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Stellar Blade

  • Dante
  • 16. Mai 2024 um 13:42
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Ein südkoreanisches Sci-Fi-Actionfeuerwerk zum Niederknien.

Eigentlich hatte ich mir nach einigen schamhaften Fehlschlägen fest vorgenommen, Videospielneuankündigungen nicht direkt vorzuverurteilen, sondern mich zumindest ansatzweise mit diesen auseinanderzusetzen, bevor ich ein verfrühtes Urteil fälle. Gelegentlich begehe ich den Fehler dann aber doch – und bereue es nun zutiefst! Als ich 2019 nämlich Project Eve des südkoreanischen Entwickler SHIFT UP zu Gesicht bekam, vermutete ich eine spielerische Gurke, die mit ein wenig Schein das mittelmäßige Sein überdecken will. Ein Sci-Fi-Action-Adventure von einem unbekannten Studio, das sich bisher nur in der Mobile-Welt aufgehalten hat? Wie könnte das auch nur ansatzweise ein Erfolg, gar ein erfolgreicher PS5-Exklusivtitel werden?

Eine Frage, die im Laufe der Folgejahre mit immer neuen packenden Ingame-Szenen treffend beantwortet wurde und mir schmerzlich verdeutlichte, dass ich mein loses Mundwerk höchstwahrscheinlich wieder zu früh geöffnet hatte. Parallel wurde nämlich auch der Hype seitens der PlayStation-Community immer größer, die das nun unter dem Namen Stellar Blade bekannte Abenteuer lautstark herbeisehnten und in einigen Foren sogar zu einem ihrer Vorfreude-Highlights des Jahres 2024 ernannten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hoffe ich inständig, dass meine Freunde die zuvor von mir getätigten Aussagen wieder vergessen hatten und mich damit nicht aufziehen würden. Leider hatten sie sich diese direkt abgespeichert und schalteten vor allem in den letzten Wochen vor Release in einen gnadenlosen Auslachmodus.

Folglich sah ich meinen Test als eine Art Läuterung, mit der ich mich von meinen Sünden reinwachsen und Stellar Blade ohne jegliche Vorverurteilungen erleben und besprechen wollte. Nach gut 50 Stunden stehe ich nun am Ende dieser Reise und möchte euch in meinem Test verraten, weshalb ich mit meiner voreiligen Kritik in einigen Ansätzen dann doch vielleicht ein wenig Recht behalten habe, SHIFT UP insgesamt betrachtet dann aber doch einfach nur um Vergebung bitten muss – und ich bei der damaligen Ankündigung von Project Eve lieber in die Kiste mit ausschweifenden Vorschusslorbeeren hätte greifen sollen.

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Alles für die Menschheit!

Böse Kreaturen erscheinen urplötzlich auf der Erde, zwingen die gesamte Menschheit in die Knie und verwandeln unseren einst lebendigen Wohnraum binnen kürzester Zeit gnadenlos in Schutt und Asche. Es scheint die erzählerische Blanko-Vorlage zu sein, die zahlreiche Entwickler weltweit gerne aus ihrer Schublade ziehen und anschließend mit ihren kreativen Stiften an bestimmten Stellen ähnlich, insgesamt betrachtet dann aber doch angenehm individuell ausmalen. Immerhin durfte ich im Laufe meiner unzähligen Jahre in der unterhaltsamen Welt der Videospiele bereits mehrere Szenarien beobachten, in denen Bedrohung X für Angst, Schrecken und Zerstörung gesorgt hat – und ich aktiv eingreifen muss, um Recht und Ordnung wiederherzustellen.

Stellar Blade folgt diesem Muster und tauscht die Variable X gegen die Naytiba aus, monströse Kreaturen, die kaum in die Knie zu zwingen sind und mit den mächtigen Alphas zudem besonders schlagkräftige Schergen in ihren Reihen wissen. Kein Wunder also, dass sich die Menschheit chancenlos ergeben und ihren Wohnort den übernatürlichen Feinden überlassen musste. Einziger Lichtblick in dieser niederschmetternden Situation: Einige Überlebende konnten der vollständigen Auslöschung entgehen und erfolgreich in eine Kolonie im Weltraum fliehen, von wo aus ein möglicher Gegenschlag in aller Ruhe geplant, geübt und ausgeführt werden kann.

Mit der Entsendung des 7. Landetrupps soll aus der Theorie glorreiche Realität werden. Doch bereits beim Landeanflug auf den verwüsteten Planeten muss die Einheit schwere Verluste hinnehmen, wodurch die Hoffnung auf einen Sieg bereits frühzeitig schwindet. Eine schmerzhafte Tatsache, die Truppenmitglied und Kämpferin EVE jedoch nicht akzeptieren will und sich der Naytiba-Übermacht tapfer entgegenstellt. Spätestens bei der blutigen und fast tödlichen Konfrontation mit einem unliebsamen Widersacher akzeptieren muss, dass die Mission ein kompletter Fehlschlag ist.

Anstatt nun jedoch das Zeitliche zu segnen, bekommt EVE unverhofft ein zweite Chance. Aus dem Nichts taucht nämlich der Überlebende Adam auf, der die angeschlagene Weltall-Kolonialistin aus der Gefahrenzone schafft und anschließend gesundpflegt. An einen erneuten Rückzug will EVE allerdings nicht denken, sondern erkundet gemeinsam mit Adam und seiner technologisch hochwertigen Drohne die in Trümmer liegenden Städte dieser Welt, um doch noch einen wirkungsvollen Lösungspflock zu finden, den sie mit Schmackes in das Naytiba-Herz rammen kann.

