Rise of the Rōnin

Ein japanisches Open-World-Abenteuer zum Verlieben.


Zum 30-jährigen Jubiläum in nächsten Jahr darf Videospielschmiede Team Ninja auf eine wahrlich beeindruckende Entwicklungshistorie zurückblicken. Mit Dead or Alive und Ninja Gaiden wurden zwei legendäre Franchises erschaffen, mit Hyrule Warriors und Fire Emblem Warriors Musou-Gewässer erkundet, mit Stranger of Paradise: Final Fantasy Origin die namhafte RPG-Reihe auf den Kopf gestellt und mit Wo Long: Fallen Dynasty und Nioh fleißig völlig neue IPs aus dem kreativen Boden gestampft. Sicherlich entpuppt sich nicht jeder Release als Meisterwerk, Rohrkrepierer waren aber immerhin auch eine Seltenheit. Und der Studioname in der Gaming-Szene zweifelsfrei mit enorm hoher Bekannt- und Beliebtheit behaftet.


Bereits ein kurzer Blick auf meine stark limitierte Aufzählung der bisherigen Veröffentlichungshistorie beweist eindrucksvoll, dass sich das Team gerne neuen Herausforderungen stellt und dabei auch mal neugierig in eine bisher unbekannte Gameplay-Richtung blickt. Mit dem PlayStation-exklusiven Rise of the Rōnin soll nun der hauseigene Action-Adventure-Blick erweitert, die räumlich bisher recht eingeschränkten Level zumindest temporärer ad acta gelegt und um eine frei erkundbare und mit Leben gefüllte offene Spielwelt erweitert werden.


Doch erweist sich das mutige Voranschreiten in zuvor kaum erforschtes Videospielterrain als geglückter Schachzug oder eher als vermasseltes Experiment? Als alter Japan-Freund konnte ich es kaum erwarten, dieser Frage auf den Grund zu gehen und griff hochmotiviert zum Controller, um mich in das virtuelle Land der aufgehenden Sonne zu stürzen und mit meinem Schwert für Recht und Ordnung zu sorgen – und vielleicht auch einige filmreife Samurai-Manöver vom Stapel zu lassen. Doch ob ich Rise of the Rōnin nach gut 50 Stunden in höchsten Tönen loben darf oder den Ausflug in die ereignisreiche Vergangenheit verteufeln muss, das erfahrt ihr im Test.


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Nur mit meiner Zwillingsklinge


Japan, 1853, der Beginn der Bakumatsu-Zeit (Ende des Bakufu). Nach drei Jahrhunderten der Herrschaft des Tokugawa-Shogunats läuten am Horizont auftauchende schwarze Schiffe einen politischen und gesellschaftlichen Umbruch für den bisher verschlossenen Inselstaat ein. Denn der Westen, angeführt von Commodore Matthew Calbraith Perry, konfrontiert die Regierung mit einem Vertrag, der das Land nun endlich dem Rest der Welt öffnen soll. Dass es sich bei dieser Expedition jedoch nicht um einen freundlichen Besuch, sondern vielmehr um das ruppige Einholen einer notfalls mit Gewalt erzwungenen Unterschrift handelt, machen die mit vernichtenden Kanonen beladenen Dampfschiffe deutlich, gegen die Japan kaum etwas entgegenzusetzen hat.


Kein Wunder also, dass das gesamte Land bereits kurz nach Ankunft des Westens vollends im Chaos versinkt. Angesichts einer sämtliche Grundmanifeste erschütternden Veränderung entstehen nämlich politische Unruhen, die wiederum in kriegerischen Auseinandersetzungen ausarten. Kombiniert mit einer erbarmungslosen Cholera-Epidemie ergibt sich aus all diesen Säulen des Tumults ein am Scheideweg stehendes Land, dessen Zukunft nicht etwa in den Händen der Bevölkerung, sondern in denen einiger tapferer Kämpfer liegt. Doch Rise of the Rōnin konzentriert sich nicht ausschließlich auf diese turbulente Zeit, sondern legt den Fokus auf einen namenlosen Rōnin, der nicht nur die Zügel der Geschichte, sondern auch sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen muss.


Zu Beginn der Haupthandlung werden nämlich die beiden Zwillingsklingen, geübte Kämpfer und Attentäter, mit einer ebenso wichtigen wie auch potenziell tödlichen Mission betraut. Sie sollen eines der schwarzen Schiffe infiltrieren, eine streng geheime Botschaft entwenden und nebenbei noch Matthew Perry höchstpersönlich eliminieren. Ein Vorhaben, das kurz vor der erfolgreichen Umsetzung an den unerwarteten Klippen des Scheiterns zerschellt: Denn kurz bevor die Geschwister Perry den Gnadenstoß versetzen können, taucht der Blaue Dämon, ein schier unbesiegbarer Krieger, auf und erweist sich als unüberwindbares Hindernis. Schweren Herzens entschließen sich die Zwillingsklingen zu einem verzweifelten Rettungsmanöver, das zugleich die unliebsame Trennung bedeutet. Eine Klinge flieht, während sich die andere opfert und eventuelle Verfolger aufhält.


Allerdings muss der entkommene Rōnin – und zugleich der spielbare Charakter dieses Abenteuers – schnell erkennen, dass das tödliche Katana der Rache ihm gefolgt ist. Nach Vergeltung dürstend greift das Shogunat mit schwer bewaffneten Truppen sein Heimatdorf an, wobei herauskommt, dass der zurückgebliebene Zwilling nicht etwa umgebracht, sondern inhaftiert wurde. Von dieser Erkenntnis bestärkt entledigt sich der Rōnin seinen Angreifern, dreht dem eigenen Clan den Rücken und macht sich auf eine beschwerliche Reise, um den Verbündeten aus der Gefangenschaft zu befreien und das bis aufs Innerste verwurzelte Duo wieder zu vereinen.


