Der Onryō, den sie riefen.
„Mit Ghost of Tsushima übertrifft Sucker Punch sich in jeglicher Disziplin selbst, macht somit den mittlerweile redlich verdienten Aufstieg in den Entwicklerolymp perfekt. Und beschenkt die Playstation-Community nicht nur mit einem fantastischen Konsolen-Abschiedsgeschenk, sondern auch mit einem emotionalen Japan-Abenteuer allererster Güte, das sich den Titel Game of the Year meiner Meinung nach jetzt schon redlich verdient hat.“
Es mögen Worte sein, die kritischere Gamer mittlerweile für eine zumindest leichte Übertreibung abstrafen dürften und das im Juli 2020 veröffentlichte Action-Adventure aus dem Hause Sucker Punch wahrscheinlich etwas negativer bewerten würden. Blicke ich jedoch heute auf mein abschließendes Fazit des damaligen Tests, stehe ich zu 100% hinter diesen Worten und verneige mich abermals vor dem atmosphärischen Meisterwerk, das das amerikanische Entwicklerstudio geschaffen und im Laufe der Folgejahre mit dem ebenso gelungenen Director's Cut fantastisch optimiert hat. Negativer Nebeneffekt meiner überschwänglichen Meinung: Seit der Erstankündigung von Ghost of Yōtei blickte ich dem Nachfolger mit den höchsten Erwartungen entgegen und befürchtete frühzeitig, dass ich mir damit eventuell selbst ein Bein stellen würde.
Nun sitze ich hier, durfte ein weiteres Mal durch das virtuelle Japan der Vergangenheit reiten und meine Klinge in Blut tränken – dieses Mal eben nicht im Namen der Invasionsbekämpfung, sondern im Namen der Rache! Und nun musste ich mich eigentlich nur noch der Frage stellen, ob Sucker Punch an die sagenhafte Klasse des Erstlings anschließen, meinen astronomischen Erwartungen damit gerecht werden konnte, oder ob ich akzeptieren musste, dass sich solch eine Magie eben auch mal abnutzen kann und man einen gewissen Qualitätsverlust einfach akzeptieren muss. In diesem (Mammut-)Test möchte ich versuchen, diese Frage mit einer adäquaten Antwort zu versehen und entschuldige mich bereits frühzeitig, dass ich in all meiner Japanliebe stellenweise mal in Ferne Gedankenwelten abschweifen werde.
Unter dem brennenden Ginkgo-Baum
Der Duden beschreibt das Wort Rache als „persönliche, oft von Emotionen geleitete Vergeltung einer als böse, besonders als persönlich erlittenes Unrecht empfundenen Tat“. Eine äußert episch klingende Definition, der es höchstwahrscheinlich zu verdanken ist, dass das Herbeisehnen und aktive Verfolgen einer möglichst schmerzhaften Bestrafung seit einer gefühlten Ewigkeit in zahlreichen Filmen, Serien und auch Videospielen vorzufinden ist. Verwunderlich ist dabei, dass das Thema scheinbar noch lange nicht ausgelutscht ist, sondern durch eine komplexe Auseinandersetzungen immer wieder neue Nuancen präsentiert, wodurch das Publikum zuverlässig bestens unterhalten wird.
Wenig überraschend also, dass Entwicklerschmiede Sucker Punch bei der Fortsetzung ihres Erfolgshits Ghost of Tsushima nicht nach den narrativen Sternen greift, sondern sich auf das (oberflächlich betrachtet) simple Thema der Rache konzentrieren. Im Mittelpunkt des vom Vorgänger fast gänzlich losgelösten Ghost of Yōtei – die Handlung ist über 300 Jahre später und zudem auf der nördlichen Insel Japans Ezo, dem heutigen Hokkaido, angesiedelt – steht nämlich die Kriegerin Atsu, die als Kind den grauenhaften Mord an ihrer gesamten Familie miterleben musste. Verantwortlich dafür sind die Yōtei Six, eine Gruppierung maskierter Kämpfer, an deren Spitze der machthungrige Saito die Kontrolle über das gesamte Land anstrebt und mit solchen Bluttaten einschüchternde Exempel statuieren möchte. Anstatt den Plan jedoch skrupellos zu Ende zu führen, nagelt er die einzige Überlebende mit dem Katana ihres Vaters an einen brennenden Ginkgo-Baum und wendet sich ab. Sicher, dass das Feuer das letzte Leben und die Spuren des grausamen Mordes vom Antlitz der Welt tilgen wird.
Getrieben von Hass- und Rachegefühlen kann sich Atsu jedoch aus der misslichen Lage befreien, ihre getötete Familie begraben und anschließend die Flucht Yōtei ergreifen, um fernab von Saito und seinen Mannen ihre eigenen kämpferischen Fähigkeiten zu verbessern. Nach unzähligen Schlachten und lebensverändernden Erfahrungen kehrt Atsu 16 Jahre später mitsamt der geschärften Klinge ihres Vaters und einer Namensliste in ihre Heimat zurück und macht sich auf die Jagd nach den verstreuten Mitglieder der Yōtei Six, die mittlerweile die gesamte Bevölkerung mit ihrem grausamen Treiben ins Angst und Schrecken versetzt haben.
Von solchem Machtspielchen lässt sich Atsu jedoch nicht beeindrucken und vergießt bereits kurz nach ihrer Ankunft erstes Blut, wodurch schlagartig ausgeschmückte Gerüchte, eine spannende Geschichte, ein schwacher Hoffnungsschimmer durch das Land getragen wird: Ein Onryō, ein hasserfüllter Geist, fegt in Form einer gnadenlosen Kriegerin durch ganze Armee und hinterlässt im Namen der Rache ein einziges Blutbad. Mythen, von denen sich die Yōtei Six aber nicht einschüchtern lassen und ihre neugewonnene Macht einsetzen, um Atsu gezielt aus der Vergeltungsbahn zu bringen. Und so muss die Kriegerin schnell erkennen, dass sie sich nicht nur mit den Mördern ihrer Familie, sondern gleichzeitig auch mit den politischen Unruhen sowie geldgierigen Kopfgeldjägern auseinandersetzen muss, um ihr hehres Ziel in die Tat umsetzen zu können.
Psychologische Racheschichten
Es mag nach einem Plot klingen, der sich in wenigen Zeilen treffen zusammenfassen lässt: Die Überlebende eines heimtückischen Mordes plant einen blutigen Rachefeldzug, den sie im Laufe eines jahrelangen Trainings perfektioniert und schlussendlich in die Tat umsetzt. Tatsächlich versucht Ghost of Yōtei auch gar nicht, diesen Rahmen in irgendeiner Weise neu zu erfinden, sondern folgt den altbekannten Kernthemen, die man von solch einer Geschichte erwarten würde. Die wahre Magie steckt allerdings im Füllmaterial, dass dieser rudimentären Hülle nicht nur eine wichtige Stabilität, sondern auch eine mitreißende Mehrdimensionalität verpasst.
