt, ist erstmal Schicht im schlemmerhaften Schacht, an weitere genüssliche Leckerbissen erst nach einigen Kämpfen und der daraus resultierenden Kalorienverbrennung zu denken.


    Auch an dieser Stelle eröffnet mir NEO: The World Ends with You interessante Mechaniken, die alleinstehenden eher altbacken und angestaubt anmuten, durch eine gekonnte Verzahnung jedoch zu einem wahren Vergnügen mit Suchtgarantie ausarten. Habe ich mir in einem der zahlreichen Modegeschäfte ein schickes Polo-Shirt mit HP- und Defensiv-Boost gegönnt, muss ich zunächst eine gezielte Fresseinheit einlegen, um eben diese hilfreichen Statusverbesserungen nutzen zu können, muss dabei aber natürlich nicht nur mein Konto, sondern eben auch die Sättigung im Blick behalten – und darauf achten, dass ich nicht eventuell bedeutend sinnvollere Kleidungsstücke vollkommen übersehe.


    Durch Shibuya zu flanieren, die Seele beim Shoppen baumeln zu lassen und meine Truppe durch einen ausgiebig durchkalkulierten Kaufrausch kräftetechnisch gehörig aufzupumpen wurde erstklassig umgesetzt, fällt die Auswahl an Läden, Speisen und Klamotten doch recht umfangreich aus. Gleichzeitig kann erschöpfende Überforderung durch eine zugängliche Konzeptionierung der eigentlichen Verbesserungsmechanik aber geschickt vermieden, mir also durchgehend das Gefühl der völligen Kontrolle und fantastische Übersichtlichkeit vermittelt werden. Schade nur, dass das Verschlingen eines Fast-Food-Menüs mein Style-Level nicht auch im realen Leben steigert.



    Die ungeahnte Macht der sozialen Netzwerke


    NEO: The World Ends with You ist sich der Anziehungskraft des farbenfroh-abgedrehten Settings eindeutig bewusst und gibt sich redlich Mühe, mich auch abseits der Noise-Kämpfe zum Erkunden der anmutigen Häuserschluchten und unterschiedlichen Gebiete zu animieren. Ein Vorhaben, das nicht zuletzt durch die geglückte Integration der Sidequests hervorragend funktioniert.


    Dabei lässt der erste Schritt noch typische JRPG-Kost vermuten: Hilfesuchenden NPCs können wir beim Bewältigen ihrer Problemchen optional unter die Arme greifen und uns dafür Freundschaftspunkte verdienen. Frischen Wind bringt dann das soziale Netzwerk, in dem ich eben diese Punkte ausgeben und in weitere Zusatzfähigkeiten investieren darf. Zugegeben, dahinter versteckt sich zwar nur ein hübsch dekorierter Talentbaum, eben diese originelle Aufbereitungsidee gestaltet das Ausweiten meines Online-Bekanntenkreises aber ungemein unterhaltsamer und motivierender.


    Überhaupt wird mir ausreichend Zeitvertreib geboten, um Shibuya ausgiebig auf den Kopf zu stellen und dabei meine kämpferischen Fähigkeiten und Effektivität zusammengestellter Pin-Sets auf die Probe zu stellen. Beispielsweise darf ich auf Wunsch bereits abgeschlossene Kapitel erneut besuchen, bei teils knackigen Zeit-Herausforderungen die Bestzeit und -wertung einkassieren oder wagemutig den Schwierigkeitsgrad höherstellen, um die Chance auf seltene Super-Pins zu bekommen. Viel zu tun in einer Welt, die ich auch gar nicht verlassen, sondern ganz im Gegenteil noch viel tiefer eintauchen wollte.


    Am Ende des langen Tests kratzte ich an der 60-Stunden-Marke, verspürte bis zu diesem Zeitpunkt allerdings nur selten erste Anzeichen einer geringfügig einsetzenden Langeweile. Und obwohl seltenes Backtracking und spätestens ab der Halbzeit des Abenteuers doch recht ähnlich ablaufende Standardkämpfe den positiven Gesamteindruck leicht nach unten ziehen, kann man den Entwicklerteams von Square Enix und h.a.n.d. guten Gewissens applaudieren. Denn 14 Jahre später so bravourös an die markanten Qualitäten des Originals anschließen, diesen trotz aller Weiterentwicklungen aber durchweg treu zu bleiben, darf man gerne als kleine Meisterleistung bezeichnen.


    Hoffentlich fungiert diese entwicklungstechnische Errungenschaft als Anreiz, die Arbeiten an einem potenziellen dritten Teil schneller zu beginnen, weltweiten Fans die erneute Einladung ins stylische Noise-Shibuya nicht erst nach über einem Jahrzehnt zukommen zu lassen. Denn ich kann es jetzt schon gar nicht mehr erwarten, diese Welt ein weiteres Mal erobern zu dürfen.


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    Fazit


    NEO: The World Ends with You präsentiert sich als phänomenaler Nachfolger des gefeierten Erstlings, kann potenziellen Sequel-Fallen also spielend leicht ausweichen und den enorm hohen Erwartungen somit schlussendlich vollends gerecht werden.


    Das virtuelle Shibuya auf den Kopf stellen, verdientes Geld in köstliche Speisen und coole Outfits zu investieren und sich in der Zusammenstellung der ultimativen Pin-Kombination verlieren, um die taktische Komponente des actionreich-dynamischen Kampfsystems vollends auszuschöpfen, macht nicht zuletzt wegen des sagenhaften Soundtracks (inklusive Ohrwurm-Garantie) einfach nur Laune. Und wird von einer fantastischen Haupthandlung eingerahmt, die mit facettenreichen Pro- und Antagonisten, erstklassig übersetzten Dialogen und zahlreichen Wendungen vollends begeistert, Neueinsteiger durch das gezielte Aufgreifen der Storyfäden des Vorgängers dabei aber zeitweise verliert.


    Als loyaler Fan der ersten Stunde weckten Square Enix und h.a.n.d. eben mit dieser narrativen Meisterleistung meine Neugier und entführten mich anschließend in eine farbenfrohe, durchgestylte und vor Kreativität regelrecht explodierende Welt, die ich trotz inszenatorischer und grafischer Schwächen im Laufe meiner Gesamtspielzeit von fast 60 Stunden zu keinem Zeitpunkt verlassen wollte. Die Frage, ob sich das lange Warten auf NEO: The World Ends with You gelohnt hat, dürfte ich damit beantwortet haben: Weder Serien- noch JRPG-Fans kommen an diesem wilden Reaper-Ritt durch Shibuya vorbei, sollten sich aber bereits vorher die grandiose Musikuntermalung gönnen, um in beste Noise-Vernichtungsstimmung zu kommen. Ihr dürft mir später danken.

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