Doch es wartet nicht nur das Aufbäumen gegen einen mächtigen Gegner, sondern auch das Herumnavigieren durch die Irrungen und Wirrungen eines zutiefst beunruhigten Reiches, das in eine glorreiche, aber auch in eine katastrophale Zukunft geführt werden könnte. Und die Rolle des Rōnin in diesem historisch bedeutsamen Geflecht ist bedeutend größer als anfangs angenommen.



Wenn das Katana zum Geschichtsschreiber wird


Ein bedeutendes Kapitel der japanischen Historie, das Rise of the Rōnin zur Bühne für ein packendes Abenteuer umfunktioniert, bei dem meine eigenen Entscheidungen über Leben und Tod entscheiden können. Immerhin musste sich damals das gesamte Land entscheiden, ob nun die Zeit für einen Umbruch gekommen war oder der Status Quo notfalls blutig aufrechterhalten werden sollte. Gepaart mit einigen monumentalen Schlüsselmomenten und Gefechten ergibt sich ein komplexes Geschichtskonstrukt, in das Team Ninja die eigene Erzählung gemütlich hineinweben konnte.


Im Fokus steht dabei die Tatsache, dass ich nicht etwa in die Gewänder eines namhaften Samurai schlüpfe, sondern mir zu Beginn der Reise meinen eigenen Helden erschaffe, der unerwartet zu einer ausschlaggebenden Schachfigur wird. Um solch eine Last gekonnt auf meinen Schultern tragen zu können, steht mir ein umfangreicher Charakter-Editor, mit dem ich mir einen gestählten Astralkörper erschaffen darf – oder eben in die entgegengesetzte Richtung wandere. Zusätzlich bestimme ich über Frisur, gefühlt jeden einzelnen Muskel meines Gesichts, Tattoos, Narben und so weiter und so fort. Geht ihr also gerne ins Detail und verfeinert euer Alter Ego gerne bis zum letzten feinen Make-up-Strich, solltet ihr hier ausreichend Zeit einplanen.


Prinzipiell ist das ein wichtiger Hinweis, scheint sich mein Held doch händeringend um einen Platz in den Geschichtsbüchern bewerben zu wollen, weshalb ein fotogenes Auftreten das A und O ist. Wozu sollte er sich auch mit seiner Rolle als simpler Zeuge zufriedengeben, wenn er tatkräftig in die Geschehnisse eingreifen, sie stellenweise sogar beeinflussen kann? Also machte ich mir seine kämpferischen Fähigkeiten und sprachliche Versiertheit zunutze, um auf dem Schlachtfeld, aber auch im Rahmen harmlos erscheinender Konversationen den Zeitstrahl zu beeinflussen und das alte Japan in meine gewünschte Richtung zu lenken.


Erzeugte diese Vielfalt an Auswahlmöglichkeiten bei mir anfangs noch das Gefühl, dass die Geschichte tatsächlich gänzlich in meinen schicksalhaften Händen liegt und mich somit ein moralisches Dilemma nach dem anderen erwarten würde, wurde ich rasant eines Besseren belehrt. Ja, ich darf mich oftmals für ein bestimmtes Lager entscheiden, gottesgleich bestimmen, ob ein besiegter Gegner weiterleben darf oder sterben muss. Rise of the Rōnin verpasst es jedoch, diesen und auch vielen weiteren wichtigen Momenten den nötigen Nachdruck zu verleihen, in mir damit Emotionen zu wecken und mir das Gewicht meiner Macht gekonnt zu vermitteln. Dialoge fallen viel zu oberflächlich, Zwischensequenzen viel zu hölzern, die Inszenierung viel zu fad aus, um mir zu zeigen: DAS war für den Krieg jetzt entscheidend! Stattdessen müssen mich einige teils überhetzte Erklärungen und kurze Zusammenfassungen darüber informieren, was in der Welt gerade so passiert.



Freundschaftsband für die heroische Ewigkeit


Es kommt nicht von ungefähr, dass sich mir diese erzählerische Schwachstelle frühzeitig bemerkbar machte und dabei einen empfindlichen Nerv traf. Als großer Liebhaber der japanischen Geschichte fühlten sich einige Momente einfach viel zu schnell abgebügelt an, ließen die dringend notwendige Zeit vermissen, um die Wichtigkeit im enorm komplexen Gesamtbild zu unterstreichen. Folglich mag dieses Versäumnis im ersten Moment wie ein vernichtendes KO-Kriterium klingen, stellt sich aus der objektiven Perspektive jedoch höchstens als kleines Ärgernis dar, das durch zahlreiche Stärke frühzeitig aufgefangen wird, aber eben doch etwas mehr Tiefgang verdient hätte.


Wo Rise of the Rōnin dann nämlich wieder vollends abliefert, ist die Darstellung der historischen Persönlichkeiten, die euren Weg regelmäßig als Freund oder Feind kreuzen und somit ein wichtiger Bestandteil der Geschichtsstunde im Videospielformat sind. Neben Marinekommissar Kaishū Katsu, dem britischen Arzt Rutherford Alcock, dem französischen Offizier Jules Brunet oder dem Revolutionär Yoshida Shōin begegne ich beispielsweise auch dem legendären Samurai Sakamoto Ryōma, der die moderne Entertainment-Welt bereits mehrfach unsicher machen durfte.


Bei diesen prominenten Auftritten handelt es sich allerdings nur selten um einen kurzen Cameo, sondern vielmehr um bedeutende Neben-, manchmal sogar auch um tragende Hauptrollen, die den Plot vorantreiben und mich durch die Irrungen und Wirrungen des Krieges führen. Sakamoto ist hierbei ein Paradebeispiel dafür, dass Team Ninja eben doch die Fähigkeit besitzt, eine gewisse Emotionalität zu erschaffen, mir Charaktere dank gemeinsamer Erlebnisse, kämpferischem Teamwork und bedeutungsschweren Dialogen ans Herz zu nähen. Denn fast das gesamte Abenteuer hindurch entpuppt dieser sich als unverzichtbarer Verbündeter, der gerne auch bei den schweren Entscheidungen als gedankliche Stütze fungiert.