Tatsächlich ist es Adam, der den notwendigen Impuls gibt und die Rettungsmission in eine aussichtsreiche Richtung lenkt. Er schlägt EVE nämlich vor, den letzten Rückzugsort der Menschheit, die Stadt Xion, aufzusuchen und sich hier mit dem weisem Anführer und Ältesten Orcal über die nächsten Schritte auszutauschen. Das Ergebnis: Ein ebenso gefährlicher wie auch vielversprechender Plan, mit dem EVE nicht nur die Naytiba endgültig ausradieren, sondern zugleich abertausende Überlebende retten kann. Schnell muss sie jedoch erkennen, dass solche Pläne nur auf dem Papier machbar klingen. Und dass sich hinter dem vernichtenden Konflikt zwischen Menschheit und Naytiba eine erschreckende Wahrheit verbirgt, die in den eingestaubten Ruinen des zerstörten Planeten eigentlich auf ewig begraben bleiben sollte.

Zwischen emotionaler Tiefe und Gleichgültigkeit

Nein, SHIFT UP hat das Science-Fiction-Rad mit der Rahmenhandlung von Stellar Blade definitiv nicht neu erfunden, verpasst ihm aber einen ansprechenden Touch, der eine anfängliche Austauschbarkeit rasant kaschiert und für den Rest des Abenteuers vergessen macht. Zwar beschlich mich bei EVEs Landung auf der Erde, den ersten Kämpfen gegen die Naytiba und dem Marsch durch ein von Explosionen gezeichnetes Schlachtfeld das Gefühl, mich bereits zuvor in einer ähnlichen Videospielsituation befunden zu haben, hier also strenggenommen nur eine Neuinterpretation des „Tapfere Heldin tritt fiesen Bösewichtern in den Hintern“-Konstrukts zu beobachten. Höchstwahrscheinlich eine Nebenwirkung meines ausschweifenden Bayonetta-Konsums in den letzten Jahren.

Doch mit jeder filmreifen Zwischensequenz, jedem beeindruckenden Bombast-Moment, jedem Spaziergang durch die Ruinen der vertriebenen Zivilisation entfernte ich mich gedanklich mehr von diesen automatisierten Vergleichen und konzentrierte mich gänzlich auf EVE und ihre hehre Mission, die widerwärtigen Besetzer zu verscheuchen und die Erde zurückzuerobern. Ein Umstand, der nicht nur einige schockierenden Enthüllungen und Wendungen, sondern auch einer liebenswerten Protagonistin zu verdanken ist, die anfangs eher ruhig und in sich gekehrt auf die schier aussichtslose Situation blickt, ihr Herz mit fortschreitendem Spielverlauf aber immer weiter öffnet, dabei aber ihren feinen und glaubwürdigen menschlichen Zügen durchweg treu bleibt. Dabei gelingt eine elegante Charakterentwicklung, die mich an das Schicksal der Heldin bindet und mich in bestimmten Situationen mitlachen und mitleiden lässt.

Leider ist es ein Kunststück, dass dem Entwicklerteam nur bei EVE gelungen ist. Zwar haben auch die vielen Haupt- und Nebencharaktere gelegentlich mal ihre Momente und dürfen ihre begrenzte Zeit im Rampenlicht hier und da auch mal ordentlich nutzen, verlieren sich dann allerdings zu oft in belanglosen und lustlos vorgetragenen Dialogen, wodurch diese vor allem im direkten Vergleich mit EVE irgendwie fehl am Platz und nicht gänzlich ausgearbeitet wirken. Dadurch schleichen sich in das eigentlich mehr als zufriedenstellende Handlungsgeflecht immer wieder kleinere Ungereimtheitshügel ein, die mich narrativ definitiv nicht gänzlich aus der Bahn werfen, in mir jedoch den Wunsch wecken, dass SHIFT UP das Schreiberbügeleisen nochmal in die Hand nehmen und diese mit kleineren Handgriffen ausmerzen würde.

Überhaupt hätten sich die Akteure zusätzliche Ecken und Kanten, vielleicht auch komplexere Persönlichkeitszüge verdient, um ermüdenden Konversationen anderweitig entgegenzuwirken. Stattdessen scheint fast jede Figur von der ersten bis zur letzten Minute in einer vorgefertigten Schublade festzustecken, aus der sie nur kurzzeitig herausschauen und sich dann wieder der festen Rolle ergeben muss. Generell wäre auch das eine hinnehmbare Problematik, wenn einige dramatische Momente durch dieses Versäumnis nicht eine gewisse Dringlichkeit, einen wichtigen Schmerz vermissen lassen würden. Vielmehr wirkt es so, als hätten die Autoren eine Checkliste vorbereitet, die schlussendlich zum ersehnten Story-Ziel führt – und auf dem Weg dorthin müssen dann nun mal einige Punkte, Gespräche und Ereignisse abgehakt werden. Ob nun mit oder ohne notwendige Emotionalität.

Insgesamt betrachtet halten sich diese Ausfälle in Grenzen, ziehen den Gesamteindruck aber dennoch spürbar nach unten. Bei der Gegenüberstellung von erstklassig und verbesserungswürdig umgesetzten Passagen wird dann allerdings ein existenzieller Fakt deutlich, der sich gefühlt durch das gesamte Action-Adventure zieht und mir beim Schreiben dieser Zahlen und dem Verfassen des abschließenden Fazits pochend im Hinterkopf liegt. Stellar Blade ist nicht das Werk eines renommierten Superstudios, sondern die erste AAA-Kreation einer südkoreanischen Videospielschmiede, die sich bisher nur im Mobile-Bereich bewegte. Und sollte man da nicht wohlwollend auf den ersten Konsolen-Ausflug blicken und etwaige Schwächen akzeptieren, sofern diese nicht zu gravierend ausfallen?

Gedankenverlorener Spaziergang durch die Einöde

Natürlich will ich SHIFT UP mit diesem Test nicht einfach nur durchwinken, müssen wir doch alle aus unseren Fehlern lernen, um diese in Zukunft nicht zu wiederholen. Allerdings braucht es bei Stellar Blade überhaupt nicht viel Verständnis und Entgegenkommen, um dem Team zumindest einen leichten Anfänger-Bonus zu verleihen. Wenn EVEs Rettungsmission nämlich die Muskeln zeigt und ordentlich abliefert, wird mir schlagartig bewusst, weshalb sich Sony das Ganze als PS5-Exklusivtitel sichern wollte.

