Scarlet Nexus



  • Erstklassige Brainpunk-Stimulation für die Anime-Rezeptoren.


    Die Risikobereitschaft in der Videospielindustrie wird gefühlt immer geringer. Weshalb sollten große Entwicklerstudios und Publisher unnötige Experimente wagen, mit brandneuen IPs potenziell gegen eine Verlustmauer donnern, wenn der Verlass auf eine bereits etablierte Serie bedeutend erfolgsversprechender ausfällt?


    Zum Glück stolpert man mit Blick auf aktuelle Release-Listen immer wieder über überraschende Ausnahmen, entdeckt unbekannte Titel, die den Anfang einer umfangreichen Reihe markieren könnten. Beispielsweise Code Vein, mit dem die Bandai Namco Studios 2019 Gamer in eine völlig neue Welt einluden und damit presseseitig zwar nur im soliden Wertungsmittelfeld landen, dafür aber knapp fünf Monate nach Veröffentlichung die Verkaufsmarke von eine Millionen Kopien durchbrechen konnten.


    Der perfekte Grund also, mit einem weiteren IP-Start abermals nach den Sternen zu greifen und am Ende eines ambitionierten Entwicklungsweges einen weiteren Franchise-Pfeil in den Studioköcher stecken zu dürfen. Doch ob sich Scarlet Nexus mit seinem futuristischen Brainpunk-Setting, ansprechenden Gameplay-Mix und vielschichtigem Kampfsystem tatsächlich einen zukunftsweisenden Platz in meinem Gehirn sichern konnte oder nach kurzer Verweildauer in meinem Hinterkopf im gedanklichen Nichts verpuffte, möchte ich euch in meinem Test beantworten.


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    Wenn der Fortschritt zum Chaos führt


    Welches versteckte Gedankenpotenzial könnten wir durch die Entschlüsselung der Geheimnisse des menschlichen Gehirns wecken, welche tief in uns schlummernde Kräfte entfesseln? Fragen, der sich ambitionierte Forscher weltweit seit einer gefühlten Ewigkeit annehmen – und im Zukunftsszenario der alternativen Realität von Scarlet Nexus endlich über die lang herbeigesehnten Antworten gestolpert sind.


    Dabei markierte die Entdeckung des Psioniker-Hormons nicht nur einen gewichtigen Evolutionsschritt, sondern stellte zugleich die gesamte Welt auf den Kopf. Immerhin waren die Träger dieses Hormons urplötzlich im Besitz übernatürlicher Fähigkeiten, wodurch schlagartig ein völlig neues Zeitalter des Menschen voller einzigartiger Möglichkeiten und Hoffnungen eingeläutet wurde. Wer hätte ahnen können, dass diese glorreiche Errungenschaft mit einer tödlichen Konsequenz einhergehen würde?


    Denn auf die frohe Botschaft folgten angriffslustige Mutanten, die aufgrund ihres abartigen Erscheinungsbilds auf den Namen „Andere“ getauft wurden und mit ihrem Erscheinen eine gnadenlose Jagd auf menschliche Gehirne eröffneten. Eine monströse Übermacht, der man mit herkömmlichen Angriffen nur ein müdes Lachen entlocken konnte und sich somit frühzeitig die zermürbende Niederlage eingestehen musste – bis sich das neuentdeckte Psioniker-Hormon als Achillesferse der unheilvollen Widersacher entpuppte.


    Mit dieser Geheimwaffe wurde die Anderen-Abwehrstreitkraft (kurz AAS) gegründet, die den ungeheuerlichen Feinden mitsamt kampferprobten Psionikern den Kampf ansagte und sich tapfer als letzte Verteidigungsfront der Menschheit präsentierte. Dennoch bleibt der Ausgang dieser Schlacht ungewiss, stellt doch selbst diese mutige Gegenwehr höchstens einen kleinen Hoffnungsschimmer inmitten einer finsteren Bedrohung dar, die jeglichen Optimismus jederzeit ausmerzen könnte.



