Tiny Tina's Wonderlands



  • Frischer Wind im Loot-Wunderland


    Wer hätte gedacht, dass das amerikanische Entwicklerstudio Gearbox Software mit Tiny Tina's Sturm auf die Drachenfestung Juni 2013 nicht nur einen phänomenalen DLC für den gefeierten Action-RPG- und Ego-Shooter-Hybriden Borderlands 2, sondern zeitgleich auch einen gedanklichen Kreativspielplatz für in ferner Zukunft liegende Abenteuer geschaffen hatte? Fast zehn Jahre später erblickt das aus gesammelten Erfahrungen, Einfällen und Weiterentwicklungsideen entstandene Endresultat nun endlich das Licht der Videospielwelt: Tiny Tina's Wonderlands!


    Und tatsächlich könnte der gewählte Zeitpunkt kaum besser sein. Denn mit der mittlerweile drei Jahre zurückliegenden Veröffentlichung von Borderlands 3 schien der Reihe – oder zumindest dem gewählten Setting – langsam, aber sicher die Puste auszugehen. Da kommt ein abgedrehtes Spin-Off, das den altbekannten Franchise-Stärken einen farbenfrohen Fantasy-Neuanstrich verpasst wahrlich wie gerufen.


    Doch konnte Gearbox diese Chance erfolgreich beim Drachenschwanz packen? Oder landete das Team trotz einer alternativen Präsentationsroute doch nur in einer schöpferischen Repetitionssackgasse? Als bis an die Zähne bewaffneter Held stürzte ich mich in einen magischen Test-Marathon und liefere euch stolz (und mit kostbaren Schätzen gefüllten Taschen) die passenden Antworten.


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    Folgt der B&B-Chefin!


    Sicherlich mag ein futuristisches Sci-Fi-Szenario einen gewissen Reiz ausstrahlen. Irgendwann dürfte man allerdings auch von technologisch hochwertigen Raumstationen, mit monströsen Gefahren vollgestopften Planeten sowie aus einem Mad Max-Streifen entsprungene Banditen gehörig die Schnauze voll haben. Zumindest schien es der aufgeweckten und psychisch eher sprunghaften Explosionsexpertin Tiny Tina so zu ergehen: Kurzerhand hängt der Borderlands-Fanliebling nämlich das umfangreiche Waffenarsenal temporär an den Nagel und flüchtet lieber in eine ähnlich wahnsinnige, dafür vollends in der eigenen Kontrolle liegende Fantasy-Welt.


    Und da ein Videospiel im Videospiel weder ein innovativer, noch ein sonderlich spannender Einfall gewesen wäre, hat sich Gearbox Software vom namhaften Tabletop-Klassiker Dungeons & Dragons inspirieren lassen und Tina kurzerhand eine völlig eigene, auf den brillanten Namen Bunkers & Badasses getaufte Brettspielwiese zur Verfügung gestellt. Wenig überraschend, dass die aufgeweckte Bumm-Bumm-Fanatikerin in ihrer Rolle der kommandierenden Spielleiterin vollends aufgeht, darf sie der in ihren enorm komplexen Gedankengängen angestauten Fantasie doch endlich freien Lauf lassen.


    Als Teilnehmer der geselligen Runde darf ich in Tiny Tina's Wonderlands dafür sorgen, dass das daraus resultierende Abenteuer nicht etwa zum Rohrkrepierer verkommt, sondern mit spannenden Geschichten, packenden Kämpfen und unverhofften Wendungen zum wahren Unterhaltungsgaranten wird. Anstatt als harmloser Krieger oder entstellter Ork, beginne ich meinen heldenhaften Weg nämlich als glorreicher Schicksalsmacher, der sich laut Legenden dem ultimativen Bösen in Form des finsteren Dragon Lords entgegenstellen und in einem epischen Gefecht in seine Schranken weisen wird.


    Dass der ruhmreiche Triumph jedoch nicht direkt hinter der ersten Ecke wartet, sondern ich mich zunächst tödlichen Gefahren stellen, heimtückische Fallen überwinden und niederträchtige Schergen des gefürchteten Oberbösewichts in die Knie zwingen muss, dürfte wohl keinen Videospielkenner wundern. Und dann wäre da ja noch Tiny Tina höchstpersönlich, die mir gerne ohne jegliche Vorwarnung neue Herausforderungen in den Weg wirft und schrill lachend dafür sorgt, dass der Grat zwischen Sieg und Niederlage stetig schmaler wird...



