The Great Ace Attorney Chronicles



  • Wenn Phoenix Wrights Vorfahre Anwaltsvollgas gibt, glüht der Zeigefinger!


    Spin-Offs japanischer Videospielserien sind vor allem für langjährige, loyale Fans ein zweischneidiges Schwert, Fluch und Segen zugleich. Einerseits freut man sich natürlich, sein favorisiertes Franchise aus einer völlig neuen Perspektive erleben zu dürfen, muss andererseits aber auch befürchten, erst nach einem ausgiebigen Sprachkurs und teurem Import in den Genuss dieser Erfahrung zu kommen – denn eine Veröffentlichung außerhalb Japan ist definitiv keine Selbstverständlichkeit!


    Und lange Zeit war ich mir sicher, dass Capcom gar nicht erst nicht versuchen würde, den Ausflug der Ace Attorney-Reihe in das 19. Jahrhundert lokalisiert auf den deutschen Markt zu bringen. Sicherlich waren weder das 2015 erschienene The Great Ace Attorney: Adventures noch das zwei Jahre später folgende The Great Ace Attorney 2: Resolve Rohrkrepierer, die Fortsetzung erfreute sich nach dem insgesamt eher mäßig angenommenen Erstling sogar enorm positiver Kritiken, dennoch sahen die Erfolgschancen hierzulande eher mager aus, weshalb die erhoffte Ankündigung ausblieb. Bis die unerwartet hohen Verkaufszahlen der optisch aufbereiteten HD-Haupttrilogie eine Kehrtwende einleiteten.


    Nun dürfen beide Titel in gebündelter Form endlich auch europäische Luft schnuppern, unter dem schicken Namen The Great Ace Attorney Chronicles Fans außerhalb Japans nach einer harten Geduldsprobe erfreuen. Und weshalb sich das mehrjährige Warten wahrlich gelohnt hat und Phoenix Wright, Apollo Justice und Athena Cykes meiner Meinung nach gerne öfter eine (zeitlich begrenzte!) Pause einlegen dürfen, möchte ich euch im Test verraten.


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    Gerichtsbühne frei für Ryûnosuke Naruhodô


    Seit meiner allerersten, unvergessenen Begegnungen mit der Ace-Attorney-Serie war ich mir dessen sicher, dass dem stachelköpfigen Helden Phoenix Wright (oder Ryûichi Naruhodô für seine japanischen Freunde) Verteidigerblut durch die Adern fließt. Eine Annahme, die Capcom spätestens mit der Veröffentlichung der beiden Spin-Offs The Great Ace Attorney: Adventures und The Great Ace Attorney 2: Resolve mit unanfechtbaren Beweisen untermauerte, stellt hier doch dessen Vorfahre Ryûnosuke Naruhodô die Anwaltswelt im Japan und England des späten 19. Jahrhunderts gehörig auf den Kopf.


    Dass der Weg zum gefeierten Star-Juristen auch in ferner Vergangenheit kein Zuckerschlecken war und einen jungen Studenten ordentlich am Nervenkostüm zehren konnte, mag dabei kaum verwunderlich sein. Umso erschütternder, dass Ryûnosuke in The Great Ace Attorney Chronicles, der Zusammenführung beider Spin-Offs, diesen Pfad nicht etwa ruhig und gemächlich beschreiten darf, sondern regelrecht über diesen geschubst, gar geprügelt wird. Aus heiterem Himmel wird er nämlich eines Verbrechens beschuldigt, das er nicht begangen hat. Und muss all seine Anfänger-Fähigkeiten rasant zur Perfektion aufpolieren, um einem Schuldspruch zu entgehen.


    Obwohl sich das Ganze nun nach einem spektakulären Schlussakt anhören mag, verbirgt sich hinter dieser chaotischen Verhandlung tatsächlich unser erstes Kennenlernen mit dem neuen Helden, der Startschuss eines nervenaufreibenden Abenteuers, das sich über insgesamt 10 Episoden (aufgeteilt auf zwei Titel) erstreckt und sich in puncto Spannung, Dramatik und Wendungen keinesfalls hinter der Hauptreihe verstecken muss, sich dem erzählerischen Niveau eben dieser vielmehr anpasst.


