No More Heroes [Switch]



  • Der blutige Aufstieg der nostalgischen Auftragskillerleiter.


    Der Ankündigung von No More Heroes III auf der E3 2019 folgte für uns als gigantische Franchise-Fans eine gnadenlose Achterbahnfahrt der Gefühle.


    Wir empfanden Überraschung, waren wir aufgrund der soliden, jedoch nicht weltbewegenden Verkaufszahlen des Switch-exklusiven Travis Strikes Again doch nicht von der Veröffentlichung einer Fortsetzung ausgegangen. Freude, immerhin würde uns Suda51 schon bald weitere unvergessliche Gaming-Momente mit Travis Touchdown kredenzen. Aber auch Trauer, da dieses sich dieses schon bald hinziehen und aufgrund von Corona sogar bis 2021 verschieben sollte.


    Doch es keimte auch Hoffnung auf. Hoffnung, dass die anstehende Veröffentlichung des dritten Parts der Hauptreihe auch die beiden grandiosen Vorgänger auf die Switch bringen und uns erneut zu einer schnittigen Runde mit dem Beam Katana einladen würden. Und ohne große Ankündigungen erfüllte uns eine unscheinbare Nintendo Direct Mini im Oktober 2020 diesen Wunsch: No More Heroes und No More Heroes 2: Desperate Struggle erobern die Nintendo Switch!


    Da wir die beiden Action-Adventure jedoch nicht lieblos über einen Kamm scheren (und uns dafür verdiente Prügel von Travis abholen) wollen, bekommt jeder Titel einen eigenen Test – und hier erfahrt ihr, wieso wir den fulminanten Auftakt der Reihe bis heute so feiern!



    Willkommen in der wirren Welt des Suda51


    Suda51, einigen wenigen Sterblichen auch als Gôichi Suda bekannt, darf man gerne als Quentin Tarantino der Gaming-Welt bezeichnen.


    Stets auf den wohl überlegten Aufbau seines komplex-kreativen Handlungs- und Gameplay-Kartenhauses bedacht und dabei vehement die Beugung vor dem Mainstream verweigernd, lieferte die Videospiellegende einige besondere Perlen ab, die noch bis heute in zahlreichen Toplisten lobende Erwähnung finden. Sicherlich mag dadurch nicht jedes Werk wertungstechnischen oder kommerziellen Erfolg feiern, zumindest konnte Suda51 aber schlussendlich selbstbewusst behaupten, sich vollends treu geblieben zu sein.


    Angesichts solch eines eigentümlichen Vorgehens wirkt der grundlegende Plot von No More Heroes geradewegs erschreckend simpel: Im Auftrag der UAA (United Assassins Association) soll Otaku Travis Touchdown die zehn gefährlichsten Killer der USA ausfindig machen und um die Ecke bringen, um den Spitzenplatz zu erobern. Der perfekte Motivationsschub für Travis, möchte er sich doch liebend gerne mit ebenbürtigen Gegnern messen und gleichzeitig die angefochtene Nummer 1 sein. Was braucht man mehr, um den blutrünstigen Mörder des Landes den Kampf anzusagen?


    Natürlich hat Suda51 etliche Story-Trümpfe im Ärmel und spielt diese in Form exzentrischer Charaktere, absurd-humoristischer Konversationen und unvorhergesehener Wendungen geschickt aus, um dem Duell gegen die Top 10 einen gewohnt schwindelerregenden Spin zu verpassen – inklusive diskussionswürdiger Thematiken und bewusst überzeichneten Gewaltspitzen. Zwar zünden einige Gags heutzutage nicht mehr richtig und auch die Blutfontänen haben jeglichen Schockeffekt verloren, verpassen dem zeitlosen Charme des Gesamtwerks damit jedoch nur kleiner Schnitzer.


    No More Heroes fühlt sich stellenweise wie ein außer Kontrolle geratener Fiebertraum an, der auf seine eigene chaotische Art und Weise aber dennoch nachvollziehbar und sinnig bleibt. Der Suda51-Effekt, dessen Wirkung erst nach dem Abspann langsam nachlässt.



    Schwing das Beam Katana


    Nun pfeift Travis Touchdown aber auf all dieses Handlungs-Blabla, immerhin will er einfach nur die Nummer 1 der UAA-Liste werden. Doch der tödliche Pfad zur Killerspitze ist logischerweise mit allerlei üblen (und angriffslustigen) Typen gefüllt, derer sich Travis zunächst entledigen muss. Zum Glück darf er auf sein treues Lichtschwert, Beam Katana genannt, zurückgreifen, das gegnerische Köpfe elegant und effektiv vom Körper trennt – inklusive ausschweifender Blutfontänen!