Überhaupt halfen mir all die vielen Randfiguren dabei, über die narrativen Unpässlichkeiten von Rise of the Rōnin hinwegzusehen, präsentieren sie sich in dieser Rubrik doch zweifelsfrei als größte Stärke und unerwartetes Highlight. Neben ihrer Rolle in der übergeordneten Haupthandlung bekommen ausgewählte Verbündete nämlich ihre eigenen Nebenmissionen spendiert, in denen ich ihnen bei der Bewältigung persönlicher Probleme unterstützen und damit das Freundschaftsband nachhaltig verstärken darf. Steht mir dann mal nicht der Sinn nach Hilfsaktionen, darf ich auch einfach einige freundliche Worte mit ihnen wechseln oder ihnen Geschenke machen. Immerhin führen viele Wege zum Herzen eines abgehärteten Kriegers.


Während die eigentlichen Missionen nur selten aus der Reihe tanzten und verstärkt den Einsatz meiner Waffen erforderten, waren es die Geschichten selbst, die mein Interesse weckten. Diese drehen sich nämlich verstärkt um die Gedankenwelt meiner Verbündeten: Wie kann das Land von Tod und Krankheit bewahrt werden? Wo wird die Zukunft hingehen? Wie lassen sich blutige Spuren der Vergangenheit endgültig abschütteln? Hier kommen die Emotionen, die der Hauptpfad mitunter schmerzlich vermissen lässt, bestens zur Geltung und sorgen dann auch endlich dafür, dass ich mich noch stärker in meine digitalen Mitmenschen hineinversetzen, die in dieser Zeit vorherrschende innere Unruhe annähernd nachvollziehen konnte. Dass aus diesen Nebenmissionen dann sogar noch Liebesgeschichten entstehen können, bildet das zufriedenstellende i-Tüpfelchen.



Die japanische Seele


Doch ich möchte ganz ehrlich mit euch sein: Kaum hatte ich das Tutorial absolviert, das spielerisch noch recht geradlinig aufgebaute Intro beendet und meine ersten Schritte in der offenen Spielwelt gefeiert, pfiff ich auf meinen verschwundenen Zwilling sowie die unruhigen Wogen des Krieges und stürzte mich einfach nur voller Freude in meine neugewonnene Freiheit. Ohne aufrufbare Karte oder am oberen Bildschirmrand angehefteten Kompass lief ich einfach los, erkundete das altertümliche Yokohama auf eigene Faust und ließ die Eindrücke, die Kultur, die Atmosphäre ungefiltert auf mich wirken. Eine perfekte Idee, wurde dadurch doch nicht nur meine persönliche Japanliebe, sondern auch die Wertschätzung für die kleinen, liebevoll integrierten Einzelheiten geweckt.


Rise of the Rōnin präsentiert eine herrlich dichte, da überraschend lebendige und mit anschaulichen Sehenswürdigkeiten gefüllte Welt, die den einzigartigen Charme des ostasiatischen Staates erstklassig einfangen. Okay, trotz mehrmaliger Japanbesuche kann ich nun natürlich nicht behaupten, per Zeitreise die Vergangenheit erforscht zu haben, entdeckte in mir jedoch heimelige Gefühle, die sich auch in der Gegenwart bemerkbar gemacht hatten. Denn während in der Realität alte Holzhütten gigantischen Wolkenkratzern weichen und schlammige Pfade zu hochmodernen Straßen umgebaut wurden, bleibt die Liebe für die Natur, die Tiere, die Kultur. Und genau diese Liebe konnte Team Ninja einfangen und auf meinen Bildschirm zaubern.


Bei meinen anfänglichen Streifzügen besuchte ich die Innenstadt Yokohamas und beobachtete die Menschen bei ihrem täglichen Treiben. Anschließend führte mich mein Weg aufs Land, wo mir einerseits prunkvolle Tempel, andererseits kleinere Wälder voller freundlicher, manchmal auch angriffslustiger Tiere begegneten. Sogar Wahrzeichen konnte ich bereits in diesem frühen Stadium meines Tests ausfindig machen und fühlte mich dadurch fast schon wie ein Tourist, dem das nötige Kleingeld für eine großangelegte Sightseeing-Tour fehlte, weshalb nun die Konsole als finanziell erschwingliche Alternative hinhalten musste.


Es mag abgedroschen klingen, aber Rise of the Rōnin erschafft Landschaften, in denen ich mich liebend gerne verliere, jegliche Haupt- und Nebenmissionen komplett ignoriere, um für einige Zeit vollkommen unbeschwert herumzulaufen und das alltägliche Treiben auf mich wirken zu lassen. Die künstlerisch anspruchsvollen Details der Tempelgebäude näher betrachten? An der Küste verweilen, in Richtung schwarze Schiffe blicken und meine Seele vom Sonnenuntergang massieren lassen? Am Wasserfall meine Gedanken treiben lassen und herumtollende Eichhörnchen beobachten? All diese traumhaften Szenarien durfte in während der ersten Stunden durchspielen und musste mich dabei gedanklich vor Team Ninja verbeugen.


Auch für die willkommene Entscheidung, mir eine breite Auswahl an Fortbewegungsmitteln zur Verfügung zu stellen. Zwar ist ein strapaziöser Dauersprint eine valide Option, nimmt meine Ausdauer, beziehungsweise Ki-Anzeige außerhalb des Kampfes doch nicht ab, mit Pferden, einem coolen Gleiter und einem für vertikale Manöver unverzichtbaren (und leider nur an markierten Stellen einsetzbaren) Greifhaken bekomme ich aber starke Alternativen serviert, komme mit ihnen rasant von A nach B und spare mir gefühlt niemals enden wollende Märsche. Und wer dann überhaupt keinen Nerv hat und Zeit sparen möchte, setzt einfach auf die Schnellreise und hüpft per Knopfdruck zum gewünschten Checkpoints, der zuvor allerdings erst freigeschaltet werden muss.



