Famicom Detective Club



  • Doppelter Detektiv-Ausflug in die (fast) vergessene Nintendo-Historie.


    Wenn Professor Layton und Anwalt Phoenix Wright auf sich warten lassen, muss Nintendo eben tief in die eigene Klassiker-Tasche greifen, um Ermittlungsfreunden neue Abenteuer auf die Switch zu bringen – und zaubert mit dem Famicom Detective Club-Bundle ein Visual-Novel-Duo hervor, dessen Veröffentlichung außerhalb Japans ich bis dato für unmöglich gehalten hatte.


    Dass das 1988 für den Famicom erschienene The Missing Heir und die bereits 1989 folgende Fortsetzung The Girl Who Stands Behind mittlerweile eher als historische Relikte angesehen werden, bei der heutigen Genre-Zielgruppe also eher radikal durchfallen dürften, schien auch Nintendo bewusst zu sein. Wenig überraschend also, dass direkt ein vollwertiges Remake in Auftrag gegeben wurde, das die im Laufe der letzten drei Jahrzehnte angehäuften Alterserscheinungen gänzlich ausmerzen sollte.


    Doch haben sich die aufgefrischten Urgesteine der Nintendo-Geschichte ihren digitalen Platz im eShop überhaupt verdient? Oder sollten sie doch lieber direkt ins Videospielmuseum wandern? Diesem Rätsel bin ich auf den Grund gegangen und präsentiere euch im Test die einzig wahre (und vollkommen subjektive) Antwort!


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    Krimi-Doppelpack mit übernatürlicher Note


    Obwohl beide Famicom Detective Club-Titel noch vor mir das Licht der Welt erblickten, stolperte ich im Laufe meiner persönlichen Videospielvergangenheit bereits einige Male über den Namen, hörte Geschichten über die beiden spannenden Detektiv-Titel aus dem Hause Nintendo, die Japan nie verlassen hatten und seit über 30 Jahren darauf warteten, weltweite Hobby-Ermittler zu erfreuen. Ein wirkliches Bild konnte ich mir zu diesen (für mich lange Zeit sogar eher als urbane Legenden abgestempelte) Visual Novels nicht machen.


    Was mochte sie dahinter verbergen? Eine pfiffige Jugendbande, die mit klugem Köpfchen, viel Humor und vielleicht auch einigen NES-Accessoires kindgerechte Fälle löste und dabei nur selten in wirklich gefährliche Situationen geriet? Oder doch ein Buchclub, der Earl Grey schlürfend und köstliche Kekse naschend literarische Detektiv-Klassiker diskutierte? Abwegige Gedankenspiele, die mich gnadenlos auf eine völlig falsche Fährte lockten, präsentieren sich beide mittlerweile fast schon historischen Ableger doch trotz unschuldig anmutendem Anime-Look deutlich erwachsener.


    So beginnt The Missing Heir am Fuß der Klippe einer ländlichen japanischen Gegend. Von eben dieser scheint der zunächst namenlose, von mir später mit einem Wunschnamen ausgestattete, Protagonist gestürzt zu sein. Die gute Nachricht: Er ist mit dem Leben davongekommen und scheint keine schwerwiegenden Verletzungen davongetragen zu haben. Die schlechte: An seine Erinnerung kann er sich nicht mehr erinnern, leidet demnach an einer handfesten Amnesie.


    Zum Glück wird er bereits nach kurzer Zeit von seiner freundlichen Detektivassistentin Ayumi Tachibana aufgegabelt und in die gedankliche Gegenwart zurückgeholt. Als Mitglied der Utsugi Detective Agency ermittelte unser Held vor seinem Unfall den geheimnisvollen Tod der Geschäftsfrau Kiku Ayashiro, deren plötzliches Ableben einige Fragen aufwirft. Hatte hier eventuell ein macht- und geldgieriges Familienmitglied die Hände im Spiel? Und welche Rolle spielt das unter den Dorfbewohnern gefürchtete Gerücht der rachsüchtigen Getöteten, die für ihre blutige Vergeltung sogar aus dem Grab steigt?


    The Girl Who Stands Behind dreht die Uhr derweil einige Jahre zurück und präsentiert sich als Prequel, das nicht nur den turbulenten Ermittleranfänge des Protagonisten beleuchtet, sondern Ayumi zudem mit einem herben Schicksalsschlag konfrontiert – denn ihre Highschool-Freundin Yoko Kojima wird ermordet aufgefunden. Auf der Suche nach der Wahrheit stolpert der Lehrling der Utsugi Detective Agency nicht nur über einen viele Jahre zurückliegenden Fall, sondern auch über die geheimnisvolle Geschichte eines blutüberströmten Rachegeists, der sich Schülern ungeahnt von hinten nähert und ihnen den Schock ihres Lebens verpasst. Wie hängen all diese roten Fäden nur zusammen?



