NieR Replicant ver.1.22474487139...



  • Die verdiente Renaissance eines Kultklassikers!


    Als treuer NieR-Fan der allerersten Stunde bin ich mir bis heute sicher, dass das Action-RPG bereits vor über einem Jahrzehnt das Zeug zum umjubelten Überraschungshit hatte, die erzählerischen, atmosphärischen sowie spielerischen Stärken aufgrund einer erdrückenden Mängelliste allerdings kaum ausspielen konnte – und somit direkt als empfehlenswerter Nischentitel gebrandmarkt wurde.


    Getreu der Redensart Unverhofft kommt oft bekommt das Abenteuer dank des erfolgreichen Sequels NieR: Automata nun aber die erneute Chance, die weltweite Gaming-Community von seinen vielfältigen Qualitäten zu überzeugen und erfreut sich dabei sogar eines zwischen Remaster und Remake angesiedelten Updates.


    Doch ob NieR Replicant ver.1.22474487139... im zweiten Anlauf tatsächlich überzeugen kann oder abermals im tiefen Sumpf des Vergessens verschwindet, das möchte ich euch heute in meinem ausführlichen Test darlegen.


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    Geglückter Spontankauf


    Mitte Mai 2010 fügte ich das mir bis dahin völlig unbekannte Action-RPG NieR in einem Anflug wahnwitziger Spontanität meiner Videospielsammlung hinzu. War es das coole Cover? Irgendein treffend formuliertes Verkaufsargument auf der Rückseite der Hülle? Oder wollte mich das Schicksal in die verwinkelten Gedankengänge des ebenso genialen wie auch abgedrehten Schöpfers Yoko Taro einladen und mich mit der dadurch ausgelösten Faszination auf ewig an die Reihe binden?


    Zwar kann ich mich über zehn Jahre später kaum an meine Beweggründe, dafür aber an meine Ersteindrücke sowie das abschließende Fazit erinnern. Trotz einer Vielzahl fragwürdiger Designentscheidungen und technischer Ungereimtheiten begeisterte mich NieR auf ganzer Linie, wurde ich doch konstant mit einem wahren Highlight-Feuerwerk bombardiert – musste mir schlussendlich aber leider eingestehen, dass solche Abenteuer den Mainstream kaum erobern konnten, ihr Dasein also als Geheimtipp fristen mussten.


    Umso erfreulicher war die vier Jahre später folgende Veröffentlichung des Sequels NieR: Automata, das nicht nur konsequent auf den Stärken des Vorgängers aufbaute, sondern diesen in jeglicher Hinsicht überholen und somit spielend leicht in den Schatten stellen konnte. Vor Begeisterung konnte ich mich kaum beruhigen, hatte mich die qualitative Wucht der zuvor für unmöglich gehaltenen Fortsetzung doch eiskalt erwischt. Kein Wunder, dass ich diese Euphorie direkt in einem umfangreichen und äußerst positiven Test festhalten musste.


    Yoko Taro war ein besonderes Kunststück gelungen: Obwohl er sich und seiner Vision treu geblieben war, weiterhin der eigentümlich-faszinierenden Tonalität des Erstlings folgte und sich keinerlei Videospielkonventionen beugte, gelang ihm durch einen journalistischen und kommerziellen Erfolg der Übergang in den Mainstream – und damit auch die Chance, dem Original nun endlich den verdienten Platz im Rampenlicht zu schenken.



    Viel Kummer und ein Fünkchen Hoffnung


    Dabei handelt es sich laut Yoko Taro bei NieR Replicant ver.1.22474487139... (um nicht gänzlich verrückt zu werden, spare ich mir das Niederschreiben des Zahlenanhängsel im weiteren Testverlauf) weder um ein Remaster, noch um ein Remake. Nach insgesamt drei Durchgängen kann ich dieser Aussage nur zustimmen: Denn es handelt sich eher um das passionierte Update eines grandiosen Abenteuers, das seine Faszinationskraft durch den Einsatz zuvor fehlender Puzzleteile nun endlich vollends ausspielen kann.


    Die in einer postapokalyptischen Welt angesiedelte Handlung bildet dabei den Grundstein für diese neu gewonnene Kraft. Dabei hört sich diese zunächst recht simpel an: In einer weit, weit entfernten Zukunft konnte sich die Menschheit nach einer verheerenden Katastrophe eine neue Zivilisation aufbauen, sieht sich durch die Angriffe seltsamer Bestien namens Schatten sowie der Runenpest nun aber in ihrer Existenz bedroht. Auch das Schicksal der jungen Yonah scheint durch die tödliche Krankheit besiegelt zu sein, kampflos akzeptieren kann ihr großer Bruder das allerdings nicht – und stellt sich auf der Suche nach einem Heilmittel für das Leid seiner Schwester den Gefahren der trostlosen Welt.


