Gran Turismo 7



  • Die fulminante Rückkehr des Racing-Königs


    1992 begann der japanische Videospieldesigner und mittlerweile auch professionelle Rennfahrer Kazunori Yamauchi mit der Arbeit an einem ambitionierten Projekt, das das Racing-Genre grundlegend verändern sollte. Fünf Jahre später erblickte Gran Turismo, liebevoll auch als The Real Driving Simulator bezeichnet, das Licht der Gaming-Welt und begeisterte weltweite Journalisten und Fans gleichermaßen. Der Rest ist Erfolgsgeschichte.


    Es folgten nicht minder umjubelte Sequels, überschwängliche Wertungen und beachtliche Weltrekorde – immerhin darf sich die Reihe stolz als meistverkauftes PlayStation-Franchise bezeichnen. Damit schien Videospielentwickler Polyphony Digital allerdings noch lange nicht am Ende des kreativen Schaffens angekommen zu sein: Denn pünktlich zum 25-Serienjubiläum geht der neuste Ableger mit PS5-Power an die Startlinie und nimmt sich vor, die Vorgänger optisch sowie spielerisch in den Schatten zu stellen.


    Doch ob Gran Turismo 7 dieses Wunschdenken tatsächlich in die Tat umsetzen und erfolgreich über die Ziellinie donnern kann oder die Feierlichkeiten durch eine enttäuschende Fortsetzung der Hauptreihe getrübt werden, verrate ich euch im Test.


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    Anfängerfehler eines Möchtegern-Profis


    Gran Turismo 7 machte mir innerhalb der ersten Minuten unmissverständlich deutlich, dass ich eine Gaming-Lüge lebte. Im Laufe der letzten Jahre hatte ich in Grand Theft Auto 5 explosive Verfolgungsjagden überstanden, in Burnout: Paradise City Kontrahenten brachial von der Straße gedonnert, in Need for Speed: Hot Pursuit Kurven mit schwindelerregender Höchstgeschwindigkeit genommen. Dementsprechend war ich der Ansicht, dass sich meine Fahrzeug-Skills auf einem soliden Level bewegen, ich das virtuelle Lenkrad also problemlos beherrschen kann.


    Dass Entwicklerstudio Polyphony Digital diese Illusion schonungslos zertrümmern würde, hatte ich nicht erwartet. Denn obwohl ich mich zu Beginn eher auf dem mittleren Schwierigkeitsniveau ansiedelte, mich also offen als erfahrener Racer ohne jegliche Racer-Ambitionen vorstellte, überforderte mich die Tutorial-Strecke vollkommen, konfrontierte mich mit der harschen Realität der komplexen Fahrzeugkontrolle. Sah ich meine bisherigen Erfahrungen zuvor also noch als relativ respektabel, verloren sie schlagartig komplett an Wert.


    Beschleunigen, Abbremsen und Steuern stellte logischerweise kein Problem dar, kaum musste ich meinen Wagen jedoch um eine Kurve lenken, nahm das Chaos seinen Lauf. Unkontrolliert brach mein Wagen aus, kam von der Strecke ab und drehte sich (immerhin optisch anmutig) um die eigene Achse. Jegliche Hoffnungen auf eine Bestzeit, gar das rechtzeitige Überqueren der Ziellinie waren somit binnen kürzester Zeit pulverisiert worden. Hätte ich diesen Move im Kreise meiner Kollegen oder Freunde vollzogen, hätte ich mich doch ein wenig geschämt.


    Nun gut, ein Neustart sollte es richten. Immerhin waren mir die Gefahren und Tücken der realistischen Steuerung jetzt bewusst, also könnte ich so eine popelige Kurve doch locker meistern. Pustekuchen! Zugegeben, die erste Gefahrenstelle brachte ich nicht glänzend, aber akzeptabel hinter mich, erlitt jedoch direkt im Anschluss ein ähnliches vernichtendes Schicksal wie zuvor. Schlagartig wurde mir nicht nur bewusst, dass ich in dieser Racing-Welt der blutige Anfänger war und zur Aneignung wahrer Fahrzeug-Skills noch einen weiten Weg vor mir hätte, sondern auch, weshalb sich Gran Turismo zum wiederholten Male stolz als The Real Driving Simulator bezeichnen durfte.