Allein die Atmosphäre hätte einige Auszeichnungen verdient. Wenn ich als EVE durch verlassene Städte, weite Wüstenlandschaft oder unheimliche Untergrundforschungseinrichtungen laufe, dabei die Spuren der von den Naytibas gepeinigten menschlichen Zivilisationen entdecke und einem wahrhaft wundervollen Soundtrack lausche, verspüre ich eine unbeschreibliche Faszination, möchte wirklich jede noch so kleine Ecke auf den Kopf stellen, um alle Geheimnisse der Zukunft zu entdecken. Zu verdanken ist das dem vorherrschenden Gefühl, dass alle verborgenen Informationen ineinandergreifen und das Bild einer verzweifelt kämpfenden Bevölkerung darstellen, die am Rand der Niederlage nur noch das eigene Schicksal und letzte Worte hatte. So wird aus einer Rettungsmission eine gefühlvolle, manchmal sogar zu Tränen rührende Fahrt mit einer emotionalen Achterbahn.

Eine tragende Rolle beim Erzeugen dieses packenden Feelings spielt der wundervolle Soundtrack, an dem der japanische Komponist Keiichi Okabe – den meisten Gamern höchstwahrscheinlich als kreatives Mastermind hinter der musikalischen Begleitung der Nier-Reihe bekannt – beteiligt war. Infolgedessen werden melodische Klänge mit engelsgleichen Chören oder zerbrechlichen Frauenstimmen vermischt, um eine melancholische, zugleich aber auch schöne Kulisse zu erschaffen. Dass sich einige dieser Stücke recht schnell in einem niemals enden wollenden Loop verlieren, stört dabei überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Von einigen Tracks konnte ich beim Test kaum genug bekommen und sehne den baldigen Release eines vollständigen Soundtracks (derzeit ist nur eine kleine Demo-Auswahl offiziell verfügbar) sehnlichst herbei.

Dass mich diese Atmosphäre, diese Welt, diese Musik dann auch verstärkt an Nier: Automata erinnern, kommt nicht von ungefähr. Immerhin machte SHIFT UP-Gründer Kim Hyung-tae in der Vergangenheit kein Geheimnis daraus, dass ihm das umjubelte Action-RPG als wichtige Inspiration diente, erntete von Videospiellegende Yoko Taro sogar Lob. Und tatsächlich merkt man durchgehend, dass Stellar Blade keine billige Kopie, sondern ein individuelles Werk ist, das sicherlich einige Elemente aus der Nier-Welt gegriffen, diese allerdings ausreichend umgearbeitet und in das eigene Konstrukt integriert hat, um jedwede Nachmachanschuldigungen frühzeitig im Keim zu ersticken.

Es mag widersprüchlich klingen, doch diese leere Welt fühlt sich lebendig, nahbar, echt an. Jede Erinnerung, jede verblasste Werbung, jedes heruntergekommene Gebäude stellt ein Puzzleteil dar, dass das Motiv des erbitterten Überlebenskampfes gegen die Naytiba weiter füllt. Würde EVE nicht wie Bayonetta aussehen und ihre Existenz als sexy Sci-Fi-Heldin nicht nonverbal in die Welt hinausposaunen, würde mich fast das Gefühl beschleichen, durch ein virtuelles Museum zu wandern, das in ferner Zukunft an die letzten Stunden der Menschen auf der Erde erinnert.

Höchste Zeit, Koreanisch zu lernen

Optisch mag Stellar Blade dann zwar nicht an die Eleganz eines Museum heranreichen, kann mit der PS5-Hardware-Power dann aber doch einige beeindruckende Bilder auf den Bildschirm zaubern. Neben einer schicken Detailfülle, anschaulichen Schauplätzen sowie ausgearbeiteten Charaktermodellen sind es vor allem die prunkvollen Effekte, die während packender Kämpfe regelrecht ins Auge springen und filmreifen Action-Einstellungen den letzten Wow-Touch verleihen. Im Gegenzug hält das Gesamtbild dann aber auch einige Schattenseiten bereit, wobei der temporäre Verlust einer gewissen Brillanz hauptsächlich auf das Konto unschöner matschiger Texturen geht. Zwar behalten die visuell ansprechenden Momente eindeutig die Oberhand, bekommen durch solche Ausrutscher dann aber doch sichtbare Dämpfer.

Immerhin die zur Verfügung stehenden Grafik-Modi lassen keinerlei Raum für Kritik offen. Wer sich gerne der Qual der Wahl stellt, darf sich mit Auflösung priorisieren entweder für die aufgehübschte 4K-Variante mit akzeptabler 30fps-Bildrate oder mit Leistung priorisieren für eine geschmeidige 60fps-Framerate mit heruntergeschraubter Auflösung entscheiden. Solltet ihr bei der Konfrontation mit diesem technischen Scheideweg direkt einen Schweißausbruch bekommen, dürft ihr mit Ausgeglichen einen stimmigen Mittelweg wählen, der 60fps und 4K zwar als Ziel ansetzt, sich diesem jedoch eher auf dynamische Art und Weise annähert. Beim Test entschied ich mich (auch durch die rasante Natur eines Action-Adventures) für die Leistungsvariante und bereute diesen Schritt dank kaum sichtbarer Auflösungsunterschiede, mehr Stabilität und einer angenehmen Performance zu keinem Zeitpunkt.

Das mehrfache Ansprechen des phänomenalen Soundtracks werde ich ebenfalls niemals bereuen. Allerdings habe ich dafür einen verdammt guten Grund, habe ich zuvor doch nur dessen emotionale, manchmal zerbrechlich-melancholische Seite beleuchtet und die anderen Facetten dabei (bewusst) verschwiegen. Je nach Situation sorgt dann nämlich urplötzlich auch K-Pop auf, der dann wiederrum für eine ordentliche Rock-Portion das Feld räumen muss, bevor die ruhigen Klänge wieder an der Reihe sind. Auf dem Papier wirkt das eher wie ein zusammengewürfelter Mischmasch, der im Kontext des Abenteuers jedoch erstklassig angeordnet und gezielt eingesetzt wird, weshalb sich das Ohr niemals langweilt und sich stattdessen über den einen oder anderen Wurm freuen darf, der auch nach Ausschalten der Konsole summend sein Unwesen treibt.

