Fist of the North Star: Lost Paradise


  • Yakuza meets Mad Max


    Sich alle Jahre wieder ins gemachte Nest zu setzen wird irgendwann auch langweilig.


    Kein Wunder also, dass das Ryu ga Gotoku Studio sich nicht durchgehend auf die Entwicklung der mittlerweile legendären Yakuza-Reihe versteift, sondern mit Titeln wie Binary Domain oder dem kommenden Judge Eyes gelegentlich auch mal ein kleines Experiment wagt.


    Mit Fist of the North Star: Lost Paradise geht das Studio dann sogar noch ein größeres Wagnis ein. Anstatt sich nämlich auf eine eigenes kreierte IP zu stützen, greift man sich hier einen DER Manga- und Anime-Klassiker schlechthin.


    Ob sich dieser Mut ausgezahlt und die altbekannte Yakuza-Wucht zu spüren ist? Das erfahrt ihr in unserem pre-apokalyptischen Test!



    Die Legende aus dem Westen


    Fist of the North Star darf man ohne jede Frage als japanischen Klassiker bezeichnen.


    In 27 Bänden erzählten die Mangaka Buronson und Tetsuo Hara die ebenso packende wie auch blutige Geschichte von Kenshiro, der sich inmitten einer postapokalyptischen Welt den räuberischen Gefahren des Alltags sowie den Schatten seiner Vergangenheit stellen muss, um seine Geliebten zu schützen.


    Ein Rezept, das Japan schmeckte. Im Folgeschuss kam die Franchisemaschinerie ins Rollen: Animes, Spin-Offs, Videospiele, Pachinko-Slots, sogar eine amerikanische Direct-to-DVD-Verfilmung garantierten massenweise neues Futter für die Fan-Gemeinde.


    Für mich als enorm großen Serienanhänger ist das Ganze jedoch mit einem bitteren Nachgeschmack verknüpft: Denn auf dem deutschen Markt konnte sich diese Popularität nie wirklich breitmachen. Zwar wurden auch bei uns Manga, Anime und Videospiele veröffentlicht, gerade im Vergleich zu anderen japanischen Machtmarken scheint Fist of the North Star bis heute eher ein Nischendasein zu führen.


    Umso lauter wurde mein Jubeln, als endlich ein deutscher Release-Termin für Fist of the North Star: Lost Paradise angekündigt wurde. Und Hokuto-Shinken-Nutzer Kenshiro eine weitere Chance bekommt, seine Beliebtheit in deutschen Gefilden auf einen neuen Höhepunkt zu prügeln.




    Eine Nadel im Sandhaufen


    Anstatt beim Stemmen des enormen Handlungsgewichts direkt in die Knie zu gehen, geht Fist of the Star: Lost Paradise lieber gleich den gemütlichen Weg: Hier wird nicht die Manga-Vorlage rezitiert, sondern einfach eine alternative Zeitebene geöffnet.


    Aber alternativ hin oder her, auch in Lost Paradise findet man sich in einer post-nuklearen Welt wieder, in der Sand und angriffslustige Banditen vorherrschen, während überlebenswichtige Ressourcen rar gesät sind. Kein Wunder also, dass Armut, Tod und Gewalt inmitten dieser Einöde den Alltag bestimmen.


    Kenshiro lässt sich von all diesen Gefahren jedoch nicht beeindrucken. Nicht nur, dass er die übermächtigen Techniken des Hokuto Shinken beherrscht, gleichzeitig ist er auf der Suche nach seiner totgeglaubten Liebe Yuria, die laut mehreren Gerüchten jedoch weiterhin unter den Lebenden weilen soll.


    Es folgt ein Abenteuer, das gnadenlos aus dem altbekannt starken Yakuza-Brunnen schöpft. Skurrile Charaktere, ultracoole Momente, zahlreiche Wendungen und abgedrehte Nebenplots – wer bereits die zahlreichen Märsche durch Kamurocho feierte, der wird sich hier direkt heimisch fühlen.


    Und obwohl das Wüstenabenteuer im Mittelfeld ein wenig die Puste ausgeht, legt es auf der Zielgraden nochmal ordentlich zu und bietet einen finalen Lauf in Richtung Abspann, der die ruhigen Leerlauf-Momente schnell vergessen macht.




