Valkyria Chronicles 4



  • Das lange Warten wurde gebührend belohnt


    Ich erinnere mich noch ganz genau, wie enttäuscht ich von Valkyria Revolution war. Was man objektiv als relativ solides JRPG abstempeln durfte, war für mich als Fan ein klares, gnadenloses Signal: Sega will die Serie massentauglicher machen und wendet sich von den taktischen Wurzeln ab.


    Umso lauter wurden meine Jubelschreie, als der herben Enttäuschung ein greller Hoffnungsschimmer folgte: Mit der Ankündigung von Valkyria Chronicles 4, dem Sequel meiner Träume, schien Sega diese Sorgen aus der Welt räumen und sich auf die Tugenden des gefeierten Erstlings besinnen zu wollen. Doch ob das Endprodukt diesem hohen Anspruch dann auch wirklich gerecht werden würde?


    Nach knapp 50 Spielstunden sitze ich nun hier, verfasse meine Review und kann mit einem strahlenden Lächeln verkünden: Ja, das kann es!



    Gleicher Krieg, anderer Ort


    Kriege sind niemals eindimensional. Jeder Krieg birgt etliche Facetten, Perspektiven, Länder, deren genauere Betrachtung das gigantische Bild des Schreckens fortsetzt und irgendwann ein Diorama des Grauens präsentiert.


    Kein Wunder also, dass sich Valkyria Chronicles 4 zumindest handlungstechnisch nicht als Fortsetzung, sondern als parallele Facette des Erstlings verstehen darf. Immerhin ist die Geschichte rund um den Squad E in der gleichen Zeit wie der erste Serienableger angesiedelt, heißt jahrelange Fans also spätestens auf dem Schlachtfeld auf altbekanntem Terrain willkommen.


    Anstatt sich dabei von der historischen Inspiration der Vergangenheit zu verabschieden, bleibt der Zweite Weltkrieg als Kulisse klar erkennbar. Zwar machen ausbleibende, historische Gastauftritte, fiktive Namen sowie ausreichend übernatürliche Elemente das Ganze nicht zu einer gähnend langweiligen Geschichtsstunde, kredenzen allerdings ein düsteres, politisch aufgeladenes Fundament, auf dem ein anschauliches JRPG-Gebäude erbaut wird.


    Fans der Vorgänger dürfen sich also erneut auf ein gigantisches Handlungsbollwerk freuen, das zwar erst langsam in Fahrt kommt, mit zunehmender Dauer jedoch an erzählerischer Macht und beeindruckendem Facettenreichtum gewinnt, wodurch der Schrecken des Krieges glaubhaft eingefangen, dabei durch erzählerische Raffinesse aber dem Stil eines Anime-Abenteuers angepasst wird.




    Ans Herz gewachsen


    Valkyria Chronicles 4 gewinnt diese narrative Faszination allerdings nicht durch die gekonnte Darstellung des kriegerischen Geschehens, sondern durch die erneut fantastischen Hauptakteure, die sich rasant einen Weg in mein Herz bahnen konnten.


    Selbst nach so vielen Spielstunden fällt es mir schwer, einen persönlichen Favoriten zu benennen. Zwar fallen viele charakterlich zunächst durch ein altbekanntes Anime-Klischee auf, werden jedoch anschließend mit einer tragischen Vergangenheit behaftet, wodurch der gemeinsame Weg in Richtung unbekannte Zukunft umso packender ausfällt.


    Dabei schafft es Valkyria Chronicles 4 erstklassig, fast durchweg die Balance zwischen Dramatik und Humor zu halten. Während wir auf dem Schlachtfeld immer wieder mit schweren Verlusten und anschließend mit den emotionalen Folgen zu kämpfen haben, garantieren die zwischenmenschlichen Beziehungen, abgedrehte Zwischensequenzen oder einfach nur amüsante Dialoge eine willkommene Ablenkung, die inmitten des Schreckens einige Lacher ermöglicht.