    Nicht-Kenner des japanischen Originals werden hier bereits mit der ersten Überraschung konfrontiert, steuern sie in NieR Replicant doch nicht mehr Yonahs besorgten Vater, sondern ihren aufopferungsvollen Bruder. In der Praxis gestaltet sich diese Veränderung überraschenderweise als recht marginal, bleibt das oftmals herzzerreißende Band zwischen beiden Figuren trotz der leicht angepassten Familiendynamik intakt, nimmt mich also bereits während des kurzen Intros in einen emotionalen Würgegriff.


    Denn die Suche nach einem Anti-Runenpest-Mittel bildet lediglich den groben Rahmen, einen roten Story-Faden, den Yoko Taro durch eine kalte und deprimierende Welt zieht. Im Vordergrund stehen die Menschen, ihre tragischen Geschichten, kleinen Hoffnungsschimmer und vielschichtigen Gedankenwelten. Und die Frage, wie man sich in einer zerstörten Welt dem kalten Griff der Verzweiflung erwehren und ein ermutigendes Lächeln abringen kann.



    Gewichtige Handlungserweiterungen


    Obwohl sich NieR Replicant einer beklemmenden Thematik annimmt und deren unglaublich bedrückende Stimmung mit einer fast gänzlich verwaisten Kulisse intensiviert, verliert sich das Abenteuer nicht in etwa in einem depressiven Trauerspiel, sondern spendiert der furchteinflößenden Dunkelheit des niederschmetternden Zukunftsszenarios regelmäßig einen aufhellenden Lichtblick.


    Nach einem kurzen Prolog darf ich in der virtuellen Haut des Protagonisten durch mein Heimatdorf wandern und begegne fröhlich spielenden Kindern, freundlichen Händlern oder einer anmutigen Sängerin, die den Alltag dank ihrer lieblichen Stimme mit Optimismus füllt. Und darf mich kurzzeitig über eine wunderschöne Harmonie, einen gewissen Frieden freuen, der mir ein leichtes Lächeln auf die Lippen zaubert, die Rückkehr in die harte Realität beim Verlassen des Dorfes aber umso schmerzhafter gestaltet.


    Oftmals fühle ich mich wie ein Passagier von Yoko Taros wilder Achterbahnfahrt, wechsle im Sauseschritt von unbeschwerten zu betrüblichen Situationen, darf in einem Moment über eine witzige Konversation lachen und werde direkt im Anschluss durch eine unerwartete Wendung aus den Latschen gekippt.


    Dabei kommen auch langjährige Fans auf ihre Kosten, bekommen diese doch nicht nur zuvor aus dem Gesamtwerk entfernte und überarbeitet eingesetzte Szenen, sondern sogar ein zusätzliches Ende geboten – aus Spoiler-Gründen verzichte ich natürlich auf inhaltliche Details. Allerdings möchte ich unbedingt festhalten, dass es sich hierbei um sinnvolle, mitunter sogar bedeutungsstarke Handlungserweiterungen handelt, die kleinere Lücken des NieR-versums adäquat füllen.



    Grundsolide Technik-Politur mit Abzügen in der Grafik-Note


    Natürlich möchte ich auch die extrem starken, da unglaublichen facettenreichen Charaktere nicht vergessen, spielen sie beim erzählerischen Bollwerk von NieR Replicant doch eine tragende Rolle. Mit ihren Geschichten bringen sie mich zum Lachen, Weinen, Nachdenken, sichern sich einen gemütlichen Platz in meinem Herzen und machen mich somit zum treuen Begleiter auf einer beschwerlichen Reise.


    Dieser Umstand ist allerdings auch den englischen Synchronsprechern zu verdanken, die bereits beim Original mit einer herausragenden Leistung glänzen durften und dank eines überarbeiteten Skripts und der zusätzlichen Vertonung fast aller Dialoge beim Update noch einen Gang höher schalten dürfen. Zusätzlich steht mir auch die qualitativ gleich-, stellenweise einen minimalen Deut hochwertigere japanische Sprachausgabe zur Verfügung, die wohl oder übel in einem kleineren Qual-der-Wahl-Dilemma mündet: denn beide Varianten können sich hören lassen.