    Zwischen Spannung und Staubdecke


    Bevor ich mir meine selbstgenähte Detektivmütze aufsetzte (kein Witz, die existiert wirklich) und mich voller Vorfreude auf die beiden aufregenden Fälle an die Switch klemmte, zwang ich mich zum Zurückschrauben meiner hohen Erwartungen, konnte das Remake des über 30 Jahre alten Visual-Novel-Duos das Crime-Rad doch gewiss nicht neu erfinden. Und obwohl das Famicom Detective Club-Bundle oberflächlich betrachtet tatsächlich eher altbekannte Krimikost abliefert, stecken die ansprechenden Stärken im Detail.


    Mit facettenreichen Charakteren und einer Vielzahl an schockierenden Wendungen liefern The Missing Heir und The Girl Who Stands Behind nämlich an zwei wichtigen Genre-Fronten zuverlässig ab, halten die elementare Spannungskurve somit stets hoch und erlauben sich nur gelegentliche Ruhephasen, die jedoch zu keinem Zeitpunkt in Leerlauf oder gar Langeweile münden. Sympathische Figuren wie die liebenswerte Ayumi oder das voranschreitende Zusammensetzen des alle offenen Fragen beantwortenden Wahrheitspuzzles halten mich allesamt bravourös bei der Stange, können meinen Hunger nach spannenden Ermittlungen also trotz des hohen Alters zweifelsohne stillen.


    Sicherlich mag der positive Gesamteindruck auch der vorherigen Anpassung meiner Erwartungshaltung zu verdanken sein. Immerhin wird eine wirklich vielschichtige Persönlichkeitsentfaltung durch stellenweise erschreckend dünne Dialogbücher und auf ein informatives Minimum beschränkte Gespräche kaum ermöglicht, während Profi-Detektive einige Twists schon meilenweit riechen konnten, bei der eigentlichen Enthüllung also nicht aus den Latschen gekippt werden.


    Dennoch strahlt Famicom Detective Club eine besondere Anziehungskraft aus, fühlt sich durch die unvermutete Inklusion Nintendo-untypisch düsterer Thematiken nur selten angestaubt, stattdessen erstaunlich aktuell an. Kaum auszumalen, welches Niveau mit einer fundamentalen Überarbeitung hätte erreicht werden können.



    Mehrmaliger Versuch macht klug


    Auch an der Gameplay-Front peilt Famicom Detective Club keine Revolution an, sondern orientiert sich ohne nennenswerte Veränderungen direkt am Original, dementsprechend also an altbekannten Genre-Tugenden.


    In meiner Rolle des neugierigen Schnüfflers kaue ich Zeugen oder potenziellen Hinweisgebern ein Ohr ab und arbeite mich dabei durch eine (nicht selten ellenlange) Liste möglicher Gesprächsthemen. Scheint die Konversationsorange endgültig ausgepresst, die Quelle hilfreichen Informationssafts somit endgültig ausgeschöpft zu sein, darf ich noch die Umgebung nach weiteren Spuren durchsuchen oder direkt einen anderen Schauplatz anwählen, um hier die nächste Befragung zu beginnen. Willkommen in der süßen Gefangenschaft der Ermittlungsdauerschleife.


    Famicom Detective Club scheint sich dieser Problematik ebenfalls bewusst zu sein und versucht, die fast schon vorprogrammierte Monotonie durch kleinere Sonderrätsel aufzubrechen, mir zumindest ein Fünkchen Abwechslung zu kredenzen. Ein nobles Vorhaben, das die Repetition zwar nur geringfügig abschwächt, das Geschehen aber dennoch kurzzeitig gelungen auflockert.


    Natürlich möchte ich ein Visual Novel für solch einen Nachteil nicht an den Pranger stellen, scheint dieser durch die Genre-Limitierungen doch unabwendbar. Vielmehr liegt die Hauptproblematik in fehlenden Fortschrittsindikatoren begraben, durch die ein motivierendes Voranschreiten häufig unnötig erschwert wird. Oftmals scheine ich alle Gesprächs-, Erkundungs- und Untersuchungsmöglichkeiten ausgeschöpft zu haben, darf die unsichtbare Handlungsgrenze aber dennoch nicht passieren – und werde vom automatisch mit wichtigen Infos befüllten Notizbuch einfach im Stich gelassen.