Einziger Wermutstropfen an der akustischen Front: Die englische Sprachausgabe fällt eher gewöhnungsbedürftig aus, was nicht zuletzt den gewählten Sprechern anzukreiden ist. Diese glänzen zwar allesamt mit einer qualitativ hochwertigen Leistung, haben sich mit starken Stimmen also zweifelsfrei für die richtige Profession entschieden, einige Mikrofonartisten wollen mit ihrem britischen Akzent jedoch nicht wirklich in das futuristische Setting passen und verpassen der Atmosphäre, dem Feeling damit einen leichten Schnitzer. Im direkten Vergleich hat die südkoreanische Fassung da eindeutig (und wenig überraschend) die Nase vorn, birgt jedoch den Nachteil, dass die meisten Gamer hier zum Lesen von Untertiteln verdammt sind, was sich primär während hektischer Kämpfe schwer macht. Lange Rede, kurzer Sinn: Bei Stellar Blade werdet ihr euch zumindest beim technischen Part dann doch früher oder später der Qual der Wahl stellen müssen.

Wenig Soulslike, viel Action

Sobald EVE dann aber zu ihrem Schwert greift, um heimtückische Naytibas in die Knie zu zwingen, sind all diese Wermutstropfen und andere Ungereimtheiten schlagartig vergessen. Denn was sich während der ersten Spielstunden noch als wildes Sammelsurium verschiedener Action-Adventure- und Soulslike-Titel anfühlt, entpuppt sich spätestens nach einer kurzen Einarbeitungsphase als ein ebenso zugängliches wie auch tiefgründiges und sensationell unterhaltsames Kampfsystem, das nicht nur meinen Controller zum Beben bringt, sondern meine Blutbahnen zudem mit Adrenalin füllt.

Dabei dürften die grundlegenden Mechanismen keinen Gamer schockieren. Stellt sich mir eine feindlich gesinnte Kreatur in den Weg, visiere ich sie an und lasse anschließend via Viereck- und Dreieck-Taste leichte und schwere Angriffe vom Stapel, die sich zu vernichtenden Kombos verknüpfen lassen. Habe ich dann auch noch ausreichend Beta-Energie gesammelt, aktiviere ich via Schultertasten mächtige Spezialangriffe, die das Ausschalten der gegnerischen Lebenslichter angenehm beschleunigen. Und dank meiner zuverlässigen Drohne darf ich auf Wunsch sogar aus der Distanz Schaden verursachen, lässt sich der mechanische Begleiter doch kurzerhand in eine zerstörerische Waffe verwandeln, die mit unterschiedlichen Munitionstypen bestückt werden darf.

Sang- und klanglos gehen die Naytibas allerdings noch unter und setzen gerne auch mal während einer unerbittlichen Angriffsserie zum tödlichen Konter an. In diesen Momenten greife ich kurzerhand auf EVEs breites Ausweichrepertoire zurück und nutze hierfür mein volles Konzentrationsvermögen. Je nach Farbe der feindlichen Attacke muss ich nämlich eine andere Tastenkombination ausgeben und dadurch zwischen verschiedenen Fluchtmöglichkeiten – dem perfekten Ausweichen, dem Blinzeln sowie dem Zurückschlagen – variieren. Besonders mutige Kämpfer dürfen per linker Schultertaste auch einfach in die Defensive wechseln und die monströse Offensive mit einer Parade fulminant zurückschlagen. Klingt simpel, erfordert allerdings das richtige Timing, weshalb eine vorherige Analyse des Naytiba-Angriffsmusters unabdingbar ist.

Stellar Blade ermöglicht mir zum Entledigen der monströsen Plage ein variantenreiches Vorgehen, belohnt hohes Risiko aber auch mit heftiger Effektivität. Ja, ich kann mich vorsichtig heranschleichen und zum Stealth-Move ansetzen, mir aus der Ferne mit einigen Schüssen hilfreiche Vorteile verschaffen oder dem Sieg mit einer langwierigen Schlag-Ausweichrolle-Schlag-Mischung enorm schleppend, aber zumindest sicher näherzukommen. Stürze ich mich dagegen ins Gefecht und mausere mich mit steter Übung zum Paradenmeister, komme ich nicht nur actionreich zum Ziel, sondern bringe meine Feinde nach der Ausradierung ihrer Gleichgewichtsanzeige sogar zum Fall – und darf anschließend einen wuchtigen Finisher vom Stapel lassen, der der kämpferischen Sause das explosive i-Tüpfelchen verpasst.

Schritt für Schritt zum Naytiba-Schreck

SHIFT UP tappt allerdings keineswegs in die Gameplay-Falle und legt die Zusammenstellung meines individuellen Wunschstils gänzlich in meine Hände. Gänzlich auf das Parieren zu verzichten, macht mein Überleben zwar spürbar schwerer, ist keine Unmöglichkeit, sofern ich mich stets rechtzeitig zur Seite Rolle, den Angriff nicht vernachlässige und Heilmittel, Granaten und andere hilfreiche Items nutze. Dadurch fühle ich mich niemals in ein vorgefertigtes Korsett gezwängt, sondern darf jedes Duell nach meinen Wünschen gestalten, also zu einer vorgefertigten und erprobten Strategie greifen oder wahnwitzig einfach mal etwas völlig Neues ausprobieren. Und im schlimmsten Fall einfach mal böse auf die Nase zu fliegen.