    Eine grafische Überarbeitung darf bei einem über zehn Jahre alten Titel natürlich ebenfalls nicht fehlen. Folglich präsentiert sich NieR Replicant nun mit stabilen 60 Bildern pro Sekunde und mit einer aufgepeppten Auflösung, die das erhoffte 4K-Level selbst auf den Next-Gen-Konsolen nicht erreicht, sich aber dennoch sehen lassen kann.


    Gleiches lässt sich auch von den überarbeiteten Charaktermodellen behaupten, die dank einer willkommenen Anpassung an den Look aus NieR: Automata im neuen Glanz erstrahlen, angestaubte Designs und Gesichtszüge also erfolgreich abschütteln konnten. Selbstverständlich gehen die zahlreichen Schauplätze der postapokalyptischen NieR-Welt nicht leer aus und bekommen mehr Details und Farbe spendiert, verlieren dadurch aber zum Glück nicht ihren trostlosen und bedrückenden Charme.


    Schade jedoch, dass dabei wirklich weltbewegende Optik-Revolutionen ausbleiben. Zwar mag der Arbeitsnachweis des Entwicklungsteams von Toylogic durch eine grafische Verbesserung definitiv vorhanden sein, matschige Texturen und oftmals erschreckend detailarme Landstriche lassen NieR: Replicant nur selten wie eine aktuelle Veröffentlichung wirken, können das wahre Alter somit nur selten kaschieren.



    Eine tiefe Verneigung vor Herrn Okabe


    Anstatt meinem gewohnten Testmuster zu folgen und den grafischen sowie akustischen Aspekt in einem Absatz routiNieRt miteinander zu verknüpfen und das daraus resultierende Gesamtbild unter die Lupe zu nehmen, möchte ich die folgenden Zeilen ausschließlich dem fantastischen Soundtrack von NieR Replicantwidmen – diese Ehre hat sich der japanische Komponist Keiichi Okabe immerhin redlich verdient.


    Bereits mit der musikalischen Untermalung der Originalfassung sowie des Nachfolgers NieR: Automata konnte Okabe eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass er Meister seines Fachs ist, mit jeder neuen Melodie einen klangstarken Emotionspfeil aus seinem Köcher ziehen und diesen mit phänomenaler Genauigkeit mitten in mein Herz feuern kann. Allein der Gedanke an seinen nahezu göttlichen Track A Beautiful Song lässt mich schlagartig auf einem gefährlich schmalen Grat zwischen Trauer, Begeisterung und Kampfeslust wandern.


    Dementsprechend freut es mich sehr, dass Okabe seine einzigartige Musikbegabung auch bei NieR Replicant zur auditiven Schau stellt, auf eine zwanghafte Neuerfindung der Klangkulisse verzichtete und stattdessen die altbekannten, gefühlt zeitlosen Originalkompositionen mit neuen Arrangements auf ein völlig neues Niveau heben, sich somit spielend leicht selbst übertreffen konnte.


    Dadurch brauchen Fans keine gravierenden Änderungen zu befürchten, sondern freuen sich vielmehr über eine Vielzahl eleganter Optimierungen, die den unverkennbaren Charme des Erstlings nicht nur beibehalten, sondern diesen dank liebevoll eingeflochtener Nuancen gekonnt modernisieren. Eine Meisterleistung, die bei diesjährigen Award-Shows hoffentlich mit mehreren Auszeichnungen gebührend honoriert wird!


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    Zu Herzen genommene Sequel-Learnings


    Auch beim Kampfsystem von NieR Replicant schien das Thema Modernisierung für Videospielschmiede Toylogic eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Warum sollte man sich auch am angestaubten, bereits bei der Erstveröffentlichung erschreckend trägen Gekloppe des Originals orientieren, wenn bereits der Nachfolger mit deutlich dynamischeren Gefechten umjubelte Erfolge feierte?


    Ein klarer Fall für PlatinumGames-Mitarbeiter Takahisa Taura, der bereits in der Entwicklung von NieR: Automata involviert war und nun auch die Neuauflage des Vorgängers gezielt in Richtung spielerische Perfektion führen sollte – und dabei exzellente Arbeit abliefert!


    Dabei wurden die einzelnen Zahnräder der Prügelmaschinerie nicht einfach blind ausgetauscht, sondern durch ein spürbar erhöhtes Tempo deutlich enger zusammengezogen. Positiver Nebeneffekt: Nun greifen alle Elemente bedeutend effektiver ineinander, verpassen den erbitterten Duellen gegen die finsteren Schatten dadurch neben einem willkommenen Flow auch einen enormen Unterhaltungswert.