    Gewohnt abgedrehter Borderlands-Humor


    Strenggenommen fällt der Hauptplot von Tiny Tina's Wonderlands mit Blick auf den maßgeblichen roten Faden recht simpel aus und versucht nur selten, aus der Gut gegen Böse-Formel auszubrechen. Schnell wurde mir allerdings bewusst, dass eben dieser rote Faden überhaupt nicht im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr als Mittel zum Zweck dient – und ich mich eher auf das herrlich verrückte Drumherum konzentrieren sollte.


    Ein geselliges Tabletop-Abenteuer als erzählerischen Rahmen für die heroische Reise zu wählen ist dabei ein wahrlich herausragend umgesetzter Handlungskniff, Tiny Tina die narrative Kontrolle zu übergeben derweil das perfekte i-Tüpfelchen. Jegliche Regeln der Realität werden dadurch ohne Vorwarnung gerne auf den Kopf gestellt, aktuelle Schauplätze und Gegneraufkommen aufgrund einer spontanen Laune der hochmotivierten Spielleiterin grundlegend optimiert. Dennoch wirkt das Gesamtwerk nicht etwa wahllos zusammengewürfelt, sondern folgt einer extrem eigensinnigen, aber eindeutig durchdachten Fantasie-Struktur, die mich ständig aufs Neue überrascht.


    Perfekter Nährboden für den typischen Borderlands-Humor, der auch in Tiny Tina's Wonderlands nicht zu kurz kommt. Ob nun skurrile Charaktere, aberwitzige Situationen oder obszöne Gags, alle wichtigen Serienpfeiler sind in Bord und werden beim Kampf gegen den Dragon Lord gnadenlos abgefeuert. Davon profitieren auch die zahlreichen Nebengeschichten, die vor grandiosen Einfällen und Anspielungen nur so strotzen und sich somit als zuverlässiger Bestandteil der effektiven Comedy-Lawine präsentieren. Damit kredenzt mir Gearbox ein optimales Training für die Lachmuskeln und erlaubt sich dabei nur selten unliebsame Fehlschläge.


    Wart ihr bereits in der Vergangenheit kein großer Freund dieses – nennen wir ihn mal sehr großzügig besonderen – Humors, wird euch auch das farbenfrohe Spin-Off sicherlich nicht umstimmen, aber definitiv gelegentlich für einen kleinen Schmunzler sorgen: Tiny Tina kann man nämlich einfach nur ins Herz schließen. Muss allerdings auch bereit sein, sich ihrem grenzenlosen Wahnsinn hinzugeben.



    Farbenfroher Cel-Shading-Regenbogen


    Allerdings fungiert nicht nur die humorvolle Erzählweise als existenzieller Stützpfeiler für die gekonnte Umsetzung und atmosphärische Dichte des neuen Szenarios. Denn mit einer wundervollen Präsentation garantiert Tiny Tina's Wonderlands erstklassig, dass die schräge Fantasiewelt überhaupt erst zum Leben erwacht und mich in ihrem manischen Bann zieht.


    Dabei spielt die durchaus passende, weltbewegende Kompositionen jedoch schmerzlich vermissen lassende Musikuntermalung aufgrund der herausragenden Wahl der englischen Synchronsprecher eine untergeordnete Rolle. Neben Andy „Brooklyn Nine-Nine“ Samberg, Will „Bojack Horseman“ Arnett und Comedian Wanda Sykes dürfen sich Fans dabei primär über die Rückkehr von Ashly Burch freuen, die mit ihrer einzigartigen Stimmgewalt der facettenreichen Psycho-Protagonistin abermals vollends gerecht wird – und sich dadurch für eine Vielzahl der fantastischen Lacher verantwortlich zeichnet. Mit Sabine „Lisa Simpsons“ Bohlmann fährt auch die deutsche Fassung schwere Sprechergeschütze auf und präsentiert sich allein dadurch qualitativ überraschend stark, schrammt allerdings haarscharf am enorm hohen Niveau des Originals vorbei.