In diesen Momenten macht es sich dann bezahlt, dass Stellar Blade zwar gewisse Züge eines Soulslikes besitzt, definitiv aber nicht in diese Genre-Schublade gehört. Allein die Möglichkeit, einen Story-Schwierigkeitsgrad anzuwählen und die spielerischen Herausforderungen auf ein weiterhin anspruchsvolles, aber auch für Laien problemlos machbares Niveau zu senken schmeißen das Action-Adventure automatisch aus dieser Kategorie, ebenso wie das Fehlen einer Ausdauer-Leiste oder eines niederschmetternden Erfahrungspunkteverlusts nach einem vorzeitigen Ableben. Geht eine brandneue Taktik mal nach hinten los, werde ich nicht direkt abgestraft, fühle mich dementsprechend auch nicht gezwungen, mich nur auf die erfolgsversprechenden Schachzüge zu verlassen. Hinfallen, ausspucken und direkt (vom letzten Checkpoint aus) einen Neuversuch starten: so wird das Nervenkostüm geschont!

Eben dieser Konsequenzlosigkeit des eigenen Versagens ist es dann auch zu verdanken, dass ich jeder noch so exorbitanten Bedrohung hochmotiviert entgegenschaute und mit EVE fast schon freudestrahlend auf das Schlachtfeld sprintete. Sobald man sich nämlich mit den Feinheiten des Kampfsystems angefreundet, seine bevorzugte Technik gefunden und damit erste glorreiche Erfolge gefeiert hat, entfalten die Gefechte ein immenses Suchtpotenzial, dessen beachtlicher Effekt selbst im Duell mit harmlosen Standardgegner nicht abnimmt. Das Zusammenspiel aus spielerischer Vielfalt, zugänglicher Timing-Eleganz, intensivem Sound und herrlich vibrierendem DualSense-Controller treibt diese Begeisterung, diesen Spielspaß sogar nochmals in die Höhe und macht zweifelsfrei deutlich, in welchen Bereichen das südkoreanische Entwicklerstudio bereits an der herbeigesehnten Perfektion kratzt.

Den Höhepunkt erreicht das Ganze beim Aufeinandertreffen mit den zahlreichen Bosse, fast alle von ihnen gigantische Mega-Naytiba, die ihre normalen Artgenossen in puncto Robustheit und Aggressivität problemlos in den Schatten stellen und EVE ordentlich ins Schwitzen bringen. In diesen Momenten wird das zuvor hochgelobte Gameplay-Gesamtpaket nicht nur um eine epische Inszenierung erweitert, sondern bekommt zugleich die Chance, mich mit seinen zahleichen Stärken vollends in seinen Bann zu ziehen. Habe ich mich nämlich von der Story-Stufe verabschiedet und möchte die gigantischen Fieslinge möglichst unbeschadet pulverisieren, muss ich mich dem treibenden Flow von Stellar Blade hingeben, alle mir zur Verfügung stehenden Instrumente verinnerlichen und optimal einsetzen. Und nach ein wenig Übung funktioniert das dann auch recht gut und macht zudem ordentlich Laune.

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Kleider machen Kämpferinnen

Mit Übung allein ist es dann aber auch nicht getan. Lassen sich die Naytibas zu Beginn des Abenteuers noch relativ einfach niederprügeln, werden die angriffslustigen Kreaturen mit voranschreitender Abenteuerdauer nämlich immer aggressiver und lassen sich von einer Schwert schwingenden Heldin dann auch nicht mehr so leicht beeindruckend. Glücklicherweise darf EVE auf verschiedene Upgrade-Systeme zurückgreifen, um ihre Fähigkeiten gehörig aufzupeppen und auch ihr Outfit auf das nächste stylische Level zu bringen.

Der unverzichtbare Klassiker sind dabei natürlich die Erfahrungspunkte, die ich für das Verdreschen von Standard- und Endgegner erhalte. Habe ich ausreichend gesammelt, werden meinem Konto Skillpunkte hinzugefügt, mit dem ich unterschiedliche Talentbäume freischalten und meinen persönlichen Stil dadurch noch stärker individualisieren darf. Möchte ich meine Beta-Kräfte steigern, an meiner Angriffskraft feilen oder mir per Überlebenskategorie das Ausweichen erleichtern? Keine leichte Entscheidung, gibt es für jeden gewählten Pfad doch ein nachvollziehbares Für und Wider. Aber keine Sorge: Stellt sich eine Skill-Investition dann doch mal als gravierender Fehler heraus, dürft ihr problemlos von Null anfangen und eine Alternative ausprobieren.

Erkundungsfreudige Weltenforscher werden derweil nicht nur mit den bereits angesprochenen Atmosphäre-Highlights, sondern gelegentlich auch mal mit einigen Kostbarkeiten belohnt, die an der Upgrade-Front ebenfalls von existenzieller Natur sind. So lässt sich mit Waffenkernen beispielsweise die Angriffskraft stärken, mit Trinksystem-Erweiterungsmodulen die Anzahl tragbarer Heilmittel erhöhen und mit Omnibolzen Equipmentsockel verfügbar machen, in denen stärkende Modifikationen Platz finden. Auch Körperkerne verstorbener Mitmenschen könnt ihr ausfindig machen und direkt zum Erhöhen der Lebens- und Betaenergie verwenden. Drohnen-Module dürfen ebenfalls ergattert und zum Modifizieren eures Robo-Begleiters genutzt werden. Übrigens strenggenommen auch eines der wichtigsten Upgrades, kann ich damit doch meinen via Touchpad jederzeit aktivierbaren Umgebungsscan dadurch optimieren und interessente Objekte kurzzeitig hervorheben.