    Und während einige Momente vielleicht etwas over-the-top ausfallen und über das noble Ziel der Auflockerung hinausschießen, geht Valkyria Chronicles 4 niemals despektierlich mit der ernsten Grundthematik um und schafft es, diese passend mit etwas Humor und Heiterkeit aufzuhellen.




    Ohne Karte geht gar nix


    Auch spielerisch hat man sich (zum Glück) wieder an der Hauptreihe orientiert und serviert uns rundenbasierte, taktisch ungeheuer anspruchsvolle Schlachten, bei denen Fans von Buttonsmashern (und Revolution) schnell alt aussehen.


    Anfangspunkt ist hierbei die Karte, auf der wir unsere sowie (nicht immer direkt sichtbare) gegnerische Einheiten erspähen können und unsere nächsten Züge planen können. Bereits hier spielt die erste Taktikkomponente in Form der Kommandopunkte eine wichtige Rolle. Pro Punkt dürfen wir eine Einheit bewegen. Anschließend ist der Gegner dran.


    Haben wir uns für einen unserer Kämpfer entschieden, dürfen wir diesen frei über das große Schlachtfeld steuern. Sobald dessen Bewegungsleiste aber leer ist, heißt das unvermeidbare Kommando: Stillstand! Es ist also unabdingbar, sich bereits vor der ersten Bewegung eine ungefähre Route zusammenzustellen, damit man am Ende seines Zuges eines gezielten Schlag gegen den Feind ausführen, aber gleichzeitig auch eine hilfreiche Verteidigungsposition für sein Überleben einnehmen kann.


    Selbst mit ausreichender Planung darf man sich dabei aber nie sicher fühlen. Wird man vom Feind entdeckt, steht man unter ständigem Beschuss. Macht man einen Fehler, kann man schnell einen bitter nötigen Helfer verlieren. Sieht man sich kurz vor dem Ziel, kann Valkyria Chronicles 4 gnadenlos eine unerwartete Wendung aufs Feld und den gesamten Plan somit aus den Fugen bringen.


    Taktikfreunde werden dadurch angenehm ge-, allerdings niemals überfordert. Wer trotz unvorhergesehener Ereignisse nämlich trotzdem die Ruhe bewahrt, der wird letztlich auch als tapferer Sieger heimkehren können.




    Unsichtbare Hürden


    Neben Kommandopunkten und eingeschränktem Bewegungsfeld sorgen vor allem die obligatorischen Charakterklassen für taktischen Anspruch. Und da euch insgesamt sechs Einheitstypen zur Verfügung stehen, eröffnen sich Tüftlern auch hier ausreichend Möglichkeiten.


    Und ob nun Aufklärer, Grenadier, Scharfschütze oder Lancer: Jede Einheit hat ihre Stärken und Schwächen, kann aber mit ausreichend Eingewöhnungszeit, Taktik und vor allem der richtigen Zusammenstellung in eine mächtige Truppe eingeflochten werden. So wären meine Aufklärer mit meinem unvorsichtigen Vorgehen eigentlich fast immer Kanonenfutter, wurden von meinen Scharfschützen aber jederzeit perfekt gesichert.


    Vorsicht sollte man also so oder so walten lassen. Denn selbst mit einem zunächst scheinbar unaufhaltsamen Panzer kann man urplötzlich in einen feindlichen Hinterhalt geraten und binnen weniger Züge seine stärkste Trumpfkarte verlieren. Woher ich das weiß? Das ist mir beim Test leider viel zu oft passiert.


    Apropos Panzer! Hier macht sich das einzige Manko der taktischen Schlacht bemerkbar: die oftmals hakelige Steuerung in Kombination mit stellenweise unglücklichem Leveldesign. Viel zu oft kam es vor, dass ich mit meinem gepanzerten Boliden aufgrund unsauberer Programmierung an unsichtbaren Ecken hängenblieb. Die Folge: Eine plötzlich leere Bewegungsleiste und ein verlorener Kommandopunkt.