    Willkommene Einsteigerhilfen


    Kaum hatte ich meine neue Rolle hingenommen und auch Gran Turismo 7 (geringfügig gekränkt) über diese Entscheidung informiert, nahm die zuvor unbarmherzige Rennspielwelt völlig neue Formen an. Rote Markierungen informierten mich über den optimalen Bremszeitpunkt, eine Ideallinie den korrekten Kurs für eine herausragende Rundenzeit und das Hochschalten der Gänge lief vollautomatisch ab. Endlich konnte ich die Tutorial-Hürden überwinden und meine erste Erfolge verzeichnen – angesichts der enormen Hilfestellung gleich diese Aussage aber eher einem Armutszeugnis.


    Erfreulicherweise bekam ich dadurch die Chance, mir Stress und unfreiwillige Niederlagen gezielt vom Leib zu halten und mich stattdessen nach und nach mit den spielerischen Feinheiten der Rennsimulators auseinanderzusetzen. In kürzester Zeit meisterte ich sogar heimtückische Kurven, ließ Kontrahenten mit rasanten Überholmanöver weit hinter mir und verinnerlichte sogar die kleinen, auf der Strecke aber existenziellen Unterschiede zwischen den einzelnen Fahrzeugtypen. Gelegentliche Patzer blieben dabei zwar weiterhin nicht aus, wurden aufgrund eines erstklassigen Weiterentwicklungsgefühl jedoch vielmehr als wichtige Learnings verbucht – immerhin muss ein Fehler zunächst geschehen, damit man ihn in Zukunft vermeiden kann.


    Auch das schnelle und korrekte Reagieren auf unvorhergesehene Ereignisse konnte ich dank weiterhin angebrachter Hilfsräder erlernen. Mitsamt eines dynamischen Wettersystems sorgt Gran Turismo 7 nämlich gerne mal dafür, dass eine zuvor vortrefflich funktionierende Taktik dank unverhofft einsetzenden Regens buchstäblich ins Wasser fällt. Der Blick auf den jederzeit einblendbaren Wetterradar mag zwar eine rasant einsetzende Aufheiterung versprechen, doch kann ich mich darauf wirklich verlassen? Oder bietet sich doch ein Reifenwechsel an? Es sind Entscheidungen, die schnell getroffen werden müssen und dafür sorgen, dass ich mich nie in spielerischer Monotonie verfange, sondern regelmäßig Mit-, Nach- und Umdenken muss.


    Dass meine strategischen Schachzüge oftmals von Erfolg gekrönt sind, ist der bravourösen Einsteigerfreundlichkeit zu verdanken. Polyphony Digital hat sich redlich Mühe gegeben, Anfängern die Hand zu reichen und zunächst in aller Ruhe mit den wichtigsten Eckpfeilern ihrer Racing-Welt vertraut zu machen, bevor der Griff langsam gelockert wird. Kein Wunder also, dass auch ich mit neuem Wissen und gewisser Erfahrung mutiger wurde, die ersten Hilfen ausschaltete und tatsächlich auch ohne Unterstützung das Siegertreppchen betreten konnte. Ein herrliches Gefühl, das ich im Racing-Genre in dieser Form noch nicht erlebt hatte.


    Profis werden über meinen bisherigen Test derweil wahrscheinlich nur müde lachen können. Zwar wird auch ihr fahrerisches Können wieder gehörig auf die Probe gestellt, dabei werden die optionalen Hilfestellungen aber ziemlich sicher zu keinem Zeitpunkt Verwendung finden. Umso erfreulicher, dass sich Gran Turismo 7 nicht nur in eine Richtung lehnt, sondern eben durch diese verfügbaren Optionen Gamer aller Erfahrungsklassen freundlich ans Steuer bittet und Anfängern sowie langjährigen Veteranen feinste Unterhaltung garantiert.



    Strahlende PS5-Grafikpracht


    An dieser Stelle könnte man nun annehmen, dass mich Gran Turismo 7 nur durch den enorm vereinfachten Einstieg an die Konsole fesselte, ich Motorsport-Hohlbrot ansonsten direkt das Weite gesucht und mich in einem stupiden Shooter versteckt hätte. Zwar mag diese Annahme zumindest ansatzweise stimmen, allerdings zog mich bereits die einzigartige Präsentation vollends in ihren Bann.