Wie, das reicht euch noch nicht? Kein Problem, SHIFT UP schüttelt einfach noch weitere Verbesserungsmöglichkeiten aus dem Entwicklerärmel und gibt euch dabei gleichzeitig noch mehr Freiheit, eure gewünschte Strategie zu verfeinern. Denn mit den Exospines könnt ihr EVE verschiedene Ausrüstungen anlegen, die ausgewählte Fähigkeiten nochmal verstärken und besonders knifflige Situation gerne mal entschärfen. Ihr wollt mit Items mehr Chaos stiften? Greift zum Granatwerfer-Exospine. Oder eure Schadensresistenz erhöhen? Dann lieber doch die Schutz-Exospine. Das Ausweichen bereitet euch immer noch Probleme? Hallo, Reflex-Exospine! Alle Varianten sind mit drei besonderen Verbesserungen behaftet, die sich im Austausch mit wertvollen Rohstoffen sogar nochmal verstärken lassen. Ihr merkt: Wer EVE zur ultimativen Kämpferin trainieren möchte, bekommt eine lange Checkliste vorgelegt.

Dass bei Stellar Blade aber auch die äußeren Werte eine wichtige Rolle spielen, dürfte nach Sichtung der zahlreichen Trailer und Gameplay-Clips sowie einem Mini-Shitstorm zum Release kein Geheimnis mehr sein. Folglich dürft ihr EVE mit feschen Ohrringen und schicken Brillen ausstatten, ihr beim örtlichen Friseur (nach Erfüllen einer kleinen Nebenmission) einen nun Schnitt verpassen oder eingesammelte Materialien einsetzen, um ihr schicke neue Outfits zu erschaffen. Hier durfte das Designteam scheinbar vollkommen frei drehen und eine Vielzahl an teils abgedrehten, teils irrwitzigen Kostümen erschaffen, die die komplette Skala von „Cool“ bis hin zu „Übertrieben sexy“ abdecken. Diese sind allesamt nur kosmetischer Natur und spielen allerhöchstens modebewussten Abenteurern in die Karten – oder eben Gamern, die gerne möglichst viel Haut sehen möchten. Auf dieses Thema möchte ich allerdings erst zum Ende des Tests näher eingehen.

Wenn der emotionale Kern als Rettungsanker fungiert

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich das vielschichtige Kampfsystem nicht nur als Herz, sondern zugleich noch als unanfechtbares Highlight von Stellar Blade herauskristallisiert. Zum einen hat sich SHIFT UP spürbar viel Mühe gegeben, keinen Genre-Mischmasch abzuliefern, sondern bekannte Elemente mit eigenen Ideen zu vermengen und dadurch ein bekanntes, zugleich aber auch erfrischend anderes Erlebnis zu schaffen. Zum anderen erreichen die restlichen Gameplay-Elemente eher ein grundsolides Niveau, lassen neben nennenswerten Stärken also auch einige Schwächen durchblicken, die mich nach all den herrlichen Kämpfen wieder daran erinnerten, dass ich ein Konsolen-Erstlingswerk vor mir hatte.

Während die Hauptmissionen trotz einer eindeutigen Fokussierung auf erbitterte Duelle immer wieder mit einigen besonderen Momenten in Form erstklassig inszenierter, linearer Spielabschnitte glänzen und dadurch abwechslungsreiche Impulse absondern können, stürzen die Nebenquests in dieser Hinsicht größtenteils gnadenlos ab. Letztlich schicken mich diese unmotiviert zu einer markierten Stelle, an der ich einen bestimmten Gegner in die Knie zwingen, eine vermisste Person ausfindig machen oder sammle begehrte Gegenstände ein. Klingt spannungsbefreit und lohnt sich eigentlich auch nur für Erfahrungspunkte, Geld oder hilfreiche Items, die als Dankeschön winken. Immerhin muss ich nicht ständig zum Auftragsgeber zurückhechten, sondern darf nach Erfüllen meiner Aufgabe auch eine komfortable Schnellreisefunktion nutzen.

Doch auch hier glänzen inmitten eines eher schwächelnden Parts des Abenteuers einige Hoffnungsschimmer auf, die unterstreichen, dass sich das ambitionierte Entwicklerstudio zumindest auf dem richtigen Weg befinden und man eigentlich nur noch hoffen muss, dass sie aus den Fehler ihres ersten großen Projekts auch lernen. Sobald die Rahmenbedingungen einer Nebenmission nämlich nicht ausschließlich in Textform vorgetragen werden, sondern durch kurze Zwischensequenzen eingeleitet werden und sich näher mit den Schicksalen der Überlebenden Xions befassen, wird das Eintauchen in den emotionalen Kern dieser zerstörten Welt nochmals intensiviert und die Prise Spannung hinzugefügt, die mir dringend gefehlt hat.

Leider sind eben diese Missionen rar gesät, die ermüdenden Märsche von A nach B behalten folglich eindeutig die Oberhand. Dass Stellar Blade dabei jedoch nicht schlagartig in eine negative Wertungsregion abrutscht, ist den zuvor bereits ausgiebig beleuchteten Stärken zu verdanken. Wenn mich der lokale Friseur in die Wüste schickt, um ihm antike Utensilien für seinen Beruf zu beschaffen, treffe ich weiterhin auf angriffslustige Naytiba, lausche durchweg dem tollen Soundtrack und besuche mit allerlei Besonderheiten gefüllte Schauplätze. Die grundlegende Faszination mag also gelegentlich zwar ein wenig abgeschwächt werden, wird durch all diese Aspekte aber mindestens in einem gelben Mittelbereich gehalten, wodurch ich zuverlässig von jeglichen Anflügen drohender Langeweile verschont blieb.

Geölte Gameplay-Maschinerie mit unvollendeten Zahnrädern

Während des Tests beschlich mich oftmals das Gefühl, dass SHIFT UP mit einigen Selbstzweifeln zu kämpfen hatte und sich aufgrund der fehlenden Erfahrung unsicher war, ob der spielerische Umfang in dieser Form ausreichen würde. Und um diese Unsicherheit möglichst verklingen zu lassen, wurde während der Entwicklungsphase einfach möglichst viel eingebaut, um eine stattliche Gesamtspielzeit und vor allem wichtigen Abwechslungsreichtum sicherzustellen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die vielen Einzelteile der Welterkundung zwar prinzipiell Sinn ergeben und irgendwo auch gut ineinandergreifen, insgesamt aber viel zu halbgar ausfallen und dadurch einen wackeligen Balanceakt zwischen unterhaltsam und nervig vollführen.