    Für visuelle Freuden sorgt derweil der serientypische Cel-Shading-Look, der nach Borderlands 3 förmlich revitalisiert wirkt. Hatte sich hier nämlich bereits eine gewisse optische Redundanz eingestellt, wird diese bei Tiny Tina's Wonderlands dank einer Vielzahl fantasievoller Schauplätze, detailreicher Feinde und anschaulicher Zaubersprüche gekonnt ausgemerzt. Knallige Farben, anschauliche Effekte und grafische Abwechslung sorgen für ein angenehm erfrischendes, wenn auch im direkten Vergleich mit den Vorgängern nicht grundlegend weiterentwickeltes Gesamtbild, das durch einen gekonnt angewendeten Feinschliff den einen oder anderen Augenschmaus in petto hat.


    Trotz aller Lorbeeren darf sich Gearbox Software in dieser Kategorie auch Post-Launch nicht gemütlich zurücklehnen. Vor allem auf der Playstation 5 wird die wilde Tabletop-Sause nämlich von diversen technischen Schnitzern geplagt, wobei nicht nur eine recht instabile Framerate, sondern auch nervige Bugs und Glitches sauer aufstoßen. Zwar nahmen diese Mängel beim Test zu keinem Zeitpunkt katastrophale Ausmaße an, ich blieb also von unfreiwilligen Quest-Blockaden und Abstürzen verschont, dennoch sind derzeit noch einige Patches notwendig, um diese Probleme glattzubügeln.



    Zeit für neue Badass-Helden


    Klingt fantastisch, oder? Kein Wunder, dass ich direkt in das Abenteuer hineinspringen und mit meinen magischen Fantasy-Waffen für Recht und Ordnung sorgen wollte. Dabei wurde ich von Neuerung in der Borderlands-Welt ausgebremst, mit der ich sogar beim gemeinsamen Spieleabend mit Tiny Tina nicht gerechnet hätte: einer umfangreichen Charaktererstellung!


    Anstatt erneut vorgefertigte Helden vorgesetzt zu bekommen, darf ich mein Alter Ego dieses Mal selbst zusammenbauen. Erfreulicherweise hält sich Tiny Tina's Wonderlands dabei nicht zurück, sondern bombardiert mich vielmehr mit etlichen Anpassungsmöglichkeiten, wodurch ich anmutige, gestählte, verweichlichte, schrille, aber auch schockierend groteske Kreationen erschaffen und auf die prinzipiell mit wunderlichen Figuren gefüllte Welt entlassen darf. Knapp eine halbe Stunde hielt ich mich im Editor auf, fügte meiner Figur kleinste Besonderheiten hinzu, passte sogar liebevoll Ohren, Nase und Augen an. Ein herrlicher Spaß, dem wahrlich keine Grenzen gesetzt wurden.


    Doch nicht nur Name, Aussehen und Stimme, auch die Klasse muss in diesem frühen Stadium festgelegt werden. Brr-Serker, Klauenbringer, Grabspross, Zauberschütze, Sporenhüter und Killomant stehen dabei zur Wahl und klingen nicht nur wahrlich heroisch, sondern bestimmen zugleich, mit welchen Skills ich dem Bösen den Kampf ansage. Auf Wunsch spezialisiere ich mich auf Feuerkraft, Nahkampf oder Magie, darf mir obendrein sogar einen übernatürlichen Wegbegleiter zur Seite stellen. Und obwohl alle Klassen individuelle Vor- und Nachteile beherbergen und ich im späteren Spielverlauf zudem noch eine zweite Rolle annehmen darf, fällt die finale Entscheidung ungemein schwer – und sollte vor allem mit Blick auf mein bevorzugtes Vorgehen wohlüberlegt sein.