    Infolgedessen kommen Fanherzen aufgrund sich gefühlt alle paar Minuten überschlagender Ereignisse abermals kaum zur Ruhe. Immerhin wollte Capcom narrative Leerläufe tunlichst vermeiden, wodurch bisherige Erkenntnisse durch eine Zeugenaussage urplötzlich komplett auf den Kopf gestellt, unerwartete Wahrheiten ans Licht kommen oder lautstarke Einsprüche mich vor einer bitteren Niederlage bewahren. Manchmal aber auch einem frühzeitigen Sieg im Weg stehen. Ace Attorney in Reinnatur eben. Und da stellen auch die beiden Spin-Offs zum Glück keine Ausnahme dar.



    Schlaflose Nächte im virtuellen Gerichtssaal


    Die Rahmenhandlung von The Great Ace Attorney Chronicles überzeugt mit einer erneut eindrucksvollen Vielschichtigkeit, von der auch die zahlreichen neuen Charaktere profitieren. Denn auch in den Spin-Offs lässt das Entwicklerteam diese nicht zu eindimensionalen Hüllen verkommen, sondern spendiert selbst unscheinbaren Randfiguren ein erstaunliches Facettenreichtum, das seinen Teil zum explosiven Wendungsfeuerwerk beisteuert.


    Beispielsweise Ryûnosuke, dessen Weg vom gehemmten Studenten zum souverän auftretenden Verteidiger mit gestählten Stimmbändern enorm steinig ausfällt, wird er auf dem fordernden Marsch doch oftmals mit starken Selbstzweifeln konfrontiert, die motivierende Erfolge überschatten. Oder Kellner und Zeuge beim allerersten Fall Satoru Hosonaga, dessen wahre Identität nicht nur durch sein merkwürdiges Auftreten hinterfragen müssen. Apropos merkwürdiges Auftreten: Hier belegt der Londoner Ermittler Herlock Sholmes (nehmt das, Lizenzgeber!) unangefochten den ersten Platz, scheint seine eigentliche Persönlichkeit durch ein absonderliches, höchst spezielles Vorgehen doch kaum greifbar zu sein, gleicht mit einer einzigartigen Wandelbarkeit fast schon einem Überraschungsdauerfeuer.


    Für Capcom handelt es sich dabei natürlich um ein Heimspiel, hat man solch tiefgründige und nuancenstarke Akteure doch bereits unzählige Male geschaffen. Und auch der bravouröse Umgang mit der Emotionsklaviatur fällt dem Entwicklerteam, das wie wild, fast schon schonungslos auf die Tasten hämmert und dabei die komplette Tonleiter hoch- und runterspielt, wie schon bei den zahlreichen Vorgängern erschreckend leicht. Bei The Great Ace Attorney Chronicles springt man nicht selten von einer Gemütsläge in die andere, muss erst lautstark lachen, dann doch wieder mit den Tränen kämpfen und schlussendlich mit einer leichten Wut im Bauch beim erbitterten Gerichtssaalduell abliefern. Das Ganze funktioniert mit einer gewohnten Leichtfertigkeit, die diese schlagartige Wechsel nicht nur glaubhaft, sondern auch ungemein passend gestalten und sie somit zu einer obligatorischen Stärke avancieren lassen.


    Dennoch ist es Capcom nicht gänzlich gelungen, Franchise-Altlasten in dieser Kategorie glattzubügeln, weshalb vor allem jahrelange Fans über bekannte Schwächen stolpern. Allen voran muss dabei eine zugegeben überschaubare Menge an vorhersehbaren Enthüllungen genannt werden, denen aufgrund einer teils erschreckenden Offensichtlichkeit frühzeitig jeglicher Schockeffekt geraubt wird, dramatisch inszenierte Wendungsmomente dadurch eine unfreiwillige Komik verpasst bekommen. Zudem wurden einige Passagen und Konversationen unnötig in die Länge gezogen, reden unermüdlich um den heißen Rätselbrei herum, obwohl sogar Hobbyermittler längst den Lösungsbraten gerochen haben.