Beispiele gefällig? Gelegentlich muss sie die kampfstarke EVE auch akrobatischen Herausforderungen stellen und kleinere Sprungeinlagen meistern, bei denen von der Decke baumelnde Seile zum Überqueren klaffender Abgründe genutzt werden müssen. Leider gestaltet sich die Steuerung hier als äußert unzuverlässig, weshalb die Greifversuche anfangs völlig misslingen, meine Heldin in die Tiefe stürzt und einen Teil ihrer kostbaren Lebensleiste einbüßt. Zu allem Überfluss stören solche Intermezzos dann auch noch den eigentlich erstklassigen Gameplay-Flow und verwandeln sich zu einem störenden Ärgernis, das glücklicherweise schnell wieder im Nichts verpufft – dennoch aber immer wieder aufs Neue auftaucht.

Bei den eingestreuten Rätsel verhält es sich ähnlich. Grundsätzlich sind diese gut durchdacht, zwingen mich gelegentlich sogar dazu, ein wenig um die Ecke zu denken. Der löbliche Wunsch, neben all den fulminanten Kämpfen auch den Denkmuskel zu strapazieren, geht oftmals allerdings nach hinten los und zwang mich zu einem entnervten Aufstöhnen. Ja, hier und da lässt sich dann eben doch diese eine nette Idee vorfinden, die mir tatsächlich Freude bereitet und die künstliche Streckung der aktuellen Passage leicht schmackhaft macht. Insgesamt betrachtet hätten diese Einschübe dann aber doch bedeutend mehr Substanz gebraucht, um den faden Beigeschmack einer rasant reingedrückten Zwischenbeschäftigung vermeiden zu können.

Kaum verliere ich mich wieder in einer kleinen Kritiktirade, lässt SHIFT UP die kreativen Gedankengänge spielen und verwandelt meine Negativität schlagartig in einen positiven Gesamteindruck. Nimmt man diese Teile nämlich aus dem großen Gameplay-Motiv heraus, bleibt weiterhin eine enorm unterhaltsame Weltenerkundung bestehen, in der ich mich liebend gerne verliere. Zwar fallen einige Gebiete weitläufig aus, bleiben jedoch allesamt in einem überschaubaren Rahmen und vermitteln mir dadurch das Gefühl, mit jedem Schritt ein neues Geheimnis zu entdecken. Verschlossene Truhen, versteckte Getränkedosen, zwischenmenschliche Schicksale (und manchmal auch Passwörter) enthüllende Dokumente wecken in mir die Suchtrieb und sorgen bravourös dafür, dass ich mich von der eigentlichen Haupthandlung ablenken lasse und eben doch noch eine Ehrenrunde drehe, um vielleicht übersehene Ecken und Winkel auf den Kopf zu stellen.

Stellar Blade zog mich schnell in einen Bann, klebte mir den Controller in meine Hände und lud mich dazu ein, mehrere Wochen meines Gaming-Lebens EVEs Abenteuer zu verschreiben, vielleicht direkt im Anschluss ja auch einen zweiten Durchgang einzulegen. Ein höherer Schwierigkeitsgrad, verschiedene Enden und ein New Game+, das kurz vor Release via Patch inkludiert wurde, waren dann auch die besten Gründe, um diese Wunsch in die Tat umzusetzen – und zu realisieren, dass der enorme Unterhaltungsfaktor auch in der zweiten Runde und nach gut 50 Stunden kaum verloren geht. Es bleibt einfach beeindruckend, was ein südkoreanisches Mobile-Entwicklerstudio urplötzlich auf die Konsole zaubern kann und damit einen Großteil der Konkurrenz mir nichts dir nichts alt aussehen lässt. SHIFT UP mag dabei noch in einige Fallen gelaufen sein, aus Fehler lernt man aber bekanntlich. Und wenn dieser Prozess auch tatsächlich erfolgt, dürfte das nächste Werk uns allen aus den Latschen kippen.

Sexyness-Streitfall EVE

Es ist ein wichtiges Thema, das bereits vor der Veröffentlichung von Stellar Blade für viel Furore sorgte und das ich dementsprechend ebenfalls nicht einfach unter den Teppich kehren möchte: Die Sexualisierung von Hauptheldin EVE, die für viele Journalisten, Fans und Kritiker nicht etwa wegen ihres Charakters, sondern wegen ihrer hautengen, gerne auch mal viel Haut zeigenden Outfits im strittigen Mittelpunkt stand.

Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, eine wirklich aussagekräftige Meinung in den Raum zu werfen, kann ich die Argumente beider Seiten doch gut verstehen und bin mir ziemlich sicher, dass meine Stimme keine ultimative Entscheidung herbeirufen wird. Allerdings möchte ich an dieser Stelle unterstreichen, dass mir EVEs Darstellung im Laufe meines Tests durchgehend zusagte, fühlte ich mich doch durchgehend an namhafte Gaming-Persönlichkeiten wie Lara Croft oder Bayonetta erinnert. Denn obwohl die holde Weiblichkeit mit all den zur Verfügung stehenden Kostümen und mit reißerischen Kamerafahrten vor allem während der Zwischensequenzen hervorgehoben wird, scheinen diese Designentscheidungen höchstens ein Mittel zum erotischen Zweck zu sein, die dem Charakter allerdings keinen Deut der menschlichen Tiefe nimmt.

Zu keinem Zeitpunkt wirkt EVE wie ein verblödetes Modepüppchen, das auf ihre äußerlichen Reize reduziert wird. Vielmehr läuft sie selbstbestimmt durch eine unbekannte Welt und stellt sich trotz anfänglicher Verunsicherung und Skepsis einer monströsen Bedrohung, um die Menschheit und damit die gesamte Welt zu retten. Keiner redet ihr blöd rein, keiner stellt sie in den Schatten: Sie ist eine starke Heldin, die stolz erhobenen Hauptes jede Aufgabe meistert und dank eines guten Herzens stets bereit ist, alles für gepeinigte Mitmenschen zu tun. Eben wie Lara Croft und Bayonetta, die gelegentlich zwar ebenfalls in eine emotionale Bredouille gezwungen wurden, diese jedoch mit ihrer eigenen Kraft zerbersten und zurück zu ihrem unvergleichlichem Selbstvertrauen finden konnten.