    Letztlich Meckern auf hohem Niveau, immerhin stolperte ich während des Durchspielens nur knapp fünf Mal über diese Problematik. Wenn man allerdings auf wirklich jeden Meter angewiesen ist und die aufwändig zusammengestellte Planung aufgrund eines ärgerlichen, nicht selbst verschuldeten Fehlers urplötzlich zerplatzt, ist das schon ärgerlich.




    Mit Fortschritt zum Sieg


    Euch ist ein solcher Fehler passiert, eine unsichtbare Ecke wurde euch zum Verhängnis und nun schaut ihr dem Gegner mitten ins Visier? Wer seine Einheit zuvor ordentlich aufgemöbelt und alle wichtigen Werte verbessert hat, der hat nun eventuell gut lachen!


    Der stetig ansteigende Schwierigkeitsgrad macht solche Investition in eure Truppenstärke allerdings eh unvermeidlich. Effektiverer Angriff, verbesserte Abwehr oder gar größerer Bewegungsradius sind selbstredend wichtige Helfer, die euch nicht selten das Leben retten und selbst nach einem gegnerischen Zügen noch zur Oberhand verhelfen können.


    Und was braucht man natürlich, um Helden und Ausrüstung in einem JRPG aufzurüsten? Erfahrungspunkte, Geld und neue Bauteile natürlich. Alles verdienen wir durch das erfolgreiche Abschließen von Missionen, dürfen aber dabei auch Nebenmissionen nicht außer Acht lassen.


    Besonders motivierend dabei: Selbst hier hat sich Sega viel Mühe gemacht und wirft euch kaum in lahme Manöver. Fast jeder optionale Auftrag ist mit einer kleinen Geschichte verknüpft, eröffnet euch neue Details über das vom Krieg zerfressende Land oder bringt euch einem ausgewählten Charakter näher.


    Dadurch werden selbst gelegentliche (aber niemals wirklich ausartende) Grinds erträglich. Wenn man nämlich nicht einfach nur der besten Endwertung, sondern auch neuen Inhalten hinterherjagt, fällt die Motivationskurve selbst nach vielen Spielstunden nicht ab.




    Schrecken des Krieges


    Der gezielte Verbindungsaufbau mit euren Einheiten kann allerdings auch ganz schnell zu eurem Verderben werden. Permadeath spielt nämlich auch in Valkyria Chronicles 4 eine Rolle und scheut nicht davor zurück, euch gnadenlos einen Schlag in die Magengrube zu verpassen.


    Zwar können die Haupthelden nicht sterben, dafür aber fast jeder eurer Rekruten, die ihr voller Leidenschaft trainieren und dann auch sogar zum Leiter einer Einheit ernennen dürft. In einer handelsüblichen Kriegssimulation mag der Verlust von Bodentruppen nicht wirklich tragisch ins Gewicht fallen, wird durch die erzählerische Sorgfalt und tiefgründige Charakterzeichnung seitens der Entwickler hier aber schnell zum puren Horror.


    Anstatt einfach nur Rekrut A, B und C vorgesetzt zu bekommen, haben eure Einheiten ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte. Diese bringt euch Valkyria Chronicles 4 euch gerne näher und sorgt mit Nebenmissionen und kurzen Dialogen für besondere Momente. Momente, die besonders schmerzen, wenn euch ein gravierender Fehler passiert und eben dieser Verbündete das Zeitliche segnet.


    Während meines Tests hatte ich tatsächlich einen Helden gefunden, der mir aufgrund seiner Vergangenheit direkt besonders wichtig wurde. Bei jedem Kampf war er das Sternstück meiner Einheit, wurde jederzeit mit den besten Waffen ausgerüstet, bekam direkt jede neu verfügbare Fähigkeit freigeschaltet. Und dann wurde ich wagemutig, unvorsichtig, dumm. Und musste mit ansehen, wie ein Scharfschütze sein virtuelles Dasein jäh beendete.