    Schlussendlich handelt es sich hierbei ohne jede Frage um Meckern auf dem höchsten Niveau, erarbeitet sich The Great Ace Attorney Chronicles doch ein durch zahlreiche narrative Stärken enorm gefestigtes Handlungsgerüst, das mich vom allerersten Fall an gnadenlos in sein Bann ziehen konnte. Zwischen den einzelnen Episoden eine kurze Pause einlegen und das Anwaltshirn durchlüften lassen? Undenkbar! Beim Test waren schlaflose Nächte fast schon Pflicht, wollte ich doch auf dem schnellsten Weg alle offenen Fragen mit einer befriedigenden Antwort versehen, die Switch somit nur in allergrößten Notfällen (irgendwann lässt sich ein knurrender Magen eben kaum mehr ignorieren) aus der Hand legen.



    Perfekt ineinandergreifende Handlungszahnräder


    Doch gerade dieser fast pausenlose Test-Marathon verdeutlichte mir eindrucksvoll, dass sich The Great Ace Attorney: Adventures und The Great Ace Attorney 2: Resolve handlungstechnisch nicht auf qualitativ gleicher Augenhöhe befinden, sondern der Nachfolger mit erhöhtem Tempo sowie einem Übermaß an wirklich erschütternden Wendungen in vielerlei Hinsicht die Oberhand behalten und sich in der Story-Kategorie somit problemlos das Siegerkrönchen verdienen kann.


    Eine (wenig überraschende) Erklärung ist dabei schnell gefunden, muss der erste Teil des Visual-Novel-Duos doch zunächst die neuen Pro- und Antagonisten vorstellen und das bisher unerforschte Setting von einer simplen Hintergrundkulisse zur atmosphärisch dichten Spielwelt aufbauen. Ein mühseliger Prozess, unter dem vor allem die Eröffnungsphase spürbar zu leiden hat, nimmt das Abenteuer hier doch nur langsam Fahrt auf, droht dabei aber immerhin zu keinem Zeitpunkt in die gähnende Langeweile abzudriften.


    Könnte man hinter meinen Worten eine kritische Schwachstelle vermuten, sehe ich hier eher eine weitere Stärke von The Great Ace Attorney Chronicles. Zwar hätte man gewisse Sequenzen und Dialoge sicherlich um einige Minuten herunterkürzen und den generellen Ablauf dadurch beschleunigen können, gibt in dieser Form aber nicht nur langjährigen Fans, sondern auch unerfahrenen Neu-Anwälten die Chance, Ryûnosuke, Susato und Herlock besser kennenzulernen und somit in Ruhe in das 19. Jahrhundert der einzigartig-verrückten Strafverfahrene einzutauchen.


    Neben einem optimalen Einstiegspunkt für Franchise-Anfänger präsentiert sich The Great Ace Attorney: Adventures aber zugleich auch formidables Sprungbrett für das Sequel. Immerhin muss Resolve nicht am Nullpunkt beginnen, schnappt sich stattdessen alle relevanten roten Fäden des Vorgängers und spinnt diese geschickt weiter. Auf diese Weise greifen beide Titel überragend ineinander, kreieren mit dem daraus resultierenden komplexen Gesamtwerk einen beispielhaften Spannungsbogen, dessen aufwendiger Aufbau letztlich nicht etwa in niederschmetternder Enttäuschung, sondern in einem fulminanten Super-Finale sondergleichen mündet.


    Dass Capcom sich mit The Great Ace Attorney Chronicles für einen gebündelten Release entschieden hat, erweist sich also als wahrer Segen, wird dadurch das volle Handlungspotenzial beider Titel doch erst vollends entfesselt. Zwar hätten Adventures und Resolve auch alleinstehenden funktionieren können, können als schier unschlagbares Duo jedoch klare Defizite abschwächen, während individuelle Stärken nochmals unterstrichen werden.



    Das Ace-Attorney-Herz am rechten Technik-Fleck


    Es sind allerdings nicht nur die narrativen Irrungen und Wirrungen, die The Great Ace Attorney Chronicles zu einem weiteren sensationellen Ableger der namhaften Reihe avancieren lassen. Auch die hervorragende Inszenierung spielt eine gewichtige Rolle, verpasst diese dem auf ausschweifenden Dialogen aufgebauten Doppel-Abenteuer doch eine wundervolle Lebendigkeit, die bei Visual Novels gerne auf der Strecke bleibt.