Wundervolle Atmosphäre trotz angestaubter Technik


Dass diese Momente mein Gefühlszentrum höllisch effektiv angreifen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen konnten, ist auch dem grafischen Gesamteindruck zu verdanken. Stellenweise lässt Rise of the Rōnin nämlich die visuellen Muskeln spielen und überzeugt mit pittoresken Panoramen, in denen Detailverliebtheit und Lichteffekte hervorragend ineinandergreifen und die malerischen Schauplätze mit ihren individuellen Besonderheiten zum Strahlen bringen. Gerade in diesen Situationen schmerzt es mich einfach sehr, dass dieses wundervolle Land so weit entfernt ist und eine Reise dorthin mit einem unsagbaren Aufwand verbunden sind.


Ebenso schmerzhaft ist die Tatsache, dass Team Ninja den technischen Sprung in die Zukunft verpasst hat und bei einem instabilen Konstrukt bleibt, das oftmals nicht einmal ansatzweise das Niveau aktueller PS5-Titel erreichen kann. Gesichtsausdrücke bleiben vor allem während der zahlreichen Zwischensequenzen und Konversationen erschreckend kalt, Animationen fallen extrem hölzern aus, matschige Texturen werden ebenso wie Bugs und Glitches zu einem unliebsamen Dauerbegleiter. Immerhin von nervtötenden Abstürzen blieb ich während meines ausschweifenden Tests gänzlich verschont.


Dieses technische (sorry, an dieser Stelle möchte ich kurz ein wenig deutlicher werden) Versagen macht sich mit Blick auf die drei zur Verfügung stehenden Grafik-Modi besonders bemerkbar. So sind die 30fps-Variante mit hoher Auflösung sowie die Raytracing-Option aufgrund einer instabilen Framerates und deutlich sicht- und spürbaren Rucklern kaum zu empfehlen, weshalb nur noch der Performance-Modus mit einer 60fps-Bildrate übrigbleibt. Trotz Auflösungseinbußen bietet dieser immerhin noch die zuverlässigste Stabilität, geht bei stark gefüllten Bildschirmen und vor allem auch im finalen Akt aber dennoch gerne mal in die Knie. Ich bin mir sicher, dass Patches in den kommenden Wochen und Monaten für deutliche Verbesserungen sorgen werden, der Jetzt-Zustand muss trotz einer vorhandenen Spielbarkeit dennoch als Enttäuschung betitelt werden.


Beim Sounddesign verweilt Rise of the Rōnin erfreulicherweise nicht in der Technik-Vergangenheit, leistet sich also keine derben Schnitzer und breitet stattdessen einen eleganten Klangteppich aus, der der atmosphärischen Kulisse als phänomenaler Untergrund dient und meine Ohren mit einem breiten Repertoire wohliger und actionreicher Geräusche – von dezenten Naturtönen bis hin zu druckvollen Explosionen ist alles dabei – verwöhnt. Eine Aufgabe, die parallel vom sagenhaften Soundtrack übernommen wird, für den sich niemand Geringeres als die israelisch-amerikanische Komponistenlegende Inon Zur (beispielsweise bekannt für die wundervollen Kompositionen der Fallout-, Dragon Age- oder Prince of Persia-Reihe) verantwortlich zeichnet. Mit traditionellen japanischen Instrumenten, darunter beispielsweise die Bambusflöte (Shakuhachi), die dreisaitige Langhalslaute (Shamisen) oder eine kleine Röhrentrommel-Armee (Taiko), entstehen authentische Melodien, die sich jeder Situation elegant anpassen und das Eintauchen in diese besondere Kultur gekonnt erleichtern können.


Im Zusammenspiel mit einer fantastischen japanischen Sprachausgabe, die mit geübten Sprechern und emotional vortrefflich vorgetragenen Dialogen besticht und das ebenfalls gelungene, aufgrund des Settings aber eher als Fremdkörper anmutende englische Pendant problemlos schlagen kann, ergibt sich eigentlich ein optimal in sich geschlossenes Gesamtbild, das mich trotz grafischer Schwächen vortrefflich bis zum Abspann tragen kann. Einziger Wermutstropfen: Entscheide ich mich für die japanische Variante, beherrschen urplötzlich auch alle amerikanischen und britischen Charaktere die Landessprache und können ohne weitere Probleme mit der Umwelt kommunizieren. Ein zugegeben amüsanter, aber dennoch herber Atmosphäre-Ausrutscher, der zum Glück die akzeptable Ausnahme bleibt.



Rōnin's Creed


Nun wäre es langweilig, wenn ich den kompletten Test von meinen vollkommen an den virtuellen Haaren herbeigezogenen Reiseerfahrungen erzählen würde. Rise of the Rōnin ist nämlich kein Walking-Simulator, sondern ein Action-Adventure, das auf eine offene Spielwelt mit viel Freiheit und Erkundungsspielraum setzt. Dementsprechend ist es auch keine Überraschung, dass die Karte nicht nur mit Schnellreise-Checkpoints, sondern auch mit allerlei Sammelgegenständen und Nebenaufgaben gefüllt ist, die abseits des eigentlichen Hauptpfads erledigt werden wollen.


Revolutionäre To-Dos hat Team Ninja dabei zwar nicht aus dem Hut gezaubert, orientiert sich aber ebenfalls an der japanischen Kultur. So muss ich beispielsweise an Schreinen beten, gesuchte Verbrecher stellen, belagerte Dörfer von Banditen befreien, Fotos besonders atemberaubender Anblicke (nicht selten prominent vertreten: der heilige Berg Fuji) machen oder Katzen ausfindig machen, um diesen eine gehörige Streicheleinheit zu verpassen. Möchte ich meine kämpferischen Fähigkeiten schärfen, darf ich mich im Dojo austoben, am Schießstand meine Treffsicherheit auf die Probestellen, vom Pferderücken mit Pfeil und Bogen feuern oder per Gleiter in luftigen Höhen auf Highscore-Jagd gehen. Das Leben eines Samurais ist wirklich abwechslungsreich.