    Die Qual der Psioniker-Wahl


    Als jahrelanger Anime-Freund kam mir dieses Handlungsgerüst recht vertraut vor. Bestialische Kreaturen, die nur von einer mit übermächtigen Kräften ausgestatteten Elite-Einheit ausgeschaltet werden können? Eine altbekannte Formel, der Scarlet Nexus dank des futuristischen Settings sowie einer spannenden Integration des Psioniker-Elements allerdings gekonnt einen individuellen Neuanstrich verpasst und sich dadurch ein ansprechendes Alleinstellungsmerkmal erarbeitet, das früh meine Neugier weckte.


    Bevor ich mich allerdings in die ebenso fortschrittliche wie auch beklemmende Welt stürzen und meine Psioniker-Kräfte beim Duell mit fiesen Anderen in der fiktiven japanischen Großstadt New Himuka gehörig auf die Probe stellen durfte, stand zunächst eine wichtige Rekruten-Entscheidung an: Möchte ich das Abenteuer lieber als Yuito Sumeragi oder doch lieber als Kasane Randall beginnen?


    Letztlich gibt es gleich zwei gute Gründe, sich getrost auf das eigene subjektive Empfinden verlassen, eventuell sogar eine gewisse Spontanität in den finalen Entschluss hineinpacken zu können. Einerseits präsentieren sich der temperamentvolle Politikersohn Yuito und die mysteriöse, in den AAS-Reihen für ihre kämpferischen Fertigkeiten berühmt berüchtigte Kasane als ein erstklassiges Protagonisten- und Rekruten-Duo, liefern mit ihren vielschichtigen Hintergrundgeschichten beim Spannungstest die Bestnote ab und verdienen sich damit beide die volle Sympathie-Punktzahl. Andererseits warten sie nicht nur mit grundlegend unterschiedlichen Persönlichkeiten, Waffen (Yuito verlässt sich auf sein Schwert, während Kasane auf schwebende Dolche setzt) und Skill-Sets, sondern auch mit zwei Handlungssträngen auf, die die Hauptstory von Scarlet Nexus aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.


    Zwei Durchgänge sind somit trotz gelegentlicher Überschneidungen also verpflichtend, lassen sich doch nur auf diesem Weg alle Verständnisteile sammeln, die man zum Komplettieren des erleuchtenden Plot-Puzzles benötigt. Ein erfreulich unterhaltsames Unterfangen, immerhin lassen eine Vielzahl mitreißender Momente, überraschender Wendungen und tiefgründiger Thematiken narrativer Langeweile keinerlei Raum, schmücken die von den Bandai Namco Studios liebevoll auf die Beine gestellte Welt vielmehr stetig mit neuen Details und lassen diese folglich noch dichter, komplexer, fesselnder wirken.



    Abhängen mit den AAS-Freunden


    Nun haben wir eigentlich alle Handlungszutaten für ein packendes Action-RPG-Gericht beisammen, bekommen vom Entwicklerteam allerdings noch einen kräftigen Nachschlag in Form grandioser Charakterinteraktionen geboten, die Scarlet Nexus auf ein völlig neues erzählerisches Level hieven.


    Zwischen meinen Missionen darf ich die alltäglichen Sorgen eines AAS-Rekruten nämlich kurzzeitig ruhen lassen und mich stattdessen vollends meinen Teammitgliedern widmen. In sogenannten Vertrauensepisoden lerne ich diese bei einem kurzen Pläuschchen besser kennen oder verwandle ein gemeinsames Duell gegen die Anderen zur angenehmen Quality-Time. Wurden alle Konversations- und Kampfoptionen ausgeschöpft, darf ich auch ein (wohl überlegtes) Geschenk überreichen, um die Festigung des Freundschaftsbands zusätzlich zu beschleunigen.


    Vermutete ich hinter den optionalen Plaudereien zunächst eine eher vernachlässigbare Nebenbeschäftigung ohne nennenswerten Mehrwert, wurde ich schnell eines Besseren belehrt, fühlte mich sogar an Danganronpa oder Persona 5erinnert. Dank eines beeindruckenden Facettenreichtums wollte ich tatsächlich mehr über meine Wegbegleiter erfahren, wurde dabei dank unerwarteten, schockierenden, aber auch humorvollen Informationen bestens unterhalten und freute mich zudem über starke Dialoge, die allesamt überraschend glaubwürdig ausfielen und nur sehr selten ein leichtes Augenrollen hervorriefen.


