Just Cause 4



  • Vom Tornado verweht.


    Rico Rodriguez findet einfach keine Ruhe. In Just Cause 4 muss sich der gnadenlose Freiheitskämpfer erneut akrobatisch durch die Lüfte schwingen und schwer bewaffnet gegen allerlei fiese Schurken antreten, um ein unterdrücktes Volk möglichst explosiv die Freiheit zu schenken.


    Doch kann Runde 4 die schlechten Erinnerungen an den Vorgänger vergessen machen und wieder ein durch und durch amüsantes Action-Erlebnis bieten? Das erfahrt ihr hier im Test!



    Déjà-Vu


    Rico Rodriguez. Diktatorische Zustände. Viel Bumm-Bumm, um die Bevölkerung vor dieser grausamen Herrschaft zu retten. Irgendwie haben wir das Gefühl, dass wir das schon mal erlebt haben...


    Und wer bereits die ersten drei Teile aus dem Just-Cause-Universum durchgespielt hat, dem wird es sicherlich ähnlich gehen. Immerhin hat man sich letztlich der altbekannten Handlungsschablone bedient und nur einige Randdaten ausgetauscht. So ist es dieses Mal eben das südamerikanische und von zerstörerischen Wetterkatastrophen heimgesuchte Land Solis, das es zu retten gilt.


    Und obwohl die Entwickler hier und da versuchen, dem Ganzen etwas mehr Substanz zu verleihen – beispielsweise mit Ricos Suche auf Antworten zur geheimnisvollen Vergangenheit seines Vaters – verliert sich Just Cause 4 schnell im altbekannten Allerlei, das Story-Enthusiasten kaum vom Hocker hauen wird.


    Leider helfen die insgesamt viel zu lahm inszenierten Zwischensequenzen da auch nicht weiter. Stellenweise fühlt sich das Ganze einfach unglaublich unrund an, gelegentlich driftet man dann auch noch gefährlich stark über die Langeweile-Grenze. Vor allem in den ersten Spielstunden fehlt hier einfach der nötige Pepp.


    Sicher, Just Cause hat sich noch nie für eine tiefgehende, packende Geschichte mit Oscar-Ambitionen ausgezeichnet. Allerdings konnte bisher immerhin das Prädikat „Unterhaltsam zweckmäßig“ vergeben, während wir nun bei „Naja, geht auch spannender“ landen.




    Grafikgerüst mit zwei gebrochenen Beinen


    Tatsächlich kann man die mangelnde Story-Gewalt nicht primär der lahmen Inszenierung ans Bein binden. Hauptsächlich verantwortlich sind hier nämlich die teils wirklich hässlichen Charaktermodelle, die scheinbar aus Versehen aus einem der Vorgänger übertragen wurden.


    Ob nun unmenschlich anmutende Gesichter, matschige Texturen oder (gelegentlich recht lustige) Glitches, bei Just Cause 4 scheint sich gefühlt jeder mögliche Fehler in die Gestaltung und Programmierung der Charaktermodelle geschlichen zu haben, wodurch man nicht selten mit einem kleinen Lachanfall zu kämpfen hat.


    Insgesamt schmerzt uns dieses erste Fazit aber ein wenig. Immerhin kann sich Solis selbst wirklich sehen lassen. Obwohl man gerade bei einem schnellen Helikopterflug Zeuge etlicher Pop-Ups wird, kann sich die Flora und Faune definitiv sehen lassen. Auch die abwechslungsreichen Landschaften erfreuen sich vieler Details und greifen wundervoll ineinander über, weshalb man sich über den einen oder anderen Augenschmaus freuen darf.


    Und mit kritischem Blick auf den (gerade anfangs) kaum spielbaren Vorgänger waren wir positiv überrascht, dass sich die Framerate größtenteils im stabilen Rahmen bewegen kann und nur selten in die Knie geht. Okay, wenn man zwei Hubschrauber in die Luft jagt, dabei in die Tiefe donnert und gegnerische Soldaten mit einem Granatenwerfer angeht, schleichen sich Ruckler schon noch gerne ein.


    Aber immerhin sieht das verdammt cool aus. Und bleibt im direkten Vergleich zu Teil 3 auch jederzeit spielbar.




    Worum es wirklich geht


    Und damit kommen wir beim wirklich wichtigen Punkt an: Das Chaos! Denn seien wir mal ehrlich: Wenn man sich ein Just Cause zulegt, freut mich sich nicht auf die Story, sondern auf die etlichen Zerstörungsmöglichkeiten. Und hier liefert Entwickler Avalanche Studios wieder hervorragend ab.


    Mit Fallschirm, Wingsuit und Greifhaken bewaffnet werden wir auf eine gigantische, offene Welt losgelassen, in der wir uns entweder einfach in eines der unzähligen Gefährte – Wagen, Motorräder, Panzer oder Hubschrauber – setzen oder per rasantem Sturzflug und anschließender Fallschirm-Wingsuit-Greifhaken-Kombo elegant und blitzschnell fortbewegen können.


    Dabei wird aber nicht nur die Fortbewegung, sondern auch die zahlreichen, bleihaltigen Gefechte zu einer variantenreichen Action-Unterhaltung allererster Klasse. Während man nämlich natürlich gerne auf Pistole, Schrotflinte, Scharfschützengewehr, Raketenwerfer und Co. zurückgreifen und per oldschooligem Third-Person-Shooter-Prinzip für Recht und Ordnung sorgen kann, eröffnen die Gadgets euch wundervoll abgedrehte Möglichkeiten.