    Am Ende war ich damit aber immer noch nicht angekommen, brauchte der Schicksalsmacher doch auch eine passende Ursprungsgeschichte, die gleichzeitig meine anfänglichen Attributswerte festlegt. Sollte ich mich lieber auf brachiale Stärke konzentrieren, dafür aber auf Geschicklichkeit und Konstitution pfeifen? Vielleicht würde sich aber auch eher eine Investition in meine Intelligenz rentieren, damit ich als Zauberer fatale Sprüche öfter einsetzen darf? Auch hier wird sichergestellt, dass es keine grundlegend falsche Entscheidung gibt, also alle Schöpfungen gegen die Gefahren der Fantasiewelt bestehen können. Dennoch ist eine Orientierung an der gewählten Klasse nicht nur empfehlenswert, sondern sorgt vor allem dafür, dass das volle Potenzial des eigenen Superkriegers vollends ausgeschöpft werden kann.



    Altbekannte Weltenerkundung


    Endlich waren die einleitenden Zwischensequenzen und auch die zugegeben unterhaltsame, aufgrund meines eigenen Perfektionsdrangs jedoch langwierige Charaktererstellung erledigt. Nun durfte ich mich mit dem von zahlreichen Abenteuern gezeichneten Brr-Serker namens Bonestorm gegen Drachen, Skelette, Magier und andere Kreaturen behaupten, unterjochte Dorfbewohner retten und dem ultimativen Bösen lautstark den Kampf ansagen. Vermutete ich aufgrund der bisher unerforschten Fantasy-Welt auch ein frisches Gameplay, wurde ich stattdessen von altbekannter Borderlands-Kost begrüßt.


    In der Ego-Perspektive springe ich also durch relativ linear gestaltete Schauplätze und mähe mit allerlei Ballermännern, Zaubern, Spezialangriffen oder alternativ auch schmerzhaften Nahkampfmanövern alles nieder, was nur im Ansatz mit dunklen Mächten in Verbindung zu stehen scheint. Zwar darf ich hier und da mal durch die Gegend springen und dabei Vorräte oder Geheimnisse entdecken, schlussendlich werde ich aber von einer blei- (oder eher magie-)haltigen Konfrontation zur nächsten gelotst, muss mich dabei nicht nur gegen kleine Armeen, sondern manchmal auch gegen angriffslustige Bosse mit einer erschreckend widerspenstigen Gesundheitsliste anlegen.


    Dabei werde ich, wie sollte es bei einem Spin-Off der Borderlands-Reihe auch anders sein, unaufhörlich von Loot überschüttet. Gefühlt an jeder Ecke und nach jedem gewonnenen Duell erhalte ich neue Waffen, Schilde und andere hilfreiche Ausrüstungsgegenstände, die allesamt mit individuellen Stärken, Schwächen und Sonderfunktionen ausgestattet sind. Eine regelmäßige Anpassung meines aktuellen Equipments wird somit Pflicht, um kommende Herausforderungen leichter bewältigen und auch die härteren Brocken spielend leicht in die Knie zu zwingen. Leider bleibt die Inventarverwaltung weiterhin recht chaotisch, zehrt vor allem beim mühsamen Vergleichen und Aussortieren mitunter gerne am Nervenkostüm. Vor allem experimentierfreudige Loot-Sammler kommen bei Tiny Tina's Wonderlands vollends auf ihre Kosten und müssen aufgrund eines famosen Suchtfaktors beim Neuausrüsten aufpassen, die eigentliche Mission nicht aus den Augen zu verlieren.


    Erfahrungspunkte dürfen bei einem waschechten (Action-)RPG natürlich ebenfalls nicht fehlen. Diese erhalte ich – wie sollte es auch anders sein – für das Besiegen fieser Monster und das erfolgreiche Abschließen von Haupt- und Nebenquests. Früher oder später steige ich im Level auf und schalte dadurch nicht nur neue Kräfte, sondern auch neue Fähigkeiten frei, die mein kämpferisches Repertoire auf dem Schlachtfeld erweitern. Altbekannte Genre-Kost also, die Gearbox Software nun wirklich nicht revolutionieren muss.


    Zusätzlichen Pepp bringen die Heldenpunkte. Diese winken beim Stufenanstieg als zusätzliche Belohnung, können allerdings auch für das Erfüllen optionaler Herausforderungen, beispielsweise das Einsammeln einer bestimmten Goldmenge oder Eliminieren einer vorgegebenen Gegneranzahl kassiert werden. Investieren darf ich die Punkte in meine heroischen Attribute, wodurch sich die während der Charaktererstellung getroffenen Entscheidungen entweder festigen oder in eine andere Richtung lenken lassen. Tiny Tina's Wonderlands bietet also gewohnt viele Verbesserungsmöglichkeiten, die mich die gesamte Spielzeit hindurch zuverlässig bei Laune halten.