    Anstatt sich nämlich gänzlich auf gezeichnete Standbilder zu verlassen, bekommen alle Haupt- und Nebencharaktere schicke 3D-Modelle spendiert, die nicht nur mit farbenfrohem Anime-Look und imposanter Detailverliebtheit, sondern auch einer breiten Palette individueller Animationen bestechen. Zwar mögen sich einige grundlegende Standardbewegungen oftmals wiederholen, dennoch hat sich das Entwicklerteam darüber hinaus sichtbar viel Mühe gegeben, mit immer neuen Bewegungsabläufen einige visuelle Augenschmäuse zu kredenzen und diese mit grenzenloser Kreativität auch den teils bizarren Persönlichkeiten der agierenden Figuren anzupassen, charakterlichen Zügen also das passende optische Fundament zu bieten. Variantenreiche Schauplätze und kurze Zwischensequenzen schließen nahtlos an diese grafische Qualität an und komplettieren somit den positiven Gesamteindruck.


    Die 3DS-Vergangenheit kann The Great Ace Attorney Chronicles somit spielend leicht abschütteln, mag dabei sicherlich nicht in der technischen Konsolen-Oberliga mitspielen, kann den Sprung in das HD-Format aber guten Gewissens als geglückt bezeichnen. Sogar im Handheld-Modus der Switch muss man keinerlei schmerzhafte Abstriche in Kauf nehmen, bleibt also von nervigen Rucklern oder Abstürzen verschont und darf sich stattdessen auch hier über ein herrlich dynamisches Geschehen und ein stimmungsvolles Setting freuen. Perfekt also, wenn man vor dem Einschlafen noch eine kurze Sitzung einlegen und einige zwielichtige Zeugen verbal in die Knie zwingen möchte.


    Dass sich mein Ausflug in das (stilistisch gehörig aufgepeppte) London des 19. Jahrhunderts endgültig wie ein wahres Ace Attorney anfühlt, ist dem himmlischen Soundtrack zu verdanken. Während dieser sich nämlich eindeutig an den legendären Kompositionen der Serienvergangenheit orientiert, werden diese nicht etwa motivations- und seelenlos recycelt oder gar kopiert, sondern eher als schöpferische Inspirationsquelle herangezogen. Folglich werden spannende, humorvolle und auch epische Momente musikalisch vortrefflich begleitet, bekommen gerade durch diese fantastischen Ohrwurm-Melodien ihren unvergesslichen Status verliehen, während die wohltönenden Klänge beim Erkunden der einzelnen Schauplätze rasant zum atmosphärischen Grundpfeiler umfunktioniert werden.


    Der Blick auf die englische sowie japanische Sprachausgabe wirft derweil eine wichtige Frage auf: Weshalb versammle ich fähige Synchronsprecher am Mikrofon, wenn diese ihr Können nur beim Promo-Material und den kurzen Zwischensequenzen oder Beweis stellen dürfen? Es mag keine Überraschung sein, dass die beiden Mammut-Dialogbücher von The Great Ace Attorney Chronicles keine vollständige Vertonung spendiert bekomme haben, würde sich Capcom dabei doch zeitlich sowie wirtschaftlich direkt in eine ungünstige Ecke manövrieren. Dennoch ist es schade, dass das Ungleichgewicht zwischen vertonten und stummen Momenten relativ arg ausfällt, gewichtige Schlüsselszenen das mögliche Wuchtpotenzial dadurch nur selten ausschöpfen können. Hier wäre ein zusätzlicher Sprechereinsatz wünschenswert gewesen.


    Englische Lesekünste sind übrigens verpflichtend, deutsche Untertitel sucht man nämlich vergebens. Für Fans mit mangelhaften Sprachkenntnissen sicherlich ein Ärgernis, das allerdings ebenfalls der Wirtschaftlichkeit auf dem deutschen Markt zu verdanken ist. Immerhin hätte solch ein Übersetzungsaufwand das Ganze ohne Frage zur kostspieligen Angelegenheit verwandelt – und eine Veröffentlichung hierzulande somit eventuell direkt unmöglich gemacht.



    Altbekanntes Anwaltsrepertoire...


    Fans der allerersten Stunde fühlen sich dementsprechend direkt heimisch, können direkt an gefeierte Anwaltserfolge der Vergangenheit anschließend und geübt den drohenden Zeigefinger schwingen. Dieser Umstand ist allerdings nicht nur den erzählerischen und technischen Qualitäten, sondern auch einer bekannten Gameplaystruktur zu verdanken. An dieser hat Capcom bei The Great Ace Attorney Chronicles nämlich nur wenig verändert.