    Serientypisch wirkten die Menüs zunächst erschreckend schlicht, machten solch einen unscheinbaren Eindruck, dass ich sie fast schon als langweilig bezeichnen wollte. In Kombination mit verboten chilligen Klängen versprüht dieser schlichte Look dann aber doch eine luxuriöse Coolness, einen nahezu magischen Charme, der seinesgleichen sucht. Man könnte meinen, dass Polyphony Digital damit frühzeitig unterstreichen wollte, dass man hier eben nicht einen beliebigen, sondern THE Real Driving Simulator erlebt. Ob dahinter wirklich dieser Gedanke steckt, wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben.


    Kein Geheimnis bleibt derweil die gekonnte Nutzung der neuen Hardware-Power. Während Gran Turismo 7 bereits auf der PS4 eine höllisch gute Figur gemacht, werden auf der PS5 alle grafischen Register gezogen. Jedes der über 400 Fahrzeuge von mehr als 60 Herstellern wird mit einer überwältigenden Detailverliebtheit präsentiert, die nicht nur in der Außen-, sondern auch in der Cockpit-Ansicht zur Geltung kommt. Und obwohl die Karosserien ohne jede Frage im optischem Mittelpunkt stehen, bieten auch die 34 Schauplätze (zusammengesetzt aus realen und fiktiven Strecken) mit ihren 97 Layouts ausreichend visuelle Leckerbissen, um nicht gänzlich im Schatten der Vergessenheit zu verschwinden.


    In Bewegung fusionieren diese beiden Elemente zu einem phänomenalen Gesamtbild, das selbst bei rasantem Tempo und hohem Gegneraufkommen nicht in die Knie geht, sich also zuverlässig im butterweichen 60fps-Bereich ansiedelt. Gönnt man sich im Anschluss an ein erfolgreiches Rennen dann noch die filmreif in Szene gesetzten Replay-Aufnahmen, wird man Zeuge der wahrlich atemberaubenden Ray-Tracing-Effekte, die dem Ganzen den finalen Schliff verpassen. Umso trauriger ist es, dass dieses Upgrade nur bei den Wiederholungen sowie einem Besuch im Präsentationsraum Verwendung findet.


    Wenn ich in meinem Bugatti Vision GT über den Nürburgring düse und dabei anschauliche Wettereffekte beobachten darf, lässt sich dieser Nachteil – ebenso wie seltene Texturproblemchen und aufploppende Objekte sowie ein weiterhin enorm spärlich eingesetztes und dadurch eher vernachlässigbares Schadensmodell – problemlos verschmerzen. Viel zu beeindruckend ist die Tatsache, dass Gran Turismo 7 regelmäßig die Grenze zum Fotorealismus überschreitet und dabei unvergessliche Bilder erschafft, die ich zum Glück direkt speichern und mit der Welt teilen darf. Doch dazu später mehr.



    Eine solide Lenkrad-Alternative


    Selbstverständlich tritt Polyphony Digital nicht direkt auf die Entwicklungsbremse, immerhin wollen nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren in den Genuss einer rundum gelungenen Racing-Simulation kommen. Den Anfang macht dabei ein variantenreicher Soundtrack, der Rock-, Pop-, Electro- und Lounge-Songs gelungen miteinander vermischt, eine Prise klassische Kompositionen hinzufügt und damit eine exzellente musikalische Begleitung erschafft. Natürlich bleiben auch die Motorengeräusche nicht auf der Strecke (sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen): Vor allem Autoliebhaber werden die akustischen Unterschiede zwischen den einzelnen Modellen zu schätzen wissen, sind es doch manchmal nur kleine Nuancen, die liebevoll in das Gesamterlebnis integriert wurden.


    Normalerweise wäre mit zwei stimulierten Sinnen die technische Grenze des Möglichen erreicht gewesen, dank des DualSense-Controllers darf Gran Turismo 7 allerdings eine weitere Station ansteuern – und erneut stellte sich die von mir in der Vergangenheit fälschlicherweise als unnütze Spielerei vorverurteilte Funktion als spielerischer Volltreffer heraus, transportierte mich das haptische Feedback doch direkt ans Steuer, gab mir dabei das Gefühl, meine Hände am Lenkrad zu haben. Durch gezielte Vibrationen spürte ich die Strecke mit all ihren Unebenheiten und auch den Zustand meiner Reifen, während die adaptiven Trigger das Beschleunigen und Abbremsen je nach Auto und Situation in eine völlig neue Erfahrung verwandelten.