Es kommt nicht von ungefähr, dass ich mich beim Abarbeiten dieser enorm langen Checkliste schnell an die Assassin's Creed-Reihe erinnert gefühlt habe. Zum einen, weil ich diese Reihe ganz nah an meinem Herzen trage, zum anderen, weil der generelle Ablauf viele Parallelen aufweist. Ich übernehme die Kontrolle über einen vom Schicksal gebeutelten Attentäter, dessen Geschichte mir binnen der ersten Stunden nähergebracht wird. Anschließend werde ich in eine weitläufige Spielwelt geworfen und darf nun selbst entscheiden, ob ich mich direkt an der Handlung entlanghangle oder mich von jeder noch so spannenden Kleinigkeit ablenken lasse. Sogar die Unterteilung in unterschiedliche Gebiete, die ich nacheinander erkunden und alle verfügbaren Gegenstände einsacken und Sidequests erledigen darf, um eine 100%ige Abschlussrate zu kassieren, sind im virtuellen Japan am Start.


Und nachdem stattlich gefüllte Open Worlds in den letzten Jahren lautstark gefeiert wurden, geht der Trend nun in eine völlig andere Richtung, was nach Durchlesen des letztes Absatzes eine gewisse Skepsis wecken dürfte. Dank einer schier unaufhörlichen Flut neuer Top-Games fällt das zur Verfügung stehende Zeitkontingent nämlich immer knapper aus, wodurch sinnlos vollgestopfte Abenteuer eher zum Störfaktor mutieren, Interessenten also gerne auch mal abschrecken. Bei Rise of the Rōnin machten sich bei mir solche Sorgen ebenfalls breit, die in der Praxis dann aber rasant zerschlagen und durch uneingeschränkten Spielspaß ersetzt wurden.


Zunächst muss aber festgehalten werden, dass die offene Spielwelt in diesem Fall nicht aus allen Nähten platzt. Und obwohl bereits Yokohama ausreichend Beschäftigungspotenzial bietet und im weiteren Handlungsverlauf sogar noch weitere Städte hinzukommen, fühlte ich mich von der Menge zu keinem Zeitpunkt erschlagen, wurde durch das angenehme Einflechten der verschiedenen Aufgabenstellungen in die übergeordnete Atmosphäre sogar dazu animiert, immer wieder den Helden zu spielen. Team Ninja hat sich also deutlich Mühe gegeben, die Karte mit wirklich sinnvollen Tätigkeiten zu füllen, ihnen allen zumindest einen erzählerischen Hintergrund zu spendieren. Und da fast alle aufploppenden Icons optionaler Natur sind, ich ohne Konsequenzen auch einfach daran vorbeireiten könnte, sollten Skeptiker das Ganze definitiv nicht vorverurteilen.



Akira Kurosawa wäre stolz


Langsam möchte ich meinen Lobeshymnen auf das hervorragende Einfangen der japanischen Seele und Kultur aber ein (temporäres) Ende setzen, um mich einer weiteren, für viele Leser eventuell bedeutend wichtigeren Gameplay-Säule von Rise of the Rōnin zu widmen: Dem Kampfsystem! Erinnern wir uns nämlich an die beachtliche Entwicklungshistorie Team Ninjas, kristallisiert sich das Studio schnell als Meister des Fachs heraus, das allein mit Ninja Gaiden die hauseigenen Kenntnisse über die Feinheiten ebenso beeindruckender wie auch mitreißender Schwertkämpfe eindrucksvoll zur Schau gestellt und diese über die Jahre bis hin zu Titeln wie Nioh oder Wu Long stetig geschärft und erweitert hat.


Während die Schlauchlevel dem Open-World-Aufbau weichen und dadurch zumindest in diesem Werk Geschichte sind, orientieren sich die fordernden Duelle stark an früheren Kreationen. Mit einer durchdachten Kombination aus normalen Schwerthieben, Spezialangriffen sowie Ausweich- und Pariermanövern versuche ich die Gesundheitsleiste meiner Rivalen stetig gen Nullpunkt zu prügeln und deren Köpfe schlussendlich mit einem fulminanten Finisher von ihren Körpern zu trennen. Klingt simpel, wird durch die Ki-Anzeige allerdings dann doch deutlich erschwert. Mit jeder Bewegung nimmt diese nämlich ab. Hat sie sich vollständig geleert, erleidet mein Held einen kurzzeitigen Schwächeanfall, der förmlich zu vernichtenden Kontern einlädt.


Doch auch meine Feinde sind mit dieser Schwäche behaftet. Setze ich also gezielt auf Dauerangriffe und blocke herandonnernde Attacken zusätzlich mit dem richtigen Timing ab, senken meine Rivalen irgendwann erschöpft ihre Waffen und geben mir die Chance, ordentlich Schaden auszuteilen – bei Soulslike- und From-Software-Freunden werden da zweifelsfrei die Sekiro-Erinnerungen wieder in den Sinn kommen. Da eure Kontrahenten allerdings keine Schießbudenfiguren sind und sogar Standardgegner kleinere Fehler gerne erbarmungslos bestrafen, muss ich stets konzentriert bleiben, meine Ausdaueranzeige im Blick behalten und den richtigen Zeitpunkt finden, um meinen Zug in Richtung glorreicher Sieg auszuführen. Solltet ihr also blindes Knöpfchendrücken bevorzugen, stehen eure Überlebenschancen erschreckend schlecht.