Den Anfang macht dabei Protagonistin Atsu, die als Nachfolgerin von Fan-Liebling Jin Sakai seit dem ersten Ankündigungstrailer regelrecht niedergemacht und als vollkommen deplatziert abgestraft wurde. Eine Frau, die sich im alten Japan gegen schwer bewaffnete Krieger behaupten konnte? In einem Videospiel? Undenkbar! Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass Atsu bereits während der ersten Spielstunden beweist, dass sie problemlos in die enorm großen Fußstapfen treten und mit ihrer eigenen Persönlichkeit punkten kann. Nein, ist kein unaufhaltsames Supermonster, das sie spielend leicht durch ganze Armee mäht, sondern eine vom Hass zerfressene Frau, die für ihr ultimatives Ziel über Leichen geht. Und dabei nicht selten zähneknirschend mit den schmerzhaften, manchmal sogar niederschmetternden Konsequenzen leben muss.
Überhaupt wird das Thema Rache erst durch eine psychologische Begutachtung wirklich spannend, der eigentliche Akt ist dann eher der fulminante Schlusspunkt, der ohne einen passenden Aufbau eher antiklimaktisch ausfallen kann. Dementsprechend nimmt sich Sucker Punch auf Atsus Reise ausreichend Zeit, ihre innere Gedankenwelt näher unter die Lupe zu nehmen und zu unterstreichen, weshalb sie die Klinge nicht einfach niederlegen und sich für ein ruhiges Leben entscheiden kann. Gleichzeitig verkommen aber auch die Yōtei Six nicht zu simplen Übeltätern, sondern werden ebenfalls ausreichend beleuchtet, wodurch die erschreckenden Taten zwar nicht entschuldigt werden, teilweise aber zumindest nachvollziehbarer erscheinen. Zwar wird das Rache-Genre dadurch nicht auf einen neuen revolutionären Pfad geführt, darf aber immerhin mit einer besonderen Faszination glänzen, die durch unerwartete Wendungen und emotionale Momente regelmäßig aufpoliert wird.
Gegen Ende lässt sie Wirkungsgewalt dieser Magie ein wenig nach, wofür ein etwas überhastet wirkender dritter Akt verantwortlich ist, der beim Aufbau in Richtung großes Finale etwas mehr Zeit verdient hätte. Glücklicherweise stürzen diese allerdings nicht den positiven Gesamteindruck um, sondern verpassen vor dem befreienden Abspann höchstens einige unschöne Schnitzer, die mit zusätzlichem Feinschliff und einem Fokus auf dem zuvor aufgebauten Fundament sicherlich hätten vermieden werden können. Auf dem Weg dahin hat man allerdings so viele mitreißende Dialoge und dramatische Sequenzen miterlebt, dass einen solche Ausrutscher kaum mehr aus der Bahn werfen, sondern man bereits vollständig in die schockierende, aber eben verständliche Welt der Vergeltung abgetaucht ist und Atsu eher kräftig in den Arm nehmen möchte als sie angewidert wegzustoßen.
Sobald man eine Kritik verfasst, fühlt man sich innerlich fast gezwungen, die Fortsetzung dem Vorgänger gegenüberzustellen und alle relevanten Rubriken miteinander zu vergleichen. Und obwohl ich das anfangs versucht hatte, fiel mir der Vergleich zwischen Ghost of Tsushima und Ghost of Yōtei trotz einiger Parallelen überraschend schwer. Ja, auch Jin Sakai wurde von persönlichen Motiven angetrieben, sein Ziel lag jedoch im Zurückschlagen einer Invasion, um sein geliebtes Land zu beschützen. Atsu liegt ihr Heimatland ebenfalls am Herzen, bedeutend wichtiger ist ihr aber ihre Familie, die die Freuden eines ruhigen, friedlichen Lebens nicht mehr genießen darf. Politik, Leute oder andere gesellschaftlichen Themen? Spielen für sie nur die zweite Shamisen. Die Rache steht im Zentrum, auch wenn diese sie immer mehr zerfrisst und mehr zu einem Monster als zu einem Menschen macht. Ein narratives Kunststück, das Sucker Punch bis auf einige Problemchen perfekt in die digitale Tat umsetzt.
Mein Herz gehört Ezo
Kaum hatte ich den Prolog abgeschlossen und einen ersten Blick auf die düstere Rachehandlung geworfen, wollte ich mich als alter Japan- und Samurai-Fan eigentlich direkt in das Abenteuer stürzen, fiese Soldaten mit möglichst epischen Manöver in die Knie zwingen und meinen Ruf als gefürchteter Rachegeist um einige blutige Details ausweiten. Doch eben meine Liebe zu diesem einzigartigen Land, seiner malerischen Natur und der unvergleichlichen Wirkung auf mein Seelenheil sorgten dafür, dass ich meine hochgesteckten Ziele zurückfahren und zunächst innehalten musste. Denn Ghost of Yōtei ist einfach nur bildhübsch.
Sicherlich werden einige Nörgler nun auf ausgewählte Screenshots und YouTube-Videos verweisen und damit unterstreichen, dass hier im direkten Vergleich zum Erstling nur minimale Sprünge geschafft und eine grafische Revolution verpasst wurde. Und ja, mit diesem Fazit würde ich zweifelsfrei mitgehen und ebenfalls festhalten, dass der PS5-exklusive Titel die Hardware vielleicht nicht gänzlich ausreizt und vor allem bei den Gesichtern sowie den Animationen gerne mal den nötigen Feinschliff vermissen lässt. Doch eigentlich ist das Ganze so, als würde ich mich über einen köstlichen Eisbecher beschweren, da dieser einen halben Grad zu warm ist. Klammert man die kleinen Problemchen nämlich aus, darf man sich über einen wundervollen Augenschmaus freuen, der vor allem auf der PS5 Pro zu einem regelrechten Showcase-Kandidaten wird.
Mit Ghost of Yōtei kann Sucker Punch die pittoreske Schönheit Japans erneut erstklassig einfangen und beeindruckt dabei mit atemberaubenden Panoramen, einem dynamischen Blätterspiel und vielen liebevoll eingeflochtenen Details, mit denen das Gesamtbild eine glaubhafte Lebendigkeit erhält. Durch diese passionierte Detailverliebtheit ist es dann auch kein Wunder, dass ich nach dem Erklimmen eines kleinen Abhangs regelmäßig eine kurze Pause einsetzte und mir die Landschaft mit den bezaubernden Waldstücken, der untergehenden Sonne und dem stets emporragenden Yōtei-zan zu Gemüte führte – und zu keinem Zeitpunkt auch nur einen Hauch von visueller Langeweile verspürte.