    Trotz aller Lobeshymen musste sich der DualSense-Controller im direkten Vergleich mit einem kompatiblen Lenkrad dann aber doch geschlagen geben, verpasste die glorreiche Spitze des Immersionsrankings somit haarscharf. Dennoch bekommen PlayStation 5-Besitzer ohne das nötige Kleingeld für zusätzliche Hardware eine willkommene, da vom Feeling her unglaublich ähnliche Alternative geboten, die der steuerungstechnischen Perfektion unglaublich nahe kommt.


    Damit mag Polyphony Digital die Liste anzusprechender Sinne zwar abgearbeitet haben, nutzt zu guter Letzt jedoch noch eine weitere Hardware-Stärke aus, um auch die Geduldsfäden zahlreicher Gamer mit knappem Zeitkonto zu schonen. Denn die SSD-Magie verkürzt Ladezeiten auch bei Gran Turismo 7 auf ein Minimum, wodurch mehrmalige Neustarts (und davon hatte ich während der ersten Spielstunden eine erschreckende Menge) sowie Menüwechsel nicht zum schrecklichen Warte-Horror, sondern vielmehr zur angenehmen Wohltat werden.



    Motoröl fließt durch die Entwickleradern


    Anstatt sich dem Mainstream oder irgendwelchen aktuellen Trends zu beugen, bleibt Gran Turismo 7 der spielerischen Linie der Vergangenheit treu und verzichtet neben einer offenen Spielwelt zudem auf eine künstlich aufgeblähte und erzwungen zusammengeschusterte Handlung. Stattdessen erwartet mich eine überschaubare Weltkarte, auf der mit zahlreiche Schauplätze per Knopfdruck zu den unterschiedlichen Haupt- und Nebenbeschäftigungen lotsen. Anfänger werden dabei zum Glück nicht erbarmungslos überrollt: Zwar wird die Karte bereits nach dem Intro-Rennen als zentraler Knotenpunkt für alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten vorgestellt, diese werden jedoch erst nacheinander freigeschaltet und nach dem ersten Ansteuern zudem ausführlich erklärt.


    Zusätzlich gibt es in Form des GT Cafés dann doch noch einen roten Faden, den man zwar nicht als tiefgehende Narrative, allerdings als durch das Fahrerlebnis führende Hauptkampagne bezeichnen darf. Denn hier darf ich nicht nur die Seele baumeln lassen, sondern bekomme von Besitzer Luca außerdem verschiedene Menübücher aufgetischt, die es durch das Erfüllen bestimmter Aufgaben zu komplettieren gilt. Beispielsweise muss ich vorgegebene Autos sammeln, bei einer Rennserie einen Podiumsplatz ergattern, mich am Foto-Modus probieren oder einen Wagen in der örtlichen Werkstatt gehörig aufmotzen.


    Das erfolgreiche Abschließen eines Menübuchs wird allerdings nicht mit einem zelebrierenden Erfahrungspunkte- und Geldregen, sondern mit wissenswerten Geschichten belohnt. Als Dankeschön für meine Bemühungen nimmt sich Luca nämlich die Zeit, spannende Fakten über bestimmte Fahrzeugtypen und Herstellern, überhaupt die gesamte Automobil-Kultur mit mir zu teilen, lässt mich durch eine gelegentliche Informationsflut also regelrecht in einen mir zuvor völlig unbekannten Kosmos eintauchen.


    Eine eigentlich simple, aber dennoch wundervolle Idee, die mir Gran Turismos einzigartige Rolle im Genre unmissverständlich deutlich machte: Videospielschmiede Polyphony Digital möchte die facettenreiche Rennsportwelt nicht einfach nur simulieren, sondern sich mit enorm viel Liebe zum Details regelrecht vor ihr verneigen, mich dazu einladen, auch mal unter die Motorhaube zu schauen und beim Verlassen der virtuellen Rennstrecke ein gewisses Grundwissen etabliert zu haben. Ein geglücktes Vorhaben, war mein Interesse doch bereits aufgrund des leidenschaftlich inszenierten Opening Movies direkt geweckt.