    Meine Gegner zunächst leichten sowie schweren Schwerthieben zu verdreschen, eventuellen Gegenangriffen mit einem flinken Ausweichmanöver zu entgehen, einen schmerzhaften Zauber hinterherzuschicken und mit einem perfekt getimten Konter den vernichtenden Todessstoß einzuläuten, fühlte sich selten besser an, behalte ich trotz mehrerer Handlungsmöglichkeiten und oftmals regelrechtem Geschwindigkeitsrausch jederzeit die Kontrolle und Übersicht.


    Dadurch kann NieR Replicant zahlreiche Stolpersteine der Urfassung durch gezielte Orientierung an NieR: Automata erfolgreich aus dem Weg räumen, schafft es dabei aber gleichzeitig, sich nicht wie eine billige Kopie, sondern wie die gelungene Restaurierung eines schwächelnden Kampfsystems anzufühlen.



    Stärkende Wortkombinationen


    Nun könnte ich NieR Replicant eine gewisse Oberflächlichkeit, ab der Halbzeit des Abenteuers sogar eine schleichend einsetzende Abwechslungsarmut vorwerfen, laufen doch vor allem die actionreichen Gefechte gegen Standardgegner oftmals nach dem gleichen Schema ab und können bereits mit einer aufmerksamen Kombination aus Angriffs- und Verteidigungsmanöver bewältigt werden.


    Unterschiedliche Waffenarten, verheerende Magiespielereien sowie das bereits erwähnte Tempo bilden jedoch ein unschlagbares Trio, das solche Kritik im Keim erstickt und stattdessen durchweg beste Unterhaltung garantiert. Sicherlich habe ich rasant meine eigene Strategie zusammengestellt und werde dadurch bereits nach kurzer Zeit Zeuge ähnlich ablaufender Kämpfe, kann auf Wunsch allerdings ausreichend Varianz einstreuen, um mich drohender Langeweile gekonnt zu erwehren und stattdessen beste Unterhaltung zu genießen.


    Hauptsächlich stehen hier die zahlreichen Upgrade-Möglichkeiten meines flinken Kämpfers im Fokus. Neben dem traditionellen Sammeln von Erfahrungspunkten wollen auch über 30 Waffen in der Spielwelt gefunden werden, die ich im Austausch mit den richtigen Materialien beim örtlichen Händler verbessern darf. Diese zu finden gestaltet sich bei einigen Klingen selbstverständlich schwieriger als gedacht, wodurch kleinere Farming-Ausflüge unvermeidbar sind.


    Wahren experimentellen Spielraum eröffnen mir jedoch die mächtigen Wörter, die ich nach den ersten Stunden von NieR Replicant ausfindig machen und damit nicht nur meine Ausrüstung, sondern auch meine kämpferischen und magischen Fähigkeiten aufwerten darf. Auf Wunsch steigere ich dadurch meine Angriffskraft, reduziere meine Magiekosten oder pulverisiere feindliche Rüstungen noch effektiver – alles möglich, sofern ich das richtige Wort einsetze. Und bei 120 Wörtern gibt es etliche Kombinationen, die ausprobiert und gegebenenfalls angepasst werden wollen, um den eigenen Spielstil wirkungsvoll zu unterstützen.



    Die lange Suche nach einer Herausforderung


    Leider konnte Toylogic bei der leidenschaftlichen Generalüberholung des Kampfsystems eine hiermit eng in Verbindung stehende Achillesferse von NieR Replicant nicht verdecken: den Schwierigkeitsgrad! Denn selbst auf der höchsten Stufe kam ich nur selten ins Schwitzen.


    Habe ich mich mit der grundlegenden Steuerung angefreundet, das richtige Timing für Ausweichrollen und Konter gefunden und die ersten Wörter angelegt, bin ich kaum aufzuhalten, kann selbst größere Gegnerhorden durch geschickt eingesetzte Magiesprüche binnen kürzester Zeit vom Schlachtfeld fegen. Sicherlich macht das weiterhin viel Laune, eine gewisse Herausforderung hätte ich mir aber schon gewünscht.


    Immerhin laufen die hervorragend inszeNieRten Bosskämpfe etwas knackiger ab, heben sie sich doch deutlich von den üblichen Scharmützeln ab und animieren mich, strategisch in eine andere Richtung zu denken, gelegentlich sogar spontan auf unerwartete Gegenangriffe zu reagieren.


    Doch auch hier wurde die Chance verpasst, zusätzliche Würze in die fulminanten Konfrontationen zu bringen. Unaufmerksame Abenteurer werden zwar dennoch für Fehler bestraft, müssen also den einen oder anderen Bildschirmtod hinnehmen, sofern man aber fleißig ausweicht, zaubertechnisch aus allen Rohren feuert und die gegnerische Taktik durch genaues Beobachten verinnerlicht, braucht man ernstzunehmende Probleme kaum zu befürchten.