Stattdessen belohnt Rise of the Rōnin eine ausführliche Auseinandersetzung mit allen Feinheiten und Facetten des Kampfsystems. Beispielsweise kann ich gelegentlich vor Beginn einer ausartenden Konfrontation in den Stealth-Modus schleichen und ahnungslose Truppen aus den Gebüschen heraus lautlos ausschalten, wodurch mir im offenen Gefecht weniger Widersacher gegenüberstehen. Oder ich greife auf Pistole, Gewehr oder Bogen zurück, um Feinde aus der Distanz zu schwächen oder mit einem Kopfschuss direkt vollständig zu eliminieren. Natürlich muss ich aber auch hier vorsichtig sein, sind meine Munitions- und Pfeilvorräte doch limitiert, weshalb der Einsatz wohlüberlegt sein sollte.


Auf dem Schlachtfeld selbst eröffnen sich mir auch einige nette Anpassungsmöglichkeiten, die mir mitunter hilfreiche Vorteile und unverzichtbare Hilfestellungen eröffnen. So muss ich nicht etwa ausschließlich mit einem Katana rumhantieren, sondern darf auf Wunsch zu Speeren, Doppelklingen, Bajonette oder Säbel zurückgreifen, um meine persönliche Strategie finden und eventuell sogar noch schneller und aktiver agieren zu können. Zusätzlich spielt die Wahl des Kampfstils – Ten (Himmel), Chi (Erde) oder Jin (Mensch) – eine wichtige Rolle. Diese funktionieren nämlich nach dem altbekannten Schere-Stein-Papier-Prinzip und können Feinde entweder noch heftiger zurückwerfen oder ihnen einen kleinen Stärke-Boost verpassen. Folglich sollte der Stilwechsel immer ganz hoch oben auf eurer Agenda stehen, um unschöne Überraschungen zu vermeiden.


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Übung macht den Samurai-Meister


Bisher zwangen mich die Action-Adventure aus dem Hause Team Ninja gerne dazu, fortwährend an meinen spielerischen Fähigkeiten zu arbeiten, die mir bereitgestellten Gameplay-Elemente genauestens zu verinnerlichen und eindrucksvolle Erfolge eher als Mahnung wahrzunehmen, dass das Ganze bei der nächsten Runde eigentlich noch besser gehen könnte. Rise of the Rōnin bildet dabei keine Ausnahme und macht vor allem beim Kampf gegen mehrere Feinde oder gegen die teils bockschweren Bosse deutlich, dass ich mich niemals ausruhen darf, sondern die Weiterentwicklungsleiter konsequent nach oben klettern sollte, um für spätere Herausforderungen bestens gewappnet zu sein.


Doch auch dieses Mal muss ich mich nicht ausschließlich auf meine Fähigkeiten verlassen, sondern sammle fleißig Erfahrungspunkte, die mir früher oder später zu einem Stufenanstieg und somit zu einer Aufbesserung all meiner wichtigen Attribute verhelfen. Kümmere ich mich dann auch noch um die zahlreichen Nebenaufgaben oder hänge öfter mit meinen Verbündeten ab, verdiene ich mir normale und seltene Fertigkeitspunkte, die ich innerhalb eines Talentbaums frei verteilen darf. Da dieser jedoch aus den vier Zweigen Stärke, Geschicklichkeit, Charme und Intelligenz besteht, die meinem Helden allesamt individuelle Upgrades verpassen, muss ich mir vorher ausriechend Gedanken machen, in welche Richtung ich meinen Spielstil lieber tragen möchte.


Ich möchte kräftig austeilen und sogar Kugeln mit meiner Klinge zurückschlagen können? Dann ab zum Stärke-Bereich. Rohe Gewalt liegt mir nicht, weshalb meine Nebenwaffen und Stealth-Skills gefragt sind? Dann sollten einige Punkte in die Geschicklichkeit investiert werden. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Begleitern steht an oberste Stelle? Dann lassen sich via Charme-Rubrik diverse Gruppenfähigkeiten aktivieren. Sorgen, dass eure Vorräte sich dem Ende zuneigen könnten, der Besuch einer der verschiedenen Läden des Landes aufgrund fehlender Ersparnisse aber unmöglich ist? Dann gönnt man sich via Intelligenz-Säule einfach einige Rabatte. Aber vielleicht sollten einige Fertigkeitspunkte dann doch für die Redegewandtheit genutzt werden, damit mein Rōnin während einer Konversation notfalls problemlos auf Lügen, Drohungen oder andere verbalen Überzeugungskünste zurückgreifen darf?


Ihr merkt: Die Verteilungsmöglichkeiten sind vielfältig und falsche Entscheidungen gibt es eigentlich nicht. Solltet ihr euch dann aber dann doch verrannt haben und mit der gewählten Ausrichtung keinerlei kämpferischen Errungenschaften feiern dürfen, lässt sich das Ganze spielend leicht vom Nullpunkt starten, die Charakteraufwertung also von vorne beginnen. Gleiches gilt natürlich auch für die Ausrüstung, die mit einem Sprung in die Optionen jederzeit ausgewechselt werden darf. Neben den bereits angesprochenen Waffen warten hier auch etliche Helme, Rüstungen, Armschienen, Schuhe und Items auf euch, die allesamt mit besonderen Fähigkeiten und Buffs versehen sind, also sogar fast schon eine gewisse taktische Note reinbringen.


Eben diese Ausrüstungsoptimierung stellt sich jedoch schnell als Fluch und Segen zugleich heraus. Rise of the Rōnin überschüttet euch nämlich regelrecht mit Belohnungen, schmeißt euch für jede noch so unbedeutende Leistung massenweise Gegenstände entgegen und artet dadurch in einen wahren Loot-Wahnsinn aus. Wenig überraschend, dass die Taschen meines Samurais insgesamt 2.000 (!) Items fassen und ich sogar einstellen darf, dass ergatterte Schätze mit vergleichsweise minderwertigen Wertigkeitsstufen direkt verscherbelt werden. Tüftler kommen derweil voll auf ihre Kosten, dürfen sie doch etliche Kombinationen ausprobieren und Ausrüstungsteile bis ins letzte Detail optisch aufmotzen, um auch einen individuellen Look zu erschaffen.