    Dass einige Akteure dabei stellenweise zu klischeehaften Abziehbildchen degradiert und fast schon zwanghaft in eine gewünschte Persönlichkeitsrichtung geschubst werden, fällt kaum ins Gewicht, verkommt vielmehr zu einem spürbaren, glücklicherweise aber problemlos vernachlässigbaren Schnitzer. Immerhin wachsen mir selbst diese qualitativen Ausnahmen ans AAS-Herz, zaubern sie mir doch trotz einer gewissen Eindimensionalität ein Lächeln auf die Lippen und werden spätestens ab diesem Zeitpunkt zu einem unverzichtbaren Verbündeten im Kampf gegen die Anderen.


    Netter Nebeneffekt: Nehme ich mir ausreichend Zeit für meine Kollegen, fördere ich gleichzeitig ihre individuellen Psioniker-Talente. Im Gegenzug greifen sie mir während des Einsatzes noch tatkräftiger unter die Arme, avancieren also zur unerlässlichen Hilfestellung. Dazu aber später mehr.



    Augen- und Ohrenschmaus für Anime-Freunde


    Die Bandai Namco Studios machen kein Geheimnis daraus, dass die handlungstechnische Komponente von Scarlet Nexus kein lieblos hingeworfenes Beiwerk, sondern das wichtige Fundament der fesselnden Gesamterfahrung darstellt. Ob nun die durch die Entdeckung des Psioniker-Hormons weiterentwickelte Welt, das rätselhafte Auftauchen der Anderen oder die Geheimnisse meiner AAS-Freunde, alle Elemente erfreuen sich einer leidenschaftlich erarbeiteten Komplexität, die in Kombination mit anschaulicher Optik und atmosphärischem Sound ein filmreifes Niveau erreichen und vor allem Anime-Fans ein erzählerisches sowie technisches Paradies eröffnen.


    Kein Wunder, hat man dank des himmlischen Cel-Shading-Looks doch tatsächlich das Gefühl, eher einer neu veröffentlichten Serie zu folgen, kommt durch detaillierte Charakter- und umwerfend kreative Anderen-Modelle kaum mehr aus dem Staunen heraus. Zum Glück beschränkt sich dieses Fazit nicht nur auf die Zwischensequenzen, sondern auch auf die imposant in Szene gesetzten und vor funkensprühenden Effekten nur so strotzenden Kämpfen, an denen ich mich kaum sattsehen konnte.


    Dieser Umstand ist allerdings auch der gekonnten Nutzung der Next-Gen-Hardware zu verdanken. Auf meiner PS5 garantierte die dynamische 4K-Auflösung eine (abseits einiger seltener Mini-Einbrüche fast) durchgehend stabile 60fps-Bildrate, die das enorm hohe Spieltempo gekonnt unterstützte und das grafische Feuerwerk noch pompöser erstrahlen ließ. Einziger Wermutstropfen: Versprühte die Spielwelt durch witzige Einfälle zu Beginn noch einen wundervoll futuristischen Charme, verloren spätere Schauplätze diese Magie, wirkten stellenweise sogar erschreckend austauschbar, da optisch trist und uninteressant.


    Marginale Kritikpunkte, die in der Sound-Kategorie nicht auffindbar sind. Dass sich die japanische Sprecherwahl durch passende Stimmen und eine enorm breite und jederzeit glaubwürdig eingesetzte Emotionspalette dabei als akustisches Highlight präsentiert, ist wenig verwunderlich – immerhin haben die Bandai Namco Studios hier mehrfach ein geübtes Händchen bewiesen. Doch auch die englische Fassung kann sich definitiv hören lassen, wirkt vor allem in humorvollen Momenten gelegentlich etwas hölzern, hält solche Ausrutscher allerdings gekonnt in Grenzen und präsentiert sich dementsprechend als akzeptable Alternative.