    Auf den ersten Blick erscheint das Kampfsystem dabei simpel: Feinde anvisieren, mit Schwerthieben und Schlägen schwächen und mit einem epischen Finisher das Tickets ins Jenseits lösen. Dadurch schleicht sich bereits in der ersten Mission eine gewisse spielerische Redundanz ein, die No More Heroes durch zusätzliche Elemente jedoch gekonnt auflockern kann. So müsst ihr beispielsweise zwischen hohen und tiefen Angriffen variieren, um Abwehrhaltungen aufzubrechen, temporär betäubte Rivalen mit fetzigen Wrestling-Moves zu Boden werfen oder schmerzhaften Kontern mit rasanten Ausweichmanövern entgehen.


    Letztendlich verschafft diese Vielschichtigkeit jedoch nur temporäre Linderung, laufen die Kämpfe gegen Standardgegner dann doch oftmals nach dem gleichen Schema ab und nutzen sich dadurch schnell ab. Zum Glück fungieren diese nur als angenehme Aufwärmphase für das spielerische I-Tüpfelchen und wahre Highlight von No More Heroes: die erbitterten Duelle gegen die zehn übermächtigen Auftragskiller, die zwischen Travis und der erhofften Spitze der Rangliste stehen.


    Zwar greifen wir hier auf das übliche Lichtschwert-Gameplay zurück, müssen jedoch alle Elemente gekonnt nutzen, um auf die individuellen Stärken und Schwächen unserer blutrünstigen Widersacher reagieren zu können. Keine Sorge, Spoiler ersparen wir euch an dieser Stelle, macht das Kennenlernen der teils herrlich skurrilen Persönlichkeiten doch einen Großteil des wundervollen Unterhaltungsfaktor von Travis Touchdowns erstem Abenteuer aus. Soviel können wir aber versprechen: Fast jeder Boss-Fight wird euch noch Tage nach Anblick des Abspanns in Erinnerung bleiben.


    In Erinnerung ist uns auch die zusätzliche Steuerungsoption geblieben. Auf der Switch dürfen wir nämlich optional via Motion Control (wie bei der Wii-Fassung) oder handelsüblich mit den Joysticks und Buttons für Recht und Ordnung sorgen. Obwohl uns beim Test beide ausnahmslos überzeugen konnten, verdient sich die Joy-Con-Variante mit hauchdünnem Vorsprung das Kontrollkrönchen – mit rasanten Bewegungen das Lichtschwert aufzuladen oder den fulminanten Finisher auszuführen verpasste uns im Eifer des Gefechts immerhin regelmäßig den gewissen Kick.



    Die langweiligen Momente des Killerlebens


    Durch lineare Schauplätze donnern, kleine Wichte mit Beam Katana die Lebenslichter ausknipsen und am Ende des Weges einen Boss in die Knie zwingen. Letztlich das Kernelement von No More Heroes, das jedoch zusätzlich von einem Open-World-Fundament getragen wird.


    Abseits der Ranglistenjagd dürfen wir nämlich zu Fuß oder auf Schpeltiger, unserem PS-starken Motorrad, durch die fiktive US-Stadt Santa Destroy düsen und mit optionalen Mordaufträgen und Minijobs – darunter das Aufsammeln von Kokosnüssen, Rasenmähen oder Graffiti-Entfernung – unsere Taschen mit Geld füllen. Dieses investieren wir dann direkt in Lichtschwert-Upgrades, neue Wrestling-Moves oder schicke Klamotten.


    Ein netter Zeitvertreib, der leider auch auf der Switch-Fassung schnell in die Langeweile abdriftet, wofür zwei Probleme hauptverantwortlich sind: Monotone Aufgabenstellungen sowie erschreckend langwierige Abarbeitungsprozesse. Anstatt via Schnellreisefunktion schnell zum Auftragsort zu reisen und die Nebenmission anzugehen, muss ich zum Aufgabensteller fahren, den gewünschten Auftrag auswählen, von A nach B fahren und hier dann endlich ans Werk gehen. Ein ausgedehnter Ablauf, der dringend ein wenig Tempo – und eine deutlich verbesserte Fahrzeugsteuerung – vertragen hätte.


    Tatsächlich wird die virtuelle Währung nicht nur zum käuflichen Erwerb schicker Goodies, sondern auch zum eigentlichen Weiterspielen benötigt, werden die Auftragskillerduelle doch nur im Austausch mit einer deftigen Gebühr zugänglich gemacht. Sprich: Gänzlich vermeiden kann man die Unterhaltungsbremse leider nicht, muss also tapfer aufs Schpeltiger-Gas treten, um erneut in den Ring steigen zu dürfen.