    Genau wie Kazuma Kiryu


    Ich habe in diesem Test bereits mehrfach auf die Yakuza-Reihe hingewiesen – und höre jetzt auch nicht mehr damit auf! Sobald man Kenshiro nämlich durch die offene Stadt Eden steuern darf, fühlen sich Fans direkt an ihren virtuellen Spaziergang durch Kamurocho erinnert. Und werden spätestens beim ersten Kampf gegen anarchische Räuber direkt in die Haut von Kazuma Kiryu zurückversetzt.


    Und da am Kampfsystem auf den ersten Blick nicht viel nachjustiert wurde, werden Yakuza-Veteranen sich auch hier direkt heimisch fühlen. Wir visieren einen Gegner an und donnern ihm einige mächtige Punch-Kick-Kombos entgegen, bis sein roter Lebensbalken 0 erreicht. Gleichzeitig achten wir mit rasanten Ausweichschritten dafür, dass uns kein ähnliches Schicksal erleidet.


    Die Techniken des Hokuto Shinken bringt dann aber frischen Wind in das Fighting-Stübchen. Habt ihr Gegner nämlich ausreichend die Kauleiste poliert, könnt ihr sie per Kreis-Taste in den Schock-Zustand versetzen und per gezielter Druckpunkt-Technik blutig explodieren lassen. Einfach die angezeigte Tastenkombination ausführen, schon entledigt man sich unliebsamer Schurken – und bekommt gelegentlich sogar Kenshiros legendären Omae wa mô shindeiru-Spruch zu hören.


    Wer fleißig Banditen ins Nirvana befördert, der freut sich nicht nur über einen Levelanstieg, sondern darf gleichzeitig Gesundheitsleiste und Angriffsstärke aufpeppen, Kenshiro mit hilfreichen Zusatzfähigkeiten versehen oder sogar neue Manöver freischalten. Das sorgt für ordentlich Laune und wird mit (vor allem gegen Handlungsende) fordernden Bosskämpfen erstklassig abgerundet.


    Einziger Wermutstropfen: Obwohl es unterschiedliche Finisher zu entdecken gibt, bekommt man die Standardvarianten insgesamt zu oft präsentiert, wodurch sich vor allem bei den Zufallskämpfen schnell Redundanz einschleicht. Zum Glück kann der herrliche Over-the-top-Faktor dieses Manko geringfügig ausmerzen.




    Helfende Muskelarme


    Tatsächlich bin ich mit meinem Yakuza-Vergleich immer noch nicht am Ende. Denn neben den blutigen Kämpfen und Spaziergängen durch eine verwinkelte Stadt erinnert noch ein weiteres Gameplay-Element aus Fist of the North Star: Lost Paradise stark an die Videospielabstecher in die Tokioter Unterwelt: Die gnadenlose Menge an Nebenbeschäftigungen!


    Beispielsweise optionale Missionen, die euch oftmals von Zivilisten herangetragen werden und euch zum strahlenden Helfer in einer postapokalyptischen Welt werden lassen. Eure hilfreiche Ader wird dann nicht nur mit Erfahrungspunkten und nützlichen Items, sondern oftmals auch mit einem amüsanten Plot belohnt, der Nebencharaktere und die eigentliche Spielwelt mit neuen Facetten versehen.


    Spielerische Abwechslung in Form unterhaltsamer Minispiele ist natürlich ebenfalls an Bord. So dürfen wir als Dr. Kenshiro unsere Hokuto-Shinken-Techniken zum Heilen schmerzender Wehwehchen einsetzen, im Kasino zum Endzeitmillionär werden, uns in einem Nachtclub als Leiter, Bodyguard und Bartender einen Namen machen oder einfach als Kopfgeldjäger für Recht und Ordnung (sowie eine volle Geldbörse) sorgen.


    Zusätzlich steht euch dann auch noch ein modifizierbarer Buggy zur Verfügung, mit dem ihr Eden verlassen und die umliegende Wüste erkunden dürfte. Macht allein schon dank vieler Anpassungsmöglichkeiten für euer Gefährt viel Laune, bietet allerdings insgesamt zu wenig nennenswerte Entdeckungshighlights, um das hohe Unterhaltungsniveau der Minispiel-Kollegen zu erreichen. Durch die Wüste düsen wird halt schnell dröge.