    Vor dem Soundtrack des japanischen Komponisten Hayata Takeda möchte ich ebenfalls den schriftlichen Hut ziehen. Dessen Liste bisheriger Werke und Veröffentlichungen mag zwar erschreckend kurz ausfallen, dennoch verpasst er Scarlet Nexus eine exzellente Musikuntermalung, die sich dem Nuancenreichtum der Haupthandlung tadellos anpassen kann – und den Wechsel zwischen emotionalen, actionreichen und humorvollen Momenten umso eleganter und geschmeidiger ausfallen lässt.



    Verschenktes Inszenierungspotenzial


    Mit dieser enorm starken Grafik-Sound-Kombo stand Scarlet Nexus dem gefeierten Story-Hole-in-one unglaublich nahe, lässt im entscheidenden Moment allerdings die Finger vom Inszenierungsschläger abrutschen und feuert den Wertungsball in untergeordnetes Gefilde und verpasst es somit, diesen direkt einzulochen.


    Anstatt nämlich auf animereife Zwischensequenzen zu setzen, bedeutungsschwangeren Konversationen und gewichtigen Ereignissen hiermit emotionalen Nachdruck zu verpassen, verkommt das Geschehen erschreckend oft zu einer vollkommen undynamischen Standbildserie, die sich dank der bereits erwähnten, detaillierten Charakterdarstellungen zwar sehen lassen, mich dabei aber nicht vollends mitreißen kann, mich gelegentlich sogar ein wenig langweilt.


    Budgetäre Einschnitte? Fragwürdige Designentscheidungen? Die Gründe für das urplötzliche Umschalten auf die Inszenierungssparflamme sind mir leider nicht bekannt. Und obwohl ich den Standbildeinsatz während der Dialoge noch verstehen, dadurch ohne Weiteres akzeptieren konnte, beschlich mich vor allem während wichtiger Schlüsselmomente das Gefühl, das atmosphärische Potenzial regelrecht verpuffen sehen zu können.


    Vollkommen in den Dreck gefahren wird der Handlungskarren dadurch zum Glück nicht, stellen sich die Charaktere, Gespräche und auch Wendungen als spannend genug heraus, um mich über statische Passagen hinwegzutrösten. Wenn man dann aber endlich Zeuge einer umwerfenden Szene wird, sich durch das entwicklungstechnische Können der Bandai Namco Studios wahrlich in einen Anime hineinversetzt fühlt, fällt es umso enttäuschender aus, dass man diesen Anblick nur vergleichsweise selten erleben darf.



    Variantenreiche Anderen-Eliminierung


    Nun wollen wir uns aber endlich dem eigentlichen Dreh- und Angelpunkt, dem Herzstück, dem Gehirn von Scarlet Nexuszuwenden: den fulminanten Kämpfen gegen die Anderen! Und diese haben den Platz im Review-Rampenlicht redlich verdient hat – denn sie machen nicht nur ordentlich Laune, sondern avancieren trotz starker Handlungs- und Technik-Konkurrenz spielend leicht zum wahren Highlight des Brainpunk-Abenteuers.


    Habe ich einen Mutanten ins Visier genommen, verpasse ich diesem in feinster Devil May Cry-Manier einige schmerzhafte Schwert- oder Dolch-Hiebe, verknüpfe diese zu wuchtigen Kombos und weiche eventuellen Kontern rechtzeitig per Ausweichmanöver aus. Imposant in Szene gesetzte Finisher stehen mir ebenfalls zur Verfügung, mit denen ich angeschlagene Kreaturen besonders episch vom Antlitz der Erde tilge. Solide Actionkost wie sie im Genre-Buche steht.


    Durch die Psioniker-Kräfte wird das Ganze allerdings gehörig aufgepeppt. Während ich die Anderen mit langen Angriffsketten erbarmungslos in Grund und Boden prügle, darf ich nämlich parallel meine psycho-kinetischen Fähigkeiten einsetzen, um die Umgebung zu vernichtenden Wurfgeschossen umzufunktionieren und somit noch mehr Schaden anzurichten. Allein diese Funktion verpasst dem zunächst ungeheuer simpel anmutendem Kampfsystem willkommene Varianz, die vom gezielten Einbeziehen meiner AAS-Kollegen nochmals erhöht wird.