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    Mit Vollgas zur neuen Bestzeit


    Abseits des GT Cafés warten viele weitere Möglichkeiten, PS auf die Rennstrecke zu bringen. Fans freuen sich dabei vor allem über die Lizenzprüfungen, eine Aneinanderreihung verschiedener Herausforderungen, bei denen je nach erbrachter Leistung Bronze-, Silber- und Goldmedaillen und zu guter Letzt dann die namensgebende Lizenz verliehen werden. Die einzelnen Disziplinen zu meistern und in den Besitz des digitalen Scheins zu kommen funktioniert mit etwas Mühe und Konzentration zwar recht gut, die geforderten Bestzeiten zu knacken war (vor allem für mich als Laien) dennoch kein Zuckerschlecken. Da jede Runde aber eine gewisse Verbesserung mit sich brachte und die Rekordjagd trotz aller Widrigkeiten zu keinem Zeitpunkt unfair wurde, klemmte ich mich hochmotiviert an den Controller – auch dank der bereits erwähnten Ladezeiten, die mir einen rasanten Neustart ermöglichten.


    Besonders knifflige Aufgabenstellungen zwangen mich gelegentlich dann aber zu einem temporären Stopp, ließen diese sich doch selbst nach unzähligen Anläufen nicht erfolgreich absolvieren. Solche Momenten waren die perfekte Gelegenheit, mich an den weiteren Modi von Gran Turismo 7 auszuprobieren und meine Fähigkeiten für das Meistern der Fortschrittsblockade zu lösen. So durfte ich bei der unglaublich amüsanten Musik-Rallye mit Höchstgeschwindigkeit von Checkpoint zu Checkpoint donnern, um mein Beats-Konto zu füllen und den begleitenden Ohrwurm-Song damit am Laufen zu halten, mein eigenes Wunschrennen erstellen oder mich im Multiplayer lokal via Splitscreen oder auch Online mit menschlichen Mitspielern messen.


    Den Missions-Modus muss man derweil als die Königsklasse bezeichnen. Hier stellte ich mein Können bei Beschleunigungs- und Driftrennen unter Beweis, musste aber beispielsweise auch Leitkegel von der Strecke fegen oder eine Runde mit stark limitierten Kraftstoffreserven beenden. Durch die Ähnlichkeit zu den Lizenzprüfungen stempelte ich diese Aufgaben frühzeitig als händelbar ab, musste nach den ersten vernichtenden Fehlschläge allerdings schnell feststellen, dass hier die Anfänger-Spreu vom Racing-Weizen getrennt wird. Bereits kleinste Fehler kosteten mich wertvolle Millisekunden, ließen die herbeigesehnte Gold-Auszeichnung also in weite Ferne rücken und nur durch astreine Perfektion in erreichbare Nähe zurückholen. Verzweiflung und Hilflosigkeit wurden plötzlich zu meinen Beifahrern, immerhin fehlte mir das Know-how, die benötigten Spitzenleistungen zu entfesseln. Es lag eben noch ein sehr, sehr weiter Weg vor mir.


    Da mir der stattliche Umfang von Gran Turismo 7 aber wochenlange Unterhaltung garantierte, war ich zweifellos bereit, eben diesen Weg frohen Mutes und hochmotiviert zu beschreiten. Dabei schafft es Polyphony Digital erstklassig, das oberflächlich betrachtet relativ eindimensionalen Gameplay mit ausreichend Abwechslung und einem vorantreibenden Fortschrittsgefühl zu versehen, wodurch mich fahrerische Ausrutscher nicht etwa völlig aus der Bahn werfen, sondern zum Erreichen eines neuen Levels, dem Entfesseln neuer Höchstleistungen animieren.



    Schnapp sie dir alle


    Zweifelsohne stellen das Verbessern meiner Fähigkeiten sowie das Bewältigen teils bockschwerer Herausforderungen zwei wichtige Gameplay-Säulen von Gran Turismo 7 dar, ein existenzieller Baustein darf an dieser Stelle allerdings auf gar keinen Fall vergessen werden: Das Auffüllen der virtuellen Garage. Dafür kann ich mich durch die zahlreichen Menübücher des GT Cafés hangeln oder einfach einen Händler ansteuern, bei dem ich preislich faire Gebrauchtwagen, allerdings auch einige unverschämt kostspielige Fahrzeuge käuflich erwerben darf.