Sicherlich half es mir während meines Tests auch, dass mir der Pro-exklusive Raytracing-Pro-Grafikmodus zur Verfügung stand. Solch berauschende Bilder mit einer durchweg stabilen 60fps-Bildrate, einem PSSR-Upscaling sowie aktiviertem Raytracing erleben zu können, garantiert einfach einen absoluten Wow-Effekt, der dem bisher eher fragwürdigen Konsolen-Upgrade endlich mal eine wahre Daseinsberechtigung gibt. Wer sich die kostspielige Hardware bisher noch nicht ins heimische Wohnzimmer gestellt hat, braucht allerdings nicht enttäuscht dreinzublicken: Neben den altbekannten Quality- sowie Performance-Modi (hochskalierte 4K-Auflösung und 30fps gegen eine 1440p-Auflösung und 60fps: ihr habt wie immer die Qual der Wahl), gibt es auch für die „normalen“ Konsolen einen Raytracing-Modus, der aber mit schlankeren 30fps auskommen muss.
Für den Test habe ich auch meine alten Konsolen aus dem Schrank geholt und darf freudig berichten, dass Ghost of Yōtei selbst auf der Standard-PS5 noch eine erstaunlich gute, stabile und malerische Figur macht, wobei hier gleichzeitig besonders deutlich wird, dass das volle Potenzial des Samurai-Abenteuers nicht entfaltet werden kann. Dennoch werden vor allem Japan- und Fotomodus enorm viel Freude an der grafischen Gesamtleistung haben, laden die cineastischen Zwischensequenzen, actionreichen Schwertkämpfe und weitläufigen Aussichtsplattformen doch nicht nur zum Schwärmen, sondern auch zum Einfangen sagenhafter Schnappschüsse ein.
Ein Ohr für japanische Klänge
Nachdem ich die erste Überwältigungsphase hinter mich gebracht hatte, erwartete mich beim Recherchieren des Entwicklerteams eine kleine Überraschung: Mein unerwartetes (und einseitiges) Wiedersehen mit dem japanischen Komponisten Wataru Hokoyama, den ich seit seiner musikalischen Arbeit an Resident Evil 5 begleitete und zuletzt aktiv bei Ratchet & Clank: Rift Apart mitbekam. Unter dem Namen Toma Otowa griff er nun erneut zu den Instrumenten und versorgt Ghost of Yōtei mit einem ebenso herausragenden wie auch variantenreichen Soundtrack, der sich nicht nur den angenehm ruhigen Momenten, sondern auch die blutigen Kämpfen und rachsüchtigen Dialogen phänomenal anpasst.
Elegant werden anmutige Shamisen-Klänge, epische Orchesterstücke und teils herrlich filigrane Gesänge miteinander kombiniert, um eine Reihe durchweg gelungener Tracks zu erschaffen, die sich während meines Tests als einer meiner wichtigsten Begleiter herauskristallisierten. Ob ich nun beim Anschmachten des Yōtei-zan ruhigen Flötenklängen lauschen, beim Bekämpfen angriffslustiger Truppen von peitschenden Sounds zu neuen Höchstleistungen animiert werde oder bei der Konfrontation mit meinen Zielpersonen dank an Kill Bill erinnernde Kompositionen in einen regelrechten Rachewahn gerate: Toma Otowa aka Wataru Hokoyama hat für all diese Situationen die richtige Musikuntermalung gefunden und sie vom Papier bravourös in das fertige Spiel gebracht.
Ähnlich stark präsentiert sich die Sprecherriege der japanischen Fassung, die bei wirklich jedem noch so unwichtig erscheinenden Nebensatz mit der nötigen Emotionsvielfalt ans Werk geht und dadurch bei humorvollen, informativen und emotionalen Situationen gleichermaßen überzeugend agiert. Erfreulich ist zudem die Tatsache, dass Sucker Punch aus den Fehler der Vergangenheit gelernt und nun auch auf die korrekte Lippensynchronisation geachtet, wodurch die Zwischensequenzen nun von einigen unfreiwillig komischen Momenten befreit wurden. Und ja, auch die englische Sprachausgabe ist zweifelsfrei mit fähigen Stimmenschauspielern besetzt, die allesamt eine vortreffliche Arbeit leisten. Inmitten eines japanischen Videospieltraums wirken die übersetzten Dialoge jedoch stets fehl am Platz, einfach nur falsch und präsentieren sich dadurch vielmehr als Hindernis, nicht als wichtiger Atmosphäre-Boost.
Apropos Atmosphäre: Wie bereits beim Vorgänger, sprechen wir dabei auch in Ghost of Yōtei über die Königsdisziplin, bei der sich das Team ohne große Diskussionen alle verfügbaren Goldmedaillen verdient hat. All die zuvor aufgeführten Elemente greifen nämlich auch bei Atsus Rachefeldzug vortrefflich ineinander und ergeben kombiniert eine lebendige, glaubhafte und mit allerlei Überraschungen angehäufte Welt, die mich spielend leicht in ihre Bann ziehen und diese Faszination zum Abspann und darüber hinaus aufrechterhalten kann. Abermals hat Sucker Punch bewiesen, dass es kein japanisches Studio braucht, um die Geschichte und die Kultur ehrenvoll zum Leben zu erwecken. Es reicht bereits, wenn man sich voller Leidenschaft mit dem Thema auseinandersetzt und all die relevanten Kernaspekte respektvoll in den digitalen Raum überträgt.
Teil einer abenteuerlichen Welt
Jetzt war ich aber wirklich bereit, meinem Vergeltungspfad mit gezückten Waffen zu folgen, die Yōtei Six mit allen erdenklichen Mitteln ins Jenseits zu befördern und schlussendlich den rastlosen Seelen meiner ermordeten Familie die verdiente Ruhe zu geben. Dachte ich zumindest. Denn anstatt mir eine recht lineare Handlungsroute zu präsentieren und diese mit den altbekannten Open-World-Nebenbeschäftigungen zu versehen, schubst mich Ghost of Yōtei nach dem Prolog und einigen obligatorischen Einführungsmissionen freudig ins Geschehen und überlässt mich meinem eigenen Schicksal. Sprich: Ich darf vollkommen frei die Gegend erkunden und darf (mit Ausnahme von Oberhaupt Saito) sogar entscheiden, in welcher Reihenfolge ich meine Racheliste abarbeiten möchte.
Anfangs stand ich dieser Designentscheidung enorm skeptisch entgegen, bedeutet solch eine Freiheit doch gerne auch mal einen vollkommen beliebigen Ablauf, der einen klar erkennbaren roten Faden schmerzlich vermissen lässt. Scheinbar war sich Sucker Punch dieser Gefahr jedoch ebenfalls bewusst und hat fast jede noch so unscheinbare Ablenkung mit einer kleinen Geschichte, einem Mini-Nebenschauplatz versehen, die die Welt mit Leben füllt und mir das Gefühl nimmt, einfach nur eine Reihe von markierten Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Ob ich nun einem Geschichtenerzähler begegne, ein Fuchs mich zum Folgen animiert, ein Zähne fletschender Wolf um Unterstützung beim Niedermähen unliebsamer Jäger bittet oder ich mir als Kopfgeldjäger die Geldbörse auffüllen möchte: All diese Missionen erhalten mit kurzen Sätzen, unvorhergesehenen Wendungen und teilweise sogar Zwischensequenzen eine gewisse Substanz und damit auch eine Wichtigkeit, die die Beliebigkeitsgefahr direkt im Keim erstickt.