    Erneut verbringe ich die meiste Zeit im virtuellen Gerichtssaal und lausche aufmerksam den Aussagen beschuldigter Tatverdächtiger oder wichtiger Zeugen, beziehungsweise lese mich aufgrund der fehlenden Sprachausgabe durch leicht zu analysierende Texthäppchen. Mein Ziel: Eindeutige Einsprüche ausfindig machen und diese mit bohrendem Nachfragen oder passenden Beweisen ans Licht zu bringen, um den gesamten Fall auf den Kopf zu stellen und meinen Mandanten (oder manchmal sogar mich selbst) aus der Schuldspruch-Schussbahn zu schubsen.


    Leider wachsen solche Beweise auch in der abgedrehten Welt von The Great Ace Attorney Chronicles nicht an Bäumen. Und da man sich mit leeren Verteidigerhänden lieber nicht vor dem strengen Richter blicken lassen sollte, stehen logischerweise einige Ausflüge zum Tatort und anderen relevanten Schauplätzen auf dem Plan. Diese nehme ich in feinster Point-and-Click-Manier (buchstäblich) unter die Lupe oder entlocke Zeugen weitere Informationen und fülle damit meine Gerichtsakte, die sich beim verbalen Showdown mit den wahren Übeltätern und arglisten Staatsanwälten als unverzichtbarer Begleiter herausstellt.


    Trotz des steten Wechsels zwischen hektischen Verhandlungen und vergleichsweise fast schon gemütlichen Ermittlungen kann man auch diesen beiden Ablegern der abenteuerlichen Visual-Novel-Reihe eine gewisse Repetition kaum absprechen. Strenggenommen ähneln sich die grundlegenden Episodenabläufe nämlich enorm, werden gelegentlich höchstens marginal durchgeschüttelt, wodurch man sich schnell in einem wahren Gameplay-Loop verliert.


    Zum Glück war sich Capcom dieser potenziellen Langeweile-Gefahr auch dieses Mal bewusst und präsentiert uns abermals ein herrlich in das Gesamtwerk eingeflochtene Rätselelement, das sich zugleich als heller Unterhaltungsschimmer am abwechslungsarmen Horizont entpuppt. Blind auf Beweise klicken und hoffen, dass man damit siegreich das juristische Schlachtfeld verlassen kann? Pustekuchen! In The Great Ace Attorney Chronicles muss man gekonnt um die Ecke denken, Beweise genauer betrachten, Zeugen verbal in die Ecke drängen, um erkennbare Prozessfortschritte zu verzeichnen. Wer fünfmal falsch liegt, kassiert direkt eine vernichtende Verurteilung. Und eben diese Kopfnüsse sind es, die jedwede Repetition meisterhaft aushebeln, fallen sie doch durchweg angenehm fordernd, aber niemals unmöglich zu knacken oder gar unfair aus.


    Besonders cool: Wer getrost auf die anspruchsvollen Denk- und Erkundungsaufgaben verzichten und sich lieber vollends auf die wendungsreiche Handlung konzentrieren möchte, dem steht der Story-Modus zur Verfügung, der alle manuellen Eingaben direkt automatisiert. Ein wahrer Segen für Visual-Novel-Freunde, die sich dadurch über einen angenehmen, ungestörten Lese-Flow freuen.


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    ...mit geringfügigen Erweiterungen


    Den grauen Zellen eine Ruhe gönnen, sich gemütlich zurückzulehnen und der (unglaublich spannenden) Handlungsebene die volle Aufmerksamkeit widmen zu wollen, ist natürlich kein Verbrechen. Allerdings hat sich Capcom beim Ausbau der etablierten Gameplaysäulen ausreichend Gedanken gemacht und viel Mühe investiert, weshalb man diese Elemente zumindest ausprobiert, den daraus resultierenden Abwechslungsreichtum erlebt haben sollte.