    Einem blinden Kaufrausch darf ich mich aber leider nur selten hingeben. Zwar füllen gewonnene Championships und bewältigte Herausforderungen mein Konto mit Credits (die virtuelle Währung der Simulation), ein Großteil der Rennboliden wechselt allerdings nur für stattliche Summen den Besitzer. Geduldiges Sparen ist also ebenso wichtig wie eine wohlüberlegte Kaufentscheidung: Investiere ich nämlich nach langer Wartezeit endlich in einen Luxusschlitten, rücken weitere Käufe zunächst in weite Ferne.


    Immerhin wird der Schmerz eines schlagartig geleerten Portemonnaies schnell gelindert. Denn kaum darf ich meine neuste Errungenschaft auf der Strecke ausprobieren, mich mit allen individuellen Besonderheiten vertraut machen sowie die unfassbare Detailverliebtheit in der Außen- und Cockpit-Ansicht bewundern, sind potenzielle Geldsorgen wie verflogen. Jeder Wagen fühlt sich einzigartig an, weshalb jede Erweiterung meiner Kollektion einen kleinen Meilenstein darstellt.


    Nach ausgiebigem Anhimmeln empfiehlt sich auch ein kurzer Abstecher in die Werkstatt. Hier lassen sich die fahrbaren Untersätze dann mit allerlei Ersatzteilen leistungstechnisch verbessern, per Lackierungseditor sogar zusätzlich optisch aufwerten. Sogar eine Autowäsche und ein Ölwechsel sind möglich, um die gute Motorjunkie-Seele zu beruhigen. Tuning-Freunde kommen also gehörig auf ihre Kosten, dürfen sie ihre PS-Juwelen doch nach allen Regeln der Kunst aufpeppen, bekommen dabei höchstens durch Preisschilder temporäre Grenzen aufgezeigt.


    Im Präsentationsraum darf ich meine visuell anmutige Sammlung jederzeit begutachten, dank cineastischer Replay- und imposanter Fotoaufnahmen zudem anschaulich in Szene setzen und sogar mit der gesamten Welt teilen, um ein wenig zu prahlen. Perfektionisten finden hier diverse Möglichkeiten, einem Schnappschuss den letzten Feinschliff zu verpassen, durch kleinste Anpassungen ein beeindruckendes Kunstwerk zu schaffen, das sich sogar einen Platz in einem Fahrzeugmagazin verdient hätte. Da verliert man die eigentliche Hauptaufgabe gerne mal für einige Stunden aus dem Blick.



    Die perfekte Racing-Balance


    Ich muss zugeben, dass mich Gran Turismo 7 nach anfänglichen (und eigens verschuldeten) Startschwierigkeiten überraschte. Befürchtete ich hinter dem Real Driving Simulator eine virtuelle Racing-Hölle für gänzlich unerfahrene PS-Interessenten, fiel mein Einstieg angenehm geschmeidig aus. Zwar wurden mir meine fahrerischen Grenzen gelegentlich ungeschönt deutlich gemacht, zugleich aber auch durch kleinste Erfolgsmomente unterstrichen, dass eine Leistungssteigerung definitiv möglich ist, mir die Pforten zur Renn-Welt also jederzeit offenstehen.


    Dass Polyphony Digital dabei ein wenig tricksen musste, wurde mir spätestens beim ersten Stelldichein mit KI-Karosserien bewusst. Obwohl diese den Spitzenplatz ebenfalls stets im Visier behielten und sich nur äußerst selten nennenswerte Fehler erlaubten, gelangen mir rasant die ersten Überholmanöver, sogar die ersten glorreichen Siege, die ich als Newcomer bei der als enorm strapaziösen Simulation so früh überhaupt nicht erwartet hätte. Erkenntnisse, die zu einer großen Schlussfrage führten: Ist Gran Turismo 7 für mich etwa ein himmlischer Einstieg, für Profis im Gegenzug aber eine ermüdende, da kaum fordernde Schlaftablette auf vier Rädern?