Positiver Zusatzeffekt dieser Bemühungen ist das belohnende Gefühl, das man beim Erkunden von Ezo bekommt. Bewusst entschied ich mich während meiner ersten Spielstunden, den Handlungspfad zu ignorieren, mich höchstens in Richtung der in weiter Ferne aufsteigenden Rauchschwaden zu begeben und mich ansonsten gänzlich auf mein Glück zu verlassen. Und tatsächlich endete ich nie in einer Sackgasse oder wurde mit gähnender Langeweile bestraft, sondern stolperte zuverlässig über kleinere Aufgaben, verborgene Schätze oder sehenswerte Örtlichkeiten, an denen gerne auch mal eine ausschweifende Nebenmission begann. Aus den angedachten Stunden wurden schlagartig zwei Tage, an denen ich die Yōtei Six gänzlich aus den Augen verlor und einfach meine eigene Geschichte schrieb.
Schnell fühlte ich mich wie ein rastloser Wanderer, ein stets suchender Samurai, der die Geheimnisse einer ihm unbekannten Welt aufdecken und durch eingesammelte Belohnungen Ausrüstung, Waffen sowie Fähigkeiten verbessern möchte. Angenehm war auch die Möglichkeit, auf Wegweiser oder andere Hilfsmittel zu verzichten und mich einfach auf die bereits erwähnten Rauchmarkierungen und den per Touchpad aktivierbaren Wind, der mir den Weg zum gewünschten Ziel weist, zu verlassen. Von besiegten Feinden oder befragten Zivilisten erhaltene Hinweise zu spannenden Örtlichkeiten ploppen ebenfalls nicht einfach so auf meiner Karte auf, sondern müssen von mir zunächst korrekt eingesetzt werden. All diese Kleinigkeiten mögen einzeln kaum erwähnenswert wirken, ergeben zusammen jedoch ein unglaubliches Immersionslevel, das mich unbemerkt zum festen Teil der Welt und jeden Kurzausflug zu etwas Besonderem macht.
Gekonntes Kaschieren der Open-World-Überfüllung
Strenggenommen hätten sich kritische Gemüter den vorherigen Absatz aber auch erstmal sparen, das Gesamtkonstrukt wie bereits bei der Handlung zunächst auf einen kurzen Satz zusammenbrechen und die Reihe an Nebenbeschäftigungen für eine gewisse Eindimensionalität, spielerische Oberflächlichkeit und höchstwahrscheinlich auch schnell einsetzende Abwechslungsarmut niedermachen können. Eigentlich folgt Ghost of Yōtei nämlich einfach nur dem Vorgänger, schickt mich also durch verschiedene Gebiet, um hier die typische Genre-Checkliste abzuarbeiten. So folge ich umherlaufenden Füchsen zu Kostbarkeiten, lasse mich von Wölfen zu Jägern führen, stelle an Bambusständern meine Schwertfähigkeiten unter Beweis, lasse gesuchte Übeltäter die Klinge der Gerechtigkeit spüren, genieße beim Entspannen in einer heißen Quelle die wundervolle Aussicht und befreie eingenommene Festungen sowie Dörfer von angriffslustigen Fieslingen. Eine prall gefüllte To-Do-Liste, wie man sie von Open-World-Titeln kennt und (vielleicht auch) liebt.
Wer bereits durch einige ausschweifende Spielwelten marschiert ist, wird nun höchstwahrscheinlich entnervt mit den Augen rollen und einen mittelschweren Nervenzusammenbruch erleiden. Darum war es mir allerdings so wichtig, diese recht oberflächliche Umschreibung hinten anzustellen und die narrativen Stärken von Atsus Abenteuer zunächst näher zu beleuchten – immerhin sind es gerade diese, die das Erkunden nicht zu einem hohlen Leerlauf-Unterfangen, sondern zu einem herrlich unterhaltsamen Erlebnis machen. Anstatt mich monoton von A nach B, anschließend zu C und immer so weiter bis zum abschließenden Z zu bewegen, begegne ich immer wieder kleinen Zusatzherausforderungen oder neuen Leuten, die den gewohnten Ablauf ein wenig durchmischen und wichtige Abwechslung in das Open-World-Geflecht bringen.
Beispielsweise klapperte ich die örtlichen Bambusstände ab, um meinem Schwertarm durch das schnelle Eingeben der vorgegebenen Tastenkombination ein wenig Bewegung zu gönnen und traf nach einigen Runden unerwartet auf einen ungeübten Möchtegern-Samurai, der an dieser Aufgabe scheiterte. Nach einigen eher unfreundlichen Worten forderte er mich auf, das Ganze doch besser zu machen – was ich dann natürlich auch tat und in einem abschließenden Dialog mit meiner Glanztat angeben konnte. Ähnlich lief es bei der Suche nach Schreinen, mit denen ich neue Fähigkeiten freischalten ließ. Obwohl diese stellenweise gut versteckt oder schwer erreichbar sind, ich also im ersten Schritt den richtigen Weg ausfindig machen muss, wartete urplötzlich ein von Leichen umzingelter Kämpfer auf mich, der einen ebenbürtigen Rivalen suchte. Sprich: Bevor ich am Schrein meine Kräfte verbessern durfte, musste zuerst Blut vergossen werden.
Obwohl solche Momente gelegentlich sogar den überraschenden Beginn einer ganzen Quest-Reihe markieren, handelt es sich oftmals nur um einige Dialogzeilen, einen zusätzlichen Kampf oder eine kurze Anmerkung von Atsu. Diese sorgen allerdings dafür, dass die Welt noch mehr Substanz, mehr Leben und mehr Spannung erhält, mein normalerweise stupides Abklappern von Markierungen nicht nur mit dem versprochenen Upgrade, sondern auch mit einer kleinen Geschichte belohnt wird. Ein simpler Kniff, der der mittlerweile fast schon ermüdenden Formel eine angenehme Dynamik verteilt und besonders erkundungsfreudigen Samurai zudem die Möglichkeit gibt, die Landschaft ohne ständiges Öffnen der Karte zu bereisen. Immerhin kann man sich sicher sein, dass auch ohne pausenloses Kontrollieren der aktuellen Route recht schnell ein neues Abenteuer aus dem nächsten Gebüsch springt.
Ablenkungen kommen und gehen, die Rache bleibt
Irgendwann schaffte ich es dann aber doch, solche verlockenden Ablenkungsmöglichkeiten gänzlich zu ignorieren und mich vollumfänglich der Handlung zu widmen. Doch auch hier machte es mir Sucker Punch nicht leicht, lud mich Ghost of Yōtei doch auch auf dem Hauptpfad dazu ein, meinen eigenen Weg zu beschreiten und das Abarbeiten meiner Todesliste in der gewünschten Reihenfolge anzugehen. Keine leichte Entscheidung, werden doch alle Mitglieder der Yōtei Six mit blumigen Beschreibungen zu wahren Monstern hocherzählt, mit denen ich mich so schnell wie möglich im Rahmen eines epischen Showdowns messen wollte.