Vom Morgengrauen zum Zwielicht


Anstatt vollständig auf die offene Spielwelt zu setzen, finden die Hauptmissionen von Rise of the Rōnin in abgesteckten Gebieten statt, die gelegentlich sogar ein wenig an Nioh erinnern. Bevor ich mich durch all die Gefahren, Fallen sowie großzügig platzierten Einheiten kämpfen und zu guter Letzt einen hartnäckigen Endgegner bezwingen muss, darf ich mich mit einigen Einstellungen auf die bevorstehenden Aufgaben vorbereiten und dem Rōnin-Gericht damit eine weitere strategische Würze hinzufügen.


Im Mittelpunkt steht hierbei nämlich die Wahl meiner beiden KI-Begleiter, die mir mit ihren individuellen Sonderfähigkeiten weitere Vorteile verschaffen und mich in besonders haarigen Situationen sogar vor einem vorzeitigen Ableben bewahren können. Sollten euch computergesteuerte Verbündete suspekt sein, könnt ihr euch auch kurzerhand bis zu zwei weitere Mitspieler an die Seite holen, um als mächtiges Koop-Trio ordentlich aufzuräumen. Ein herrlicher Spaß, der im Test problemlos funktioniert, derzeit aber leider nur auf die Missionen der Haupthandlungen beschränkt ist. Open-World-Rumgehüpfe und Nebenaufgaben sind also ausschließlich für Solo-Samurai geeignet.


Ob nun langjähriger Freund, kämpferisch versierter Fremder oder in Notfällen zwecks ausbleibender Alternativen gerade noch so akzeptabler Computer-Partner, eine helfende Hand wollte ich spätestens beim schnittigen Stelldichein mit den knackigen Bossen nicht vermissen. In dieser Hinsicht bleibt sich Team Ninja nämlich treu und verwandelt jedes einzelne dieser Duelle zum optimalen Zeitpunkt, um sich mit allen Feinheiten des Kampfsystems angefreundet und seinen eigenen durchdachten Stil erarbeitet zu haben. Ihr hadert noch mit dem Parieren oder findet einfach nicht das richtige Timing? Dann habt ihr wirklich ein dickes Problem und solltet die Daumen drücken, dass eure Gefolgschaft kurzzeitig die Aufmerksamkeit auf sich zieht und euch somit eine dringend notwendige Findungspause gönnt.


Überraschenderweise verlässt die japanische Videospielschmiede dann aber doch gewohnte Bahnen und schlägt beim Schwierigkeitsgrad einen völlig neuen, Mainstream-freundlicheren Weg sein. Anstatt euch nämlich in die fordernde Spielwelt zu werfen und sich anschließend schadenfreudig zurückzulehnen, stellt euch das Team insgesamt drei Schwierigkeitsstufen zur Verfügung, mit denen ihr den Härtegrad jederzeit nach Belieben nachjustieren dürft. Völlig Neueinsteiger ohne kriegerisches Rhythmusgefühl dürften dabei den Morgengrauen (die leichte Stufe) wählen, wer etwas mutiger wird wagt sich hinauf zur Abenddämmerung (die mittlere Stufe) und hartgesottene Profis mit einem virtuellen Todeswunsch springen direkt zum Zwielicht (die schwierigste Stufe).


Sicherlich wird diese Anpassung nicht jedem Fan der ersten Stunde vollends schmecken, macht mit der durchdachten Erweiterung des üblichen Gameplay-Gerüsts auf eine offene Spielwelt allerdings enorm viel Sinn und erweitert dank der somit erschaffenen Zugänglichkeit zugleich die Menge an Interessenten, die sich mit ausreichend Motivation und annähernd hohen Erfolgschancen in das Abenteuer stürzen dürfen. Und wer nun die Herausforderungen der Vergangenheit vermissen und die Jagd nach höheren Verkaufszahlen für diese Verweichlichung verteufeln sollte, darf direkt wieder beruhigt aufatmen: Rise of the Rōnin im Zwielicht-Modus bringt nämlich weiterhin die schweißtreibende Tortur, die Ninja Gaiden- und Nioh-Freunde suchen, mit sich.



Skalierbarer Abschluss


Zum Beenden der Haupthandlung von Rise of the Rōnin brauchte ich ungefähr 20 Stunden, wobei diese Route logischerweise nur den Anfang meiner langen Reise und somit nur einen Bruchteil meiner Gesamtspielzeit markierte. Nach Abschluss meines Tests wurden mir dann sogar stolze 60 Stunden angezeigt – und das obwohl sich in den verschiedenen Gebieten weiterhin einige Nebenbeschäftigungen und Sidequests verbargen, die ich aufgrund einsetzender Zeitnot (solch ein Text schreibt sich immerhin nicht von selbst!) auf später verschieben musste.


Wie lange ich wohl noch brauchen würde, um wirklich alle Möglichkeiten auszuschöpfen, jedem hilfesuchenden Bewohner des alten Japans eine Hand zu reichen und Team Ninjas Action-Adventure guten Gewissens in meine heimische Sammlung zu verfrachten? Schwer zu sagen. Immerhin erhielt ich zu Beginn des zweiten Akts die Möglichkeit, bereits abgeschlossene Hauptmissionen erneut anzugehen und dabei nicht nur neue Taktiken auszuprobieren, sondern auch meine vorherigen Entscheidungen zu revidieren und den Zeitfluss dadurch nachhaltig zu verändern. Wer zu diesem Zeitpunkt bereits tief in die Story eingetaucht ist und wirklich alle Winkel erforschen möchte, wird an dieser Funktion kaum vorbeikommen, fallen einige erzählerische Weggabeln doch recht gravierend aus und fügen der Begleiterliste mitunter neue Bekannte hinzu – oder verfrachten sie gnadenlos ins Jenseits.