    So nehmen wir feindliche Truppen aus hohen Lüften ins Visier, heben Soldaten oder gar Panzer per Transportballonabschuss in luftige Höhen oder nutzen unseren Greifhaken, um explosive Gegenstände an einen Helikopter zu heften und mit dem anschließenden BAMM möglichst effektiv viel Schaden anzurichten.


    Allein mit dieser enormen Varianz glänzt Just Cause 4 golden. Immer wieder experimentieren wir mit neuen Gadgets, Waffen, Fahrzeugen und Gegenständen und erschaffen dadurch gelegentlich sogar abgedrehte Geheimwaffen, die Rico zu einem regelrechten Zerstörungsgott avancieren lassen. Eine pure Freude, der die Avalanche Studios dann aber leider doch eine wirklich schmerzhafte Hürde in den Weg schmeißen müssen.




    Lahme Inselrettung


    In Just Cause 4 liefert Rico mit seinen bewaffneten Rettungen doppelt ab. Er zwingt nämlich nicht nur das diktatorische Regime in die Knie, sondern stärkt auch gleichzeitig die eigenen Rebellentruppen. Befreit man also ein Gebiet, geht diese Zone direkt in den eigenen Herrschaftsbereich über.


    Das Problem: Die eigentlichen Missionen, mit denen ihr euch für das Befreien von Gebiete benötigte Rebellionseinheiten verdient und die Haupthandlung fortführt, fallen nur selten kreativ aus und verlieren sich viel zu schnell im altbekannten Action-Allerlei, das eher langweilig ausfällt.


    Rettet drei Gefangene. Dringt in eine Basis ein und klaut ein markiertes Fahrzeug. Weicht inmitten eines wütenden Sturms elektrisierenden Blitzen aus und betätigt so schnell wie möglich verschiedene Schalter. Da nervt nicht nur die mangelnde Kreativität, auch die Abwechslung bleibt auf der Strecke, da sich Aufgabentypen sogar verboten schnell wiederholen.


    Die zahlreichen Nebenaufgaben können hier zum Glück ein wenig Abhilfe schaffen. Binnen weniger Sekunden per Wingsuit durch drei Ringe donnern oder mit einem vorgegebenen Fahrzeug und/oder einer anschaulichen Höchstgeschwindigkeit durch eine markierte Zone rasen. Alles amüsanter Zusatzquatsch, der euch zwar mit neuen Upgrades versorgt, in puncto Kreativität aber leider auch keine nennenswerten Akzente setzen kann.




    Für Freiheitsliebende


    Nun könnte man meinen, dass Just Cause 4 am Abgrund zur Vollkatastrophe steht. Handlung meh. Missionen meh. Grafik höchstens okay. Es ist aber tatsächlich das amüsante Gameplay gepaart mit einer unterhaltsamen Inselerkunden, die den vierten Part der Zerstörungsreiche rettet.


    Sobald man auf die Insel losgelassen wird, kann man sich kaum sattsehen. Überall findet man Kleinigkeiten, die spielerisch motivieren, euch mit Upgrades versorgen oder eure Waffen- und Explosionsskills gekonnt auf die Probe stellen.


    Dadurch können wir die durch die eigentliche Haupthandlung schnell einsetzende Langeweile schnell auskontern, indem wir einfach alte Ruinen erkunden oder handelsübliche Alltagsobjekte zu explosiven Superwaffen umfunktionieren. Just Cause 4 bietet ausreichend Möglichkeiten, mit der richtigen Einstellung wird man also auch gleich mit ausreichend Spielstunden des wundervollen Austobens belohnt.


    Gleichzeitig wird auch zumindest bei diesem Aspekt des Action-Titels deutlich, dass einige Entwickler mit viel Liebe an die Entwicklung gegangen sind. Immer wieder stolperten über aberwitzige Easter-Eggs, die abgedrehter kaum hätten ausfallen können, sich dem vollkommen verrückten Gameplay damit also fantastisch anpassen und lautstark gefeiert werden.


    Leider hat sich diese Detailverliebtheit scheinbar nicht durch das gesamte Team gezogen. Und so bleibt Just Cause 4 trotz einiger Lichtblicke letztlich hinter seinen Vorgängern zurück und macht deutlich, dass Rico Rodriguez langsam eine actionreich-luftige 180-Grad-Drehung vollziehen müsse, um das Serienfeuer wieder zu entfachen.



    Fazit


    Traurig, aber wahr: Mit Just Cause 4 sind die Avalanche Studios den möglichst einfachen Weg gegangen, um ein Sequel auf die Beine zu stellen. Denn in kaum einer Kategorie lassen sich wirklich nennenswerte Verbesserung bemerken, vielerorts herrschen Stillstand oder gar Rückschritte.


    Einen Totalausfall brauchen Serienfans aber dennoch nicht zu befürchten. Dazu eröffnet das explosive Gameplay weiterhin ausreichend Waffen, Gadgets und akrobatische Möglichkeiten, um vor allen experimentierfreudigen Action-Cracks einen gigantischen Spielplatz des totalen Chaos zu eröffnen.


    Wer seine Ansprüche dementsprechend senkt und sich mit einem durchaus unterhaltsamen, wuchtigen Action-Snack für zwischendurch zufriedengibt, der macht mit Just Cause 4 definitiv nichts falsch. Alle anderen lassen Rico Rodriguez bei seinem erneuten Diktatorensturz lieber allein.

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