    Die logische Konsequenz: Blind klicke ich mich in der Gegend herum, wähle bereits abgefrühstückte Themen erneut aus, versuche händeringend, den richtigen Schlüssel für die verschlossene Handlungstür zu finden. Zwar mag dieses Vorgehen schlussendlich zum gewünschten Ziel führen, wie ein begabter Super-Schnüffler fühle ich mich dabei leider nicht, sondern werde eher in meiner Detektiv-Ehre gekränkt.



    Neuer Look und neue Stimmen für die Klassiker-Detektive


    Dass Famicom Detective Club die angerosteten Ketten der Vergangenheit dennoch sprengen und einen fulminanten Sprung in die Gaming-Moderne hinlegen kann, ist einer sicht- und spürbar leidenschaftlich vollzogenen technischen Generalüberholung zu verdanken, durch die beide Fälle in vielerlei Hinsicht eine erstklassige Revitalisierung erfahren.


    Videospielschmiede Mages – unter dem damaligen Namen 5pb für Psycho Pass: Mandatory Happiness, Chaos;Child oder Genre-Perle Steins;Gate verantwortlich – wirft den charmanten, für eine wahrhaft packende Inszenierung heutzutage eher wenig förderlichen Retro-Look über Bord und setzt neben schick gezeichneten Hintergründen auf ebenso farbenfrohe wie auch detaillierte Anime-Charaktermodelle. Visual-Novel-Standard also.


    Um eine potenziell ermüdende Standbildorgie gezielt zu vermeiden, bekommt das harmonische Gesamtbild noch einige Animationen spendiert. Diese fallen zwar eher minimalistisch aus, konzentrieren sich zumeist auf kleinere Handbewegungen oder im Wind wehende Haare, sorgen aber dennoch für willkommene Dynamik und unerwartet effektive Lebendigkeit.


    Zur eleganten Abrundung des aufwendigen Verjüngungsprogramms versorgt Mages beide Famicom Detective Club-Ableger zusätzlich mit einer japanischen Sprachausgabe, die sich dank passender und motiviert ans Werk gehender Sprecher hören lassen kann und sogar den gelegentlich hölzern wirkenden Konversationen die nötige Dramatik verpassen. Einziger Wermutstropfen: deutsche Untertitel gibt es keine, englische Sprachkenntnisse sind somit unbedingt vonnöten.


    Erfreulicherweise nutzt Famicom Detective Club diese Optimierungen nicht etwa zum plumpen Kaschieren spielerischer Unpässlichkeiten, sondern vervielfacht hiermit die erzählerische Wirkungskraft. Durch den modernen Touch wirkt die Spielwelt bedeutend realer, wodurch die erzählten Geschichten glaubhafter, die dargestellten Charaktere greifbarer, die teils tragischen Schicksale emotionaler ausfallen.


    Aktuelle Genre-Highlights kann man damit zwar nicht vom Thron stoßen, muss sich vor diesen allerdings auch nicht verstecken – und für das Remake eine vor über 30 Jahren veröffentlichten Zweiteilers ist das eine beachtliche Leistung.


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    Fazit


    Mit viel Liebe und Respekt haucht Videospielstudio Mages dem Famicom Detective Club-Bundle neues Leben ein und serviert vor allem Visual-Novel-Fans zwei spannende Krimifälle voller liebevoller Charaktere und dramatischer Wendungen, die man auf gar keinen Fall verpassen sollte.


    Zwar können The Missing Heir und The Girl Who Stands Behind nicht vollständig mit dem heutigen Genre-Standard mithalten, fallen sie spielerisch doch stellenweise unnötig kompliziert aus und können auch erzählerische Spinnweben nicht gänzlich abschütteln, ziehen mich mit ihrem einzigartigen Charme aber dennoch direkt in ihren Bann. Und garantieren mit anschaulicher Anime-Optik und erstklassiger japanischer Sprachausgabe zudem ein ansprechendes Remake-Gesamtpaket, das die über 30 Jahre alten Abenteuer gelungen in das moderne Gaming-Zeitalter transportiert.


    Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass Nintendo den Famicom Detective Club mit der Neuveröffentlichung nicht nur kurzzeitig aus der Versenkung holen, sondern gleichzeitig einen Testlauf für eventuelle Fortsetzungen starten wollte – und ich als Mitglied der Utsugi Detecive Agency schon bald in einen brandneuen Fall abtauchen, gemeinsam mit Ayumi weitere dramatische Wahrheiten ans Licht bringen und einen fulminanten Trilogie-Abschluss feiern darf.

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