    Wie bereits erwähnt, verfügen diese nämlich allesamt über einzigartige Fähigkeiten, deren Wirkung ich durch konstante Freundschaftspflege verstärken kann. Der Clou: Auf dem Schlachtfeld darf ich eben diese Fähigkeiten der anwesenden Teammitglieder per Knopfdruck kurzzeitig meinem eigenen Repertoire hinzufügen, dadurch beispielsweise meine Waffen in Elektrizität oder Flammen hüllen, mit Unsichtbarkeit einen Überraschungsangriff starten, Teleportation zum rasanten Positionswechsel nutzen und sogar in den Zeitlupenmodus schalten.


    All diese kämpferischen Möglichkeiten gehen nicht nur rasant in Fleisch und Rekrutenblut über, sondern greifen zudem elegant ineinander, wodurch sich ein ausgezeichneter Flow ergibt, woraus ein formidabler Spielspaß resultiert. Regelmäßig sehnte ich das nächste Anderen-Gefecht herbei, wollte ich doch neue Strategien und Kombinationen ausprobieren, mein AAS-Game weiter verbessern und in puncto Coolness noch eine Schippe auf meinen Stil drauflegen.


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    Gehirntraining im Brainpunk-Stil


    Damit sich kein entwicklungstechnischer Stillstand ergibt, stehen mir selbstverständlich zahlreiche Upgrades zur Verfügung, mit denen ich mein Anfängerstatus rasant abschütteln und am gewünschten Profi-Level kratzen kann. Zum Glück, immerhin lernen auch die Anderen mit fortlaufendem Spielverlauf neue Tricks dazu und stellen recht schnell eine ungeahnte Herausforderung dar.


    Gesammeltes Geld und Materialien darf in neue Waffen und Waffenverbesserungen, grundlegende Statuswerte erhöhende Plug-Ins und schicke, allerdings einzig der visuellen Anpassung dienende Kleidungsstücke investieren. Bringe ich Mutanten mit meinen Attacken nur minimale Kratzer bei? Ab zum Händler und zur schärferen Klinge greifen. Zwingt mich bereits ein gegnerischer Treffer in die Knie? Zwei Plug-Ins zur Steigerung des Gesundheits- und Verteidigungswerts bewirkt wahre Wunder. Unzufrieden mit Yuitos und Kasanes Look? Allerhöchste Zeit für einen neuen Mantel!


    Auch durch Stufenaufstiege verdiente Hirnpunkte spielen bei Scarlet Nexus eine wichtige Rolle. Mit diesen starte ich auf der Hirnkarte – der Talentbaum der Science-Fiction-Sause – ausgiebige Shoppingtouren und schalte verborgene Fähigkeiten meiner AAS-Helden frei, erweitere mein bereits stattliches Angriffsrepertoire also nochmal um ein Vielfaches. Auf diesem Weg lerne ich den Doppelsprung, erweitere meine Kombo-Länge oder darf sogar zwei mächtige Kräfte meiner Teamkollegen zeitgleich einsetzen.


    Die Bandai Namco Studios überrollen mich mit einer wahren Upgrade-Lawine, in der ich trotz der enormen Masse an Möglichkeiten jederzeit den Überblick behalte, gezielt meinem eigens zusammengestellten, taktischen Konzept folgen und mich anschließend auf dem Schlachtfeld ordentlich aufgepowert austoben darf. Eine wahre Freude, die mich stets auf Neue motivierte, das frühzeitige Niederlegen des Controllers zu einer Unmöglichkeit werden ließ.