Hätte es dann aber diesen überzogenen Sexappeal gebraucht? Genau diese Frage ist es, die sich so schwer beantworten lässt. Immerhin leiht das südkoreanische Model Shin Jae-eun EVE via Body Scan ihr anrüchiges Aussehen, somit lässt sich die Kritik eines „unrealistischen Körperempfindens“ kaum anbringen. Gleichzeitig weist SHIFT UP-Gründer Kim Hyung-tae darauf hin, dass bei einem Third-Person-Videospiel die ganze Zeit auf die Rückseite der Protagonistin geschaut wird, weshalb dieser Anblick dann auch ein anschaulicher sein muss. Eine argumentative Büchse der Pandora, die schlagartig weitere Diskussionen und ja, auch weitere Kritik unumstößlich macht.

Ich bin nicht hier, um irgendeine Meinung zu ändern oder eine Seite zu bestärken. Dennoch möchte ich gerne das Gefühl, das ich beim Durchspielen hatte, mit euch teilen. Und da Heldin EVE mit einer vielschichtigen Persönlichkeit und einer angenehm glaubhaften Charakterentwicklung glänzt und zeitgleich mit ikonischen Moves beeindruckt, wirkte ihr aufreizender Körper eher wie ein nettes Beiwerk, nicht aber wie das ausschlaggebende Kaufargument von Stellar Blade. Und obwohl ich verstehe, dass einige das Action-Adventure dennoch frühzeitig abstrafen, einen großen Bogen darum machen und ohne eine Sekunde damit verbracht zu haben Negativität und abmahnende Worte durch das WWW schicken, empfehle ich wirklich allen Skeptikern, zumindest der Demo eine Chance zu geben. Denn unter der schlüpfrigen Oberfläche steckt ein wirklich emotionaler und ernstzunehmender Kern.

Es bleibt abzuwarten, ob SHIFT UP bei zukünftigen Projekten auf die lautstarke Kritik hören oder die eigene Auffassung bezüglich einer ansprechenden Popo-Perspektive nochmal überdenken wird. Mit einer leichten Zensur ausgewählter Supersexy-Outfits kurz vor dem PS5-Release scheint die Frage zumindest teilweise beantwortet zu sein, dennoch ist ein abwartender Blick sicherlich lohnenswert. Mit dem richtigen Fingerspitzengefühl könnte das südkoreanische Studio nämlich die Balance verfeinern und einer toughen Heldin eine charmante Körper-Outfit-Kombination verpassen, die vielleicht sogar einen größeren Kreis ansprechen und frühzeitiges Gemecker gekonnt aushebeln kann. Die Betonung liegt hierbei wenig überraschend auf dem „vielleicht“.

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Fazit

Mit Stellar Blade gelingt der südkoreanischen Videospielschmiede SHIFT UP ein herausragendes Konsolendebüt, das zahlreiche gefeierte Gameplay-Elemente des Action-Adventure-Genres nicht einfach nur blind kopiert, sondern mit viel Hingabe, Ehrfurcht und Leidenschaft in ein eigenes Sci-Fi-Abenteuer integriert, das bereits jetzt schon als eine der ganz großen Überraschungen des Gaming-Jahres 2024 bezeichnet werden darf.

Eine Tatsache, die nicht zuletzt dem vielschichtigen und imposant in Szene gesetzten Kampfsystem zu verdanken ist, dass mir mit allerlei Angriffs- und Ausweichmanövern. etlichen Upgrades und Anpassungsmöglichkeiten ein breites Strategierepertoire zur Verfügung stellt. Auch eine sympathische Heldin, die zumeist anschauliche Optik, ein himmlischer Soundtrack, eine unbeschreibliche Atmosphäre und eine mit unzähligen Geheimnissen gefüllte Welt leisten ihren Beitrag und sorgen dafür, dass man sich von diesem Exklusivtitel kaum abwenden kann. Und nach dem ersten Durchlauf direkt hochmotiviert ins New Game+ springt, um einen höheren Schwierigkeitsgrad auszuprobieren, verpasste Sammelobjekte einzuheimsen und ein alternatives Ende zu erreichen.

Nein, perfekt ist Stellar Blade nicht, dazu leistet sich das aus dem Mobile-Bereich kommende Entwicklerteam zu viele Anfängerfehler, wobei uninspirierte Nebenmissionen, kleinere Handlungsschwächen sowie hakelige Sprung- sowie halbgare Rätselpassagen unschön hervorstechen. Im direkten Vergleich zu den grandios ausgespielten Stärken verkommen all diese Punkte jedoch zu akzeptablen Versäumnissen, die man vor allem Konsolenneulingen verzeihen kann. Wenn man sich dann auch noch mit der körperbetonten, freizügigen Darstellung von Heldin EVE anfreunden kann, erhält man einen fantastischen PS5-Exklusivtitel, der nicht nur der Videospielgegenwart ein wundervolles Highlight verpasst, sondern zugleich einen vorfreudigen Blick in die Zukunft erlaubt. Nach diesem Erstlingswerk kann ich es nämlich kaum erwarten, das nächste Projekt aus dem Hause SHIFT UP in die Hände zu bekommen.

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Dante

Redakteur

Artikel
313
Punkte
3.130

Bewertung

Handlung / Präsentation (7/10)
Grafik (8/10)
Sound (9/10)
Gameplay (8/10)
Umfang / Wiederspielwelt (10/10)

Gesamt

42/50

2,2

gut

Kategorien

  1. Game Reviews
  2. Q-U

Tags

  • Sony
  • Action-Adventure
  • Exklusiv
  • Playstation
  • PS5
  • Stellar Blade
  • Shift Up

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