    Klare Schwächen mit positivem Kern


    Das erlösende Ende des Altlastenpfads habe ich damit aber bedauerlicherweise immer noch nicht erreicht, muss ich mich doch auch mit einer erschreckend leeren Spielwelt sowie innovationsarmen Nebenmissionen mit klarem Fetch-Quest-Fokus anfreunden.


    Nier Replicant schafft es allerdings, diese Schwachstellen mit einem positiven Kern zu versehen, stimmt mich also frühzeitig milde und lässt mich beide Augen ausnahmsweise zudrücken. Beide Aspekte mögen spielerisch nämlich anspruchslos wirken, nicht vollends in das postapokalyptische Szenario eingetauchte Spieler sogar häufig langweilen, fungieren aber gleichzeitig als unverzichtbare Säulen des emotionalen Handlungsgeflechts und der expressiven Atmosphäre.


    Durch die karge Einöde zu wandern und höchstens durch angreifende Schatten oder wilde Tiere ein Lebenszeichen wahrzunehmen unterstreicht die weiterhin spür- und sichtbare Auswirkung der über ein Jahrtausend zurückliegenden Katastrophe. Freundliche Begegnungen im Sekundentakt wären hier ein ebenso krasser wie unpassender Kontrast gewesen, weshalb ich die Leere trotz einer gelegentlich einsetzenden Übermüdung definitiv favorisiere.


    Auf die anspruchslosen Nebenaufträge hätte ich derweil doch verzichten können, gehen sie über ein typisches Bring mir Gegenstand X und Besiege Gegner Y doch nicht hinaus. Andererseits bekomme ich hier die Chance, mit meinen Mitmenschen zu kommunizieren, lässt mich ihnen nicht nur unter die Arme greifen, sondern gleichzeitig auch in ihre Geschichten, ihre inneren Konflikte, eintauchen.


    Nier Replicant ist kein Open-World-Mammut, das möchte das Action-RPG auch überhaupt nicht sein. Das Abenteuer eines mutigen Helden, der seine Schwester um jeden Preis retten möchte, ist bedeutend emotionaler, intensiver und intimer, agiert vor allem mit der Handlungsebene extrem zielgerichtet, um zunächst mein Herz zu erwärmen und mir anschließend einen Schlag in die Magengrube zu verpassen.


    Dass einige Aspekte darunter leiden, ist nicht weiter verwunderlich, setzt allerdings voraus, dass Neueinsteiger die kalte Spielwelt mit den richtigen Erwartungen betreten. Diesen Schritt zu gehen kann ich währenddessen nur empfehlen, untermauert das rundum gelungene Update Nier Replicants Ruf als famoser Kultklassiker doch nicht nur, sondern bringt es mit erzählerischen Erweiterungen und einem überarbeiteten Kampfsystem in feinster Nier: Automata in den Mainstream – und bleibt sich dabei stolz erhobenen Hauptes stets treu.


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    Fazit


    Yoko Taro und sein Team haben es geschafft: NieR Replicant ver.1.22474487139... präsentiert sich als sensationelles Update eines zeitlosen Kultklassikers, das gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Remaster und Remake wandert und Fans, aber vor allem Neulingen mit zusätzlichen Handlungsabschnitten, überarbeiteter Grafik, einem göttlichen Soundtrack sowie einem modernisierten Kampfsystem ausreichend Gründe liefert, sich direkt in ein unvergessliches Abenteuer zu stürzen.


    Dass mich der niedrige Schwierigkeitsgrad nur selten fordert, die Spielwelt eher durch gähnende Leere besticht und die Nebenaufgaben an Anspruchslosigkeit nur schwer zu überbieten sind, spielt mit den richtigen Erwartungen nur eine geringfügige Rolle. NieR Replicant zieht mich in seinen Bann, beeindruckt mich mit einer vielschichtigen Geschichte, facettenreichen Charakteren und deprimierenden Schicksalen, nimmt mich gnadenlos in die emotionale Mangel und lässt jegliche Schwächen somit im Nichts verpuffen.


    Und obwohl sich NieR Replicant dem sagenhaften Niveau von Nier: Automataschlussendlich geschlagen geben muss, spielen beide Titel in einer beeindruckenden Genre-Liga, bilden somit das ultimative Must-Play-Duo und wecken in mir die Hoffnung, dass der Weg für einen fulminanten Trilogie-Abschluss bereits geebnet wurde. Make it happen, Yoko Taro!

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