Hatte ich mich nach einer überlangen Bedenkzeit endlich für einen Kandidaten entscheiden – in meinem Fall war es der gefürchtete Oni, der meine Rachegelüste mit seiner hämisch grinsenden Maske am stärksten entfachte –, ritt ich auf meinem treuen Ross los in Richtung der ersten Mission und erkannte schnell, dass nun die gewohnten Standard wieder etwas stärker griffen. Hier klappere ich nämlich nacheinander verschiedene Stationen ab, führe wissenswerte Unterhaltungen, mähe reihenweise Gegner nieder und komme so Schritt für Schritt meinem großen Ziel näher. Wurde dieses erfolgreich ins Jenseits befördert, wechsle ich in ein neues Gebiet und wiederhole das eben beschriebene Vorgehen, bis sich mir ein Weg in Richtung Saito und somit zum Vollenden meiner blutigen Vergeltung öffnet.
Tatsächlich wurde ich auf meiner Reise an dieser Stelle das erste Mal mit einem Negativpunkt konfrontiert, wobei dieser schlussendlich doch eher in die Kategorie „Meckern auf hohem Niveau“ einordnen lässt. Würde man sich zu Beginn des virtuellen Japan-Ausflugs nämlich zunächst ausschließlich auf die Hauptmissionen konzentrieren und all die herrlichen Open-World-Ablenkungen ignorieren, hätte man nach einigen Stunden zweifelsfrei mit einer gewissen Monotonie zu kämpfen, folgen viele Aufgabenstellungen doch einem ähnlichen Muster und lassen bisweilen ein wenig Varianz und Kreativität vermissen. Zwar dienen die Handlung sowie die Inszenierung gerne mal als Trostpflaster, die über diese Schwäche hinweghelfen, gänzlich aus der Welt schaffen können sie das Versäumnis aber nicht. Schade, hätte es doch zweifelsfrei einige Optionen gegeben, das Kampagnenkorsett auch hier etwas zu lockern und den konstanten Wechsel aus Reiten, Untersuchen, Sprechen und Kämpfen aufzupeppen.
Dass dieser eigentlich recht gravierend klingende Kritikpunkt aber frühzeitig abgeschwächt wird, ist der bereits ausführlich vorgestellten Welt von Ghost of Yōtei zu verdanken. Obwohl man nämlich definitiv nicht dazu gezwungen wird, laden all die Nebenschauplätze fast automatisch zum gelegentlichen Erkunden ein und sorgen somit dafür, dass sich Repetition kaum richtig aufbauen kann, sondern beim ersten Anflug durch Bambus-, Schrein- oder Kopfgeldfreuden direkt wieder im Nichts verpufft. Dennoch hätte es der eigentlichen Haupthandlung nicht nur spielerisch, sondern auch erzählerisch geholfen, auch ohne diese Zusatzkomponente ausreichend Abwechslung zu bieten.
Eine Meisterin vieler Waffen
Neben der offenen Spielwelt gibt es jedoch noch ein weiteres Kernelement, das Ghost of Yōtei gekonnt vor einer wahren Langeweile-Eskalation bewahrt: Das Kampfsystem! Immerhin führten gewählte Worte während meines Abenteuers nur selten zu einem durchdringenden Erfolg bei der Konfliktlösung, weshalb Atsu stattdessen mehrfach zu allerlei Waffen greifen musste und mich damit nicht nur nach und nach zum hochkonzentrierten Strategen erzog, sondern mir zugleich einen herrlich amüsanten Duell-Spielplatz voller Experimentiermöglichkeiten eröffnete.
Wer sich im Laufe seiner Videospiellaufbahn auch nur für wenige Minuten an einem Action-Titel probieren durfte, wird die wichtigsten Grundlagen sicherlich schnell verinnerlicht haben. Werde ich mit einem Feind konfrontiert, muss ich mit einer gezielten Kombination aus Angriff und Verteidigung auf seine Manöver reagieren, meine Gesundheitsleiste schützen und meinem Gegenüber Hieb für Hieb das Leben aushauchen. Hierfür stehen mir leichte und schwere Hiebe, Spezialangriffe, eine Ausweichrolle und auch die hilfreiche Block-Funktion zur Verfügung, wobei mir letztere – das richtige Timing vorausgesetzt – zudem das Parieren und somit das Platzieren eines schmerzhaften Konters ermöglicht.
Selbst auf den niedrigen Schwierigkeitsstufen stellt Sucker Punch sicher, dass die erbitterten Duelle nicht einfach nur mit stupidem Knöpfchendrücken zu bewältigen sind, sondern zumindest ein Hauch von Taktik in einer Vorgehen einfließen muss. Beispielsweise werden eure Angriffe gerne mal blockiert, weshalb ihr zunächst die Verteidigungsleiste eures Gegners zertrümmert müsst. Verliert ihr dabei allerdings eure Umgebung aus den Augen, werdet ihr gerne mal Opfer eines Gegenangriffs, solltet also stets in Bewegung bleiben und auf die Rolle zurückgreifen, um solche unliebsamen Situationen zu vermeiden. Besonders hilfreich: Standardmäßig wird die typische Anvisier-Funktion ausgeschaltet, wodurch ihr zwar aktiver auf eure Bewegungen achten müsst, dafür aber auch bedeutend dynamischer agieren dürft. Wem das stinkt, darf die Funktion aber jederzeit wieder einschalten.
Worauf man allerdings auf keinen Fall verzichten sollte, ist das stetige Wechseln der ausgerüsteten Waffe. Anfangs hat Atsu nur ein Katana in ihrem Repertoire, fügten diesem im Laufe des Abenteuers dann aber auch Yari (Speer), Kusarigama (Kettensichel) oder andere messerscharfe Argumente hinzu. Diese sehen allesamt nicht nur hübsch aus, sondern eröffnen mir neben alternativen Angriffsmuster auch die Möglichkeit, die Defensive bestimmter Feinde effektiver niederzuschlagen. Während ich andere Schwertträger mit meinem Katana nämlich am besten in die Knie zwingen kann, sehe ich gegen mit Speeren oder Langschwertern bewaffnete Fieslinge schon älter aus. Kombiniert mit der grundlegenden Hektik eines Überlebenskampfes verwandelt dieser Waffenwechsel vor allem Gruppengefechte zu einer kleinen Herausforderung, bei der auch nur der kürzeste Konzentrationsabfall bereits schmerzhafte, manchmal sogar tödliche Folgen haben kann.