    Sicherlich mag dieses Fazit auch dem angenehm fordernden Schwierigkeitsgrad zu verdanken sein. Scarlet Nexus erreicht niemals Soulslike-Sphären, bestraft stupides Buttonsmashing aber spätestens nach den anfänglichen Spielstunden gerne mit einem unliebsamen Bildschirmtod. Vor allem die (teils herrlich grotesken) Endgegner erfordern strategisches Vorgehen, können nur durch ein Zusammenspiel aller zuvor beschriebenen Angriffsmöglichkeiten erfolgreich bezwungen werden. Wer sich hier gänzlich auf seine eisernen Zahnstocher verlässt und seine Psioniker-Kräfte und Verbündeten eiskalt ignoriert, unterzeichnet sein digitales Todesurteil.



    Auflockerung? Fehlanzeige!


    Scarlet Nexus gibt sich redlich Mühe, das spielerisch eindeutig im Fokus stehende Kampfsystem durch vielschichtige Angriffs- und Upgrade-Möglichkeiten durchweg frisch und spannend zu halten, jegliche Anflüge ermüdender Simplizität und Unterforderung durch eine stets empfohlene Strategieanpassung frühzeitig abzuwehren. Leider bleiben die anderen spielerischen Elemente dabei auf der Strecke – und werden dadurch zur gravierendsten Schwäche der futuristischen Anderen-Klopperei, die sich während der Halbzeit bemerkbar macht, ihre volle negative Wirkung aber erst auf der Zielgeraden entfaltet.


    Anstatt einer offenen Spielwelt erwarten mich geradlinig gestaltete Schauplätze, muss dementsprechend auf optionale Erkundungsausflüge verzichten und werde stattdessen oftmals von einem Gefecht zum nächsten geleitet. Prinzipiell ist das natürlich kein schwerwiegendes Vergehen, immerhin können moderne Action-RPGs auch ohne weitläufige Open World Aufsehen erregen, sich etwaige Qualitätssiegel mit durchdachtem Spieldesign und geschickt eingeflochtenem Abwechslungsreichtum verdienen.


    Doch eben in diesen Kategorien gerät Scarlet Nexus deutlich ins Straucheln, kann die Balance auf dem alleinigen Standbein „Kampfsystem“ nur schwerlich halten. Letztlich laufe ich stur von einer Anderen-Auseinandersetzung zur nächsten, muss dabei auf Geschicklichkeitseinlagen, Rätsel oder andere auflockernde Aufgaben verzichten und bekomme zwischendurch höchstens eine kurze Sequenz oder einen knappen Dialog spendiert, um ein beständiges Gefühl der Monotonie zumindest temporär aufzubrechen.


    Selbst die eingestreuten Sidequests konzentrieren sich auf innovationsarme Standardmissionen – Bring mir diesen Gegenstand zwei Mal oder Besiege vier Mutanten mit dieser aktivierten Fähigkeit – und verschaffen demzufolge keinerlei Linderung. Eine Aufgabe, die zumindest die Vertrauensepisoden glanzvoll erfüllen und sich infolgedessen als wahrer Rettungsanker erweisen. Den Kampfmodus endlich mal abschalten, sich zurücklehnen und auf das Vertiefen virtueller Freundschaften sowie das Verteilen der korrekten Präsente konzentrieren – eine wahre Wohltat.


    Leider wird die eigentliche Hauptproblematik hierdurch nur marginal abgeschwächt, wirft sie doch auch weiterhin einen spürbaren Schatten über Scarlet Nexus und verpasst sogar dem phänomenalen Kampfsystem ein enormes Handicap. Bei einem stellenweise permanenten Duell-Dauerfeuer kann nämlich auch die von mir gefeierte Varianz unweigerlich eintretende Ermüdungserscheinungen kaum abblocken, denn auch dieser Abwechslungsreichtum kommt irgendwann an seine Grenzen. Und in meinem Fall wurde diese noch vor Beenden meines ersten Durchgangs erreicht.



    Vielversprechende Zukunftsaussichten


    Während meiner letzten Stunden mit Yuito gingen den weiterhin amüsanten, allerdings nun nach dem mittlerweile bekannten Schema F ablaufenden Gefechten offensichtlich die Puste aus. Auf der Zielgeraden wurde die Frequenz dann sogar nochmal erhöht, weshalb die finalen Schritte zum Abspann fast schon einer Qual gleichkamen und ich zunächst eine zweitätige Ruhephase einlegen musste, bevor ich New Himuka als Kasane erkundete.