Mit Blick auf einen Anfang 2024 außer Kontrolle geratenen Nachschub lautstark herbeigesehnter Videospiele, die zahlreiche Vollblut-Gamer zweifelsfrei auf ihrer Must-Have-Liste haben dürften, wird Rise of the Rōnin höchstwahrscheinlich zunächst eine gewisse Anspannung, vielleicht auch einen leichten Schweißausbruch auslösen dürfen. Wie soll solch ein Mammutwerk in den Plan passen, wenn andere Titel mit einer ähnlich ambitionierten Spielzeit antanzen und ebenfalls erlebt worden? Die Antwort lautet „skalierbarer Abschluss“. Denn anstatt euch zwanghaft eine gefühlte Ewigkeit an die Konsole fesseln zu wollen, wird euch hier die Möglichkeit eröffnet, die Dauer eures Abenteuers selbst zu bestimmen, euren eigenen Weg zu wählen und – sofern auch noch andere Welten auf euch warten – eben nicht das Maximum auszuschöpfen.


Wollt ihr euch wochenlang einem Erlebnis verschreiben? Oder einfach nur mal wieder ins virtuelle Japan eintauchen, einen spannenden Ausflug in die Historie des Landes unternehmen und euch möglichst schnell wieder anderen Videospielen widmen? Team Ninja hat sich redlich viel Mühe gegeben, dass beide Szenarien problemlos umsetzbar sind und die Wahl des kurzen Wegs frei von nervtötenden Bestrafungen ist. Denn wer sich an einem Boss die Zähne ausbeißt oder eine Mission aufgrund einer ganzen Horde gleichzeitig angreifender Standardgegner einfach nicht abschließen kann, der muss sich auf der Jagd nach Erfahrungspunkten nicht etwa unliebsamen Grind-Eskapaden hingeben, sondern darf einfach in die Optionen springen und den Schwierigkeitsgrad senken. Problem gelöst!


Und obwohl zweifelsfrei einige spielerische als auch technische Schwächen vorhanden sind, die den Gesamteindruck definitiv trüben und via Patch in Zukunft hoffentlich noch ansatzweise ausradiert werden, gelingt Rise of the Rōnin ein simples, heutzutage aber nicht mehr selbstverständliches Kunststück: es saugt mich ein, macht mich nicht nur zum Beobachter, sondern zum Teil der lebendigen Welt, lässt mich in der detaillierten Atmosphäre aufgehen und macht nicht zuletzt dank eines phänomenalen Kampfsystems einfach nur Spaß. Genervte Open-World-Hasser mag das Ganze vielleicht weiterhin nicht bekehren, bringt allerdings all die gewichtigen Argumente mit, um dieses Unterfangen dennoch erfolgreich in die Tat umzusetzen. Verspürt ihr also auch nur ein Fünkchen Interesse oder versucht euch an der Konsole gerne mal als versierter Schwertschwinger, seid ihr Team Ninjas Werk zumindest einen ausführlichen Blick schuldig. Die Chancen stehen gut, dass ihr diesen nicht bereuen werdet.


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Fazit


Es wäre einfach, Team Ninjas neues Samurai-Abenteuer als eine willkürliche Mischung aus Ghost of Tsushima, Assassin's Creed, Sekiro und einer gehörigen Portion Open World zu bezeichnen. Oberflächlich betrachtet mag diese Beschreibung auch tatsächlich zutreffen, im Kern von Rise of the Rōnin verbirgt sich dann aber doch ein bedeutend facettenreicheres Gesamtwerk, das sich definitiv nicht hinter den zahlreichen Vergleichstiteln verstecken muss und zudem eine Sache erstklassig bewerkstelligt: Eine atmosphärische Welt zu erschaffen, in der man sich unbedingt verlieren will und zum Dank feinste Videospielunterhaltung präsentiert bekommt.


Das anmutige Japan des 19. Jahrhunderts frei zu erkunden, Teil der turbulenten Geschichte zu werden, die paradiesischen Schauplätze auf mich wirken zu lassen und mich in den zahlreichen Nebenbeschäftigungen zu verlieren macht nicht nur dank einer beeindruckenden Detailverliebtheit und phänomenalen Soundkulisse, sondern auch dank der deutlich spürbaren Verbeugung des Entwicklerteams vor der Kultur des eigenen Landes enorm viel Freude und lässt die offene Spielwelt nicht ermüdend, sondern vielmehr lebendig und einladend anmuten. In Verbindung mit einem abermals sagenhaften Kampfsystem, das mit seinen zahlreichen Facetten eine beeindruckende taktische Tiefe bietet und mit einer wahren Loot-Hölle und stattlichem Talentbaum etliche Verbesserungsmöglichkeiten eröffnet, entsteht ein ebenso packendes wie auch erstklassig in sich geschlossenes Action-Adventure-Erlebnis, das zwar keineswegs als perfekt, doch auch in dieser Form als gelungener PS5-Exklusivtitel bezeichnet werden darf.


Schade, dass Team Ninja die gewünschte Perfektion nicht erreichen konnte und den notwendigen Feinschliff neben der erzählerischen Ebene vor allem beim grafischen Part vermissen lässt. Dass zwei von insgesamt drei zur Verfügung stehenden Modi von technischen Schnitzern und starken Framerate-Einbrüchen begleitet werden, darf bei einem ambitionierten AAA-Titel für die aktuelle Konsolengeneration einfach nicht passieren. Da diese Problematik die generelle Spielbarkeit jedoch nur geringfügig in Mitleidenschaft zieht, sich nach einer gewissen Gewöhnungszeit also spielend leicht ignorieren lässt, sollten wirklich alle Team Ninja-, Genre- und vor allem Japan-Fans einen Blick wagen und Rise of the Rōnin die Aufmerksamkeit schenken, die es verdient hat. Denn es wäre ein Verbrechen, wenn diese neue IP nach einem starken Start bereits wieder in Vergessenheit gerät.

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