Abseits der Hauptwaffen gibt mir Ghost of Yōtei aber noch weitere Utensilien, mit denen sich meine Chancen auf einen glorreichen Sieg deutlich erhöhen. So darf ich zusätzlich auch auf Wurfwaffen wie Kunai, Bomben oder Blendpulver zurückgreifen, mit denen ich mir eine kurze Verschnaufpause und damit einen wichtigen Vorteil verschaffe. Natürlich darf auch der Fernkampf nicht fehlen, der mit zweierlei Bögen sowie einer Tanzutsu-Pistole abgedeckt wird. Dank dieser Vielfalt verwandelt sich auch das virtuelle Schlachtfeld zu einem kleinen Spielplatz, den ich vollkommen frei zum Ausprobieren und Kombinieren verschiedener Strategien nutzen darf. Trotz eines Stärke-Schwächen-Systems seid ihr nämlich keinesfalls verloren, wenn ihr das empfohlene Todesinstrument missachtet und einfach eurem eigenen Wunsch folgt. Eure Erfolgschancen fallen halt nur bedeutend niedriger aus.
Der schmale Grat zwischen Leben und Tod
Normalerweise werden zusätzliche Haupt- und Nebenwaffen ja gerne in ein Action-Adventure gedrückt, um von der abwechslungsarmen Natur des Kampfsystems abzulenken und mit all den alternativen Tötungsinstrumenten ein herrlichen Gefühl der mörderischen Freiheit zu erhalten. Würde man Ghost of Yōtei auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad angehen, könnte diese Beschreibung wahrscheinlich auch zutreffen. Wählt man dagegen die höchste Stufe, verpufft diese haltlose Unterstellung nicht nur schlagartig im Nichts, man betritt gleichzeitig eine gnadenlose Samurai-Hölle, die nur von wahren Profis bewältigt und schlussendlich verlassen werden kann.
Bereits auf dem normalen Level wurde ich beim Test dazu gezwungen, jeden noch so unscheinbar anmutenden Gegner ernst zu nehmen, bei jedem Angriff die Befürchtung zu haben, dass ich meinem unfreiwilligen Bildschirmtod entgegenblicke. Hierbei handelte es sich dann auch gar nicht mal um ein Hirngespinst, sondern vor allem beim Stelldichein mit wuchtigen Bossen oder größeren Gruppen um eine qualvolle Realität. Manchmal reichte bereits ein kurzer Ausrutscher, ein Fehler, ein unbedachtes Abweichen meiner nahtlosen Strategie, um Atsus Reise einen unliebsamen Stopp zu verpassen. Kaum schaltete ich (natürlich nur zu Testzwecken, immerhin liegt mir etwas an einem niedrigen Blutdruck) auf die höchste Schwierigkeitsstufe, durfte ich das Wort Manchmal aus dem vorherigen Satz streichen – hier reichte ein Schlag nämlich tatsächlich aus, um mich zu einem erneuten Versuch zu zwingen.
Okay, mein Blutdruck sprang während meines Tests gelegentlich dann doch mal in die Höhe, konnte ich einige Wutausbrüche doch kaum runterschlucken, war der Sieg nach einer erbitterten Schlacht doch bereits SO NAH gewesen... und endete dann doch in meiner Niederlage. Sucker Punch gelingt jedoch das Kunststück, dass ich mich nicht etwa über unfaire Passagen oder ein unzugängliches Gameplay, sondern primär über mich selbst und mein Versagen ärgere. Hätte ich fleißig meine ausgerüstete Waffe hin- und hergewechselt, die korrekten Timings eingehalten und die Schwachstellen meiner Kontrahenten korrekt ausgenutzt, wäre mir der Sieg sicher gewesen. Stattdessen trieben mich erfolgreich ausgeführte Superkombinationen gerne in die Übereifrigkeit und somit zu einer eigens verschuldeten Blindheit, die leider zu mehreren Pfeilen, Schwertern oder anderen schmerzhaften Dingen in meinem Rücken führte.
Ghost of Yōtei lädt mich dazu ein, das Kampfsystem nicht nur zu verstehen, sondern es zu verinnerlichen und mit meinem eigenen Stil zu perfektionieren. Ja, wie bereits beim Vorgänger gibt es auch die Möglichkeit, gegnerische Lager zunächst im Stealth-Modus anzugehen und die Feinde somit lautlos auszuschalten, allerdings macht der spielerische Minimalismus bei dieser Komponente klar, dass das eher eine nette Beilage, aber nicht das eigentliche Samurai-Hauptmenü ist. Nur wer wirklich tief in die Materie eintaucht, die eigene Klinge nicht nur schwingt, sondern sie regelrecht spürt und auf jede noch so kleine gegnerische Regung die richtige Reaktion vorweist, hat ab der normalen Schwierigkeitsstufe eine Chance. Oder schaltet den Regler eben gleich ganz nach unten und verzichtet auf all diese Elemente, was aber ein herber Verlust wäre.
Respektvoller Upgrade-Pfad
Normalerweise fällt der Upgrade-Pfad bei Action-Adventures enorm simpel aus: Das erfolgreiche Erlegen von Feinden sowie Abschließen von Haupt- und Nebenaufgaben wird mit Erfahrungspunkten honoriert, die wiederrum zu einem Stufenanstieg und somit dem Freischalten brandneuer Fähigkeiten führen. Ghost of Yōtei pfeift auf dieses System und belohnt glorreiche Taten maximal mit kostbaren Materialien und Geld, die wiederrum in die Verbesserung eurer Waffen und Rüstungen sowie dem Erwerb neuer Farben und Skins investiert werden dürfen. Beeindruckende Schwertkünste und ausschweifende Erkundungstouren müssen ja auch irgendwie entlohnt werden.
Wollt ihr Atsus Schlagkraft jedoch ausschließlich mit finanziellen Mitteln steigern, solltet ihr stets die Augen und Ohren offenhalten, um die Standorte kleinerer Schreine ausfindig zu machen. Setzt ihr hier nämlich via Touchpad zur respektvollen Verbeugung an, erhaltet ihr im Gegenzug den ersehnten Fähigkeitenpunkt, der wiederrum im gut gefüllten Talentbaum eingesetzt werden darf. Hier dürft ihr dann nicht nur brandneue Manöver erlenen, sondern auch eure Stealth- und Reitkünste ausbauen, den Bogeneinsatz optimieren oder sogar eine hilfreiche Wiederbelebungsfunktion freischalten, die vor allem auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad unerlässlich ist. Die Entscheidung fällt jedoch überraschend schwer, lassen sich doch fast alle zur Verfügung stehenden Optionen sinnvoll in das Gameplay einbinden, wodurch man vorher lieber eine Prioritätenliste sowie eine gewünschte Reihenfolge vorbereiten sollte.