    Herlock Sholmes höchstpersönlich präsentiert sich dabei als Door Opener für einen spielerischen Neuzugang. Mit seinen Schlussfolgerungen versucht dieser nämlich regelmäßig, die Ermittlungen zu einem vorzeitigen Abschluss zu bringen – und erzeugt dabei ein sinnbefreites Argumentationschaos, das ich anschließend selbstständig korrigieren muss. Hierfür betrachte ich Zeugen und Schauplätze aus anderen Perspektiven oder lege ausgewählte Beweise vor, um markierte Schlagworte auszutauschen und Sholmes' anfänglichen Kauderwelsch zur alles verändernden Wahrheit zu modifizieren.


    Auch der britische Gerichtssaal sorgt mit einer spezifischen Besonderheit für einen frischen Windhauch im Verhandlungsalltag. Hier gilt es nämlich nicht nur den erhabenen Richter, sondern zugleich ein sechsköpfiges Geschworenenteam von der Unschuld meines Klienten zu überzeugen. Keine leichte Aufgabe, muss ich dazu bei einem drohenden Schuldspruch doch alle Entscheidungsgründe der unbeteiligten Bürger inspizieren und Aussagen routiniert gegenüberstellen, um Widersprüche aufzudecken und das juristische Blatt zu meinen Gunsten zu wenden.


    Nein, diese Neuerungen dürfen definitiv nicht als revolutionäre Innovationen, sondern müssen vielmehr als nettes Upgrade bereits bekannter Elemente bezeichnet werden. Dennoch lockern eben diese eine kaum vermeidbare Visual-Novel-Monotonie gekonnt auf, geben mir mit einem vielseitigen Aufgabenrepertoire ausreichend Spielraum, kurzzeitig von der passiven zur aktiven Rolle zu wechseln und mich gedanklich noch effektiver auf den aktuellen Fall einzulassen. Und sorgen mit einer einwandfreien Inszenierung zudem dafür, dass das Geschehen gehörig aufgepeppt wird, ich mich also nicht pausenlos durch statische Textwellen kämpfen muss. Es bleibt zu hoffen, dass diese kleinen, aber feinen Ergänzungen in dieser oder einer ähnlichen Form auch in der Franchise-Zukunft einen verdienten Platz erhalten.



    Mehr Umfang? NIMM DAS!


    Nennenswerten Wiederspielwert hatte die Ace-Attorney-Reihe nie zu bieten. Sicherlich gab es hier und da optionale Antwortmöglichkeiten, gelegentlich sogar alternative Enden, einen weiteren Durchgang rechtfertigen diese allerdings nie. Und obwohl The Great Ace Attorney Chronicles in dieser Hinsicht keine Ausnahme darstellt, bekam ich nach erstmaligem Beenden beider Haupthandlungen ausreichend Anreiz geboten, noch etwas länger in der Anwaltswelt zu verweilen.


    Denn neben einer Reihe freischaltbarer Auszeichnungen (bei der PS4-Fassung handelt es sich hierbei zugleich um die Trophäen), öffnet Capcom zudem eine ganz besondere Schatzkiste, deren Inhalt Fanherzen wahrlich zum Explodieren bringt. Unter dem im Hauptmenü verankerten Sonderpunkt Special Contents darf ich nämlich zahlreiche Konzeptzeichnungen sowie amüsante Promo-Videos begutachten, ikonischen Sprachsamples der Pro- und Antagonisten lauschen oder mich in ausgewählten, teilweise ungenutzten Tracks des exzellenten Soundtracks verlieren, die von den Komponisten mit einer kurzen Entstehungsgeschichte versehen wurden. Auch optionale Outfits für unsere Helden dürfen hier bewundert und auf Wunsch aktiviert werden.


    Unbestreitbares Highlight sind allerdings die Eskapaden, acht kurze Bonusepisoden, die abseits der eigentlichen Rahmenhandlung stattfindende Nebengeschichten beleuchten und mir somit die Chance geben, etwas mehr Zeit mit der charmanten Charakterriege zu verbringen – und diese noch besser kennenzulernen! Eine wahre Freude, handelt es sich hierbei doch eindeutig nicht um eine lieblos hingeklatschte Dreingabe ohne jeglichen Mehrwert, sondern um eine marginale, aber dennoch willkommene Erweiterung des bereits gelobten Facettenreichtums, die ich mir auch für (hoffentlich alsbald folgende) Nachfolgertitel wünsche.