    Letztlich allerdings nur ein harmloser Kritiktropfen auf den heißen Stein. Denn fast alle anderen Minispiele fallen so unterhaltsam und tiefgehend aus, dass ich mich immer wieder gerne hab ablenken lassen und die Haupthandlung dabei gelegentlich sogar vollends aus den Augen verlor. Und so wurde die eigentliche Spielzeit von knapp 25 Stunden locker über die 30-Stunden-Grenzen gehoben.




    Angestaubte Anime-Atmosphäre


    Leider könnte Fist of the North Star: Lost Paradise dann zumindest optisch doch einen revitalisierenden Schluck Wasser vertragen. Anstatt sich nämlich an der vollständig optimierten Dragon-Engine aus Yakuza 6 zu bedienen, griffen die Entwickler noch zum älteren Entwicklungsgerüst. Und das sieht man dem Wüstenerlebnis eindeutig an.


    Versteht mich nicht falsch: Mit einer fast durchweg stabilen 60fps-Bildrate, actionreich ins Szene gesetzten Kämpfen sowie einem farbenfrohen, mit Effekten vollgestopften Cel-Shading-Look wird der besondere Stil des Animes hervorragend eingefangen und entfaltet mit einer Reihe detaillierter sowie teilweise auch wundervoll abgedrehter Charaktermodelle vor allem während der Zwischensequenzen sein vollstes Potenzial.


    Doch vor allem die vielen Orte lassen oftmals die nötigen Schauwerte vermissen, wirken insgesamt viel zu trist, verlassen, unspektakulär. Eine Problematik, die vor allem während der optionalen Erkundungszüge durch die Wüste direkt ins Auge stechen und den Wunsch nach einem Sprung zur optimaleren Engine maximal verstärken.


    Immerhin können wir beim Sound keinerlei Haar in der Suppe finden. Der herrlich übertriebene Heavy-Metal-Soundtrack passt sich dem postapokalyptischen Feeling hervorragend an und wird vor allem während der Kämpfe zum unerlässlichen Stimmungsgaranten. Fans freuen sich derweil über eine hervorragende japanische Sprachausgabe, bei der Kazuma-Kiryu-Sprecher Takaya Kuroda wieder den epischen Hauptmacker markieren darf. Und wer es lieber auf Englisch hat, der darf zur minimal schwächeren, aber dennoch qualitativ zufriedenstellend ausgefallenen Variante wechseln.


    Aber auch hier lassen die Entwickler gnadenlos jegliche Mini-Schwächen in der brennend heißen Wüsten-Irrelevanz verfliegen. Mit der authentischen Anime-Atmosphäre, gigantischem Umfang und brachialen Duellen machen sie uns nämlich nicht einfach nur zum Beobachter, sondern zum aktiven Part in der Wüstenwelt von morgen.


    Und sobald man beim ersten Betreten von Eden zum Eintauchen eingeladen wurde, will man auch gar nicht mehr an die Oberfläche der Realität zurückkehren.



    Fazit


    Wir wollen gar nicht lange um den postapokalyptischen Brei herumreden: Mit Lost Paradise liefern die Yakuza-Entwickler den bis dato besten Videospielableger der Fist of the North Star-Reihe ab und servieren jahrelangen Fans sowie blutigen Anfängern somit ein ebenso umfangreiches wie auch unterhaltsames Action-Abenteuer.


    Die alternative Plot bleibt durchweg spannend, die stets actionreich in Szene gesetzten Kämpfe halten mit zahlreichen Upgrades bei Laune und die Spielwelt ist vollgestopft mit Nebenaufgaben, Mini-Games und anderem Zeitvertreib, der euch gnadenlos von der Haupthandlung ablenkt und die Spielzeit gekonnt nach oben dreht. Da kommen nicht nur Yakuza-Fans ins Schwärmen!


    Technische Ungereimtheiten, gelegentlicher Story-Leerlauf und insgesamt abwechslungsarme Prügeleien hin oder her: Wer fetzige Kämpfe, packende Handlungen und jede Menge Over-the-Top-Anime-Action liebt, der wird an Fist of the North Star: Lost Paradise gar nicht vorbeikommen.


    Und wer weiß? Vielleicht springt der Kenshiro-Funke auf dem deutschen Markt jetzt endlich mal über und bringt den Fist-of-the-North-Star-Zug auch bei uns ins Rollen.

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