    No More Heroes schafft es mit abgedrehtem Stil und humoristischen Ansätzen jedoch gekonnt, am spielerischen Totalausfall vorbeizumanövrieren und diese schwachen Passagen mit einer Prise Spielspaß zu versehen. Dennoch hätten wir uns die zusätzlichen Nebenbeschäftigungen und Reisefunktionen aus Heroes' Paradise, der mit zahlreichen Verbesserungen und Inhalten ausgestatte PS3- und Xbox-Fassung des Action-Adventures, gewünscht, um zumindest einen Teil der gestreckten Monotonie aufbrechen zu können.



    Schicker Switch-Port ohne Heldenparadies


    Apropos Heroes' Paradise: Da der Switch-Release von No More Heroes die originale Wii-Fassung als Sprungbrett verwendet, müssen wir auf Extra-Bosse, neue Minijobs und Mordmissionen sowie Gameplay-Optimierungen gänzlich verzichten. Schade, brachten uns diese brandneuen Features bei unserem damaligen PS3-Erlebnis doch viele weitere Spielstunden an der Seite von Travis Touchdown.


    Zum Glück präsentiert sich der technische Gesamteindruck als angenehmes Trostpflaster. Anstatt eines lieblos in den eShop geworfenen Ports, präsentiert uns die niederländische Videospielschmiede Engine Software nämlich ein aufpoliertes Gesamtbild, das der visuell opulenten Vision von Suda51 mit schicker HD-Optik und 60fps-Framerate zusätzlichen Pepp und somit auffrischenden Glanz verpasst. Die leckere Kirsche auf dem schmackhaften Grafik-Eisbecher: Die herrlich übertriebenen Blutfontänen und Gewaltspitzen bleiben uns erhalten, die merkwürdige Zensierung der Urfassung feiert keine befürchtete Rückkehr. Gelegentliche Ruckler bei Open-World-Spritztouren können da nur marginal am starken Grundgerüst rütteln.


    No More Heroes darf also auch auf der Nintendo Switch sein volles Potenzial entfalten und dabei stellenweise sogar einen Gang zulegen. Suda51s befremdlich-extravagante, zeitgleich aber auch einzigartig-spektakuläre Vision versprüht dabei auch heute noch einen unvergleichlichen Charme, der entweder endlos begeistert oder rasant abschreckt. Wer also das erste Mal zum Beam Katana greifen und Jagd auf den obersten Killer-Rank machen, sollte vorher dringend eine kurze Video-Recherche einlegen, um eine gedankliche Kompatibilität mit diesem herrlich-skurrilen Werk auf die Probe zu stellen.


    Suda51 beugt sich nicht dem Massengeschmack, geht stolz erhobenen Hauptes seinen kreativen Mastermind-Weg und scheint selbst die deutlich erkennbaren Schwächen des Seriendebüts bewusst eingebaut zu haben, wohlwissend, dass er hiermit von Kritikern sowie Fans einen verbalen Klaps auf die Finger kassieren wird. Doch hierbei handelt es sich zugleich um die größte Stärke: Mit abstrusen Dialogen, bizarren Akteuren und eigentümlichen Gameplay-Entscheidungen verankert sich das Action-Adventure nämlich direkt im Gaming-Hirn und verwandelt das Franchise für empfängliche Zocker zu einem Must-Have für jede Konsolengeneration.


    No More Heroes wird definitiv nicht jedem schmecken. Probiert haben sollte man dieses variantenreiche Killer-Buffet jedoch auf jeden Fall!


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    Fazit


    Suda51 war, ist und bleibt ohne jede Frage der Picasso der Videospielwelt. Ein Fakt, der uns durch das mittlerweile dritte Eintauchen in die wundervoll verrückte Welt von No More Heroes auf der Nintendo Switch erneut eindrucksvoll vor Augen geführt wurde.


    Travis Touchdowns tödlicher (und mit allerlei unvergesslichen Momenten gefüllter) Marsch durch die Auftragskillerwelt entzündet ein kreatives Super-Feuerwerk, das visuell und steuerungstechnisch aufgepeppt Neueinsteiger sowie loyale Fans auch über ein Jahrzehnt nach der Wii-Erstveröffentlichung in seinen Bann zieht und den Gaming-Himmel mit etlichen farbenfrohen Highlights zum Leuchten bringt.


    Zwar verwehren gelegentliche Framerate-Probleme, weiterhin rasant ermüdende Open-World-Erkundungszüge und fehlender Content aus der Heroes' Paradise-Variante die Bestwertung, dennoch darf sich der Switch-Port von No More Heroes stolz als beste Fassung des herrlich abgedrehten Action-Adventures und somit gleichzeitig als wahre Kaufempfehlung präsentieren.


    Und kann den eigenen Status als zeitlos-origineller Geheimtipp mit Genre-Klassiker-Ambitionen dabei gekonnt untermauern. Bravo, Suda51!

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