    Kein Einspruch für dieses Gesamtpaket


    In Zeiten überteuerter Neuveröffentlichungen und preislich fragwürdiger Remaster-Collections darf man es ohne jede Frage als kleines Wunder bezeichnen, dass Capcom solch ein anschauliches Umfangmonster für knapp 40€ anbietet. Denn für zwei vollwertige Ace-Attorney-Abenteuer sowie eine entzückend lange Bonusmaterialliste – die mich insgesamt 50 Stunden an die Switch fesseln und mir dabei allerfeinste Unterhaltung kredenzen konnten – hätte ich ohne große Überlegungen den Vollpreis hingeblättert. Nur schade, dass ich mich als jahrelanger Franchise-Fan dabei auf die digitale Variante beschränken muss, die physische Aufnahme in meine Sammlung Import-Bemühungen erfordert.


    Überhaupt fühlt sich die deutsche Veröffentlichung von The Great Ace Attorney: Adventures und The Great Ace Attorney 2: Resolve selbst nach Verfassen meines Tests weiterhin wie ein wundervoller Traum an, aus dem ich auf gar keinen Fall erwachen möchte Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass die einflussreichen Entscheider dieses wirtschaftliche Wagnis abnicken, ihm sogar einen aufwändigen Kombi-Release mit zusätzlichen Extras spendieren.


    Ein Risiko, das sich hoffentlich bezahlt machen und somit weiteren exklusiv für den japanischen Markt konzipierten Spin-Offs zukünftig den Weg in europäische Gefilde ebnen wird. Trotz brandneuem Setting und frischen Hauptakteuren kann The Great Ace Attorney Chronicles nämlich nicht nur spielend leicht die einzigartige Magie der Haupttitel einfangen und somit geübten Hobby-Anwälten ein breites Grinsen auf die Lippen zaubern, sondern zugleich einen perfekten Einstiegspunkt für völlige Neueinsteiger markieren.


    Erfreulicherweise kann ich mir ein lautstarkes Einspruch!sowie den furchtgebietenden Zeigefinger getrost sparen und einfach nur Danke sagen. Danke Capcom, dass der Wunsch der Fans nicht nur erhört, sondern zudem auch ambitioniert erfüllt wurde. Nun wird es aber auch allerhöchste Zeit, dass auch Phoenix Wright höchstpersönlich endlich mal wieder in den Verhandlungsring geworfen wird!


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    Fazit


    Mit The Great Ace Attorney Chronicles landet Capcom nicht nur einen grandiosen Gaming-Volltreffer, sondern stellt gleichzeitig einen phänomenalen Erfolgsspagat zur Schau. Neben treuen Serienanhängern der allerersten Stunde kann Ryûnosuke Naruhodôs fesselndes Spin-Off-Doppel nämlich auch Visual-Novel-Freunde ohne jegliche Vorkenntnisse begeistern – und die weltweite Fangemeinde dadurch effektiv vergrößern.


    Obwohl nicht alle Fälle gänzlich überzeugen können und aufgrund vorhersehbarer Wendungen sowie künstlich gestrecktem Erzähltempo ein wenig aus der Reihe tanzen, fällt das narrative Gesamtkonstrukt abermals unglaublich komplex aus, lässt mich bis zum Abspann nicht mehr aus seinem packenden Bann – und bietet im Anschluss dank Bonusepisoden noch weitere Stunden bester Unterhaltung. In Kombination mit facettenreichen, völlig abgedrehten, aber eben auch sympathischen Charakteren, seichten Gameplayelementen und überschaubaren, dafür immerhin sinnvoll integrierten Neuerungen lassen sich kaum Gründe ausmachen, die gegen einen Kauf sprechen.


    The Great Ace Attorney Chronicles stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass der turbulenten Anwaltsaction noch lange nicht die Puste ausgegangen ist, diese sogar weit in der fiktionalen Vergangenheit angesiedelte Spin-Offs auf ganzer Linie überzeugen kann. Bleibt zu hoffen, dass sich Capcom dieser Stärke bewusst ist und alsbald Ace Attorney 7, vielleicht ja auch einen weitere Zeitreise in das Japan und England des 19. Jahrhunderts und somit einen Trilogie-Abschluss ankündigt. Hoffentlich müssen wir dann nicht wieder eine gefühlte Ewigkeit warten.

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