Eigentlich bin ich ein großer Fan von EXP-Jagden, sorgt das Aufploppen der vielen Zahlen, oftmals unterlegt von heroischen Klängen, bei mir für einen ordentlichen Dopamin-Zuschuss, der mich noch motivierter ans Werk gehen lässt. Ghost of Yōtei schafft es jedoch, den unermüdlichen Progressionsweg elegant in das Gesamterlebnis zu verschmelzen, sodass ich nicht ständig über neue Errungenschaften informiert werde, sondern diese erst in bestimmten Kämpfen oder Situationen beim Einsetzen des erste Mal so richtig spüre. Ich brauche mich nicht ständig mit irgendwelchen Statuswerten, Erfahrungspunkten, superkomplexen Zahlen oder sonstigem Schnickschnack zu beschäftigen, sondern kann mich vollständig auf die wundervolle Welt und mein Abenteuer konzentrieren – immerhin läuft meine Weiterentwicklung lautlos im Hintergrund ab und macht sich nur in den wirklich wichtigen Momenten deutlich (und für meine Feinde schmerzhaft) bemerkbar.
Dennoch kennt das Team von Sucker Punch die Zielgruppe genau und ermöglicht mit den zahlreichen Rüstungen, Masken, Hüten und Farben einen kreativen Spielplatz, auf dem ich mich ordentlich austoben und meine Wunsch-Atsu zusammenbauen darf. Keine leichte Aufgabe, besitzt doch fast jedes Kleidungsstück einen einzigartigen Charme, das gewisse Etwas, das meiner virtuellen Kämpferin einen ordentlichen Coolness-Boost verpasst. Tatsächlich konnte ich mich während meines Tests doch auch gar nicht für einen finalen Look entscheiden, sondern startete immer wieder neue Experimentierrunden, um mit neuen Färbungen oder Kombinationen 100%ige Zufriedenheit zu erreichen. Geschafft habe ich es zwar nicht, immerhin machte der Prozess ordentlich Laune.
Wie eine virtuelle Reise ins alte Japan
Viele aufpolierte Einzelteile ergeben aber noch kein grandioses Gesamtwerk, sofern diese nicht erstklassig ineinandergreifen und mit ein wenig Öl zudem eine zusätzliche Geschmeidigkeit verpasst bekommen. Dessen ist sich das Team von Sucker Punch nach der Sly Raccoon- und der Infamous-Reihe selbstverständlich bewusst, konnte diesen Vorgang seit der Firmengründung im Jahr 1997 mehrfach üben und mit der Zeit auch perfektionieren. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass Ghost of Yōtei wie aus einem Guss wirkt, sich nur selten gravierende Ausrutscher erlaubt und die Handlungs-, Gameplay- und Atmosphäre-Ebenen so perfekt übereinanderlegt, dass sich ein durch und durch beeindruckendes Gesamtmotiv ergibt.
Daraus resultiert dann auch das wundervolle Spielgefühl, das ich eingangs ausführlich vorgestellt habe. Nach dem Intro werde ich gefühlt von der Leine gelassen, um meinen eigenen Weg zu gehen, mein eigenes Abenteuer in die digitalen Geschichtsbücher dieser malerischen Welt niederzuschreiben. Wandere ich zunächst ausschließlich auf dem Pfad der Rache? Suche ich nach Schreinen, um neue Fähigkeiten freizuschalten? Besuche ich die verschiedenen Waffenmeister, um meine kämpferischen Möglichkeiten auszubauen? Oder bin ich einfach mal ganz verrückt, verzichte auf jegliche Orientierungshilfen und laufe blind los, um mich gänzlich überraschen zu lassen? Wenn die Struktur nicht vorhanden, kein gedankliches Konzept des Entwicklerteams zu erkennen ist, mündet solch eine Freiheit schnell in einem tiefen Langeweile-Abgrund und bietet somit den perfekten Grund, die Konsole frühzeitig auszuschalten. Umso erfreulicher, dass diese Gefahr bei der Fortsetzung bravourös umtanzt wurde und der Freiheitsgedanke absolut aufgeht.
Bedeutend wichtiger für mich war aber eben nicht diese Freiheit, auf die ich mich in meinem Test bisher eigentlich auch nur so stark konzentriert habe, da sie für den handelsüblichen Gamer, den Konsolen-Mainstream mit dem Wunsch nach einem wirklich packenden Action-Adventure wahrscheinlich ein gewichtiger Aspekt ist. Nein, für mich war das Gefühl beim Bereisen der Welt viel wichtiger, trage ich Japan seit meiner Kindheit doch im Herzen und würde alles dafür geben, beim Abtippen meiner Gedanken dort zu sein, die herzerwärmenden Emotionen beim Erkunden mir unbekannter Gebiete zu spüren. Doch genau dieses Feeling konnte Ghost of Yōtei beim Test immer wieder in mir wecken, wurde das Land doch mit so viel Liebe, so vielen Details, so einem unglaublichen Respekt programmiert, dass der Grat zur Realität unglaublich schmal ausfällt. Ja, natürlich kommt das Ganze an einen echten Trip nicht einmal ansatzweise heran, dennoch ist es immerhin ein passender und zudem auch deutlich kostengünstigerer Ersatz.
An dieser Stelle kommt das gelungene Ineinandergreifen der Einzelteile ins Spiel. Eine schöne Welt allein reicht nämlich nicht aus, um die Wirkungsgewalt solch einer Magie zuverlässig aufrechterhalten zu können, weshalb es so wichtig ist, dass auch das Gameplay überzeugt. Und wenn ich dann freudig zwischen spannenden Schatzsuchen, herausfordernden Kopfgeldjagden, beruhigenden Pinselstrichen, blutigen Kämpfen und vielen anderen Nebenbeschäftigungen wechseln darf, kann ich die bildhübschen Landschaften noch aktiver genießen, mich gänzlich in ihnen verlieren und mich in ein wohliges Mittendrin-Gefühl einwickeln als wäre es eine wärmende Decke. Es ist wirklich schwer, solche Emotionen auf das digitale Papier zu bringen – man muss sie einfach selbst erlebt haben.
Neuer Geist, alte Faszination
Dass das Internet heutzutage in erster Linie als erstklassige Plattform für ungefilterte Wuttiraden, Hate-Wellen und Shitstorms angesehen wird, dürfte vor allem für Hardcore-Gamer kein Geheimnis sein. Wie oft kommt es vor, dass eine falsche Designentscheidung, eine fragwürdige Trailer-Szene oder ein undurchdachter Social-Kommentar eine zuvor loyale Community verärgert und dazu führt, dass sich die Entwickler sogar mit unangenehmen Drohungen konfrontiert sehen. Scheinbar wurde diese wirklich inakzeptable Grenze während der Programmierung von Ghost of Yōtei nicht überschritten, dennoch gab es einige Kritikpunkt, wobei einer verschiedene Sony-exklusive Titel tangiert: das „sichere Sequel“, dass unbedingt die Magie des gefeierten Vorgängers einfangen möchte und somit eher wie ein DLC, nicht wie eine wirkliche Fortsetzung wirkt.