    Mitnichten!“, versicherte mir ein guter Freund und bekennender Racing-Fan, den ich mir für eine spontane Testsession eingeladen hatte. Ja, nach seinem Geschmack könnten die computergesteuerten Gegner auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad das Gaspedal etwas vehementer malträtieren, fällt das Erobern und Halten des ersten Platzes auf einigen Strecken jedoch unvermutet simpel aus. Allerdings stellen diese Situationen eher eine Ausnahme dar, zudem liegt die eigentliche Herausforderung ja eh bei den Lizenzprüfungen und Missionen verborgen. Eine Aussage, dir mir mein geladener Freund flugs unter Beweis stellte – und bei einer Challenge trotz seines Know-hows chancenlos unterging.


    Auf der weißen Gameplay-Weste von Gran Turismo 7 lässt sich sicherlich der eine oder andere bedauerliche Ölfleck ausfindig machen, diese werden durch eine umfangreich sowie optisch traumhafte Wagenauswahl, viele Strecken, unterhaltsame Modi und unzählige Tuning-, Aufhübsch- und Präsentationsmöglichkeiten meisterhaft kaschiert, verkommen im Gesamtbild also zu einer mühelos zu ignorierenden Randnotiz, die in Zukunft via Patch vielleicht sogar gänzlich entfernt werden. Und das Beste: Diese Weste kommt in allen Größen und passt Anfängern sowie Profis!


    Ein Kleidungsstück, dass mir anfangs nicht wirklich geheuer war, das ich nach dem ersten Anprobieren allerdings gar nicht mehr ablegen wollte. Und obwohl dieser Test mittlerweile über 3000 Wörter fasst, habe ich nicht das Gefühl, meine Begeisterung für das Meisterwerk aus dem Hause Polyphony Digital vollumfänglich zu Papier gebracht zu haben. Gran Turismo 7 muss man live erleben, die volle Pracht auf dem Bildschirm bestaunen, den fahrbaren Untersatz in seinen Handflächen spüren, um letztlich zu einer Erkenntnis zu kommen: Polyphony Digital hat sich abermals selbst übertroffen.


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    Fazit


    Ich hätte es der japanischen Videospielschmiede Polyphony Digital verziehen, wenn der kreative Entwicklungsmotor nach 25 Jahren in puncto Leistungsfähigkeit einige Federn lassen musste, deutliche Alterserscheinungen kaum mehr verbergen kann. Stattdessen behauptet sich das Team rund um Altmeister Kazunori Yamauchi bravourös gegen den hartnäckigen Zahn der Zeit und präsentiert mit Gran Turismo 7 eine phänomenale Weiterentwicklung des Real Driving Simulators, die nicht nur spielend leicht mit den zahlreichen Vorgängern mithalten, sondern sich zudem stolz als ein weiterer Meilenstein der legendären Reihe bezeichnen darf.


    Mit einer unvergleichlichen Detailverliebtheit kreiert die Racing-Simulation einen atmosphärisch dichten, optisch imposanten, dank des DualSense-Controllers beeindruckend immersiven und zudem überwältigend realitätstreuen Renn-Kosmos, der dank zahlreicher Anpassungsmöglichkeiten und Hilfseinstellungen nicht nur langjährige GT-Veteranen, sondern auch Neueinsteiger zur rasanten Spritztour einlädt. Und mit über 400 Fahrzeugen, mehreren (teils bockschweren) Herausforderungen, umfangreichem Tuning- und Lackierungsoptionen, amüsanten Online-Modi sowie einer unterhaltsamen Rahmenhandlung in Form der Menübücher des GT Cafés wochenlang an die PlayStation fesselt.


    All diese Elemente machen Gran Turismo 7 nicht nur zu einer fantastischen Racing-Simulation, sondern zu einem emotionalen Liebesbrief, einer respektvollen Verbeugung vor dem Motorsport, den Polyphony Digital regelrecht zu leben scheint. Dass das Schadensmodell weiterhin ein Alibi-Dasein führt und kleinere KI-Schnitzer den Schwierigkeitsgrad gelegentlich zu niedrig ansetzen, fällt dann auch gar nicht mehr ins Gewicht. Der Racing-König ist zurück – und wer auch nur ein Fünkchen PS-Leidenschaft in seinem Herzen trägt, sollte ohne große Überlegungen zugreifen!

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