    Wirklich schlimm wurde das Ganze jedoch erst, als ich anschließend im Internet nachforschte. Denn tatsächlich hatte eben dieser Held noch viel zu erzählen, hätte mit mir noch viele, besondere Momente erleben können. Nein, sagte Valkyria Chronicles 4. Du hast nicht aufgepasst, ihn verloren, das war’s. Keine Chance, ihn zurückzuholen.


    Ein effektives, gnadenloses Feature, das in all dem Grauen eine wichtige Stärke mit sich bringt. Nach diesem Verlust habe ich keine Einheit mehr verloren.




    Mit alten Stärken zum neuen Highlight


    Eingebettet wird die in Form von Tagebucheinträgen präsentierte Erzählung von Freundschaft, Krieg, Tod und Hoffnung wieder in einem malerischen Wasserfarben-Look, der der Anime-Optik einen einzigartigen Touch verleiht und vor allem während der Zwischensequenzen eine erstklassige Figur macht.


    Einige Umgebungen wirken stellenweise zwar etwas trist und karg, aufgefangen wird das allerdings von detaillierten Charakter-, Waffen- und Panzermodellen, die in Bewegung dann auch noch einige schicke Effekte bieten und auch die stets stabile Bildrate nicht stören.


    Die japanische sowie englische Sprachausgabe erfreuen sich derweil einer hervorragenden Sprecherauswahl und gleichzeitig auch einem angenehmen Umfang. Fast alle wichtigen Dialoge wurden vertont, nur selten werden wir zum schweigsamen Lesen von Textboxen gebeten. Und selbst dann bringen uns die wundervollen Farben einfach nur ins Schwärmen.


    Für eine musikalische Garnitur allererster Güte zeichnet sich abermals Komponist Hitoshi Sakimoto verantwortlich, der mit einem wuchtigen Orchester ruhige Konversationen sowie epische Schlachten gleichermaßen grandios begleitet und bereits im Hauptmenü mit einer eindringlichen Titelmelodie begeistert. Dabei mögen einige Kompositionen zwar aus dem Erstlingswerk übernommen worden sein, haben aber auch nach so vielen Jahren nichts von ihrer Stärke verloren.


    An sich werden Fans wohl keinerlei Kritik äußern, wenn ihnen aus dem ersten Teil bekannte Elemente über den Weg laufen. Nach einem androhenden Richtungswechsel beweist Sega damit nämlich, dass sie nun lieber den Wurzeln und nicht dem Mainstream treu bleiben wollen. Und erfreuen dabei nicht nur die treuen Anhänger, sondern liefern mit Valkyria Chronicles 4 gleich noch das (bisherige) Sternenstück der Serie ab.



    Fazit


    Nach der Revolution-Enttäuschung folgt die Hoffnung, auf die Hoffnung die Neugier, nun folgt auf die Neugier die pure Freude: Mit Valkyria Chronicles 4 verabschiedet sich Sega von jeglichen Neujustierungsplänen und besinnt sich auf die hervorragenden Wurzeln der Reihe – zum Glück!


    Fans werden dabei gefühlt alle Wünsche erfüllt. Die Handlung überzeugt dank herrlichen tiefgründiger Charaktere sowie den gekonnten Umgang mit dem Kriegsthema, das Kampfsystem animiert Taktikfreunde mit einer Vielzahl verschiedener Möglichkeiten zu strategischen Höchstleistungen und das gnadenlose Permadeath-Feature donnert uns bei unverzeihlichen Fehlern gerne mal ein Messer mitten ins Herz. Sobald man mit Squad E das virtuelle Schlachtfeld betreten hat, kann man sich nur schwer wieder vom Controller lösen.


    Valkyria Chronicles 4 fängt somit nicht einfach nur die spielerische sowie erzählerische Brillanz des Erstlings ein, sondern entwickelt diese gezielt weiter. Und liefert damit unterm Strich den definitiv besten Ableger der gesamten Serie ab, der direkt wieder die Hoffnung auf einen eventuellen Nachfolger erweckt.

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