Tatsächlich entschied ich mich während meines Tests bewusst dazu, nochmal einige Stunden in Ghost of Tsushima einzutauchen, um durch diesen direkten Vergleich überprüfen zu können, inwieweit solche Anschuldigungen gerechtfertigt sind. Und ja, auch sorgt die oberflächliche Betrachtung dafür, dass Atsus Rachefeldzug wie eine aufpolierte Kopie von Jins Invasionsabwehr wirkt, was für einen direkten Nachfolger natürlich überhaupt nicht überraschend ist. Allerdings wäre es ja auch eine Frechheit meinerseits, diese Erkenntnis einfach so stehenzulassen, zeigt sich doch gerade erst im Detail, wie viel Liebe in diese virtuelle Reise geflossen ist und wie das Team es geschafft hat, dem Kern aller umjubelten Stärken treu zu bleiben und diese wirklich sinnvoll auszubauen.
Wahrlich grandios ist aber die Tatsache, dass Ghost of Yōtei weder als stupides Action-Adventure noch als künstlich überzogenes Gemetzel verstanden werden möchte. Wie bereits der Erstling ist diese Reise vielmehr ein Liebesbrief an Japan mitsamt all seiner Facetten: Die Mythen, die Landschaft, die Natur, die Menschen, die einzigartige Kultur. Bestes Beispiel sind die abermals phänomenalen Filter, die ich jederzeit einschalten und das Gesamterlebnis dadurch mit einem besonderen Anstrich versehen darf. Im Kurosawa-Modus erinnert das Geschehen dank einer Umstellung auf schwarzweiß an einen antiken Samurai-Film, während im Miike-Modus mehr Schlamm und Blut sowie eine alternative Kameraführung für einen cineastischen Touch sorgen. Mein persönliches Highlight ist allerdings der Watanabe-Modus, in dem mein Abenteuer von stylischen Lo-Fi-Beats von Cowboy Bebop- und Samurai Champloo-Schöpfer Shin'ichirō Watanabe höchstpersönlich begleitet wird. Mehr Japan-, Film- und Anime-Liebe geht einfach nicht.
Ghost of Yōtei mag also vielleicht nicht den erhofften Franchise-Sprung, dafür aber einen wichtigen Schritt in die richtige Entwicklungsrichtung darstellen, der ein vormals fantastisches Abenteuer nicht komplett neu erfindet, sondern auf dessen stabilem Fundament ein grundoptimiertes Handlungs-, Gameplay- und Technikhaus baut. Somit bekommt man die gewohnt gelungene Mischung aus packender Reise, wunderschönen Landschaften, erbitterten Gefechten und zahlreichen Erkundungsmöglichkeiten spendiert, die sich nun einfach vollständig überarbeitet und verbessert präsentieren. Anfangs darf natürlich das eine oder andere kritische Wort bezüglich einer sicheren Sequel-Strategie geäußert werden, hat man anschließend jedoch den ebenso mitreißenden wie auch beeindruckenden Gameplay-Kern erreicht, sollten solche Gedanken direkt im Nichts verpuffen.
Sucker Punch hat es geschafft, mich in eine gedankliche Bredouille zu bringen. Eigentlich hatte ich nämlich gehofft, dass mit dem Abschluss von Atsus Reise der Entwicklerblick auf andere hauseigene Serien geht und vielleicht auch die Sly Raccoon- oder die inFamous-Reihe endlich wieder das verdiente Rampenlicht genießen dürfen. Nach meinen insgesamt über 50 Stunden mit Ghost of Yōtei bin ich mir nun allerdings unsicher, ob ich nicht lieber einen weiteren Ausflug in das virtuelle Japan bevorzugen würde, lieber herausfinden möchte, welchen Weg ein drittel Teil beschreiten würde. Ja, als Waschbär durch die Gegend zu schleichen oder eine Stadt mit übernatürlichen Kräften zu retten (beziehungsweise sie ins totale Chaos zu stürzen) wird in meinem Herzen auf ewig als Highlight gespeichert sein, mich der Schönheit Japans hinzugeben und tiefer in all die kulturellen Feinheiten einzutauchen, wird aber nun mal auf ewig an der Spitze meines gedanklichen Gaming-Rankings stehen. Und bisher gab es nur wenige Videospielerfahrungen, die dieses Erlebnis auf solch meisterhafte Art und Weise umgesetzt haben.
Fazit
Es fällt mir unglaublich schwer, meine Zeit in der mitreißenden Welt von Ghost of Yōtei in wenigen Zeilen zusammenzufassen, schwirren mir in meinem Kopf doch ausreichend Gedanken für einen ausschweifenden Roman umher. Es ist einfach beeindruckend, mit wie viel Liebe, Leidenschaft und Respekt das Team von Sucker Punch all die Stärken des Vorgängers übernommen sowie frühere Kritikpunkte gezielt ausgemerzt hat, um die Fortsetzung auf ein völlig neues Qualitätsniveau zu heben. Dabei bleiben weltbewegende Gameplay-Revolutionen aufgrund der bewussten Nähe zum Erstling zwar größtenteils aus, im Gegenzug erhält man aber ein ebenso atmosphärisches wie auch packendes Samurai-Abenteuer, das in nahezu jedem Bereich erstklassig abliefert.
Ob es nun Atsus emotionaler Rachefeldzug, die atemberaubenden Landschaften, der eindringliche Soundtrack oder das vielschichtige Kampfsystem, wirklich alle Elemente wurden detailverliebt aufpoliert und zu einem phänomenalen Gesamtpaket zusammengelegt, dessen fesselnde Wirkungskraft bereits während des cineastischen Intros spürbar wird. Wirklich zusammengehalten werden all die Bausteine allerdings von der malerischen, mit viel Leben gefüllten Welt, die gefühlt an jeder Ecke eine neue Überraschung bereithält, mich mit kleinen Zusatzgeschichten immer weiter ins Geschehen zieht und damit bis zum Abspann (und darüber hinaus) absoluten Spielspaß garantiert. Anstatt die Karte mit unzähligen Icons zu überfluten, wird die Open-World-Formel ein wenig aufgelockert und mehr auf Qualität statt auf Quantität gesetzt. Die angenehme Folge: Meine Erkundungszüge werden nicht zum lahmen Abarbeiten einer Checkliste, sondern zu einem lohnenden Unterfangen, das mich stets von der eigentlichen Hauptmission ablenkte.
Ja, im finalen Akt mag Ghost of Yōtei ein wenig ins Stolpern geraten und sich stellenweise zudem kleinere grafische und auch spielerische Schnitzer erlauben. Betrachtet man diese Schwächen allerdings im positiven Gesamtkontext, verkommen sie zu einer kleinen Randnotiz, die kaum weiter ins Gewicht fallen. Sucker Punch ist es bravourös gelungen, den gefeierten Kernaspekten des Erstlings treu zu bleiben und diese durchdacht weiterzuentwickeln, wodurch sich Atsus Reise und das Erleben der japanischen Kultur mit all ihren wundervollen Facetten noch wertiger, noch unterhaltsamer, noch besser anfühlt. Und die Ghost-Reihe um einen abermals sensationellen Ableger erweitert wurde, der in ferner Zukunft hoffentlich ebenfalls mit einer gelungenen Fortsetzung gesegnet wird.
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