    Eine Weltkarte voller Geheimnisse


    An dieser Stelle könnte man meinen, dass es sich bei Tiny Tina's Wonderlands einfach nur um ein handelsübliches Borderlands im Fantasy-Gewand handelt – und würde mit dieser Behauptung gar nicht mal so falsch liegen. Dennoch lag Gearbox auch im spielerischen Bereich nicht auf der faulen Haut, sondern erweitert das Gameplay-System der Vorgänger um ein brandneues Element, das sich als wahres Franchise-Alleinstellungsmerkmal entpuppt: die Oberwelt.


    Dabei handelt es sich um eine aus zahlreichen Oldschool-RPGs bekannte Weltkarte, die ich mit meinem Helden aus der Third-Person-Perspektive frei bereisen darf, um die verschiedenen Gebiete direkt anzusteuern. Auf eine in sich geschlossene Open World wurde also verzichtet, was im Kontext der übergeordneten Rahmenhandlung erstklassig funktioniert und zugleich weitere Erkundungsmöglichkeiten, beispielsweise verborgene Schätze, Nebenquests und andere Geheimnisse, eröffnet.


    Im hohen Gras treffe ich als langjähriger Rollenspiel-Freund derweil auf einen weiteren alten Bekannten, den ich in diesem magischen Abenteuer definitiv nicht erwartet hätte. Gelegentlich wird meine Reise nämlich urplötzlich durch einen Zufallskampf unterbrochen, der allerdings nicht rundenbasiert abläuft, sondern mich in eine überschaubare Arena befördert, die es von unliebsamen Feinden zu säubern gilt. Und da ich auch dafür massenweise und Loot und Erfahrungspunkte kassiere, erhalte ich zwischen der eigentlichen Dunkelheitsbezwingung regelmäßig die perfekte Chance, durch ein wenig Training im Level aufzusteigen und kommenden Gefahren mit einem müden Lächeln zu begegnen.


    Gearbox gelingt es mit diesem simplen Feature gekonnt, nervtötenden Grind auf ein angenehmes Minimum zu senken. War dieser in der Serienvergangenheit nämlich noch allgegenwärtig, ein unliebsamer Teil der Borderlands-Formel, der mir das Gefühl vermittelte, längerfristig gegen eine unpassierbare Blockade gestoßen zu sein, hilft mir die Weltkarte bei Tiny Tina's Wonderlands dabei, durchgehend am eigenen Fortschritt zu arbeiten. Gelegentlich mag eine Quest dann zwar dennoch mein niedriges Level monieren und eine ausdrückliche Warnung aussprechen, dank der Zufallskämpfe kann ich diese Hürde jedoch rasant überwinden. Eine hervorragende Idee!



    Verloren in der Fantasiewelt


    Nach knapp 20 Stunden hatte ich das Ende der Hauptquest erreicht und mich dabei nicht nur am höchsten Schwierigkeitsgrad, sondern auch an zahlreichen Nebenmissionen und optionalen Loot-Suchen versucht. Die gesellige Spielrunde durfte ich mit diesem Teilerfolg allerdings noch lange nicht verlassen, immerhin hatte B&B-Leiterin Tiny Tina noch jede Menge Aufgaben in der schöpferischen Hinterhand.


    Auf ein New Game+ hat Gearbox dabei zwar gepfiffen, schickt mich stattdessen aber in die Chaoskammer, eine Aneinanderreihung zufallsgenerierter Dungeonräume, in denen mich nicht nur zahlreiche Monsterwellen und optionale Nebenziele, sondern auch Mini- und Endgegner freudig erwarten. Schnell gerate ich hier in eine explosive Endlosschleife, werde durch magische Portale von einem anspruchsvollen Hindernisparcours zum nächsten gelotst und von kostbaren Belohnungen (Loot regiert nun mal das Wunderland) zuverlässig mit antreibenden Motivationsboosts ausgestattet.