    Sicherlich mag sich das alles nun nach einer mittelschweren Katastrophe anhören, allerdings möchte ich an dieser Stelle eindeutig unterstreichen, dass bei Scarlet Nexus die Stärken klar überwiegen, die zuvor geäußerte Kritik eher Meckern auf hohem Niveau gleichkommt und aufgrund einer gewissen Enttäuschung meinerseits ein wenig aufgebauscht wurde. Mit gezielten Nachjustierungen, optionalen Auflockerungen und einer reduzierten Kampfanzahl hätten die Bandai Namco Studios Mängel nämlich direkt glattbügeln können – haben aber zumindest an allen anderen Fronten fabelhaft abgeliefert, können mich also meisterhaft beschwichtigen.


    Die packende Handlung, die liebenswerten AAS-Mitglieder (inklusive Kasane und Yuito) sowie das unerwartet komplexe und ausgearbeitete Brainpunk-Setting zogen mich schonungslos in ihren Bann, machte die schlussendliche Gesamtspielzeit von knapp 60 Stunden trotz weiterhin klar erkennbarer Schwächen und kämpferischer Abnutzungserscheinungen zu einer wahren Freude. Unbedingt wollte ich alle Geheimnisse lüften, alle offenen Fragen mit einer Antwort versehen, jede Nebenaufgabe abschließen, jeden noch so unwichtig erscheinende Konversation führen wollte. Und wurde am Ende dieses Unterfangen definitiv nicht enttäuscht.


    Einen durch und durch perfekten Einstand mag die brandneue IP aus dem Hause Bandai Namco also nicht feiern, dafür aber immerhin einen nahezu perfekten: Für Anime- und Action-Freunde führt folglich kein Weg an Scarlet Nexus vorbei. Und wenn bei (mittlerweile sicherlich vorprogrammierten) Sequels die richtigen Learnings gezogen werden und das Entwicklerteam das gigantische Potenzial vollends entfalten kann, dürfen wir uns auf eine vielversprechende Franchise-Zukunft freuen, die sogar die gewünschte Perfektion erreichen könnte – unsere Gamer-Hirne dabei aber hoffentlich nicht zum Schmelzen bringt.


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    Fazit


    Mit dem Verlass auf eine brandneue IP und der Zusammenstellung eines ambitionierten Gameplay-Cocktails gingen die Bandai Namco Studios gleich ein doppeltes Wagnis ein, das sich schlussendlich jedoch als erstklassiger Volltreffer herausstellt – denn Scarlet Nexus begeistert auf ganzer Linie!


    Bereits nach wenigen Minuten wollte ich diese unglaublich komplexe, liebevoll aufgebaute Brainpunk-Welt gar nicht mehr verlassen. Ich wollte mehr über das Psioniker-Hormon und die Anderen, mehr Hintergrundgeschichten meiner AAS-Freunde erfahren, dank des ebenso zugänglichen wie auch vielschichtigen Kampfsystems auf dem futuristischen Schlachtfeld epische Moves zur Schau stellen und meine Helden mit unzähligen Upgrade-Möglichkeiten zum ultimativen Kämpfer hochtrainieren. Selten hat mich ein Action-RPG so in seinen Bann gezogen.


    Obwohl meine Begeisterung durch inszenatorische Schwachstellen in Form undynamischer Standbildsequenzen und auf der Zielgeraden einsetzender spielerischer Repetition gelegentlich geringfügig ausgebremst wurde, präsentierte sich mir Scarlet Nexus als einer DER Genre-Geheimtipps des Jahres, das wirklich kein Anime-Freund verpassen darf. Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich diese neue IP erfolgreich etablieren und alsbald eine Fortsetzung rechtfertigen kann. Wenn die Bandai Namco Studios nämlich noch die letzten Mängel glattbügeln können, bekommen wir ohne Frage eines der ganz großen Videospielerlebnisse des aktuellen Gamingjahres spendiert.

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