    Überhaupt lädt mich Tiny Tina's Wonderlands auch nach Beenden der Handlung dazu ein, mich pflichtbewusst auf offene Sidequests und Zusatzherausforderungen zu stürzen, dabei pausenlos an der ultimativen Ausrüstungszusammenstellung zu feilen und alle humorvollen Geheimnisse des Tabletop-Abenteuers zu entdecken. Hier greifen die spielerische Finesse und das frische Szenario erstklassig ineinander: Hatte mich Borderlands 3 mit eher tristen Kulissen nämlich schnell verloren, halten mich die amüsanten Ballereien in der kunterbunt-verrückten Welt bedeutend länger bei Laune.


    Dass Langeweile aus der Gameplay-Gleichung ausgeschlossen wird, ist auch dem formidablen Multiplayer zu verdanken. Gemeinsam mit drei weiteren menschlichen Schicksalsmachern magische Kreaturen niederzumähen unterhält nämlich vortrefflich und kommt dank von der Community seit dem Vorgänger lautstark eingeforderten Crossplay-Funktionen obendrein ohne jegliche Konsolen- und PC-Restriktionen aus. Auch eine lokale Split-Screen-Variante ist an Bord, wobei ich auf PS4 und Xbox One zu zweit, auf PS5 und Xbox Series X|S zu viert gegen den Dragon Lord vorgehen darf – beim Test gestaltete sich das Ganze technisch allerdings noch als recht holprig, kam an die Stabilität des Online-Modus demnach nur selten heran.


    Gearbox greift also in die altbekannte Trickkiste, um mich möglichst effektiv an den Controller zu fesseln. Ein Unterfangen, das bisweilen zwar revolutionäre Innovationen vermissen lässt, in der Praxis aber erneut fantastisch funktioniert. Am Ende meines Tests hatte mein Bunkers & Badasses-Ausflug alle bisherigen Borderlands-Titel in puncto Gesamtspielzeit (exklusive DLCs) problemlos in den Schatten gestellt. Denn dank Tiny Tinas ausbrausender Persönlichkeit und inspirierender Fantasie kündigte ich beim Anblick des Abspanns nicht direkt meinen Abschied an, sondern freute mich auf eine direkte Rückkehr in das magische Königreich. Und werde auch in Zukunft sicherlich noch einige Male vorbeischauen.


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    Fazit


    Franchise Fatigue? Nicht mit Gearbox Software! Erlaubte sich die fantastische Loot-Shooter-Reihe bei Borderlands 3 nämlich noch erste Ermüdungserscheinungen, fegt die amerikanische Videospielschmiede diese mit einer ordentlichen Prise Magie und Fantasie nun nämlich konsequent ins virtuelle Nirvana und präsentiert mit Tiny Tina's Wonderlands ein herrlich packendes Abenteuer, das spielerisch zwar eher auf Stillstand setzt, dabei aber dennoch für angenehmen (und vor allem wichtigen) frischen Wind sorgt.


    Dieser Umstand ist primär dem narrativen Rahmen zu verdanken, der den serientypischen Humor auf ein neues Verrücktheitsniveau hebt. Wenn mich Spielleiterin Tiny Tina durch eine bezaubernde Tabletop-Welt lotst und die Regeln dabei nach Belieben umschreibt, bleibt einfach kein Auge trocken. In Kombination mit einer umfangreichen Charaktererstellung, gewohnt actionreichem Gunplay, unzähligen Verbesserungsmöglichkeiten und einem fantastischen Multiplayer ergibt sich ein ebenso umfangreiches wie auch unterhaltsames Fantasy-Erlebnis, das alte und neue Stärken brillant miteinander vereint und sich abseits technischer Schnitzer nur selten schwerwiegende Ausrutscher erlaubt.


    Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung die Borderlands-Reihe nun gelotst wird. Folgt eine Fortsetzung der Hauptreihe? Oder ein weiteres Spin-Off, das restriktive Handlungsketten sprengt und sich vollkommen frei in eine beliebige Richtung entwickelt? Tiny Tina's Wonderlands beweist, dass die zweite Option funktioniert – immerhin wurde dem ikonischen Wahnsinn hier ein ausgezeichneter Spielplatz erschaffen, der meine angestaubte Liebe für den Action-RPG-Shooter gekonnt auffrischte.

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